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27.1.1904 Erstes Blatt
 
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Mittwoch 27. Jann«rv!904

154. Jahrgang

Enstes Blatt

Mbrefle tfh Depeschen» Anzeiger «tetzen.

Anntprrchantchluhdtt 51.

QtinU*tet*i nw na tu <676 Vt, Dtert* jährlich Wt 8-30. durch Abhole- a. MnxtgfteQer monatitd) 60 Pt-, durch die Poft DU. 2. viertel- fährt außtot vettellg. Annadm« M Snjetg« üi dir lofleßnummec j16 POTHUtiagfl 10 Uhr. jettemnvtl istailSW» miiiwiiH Vhz h«,«ui».r,»ich M>

LeU tt ÖHtte. Kto .Stad« und &* «d .GerichtsaalE Luauft Götz Kh de» nr>- ikiaenteU Pan« veck.

Nr. 22 »rltct»! tagten anher DonnrogS

Den, ^etzener Anzeiger Verden im Wechsel mit beni beifischen Landwirt btt Siebente Zamttltn. bläuet oiermal te der

Woche beige legt

Notano«Sdruck a. Ver­lag bei VrüHI 'scheu ilaweri^Buch- u. ©lern- brtMtent iPietich Lrden»

GietzenerAnzeiger

Erneral-Anzeiger **

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Gießen, den 26. Januar 1904. Betr.: Fleischbefchan.

Das Großherzoqliche Kreisamt Gießen <m die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Wir beauftragen Sie, sofort die Tagebücher der Fleisch- befchcmer auS dem letzten Quartal des Jahres 1903 an das zuständige Großh. Kreisveterinäramt einzusenden. Dasselbe wolle hinsichtlich derjenigen Tagebücher auS dem 3. Quartal von 1903 geschehen, die bisher an das Kreisveterinäramt noch nicht abgegeben worden sein sollten.

Ihrem Bericht über den Befolg sehen wir binnen drei Tagen entgegen.

I. D.: Dr. Heinrichs.

VoMische Tagesschau.

Strafvollzug in Hessen.

Das Großherzogtum dessen hat bekanntlich den Straf­vollzug im allgemeinen theoretisch und praktisch am besten geregelt, in der Durchführung der bedingten Be­gnadigung aber, die Hessen schon seit 1895 kennt, ist es zurückgeblieben. Bis zum 3L Dezember ist nämlich der bedingte Strafaufschub zur Anwendung gelangt: in den ersten Jahren bis Ende 1898 durchschnittlich jährlich in 27 Fällen, im Jahre 1899 in 31 Fällen, 1900 in 58 Fällen und 1902 nur in 45 Fällen. Diesen Zahlen sind, wie Rechts­anwalt Dr. Hoffmann in einer Fachzeitschrift ausführt, im Vergleich zu anderen Bundesstaaten äußerst gering. Vergleicht man die Zahl der Personen, denen 1899 bis 1902 im Durchschnitt eines Jahres der bedingte Strafauf- schub gewährt wurde, mit dem Durchschnitt der in den Jahren 1899 und 1900 wegen Verbrechen oder Vergehen gegen Reichsgeseke rechtskräftig Verurteilten, so fand der bedingte Strafaufschub bei je 100 verurteilten Jugend- li che n Anwendung in: Sachsen-Koburg-Gotha 36 mal, Sachsen-Meiningen 28 mal, Bremen und Lippe ie 22 mal, Mecklenburg-Schwerin 21 mal, Hamburg und Lübeck je 18 mal, Preußen 16 mal, Baden 15 mal, Elsaß-Lothringeu, An­halt und Schwarzburg-Rudolftadt je 12 mal, Sachsen und Bayern je 10 mal, Schaumburg-Lippe und Württemberg je 9 mal, Oldenburg 8 mal, Schwarzburg-Sondershausen 6mal, Hessen 4mal. Das Großherzogtum .dessen steht also in dieser Hinsicht an letzter Stelle unter den sämt­lichen deutschen Bundesstaaten.

Etwas günstiger gestaltet sich für Lest en eine N-bersicht bezüglich der erwachsenen Personen, denm der bedingte Strafaufschub zuteil geworden ist. Auf je 100 verurteilte Erwachsene kommen Fälle des bedingten Stralau"smubs tn Hamburg 6.8, Sachsen-Koburg-Gotha 2.9 Schwär'bura- Sondershausen 2.8, Schaumburg-Ltppe 1.3, E.saß-Loth- ringen 0.6, Bremen, Sacksen, Sachsen-Me.ninnen. Mealen- burg-Schwerin und Baden je 0 4, Preußen und Lippe je 0 3, Lübeck, Schwarzburg-Rudolstadt, Bayern und Anhalt re 0.2, Württemberg und Hessen je 0.1, Oldenburg 0.0.

Aus dem Reichstage.

Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 26. Januar: _

Tie sächsische Regierung ist die von den So­zialdemokraten bestgehaßte aller deutschen Bundes­regierungen, und infolgedessen siegt sich der Vertreter Sachsens im Bundesrat besonders oft in parlamentarische

reichen Erben hat Bismarck Wilhelm den Zweiten genannt; a, fürwahr ein reicher Erbe, aber nicht nur ein Erbe, nicht nur ein Verwalter eines in mühevoller Arbeit gesammel­ten Gutes. So trivial es klingt, wir alle haben in uns erst die unbewußte Vorstellung überwinden müssen, als sei unter dem Jahre 1871 oder über dem Jahre 1888 ein dicker Strich gezogen, hinter dem nichts mehr kommen könne und nichts mehr kommen dürfte. Wie der Sohn Philipps von Makedonien klagte, sein Vater ließe ihm nichts mehr zu tun übrig, so haben auch viele Deutsche nach den großen Einigungskriegen gefragt: Was bleibt denn noch zu tun? Diese Frage war überflüssig, denn die Geschichte der Völker lehrt klar und deutlich daß jeder Tag seine Aufgaben und Sorgen hat und daß kein Geschlecht die Arbeit des olgenden vorwegnehmen kann, sondern daß jedes Geschlecht auch seine politischen Aufgaben und Pflichten findet.. Wie >er große brandenburgische Kurfürst und wie Friedrich II. die Aufgabe lösten und aus dem lokalen Territorialstaat und seinen zerteilten Kräften Preußen zur europäischen Macht erhoben, wie Wilhelms I. Palladine die verstreuten Glieder des deutschen Volkes einten im neuen Reiche und dem Kaiser seine Stellung als erste politische und militärische Macht sicherten und befestigten, so hat das re£t lebende Geschlecht die mindestens ebenso ernste und schwere Auf­gabe, in dem wirtschaftlichen und politischen Kampfe der Völker Deutschland für jetzt und alle Zukunft seine ihm ge­bührende Stellung zu erhalten, zu befestigen und auszu- bauen.

Kaiser Wilhelm H. hat diese Aufgabe mit voller Energie erfaßt. Er hat, um unsere Weltmachtstellung die feste und dauerhafte Grundlage auf der heimatlichen Erde zu geben, durch die große soziale Gesetzgebimg für die Sicherung und Festigung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Innern gesorgt und hat es während der Jahre feiner Re- fternng verstanden, uns den Frieden zu erhalten, den fort o notwendig brauchen. Das sind Erfolge, die im Getriebe des Alltags nur zu leicht übersehen werden und als selbst­verständlich hingenommen werden. Aber ob sich hier und >a auch Differenzen ergeben, ob die Meinungen ausein­andergehen in manchen Dingen, in der Hauptsache, und das oll gerade heute betont werden, weiß sich das deutsche Volk eins mit seinem Kaiser. Die Worte von der Liebe des freien Mannes, die den Herrscherthron fester gründet als Roß und Reisige, sind nie uns eine dichterische Phrase ge­wesen. Und wenn es weiter heißt, daß Mann für Mann treu zum Herrscher stehen, daß für des Deutschen Reiches An­sehen jeder echte Deutsche gern sein Leben einsetzt, so ist das, wie erst die letzten Tage uns wieder gezeigt haben, angesichts der besorgniserregenden Hiobsposten aus D e u t s ch s ü d w e st a f r i k a, als sich als Freiwillige ganze große Heeresverbände meldeten, ebensowenig gdxrnteiuofe Phrase, sondern ein ernstes Gelübde.

Alle Straßen prangen heute im festlichen Schmucke, vom Heck deutscher Schiffe flattert auf allen Meeren die schwarz­weiß-rote Flagge, rmd so weit die deutsche Zunge klingt, da braust der Ruf:

Heil Kaiser und Reich?

Zum HeSurtstage des Kaisers.

Gießen, 27. Januar 1904.

Unser Kaiser tritt heute in sein 46. Lebensjahr ein. In allen Gauen unseres Vaterlandes und wo jenseits der Grenzen des Reiches Deutsche wohnen, überall, wo es Seelen gibt, die unseres Küsters huldreiches, zu Wohl­taten und Barmherzigkeit stets ohne Zögern geneigtes Herz kennen, auch droben im hohen Norden, wo viele ihrer Haü» durchs Feuersnot Entblößte des deutschen Kaisers warme MenMichkeit so schnell erfuhren, überall auf dem Erdenrunde vereint man sich heute, um an diesem Tage auch äußerlich zu zeigen, daß ihm, einem der Größten dieser Erde, die Liebe und Bewunderung vieler Millionen eigen ist.

Mr Deutsche insonderheit begehen beute einen natro- nalen Festtag. Wir find ein moncrrcksisches Boll, nicht allein aus politische« Aützllchkeitsgründen oder nur aus historischen Erwägungen heraus, sondern die Monarchie stt uns trotz aller Sozialdemokratie eine innere Not­

wendigkeit. .

Tie schlechte Komödie eines deutschen Schriftstellers, die man vor einigen Tagen bei uns kennen zu fernen Gelegenheit hatte, führte uns die Erinnerung an das Sturmjahr 1848 nahe. Ist es nicht bezeichnend für unser nationales Empfinden, daß jene demokratische Bv« wegung, die mit Barrikadenkümpfeu anhub, schließlich gipfelte in dem allgemeinen Wunsche, nach einem Kaiser? Und lauter Jubel herrschte damals, als es schien, die Beschlüsie in Frankfurt hätten die Antwort gefunden auf die Frage nach des Deutschen Vaterland. Und Trauer kehrte ein, als diese Knospenträüme nicht rerften. Solche tief im Unbewußten gegründeten Bedürfnisse der Volks­seele darf man nie und nimmermehr belächeln o«r mrtz- achteu, wenn man das nationale Wesen eiues^Vokkes ver­stehen will. Gewiß, es waren zum Terl nnflare Ideen, die die Versammlung in der Frankfurter Paulsllrche be­seelten, aber sie war von hohem Idealismus erftillt und war, darüber ist kein Zweifel möglich, der Träger des nationalen Willens und Wunsches. Wre dw Germanen ihren König kürten, so suchte man den König von Preußen aus den Heerschild zu erheben, damit wieder em Herrscher sei über ein Bott. Aber die Zeit war noch mckt erfüllt, die deutsche Kaiserkrone lag noch im Dünensand unserer Nordmark vergraben. Das Kaisertum der Hohenzollern sit keine Wiederholung des römischen Kaisertums. Im Jahre 1906 werden hundert Jahre verflossen sein, da das rö­mische Kaisertum deutscher Nation lautlos und fast un­beachtet in sich zusannnenbrach Es hat keine Spur und keine Lücke hinterlassen. Es war ein Weltkarsertum, ein Gewitterbilde aus politischen und hierarchischen Aspira­tionen, das sinnlos wurde, sobald feine damals selbst er­wählte, und heute von gewisser Seite wieder so eifrig erwünschte, aber bisher immer noch glücklich

als solche nicht anerkannte Aufgabe, dem rö­

mischen Bischof das weltliche Schwert zu leihen, e3 m Widerstreit führte mit seinen Pflichten: das zur Faree Umrde, je mehr der SchwerMntt seiner Jnt^esien wie eine Wanderdüne von West nach Ost zog, deutsches Leben mfgebenb und fr-rnd-s dafür eintausend. T«s Kmser- tum der Hohenzollern ist ein deutsches, em unromrsch nationales, klar und fest begrenzt semen Zielen ohne jeden romantischen Schimmer irgend welcher mystischer Weltherrschaftspläne. Deshalb konnte bei der ^-^Alung des deutschen Kaisertums auch die Kaiserkrone Karls des Großen ruhig in Wen bleiben, wo sie m der ^Schak- kammer der Hofburg nickts weiter ist als erue Historist Reliauie und bezeichnend ist es, daß in d.r H^uptsta des deutschen Kaiserreiches eine aus Edelsteinen und Gold aeschmiedete Kaiserkrone nicht existiert und kaum je eriftieren wird. Tas Machtsymbol des deutsc^n tums besteht nur in der Idee. Aber weil ^ese ^bee sich auf tatsächliche politisch-n4>^ stärker und dauerhafter, als alles Geschnierde mittelalter- ^si^Iwchte^Male hob der Wille der Nation iu der Stadt des sranzösisel)en Sonnenkönigs, angesichts der be­lagerten feindlichen hauttstadt den

Spn und es besteht heute kein Zweifel meyr

darüber Wilhelm I. nur widerwillig die Kaiserwurde anncchm', gab das van Friedrich dem Großen

stabillerte Prinzip, daß der Kon-g der erste Diener oes Staates ^sei dchi Lisschlag, es war der kategorische Jmpe- rc^ kür die Ditschlüs e Wilhelms des Ersten.

E^ikel und <Äbe, der Sohn einer Zeit, die von unb Kämpfen der Vergangenheit nicht mehr viel ÄMaÄw 'Md Lin ine Morgenröte von ff fii e b l h ute a.sn u g s ndet r rz

Klerta Manien Wacht üär dem Erbe der Väter, über <S des deutschen Volkes. Emen

Reichsamt des Jrmern kaum absehen. Nach Graf Po- s a d o w s k y, der durchaus zur Sache sich äußerte, hielt Abg. Gamp (Rp.) höchst angeregte Zwiesprach mit bet Fraktion Bebel".

AuS dem preußische» MgeordueteuheuS.

Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schveM unterm 26. Januar:

Frhr. v. Z e d l i tz von den Freikonservativen hatte von oben herab den Liberalismus zu kritisieren gewagt. Der Führer der Nationalliberalen, Abg. Dr. Sattler, unternahm es heute, Herrn v. Zedlitz eine gründliche Zurechtweisung zu erteilen. Dr. Sattler sprach mit kräftiger Betonung vonUeberhebung", vonuner­hörten Vorwürfe^. Daß sich dergleichen Herr von Zedlitz dauernd zu Herzen nimmt, ist freilich nicht anzu­nehmen. Seine Haltung und späterhin seine Erwiderung, in der er den Nationalliberalen den sonderbaren Rat er­teilte,ihre nationale Haltung zu stärken", bewiesen alles andere als Einkehr. 9Über auf andere Mitglieder der Rech­ten schien doch Vndruck zu machen, was Dr. Sattler übet die Bedeutung des Liberalismus darlegte. Die Klage von konservativer Seite über nationalliberale Angriffe seien un­berechtigt. Vielmehr, was hätten sich die Nationalliberale« von den Konservativen Meten lassen müssen! Die Erörter­ung des Verhältnisses zwischen den beiden Parteien nahm in der weiteren Etatsdebatte, die heute zum Abschluß ge­langte, einen breiten Raum ein. Aba. Dr. Friedberg snatl.) beleuchtete ebenfalls denhöflichen Ton" der kon­servativen Presse: er selbst sei einmal von einem konserva­tiven Blatt alsVerräter bezeichnet worden. Im üb­rigen vollendete Dr. Friedberg die Kopfwaschung am Frhrn. v. Zedlitz, Dr. Jrmer (kons.) vermochte die Wirkung.dieser Prozessur nicht abzuschwächen. 2ln der Diskussion beteiligten sich mit Reden und ,chersönlichen Bemerkungen, die Abgg, v. Eynern (natl.) und Dr. Arendt lfrkons.), der Silber* Währungsmann. Versöhnliche Worte, die hier und da er* klangen, fanden wenig Boden. Daß mehrwieeineVer- st i m m u u g besteht zwischen der Rechten und den R a - tionalliberal en, daß ein entschiedener Geqen> satz der Anschauungen herrscht, der namentlich durch dieVerkehrsfeindlichkeit" der Konferva- t i v e n hervorgerufen ist, unterliegt keinem Zweifel. Wesche Haltung nimmt nun die Regierung ein? Nun, es scheint, nachdem solange das Zentrum Trumpf gewesen ist, jest die Konservativen an der Reihe sind, der Freude teilhaktig zu werden, die demreuigen Sünber" entgegen­gebracht wird. Graf Bülow brachte in seiner Etatsrede zum Ausdruck, wievielWerter legt auf das Ein v er- nehmen mit den Konservativen, und Dr. Jrmer hat namens seiner Partei die Gegenseitigkeit des Wunsches zu erkennen gegeben. Warten wir ab, ob bei den Kanal­debatten die neu begründete Freundschaft Stich hält.

Auch dieser Tag ging nicht vorüber, obne daß die Po len frage aufs Tapet gelaugte. Abg. Dr. Porsch (Zentr.) ermahnte die Regierung, die polnische Bevölkerung zugewinnen". Daß eine solche Politik ihre Schwierig­keiten darin hat, daß sich die Polen nicht gewinnen lassen wollen, zeigte klärlich eine aufgeregte, von einem präli-

Redekämpse mit der äußersten Linken verwickelt. (Sebeün* rat Dr. Fischer von der sächsischen Regierung weiß sich konzilianter Formen zu bedienen, sodaß sein Auftreten den Vorzug der Mäßigung vor dem der Gegner voraus hat. Herrn Fischer steht ferner ein versöhnender Humor zu Ge­bote, der vorteilhaft absticyt gegen den meist galligen Sar­kasmus der letzteren. So war der Vertreter Sachsens heute ersol;7reich in seiner Polemik gegen die parlamentarischen Anwälte der Streikenden in Krimmitschau. ES ist allerdings nicht anzunehmerr, daß damit das letzte Wort in dieser Angelegenheit gesprochen sei. Tie äußersie Anke wird den Faden Krimmitschau einstweilen nicht von der par­lamentarischen Spindel nehmen.

Ebenso wirkungsvoll wie Dr. Fischer argumentierte gegen dieFraktion Bebel" der Wortführer der freis. Volks­partei Abg. Dr. M u g d a n, seines Zeichens parküscher Arzt. Er behandelte das aktuelle Themafreie Arztwahl und Krankenkassen" und illustrierte den sozialdemo­kratischen Einfluß in diesen Kasienverwaltungen in drasti­scher Weise. Der ärztliche Stand kann sich zu seinen Ver­tretern im neuen Reichstag beglückwünschen. Die Herren sind sämtlich wortgewandt und in sozialhygienischen Fragen unterrichtet. Abg. Dr. Mugdan stellte auch die interessante Tatsache fest, daß es in Deutschland 9 Millionen Arbeiter gibt, von denen höchstens 23/4 Millionen V* Million rechnet er auf dieMitläufer" zur Sozialdemokratie sich bekennen.

Ein weiterer beachtenswerter Gegner erstand der letz­teren aus dem parlamentarischen Nachwuchs des Zentrums in Gestalt des Abg. Erz berg er. Dieser Herr ist daS jüngste Mitglied, derBenjamin, des Hauses, aber er zeigte sich in sozialpolitischen Fragen Gew erb e-Ju- spektion durchaus bewandert und zerpflückte die gestrige Rede des Abg. Fischer-Berlin (Soz.) recht geschickt im unverfälschten schwäbischen Idiom. Da er sich eines ungemein kräftigen Stimmorganes erfreut, verhallte» die Zwischenrufe von links völlig wirkungslos.

Ter Wormser Großindustrielle Abg. Frh. v. Hehl (ul.) hat zwei polMsche Seelen in seiner Brust: eine agra­rische und eine sozialreformerische. Heute ließ er die letztere gewaltig ihre Schwingen regen. Im übrigen kreuzte auch er, als gewandter parlamenchrischer Fechter, mit der äußersten Linken die Klinge. Seine Hiebe trafen so gut, daß dieFraktion Bebel", der Führer obenan, in beträchtliche Nervosität geriet. Die Abwehr wird natürlich nicht ausvleiben, wenn aber diese an sich ja berechtinteu Auseinandersetzungen zur ständigen Einm^ung werden, dann läßt sich das Ende der Etatsdebatteu zum