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Drittes Blatt
Samstaa 26. März 1904
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen
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154. Jahrgang
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scheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener §amilienblätter" werden dem ,2nzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »h-esfische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universrtätsdruckeret. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.?.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
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dem Bunde Gefolgschaft leiste; der Bauer aber ist harmlos genug, das T anaergeschenk dieser Fürsorglichkeit hinzunehmen. Ter Jahresbericht des Bundes der Landwirte weist mit Genugtuung daraus hin, daß sich eine Verschiebung
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ung einnimmt, das Bestreben hat, sich weiter auszudehnen und die Alleinherrschaft zu gewinnen. Ter Gutsh nicht durch die Bauern häufig in seinen meist weiterblickenden Maßnahmen behindert werden, dem Bauer aber behagt es nicht in einer Gemeinde, wo er gegen Grundbesitzer anderer Art nicht aufzukommen vermag. Tas sind zum Teil wirtschaftliche, zum Teil psychologische Momente, die ja auch in der Gemeindeverfassung und Ausstattung der Gutsherrschaften als selbständige Verwaltungsbezirke zum Ausdruck gelangen. Tas ist auch der Grund, warum die innere Kolonisation so schwer Fuß zu fassen vermag. Wenn man die Gutsbezirke auflöste und bte wirtschaftliche Entwicklung unbehindert ließe, so würde sich die Kolonisation ganz von selbst vollziehen. Aber freilich, dann würde diese Entwicklung überhand nehmen, und das kann, vom Standpunkt des Gutsbesitzers aus, nicht als wünschenswert angesehen werden; man will nur soviel, um ausreichend ledige Hände als Lohnarbeiter für den Großbetrieb zu gewinnen. Nur soweit reicht ganz naturgemäß das Interesse für den Kleinbetrieb. Tie Landbundführer treiben den Bauer in Opposition gegen die Regierung, ihre Agitatoren suggerieren ihm ein Interesse anGetreidezöllen undschieben überall seinePerson in denVordergrundder landwirtschaftlichen Interessen, damit er
soll durch künstliche Mittel verhindert werden. Tas ist der Inhalt des Kampfes um den Getreidezoll, und derselbe Beweggrund findet seinen Ausdruck in den Bestrebungen aur Regelung der Fideikommißgesetzaebung, die kürzlich im deutschen Landwirtschaftsrat verhandelt worden ist; nt<m will die Entwicklung festnageln und den gegenwärtigen Zustand verewigen. Tas Jideikommiß ist als Sonderrecht zum mindesten in wirtschaftlicher Hinsicht nicht unbedenklich, insofern es größere Teile des nationalen Bodens aus der wirtschaftlichen Konkurrenz ausschaltet. Unter allen Umständen ist aber ein solches Sonderinstitut volkswirtschaftlich überflüssig; denn dort, wo landwirtschaftlicher Großbetrieb volkswirtschaftlich angebracht ist, da erhält er sich schon aus eigner Kraft; wo er dagegen der Stütze bedarf, da ist er volkswirtschaftlich nicht mehr angebracht. Tie fideikommissarische Bindung großer Teile des Bodens widerspricht direkt den Grundsätzen einer gesunden Bauernpolitik, weil sie die ökonomische Tendenz zur Ausbreitung der Bauernwirtschaft lahm zu legen sucht, indem sie den Gegenstand des Wettbewerbs der wirtschaftlichen Sphäre entrückt. Man kann über die Beweggründe gar nicht im Zweifel sein; die Großgrundbesitzer im Osten fühlen, daß der Meiterbetrieb ihrer Wirtschaft in der bisherigen Weise unmöglich wird, daß ihr Fortbestehen durch die Entwicklung gefährdet ist und sie wollen sich deshalb, was vom Einzelstandpunkt nur verständlich ist, durch gesetzliche Absperrungsmaßregeln gegen den wirtschaftlichen Anprall schützen. Im Westen, wo sich der überwiegende Teil oes Landes in den Händen der Bauern befindet, ist die fideikommissarische Bindung des Großgrundbesitzes viel weniger gefährlich, obwohl man auch hier von ihren Segnungen schwerlich überzeugt sein kann; gefährlich aber ist sie in den östlichen Provinzen, wo sie bereits bestehende unhaltbare Zustände verschärft und zu verewigen strebt. Wir machen ja die Beobachtung, daß eine Form des Besitzes, die in einem gegebenen Kreise eine vorherrschende Stell-
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der Ausbreitung des Bundes n ach We st en vollziehe, daß schon jetzt die Mitgliederzahl in den: westlichen Provinzen und Landesteilen größer sei als i m O st e n des Reiches. Diese Statistik beweist freilich nicht viel, da sie einerseits die Art der Zählung nicht erkennen läßt und anderseits die landwirtschaftliche Bevölkerung im Westen so viel dichter ist als im Osten. Es kann lein Zweifel sein, daß der Bund der Landwirte nach wie vor seine Hauptinteressenten im Osten hat. Wenn sich aber eine Verschiebung in dem erwähnten Sinne vollziehen sollte, so zeigt das, daß der Bauer vergißt, wem er Gefolgschaft leistet und wem er sie leisten sollte.
Iauernpolitik.
Vir finden in der „Köln. Ztg." folgenden Artikel, !a in Hessen heute besonderes Interesse beansprucht, an-- äichts des soeben vollzogenen Ueberganges des hessi- chem Bauernbundes in das Lager des Bundes der
; ^andwirte. Tie „Köln. Ztg." schreibt:
Einer der besten Vorkämpfer für eine gesunde Bauern- । Mtiik ist vor kurzem heimgegangen: der badische Finanz- Misster und Verfasser der „Agrarpolitik" Buchenberger. Cr :var ein tatkräftiger Vertreter der Interessen des Ärmnitcmdes, und ein großer Teil seiner Bestrebungen, ' Mr falls aber seiner größten Erfolge liegen aus diesem f Mit t. Er hielt nicht viel von den „großen Mitteln", aber cr ,! leinen Mitteln" hat er eine ganze Stufenleiter auf* s gestalt und damit der bäuerlichen Bevölkerung des „Df lerländle" Baden wahrscheinlich mehr gedient, als die Hiä gerühmten großen Mittel der Problemeschmiede und ßtorisbaumeister zuwege gebracht hätten. Im merkwürdi- ß«n pseaensatz zu den Bestrebungen dieses Agrarpolitikers sichen die noch nicht verklungenen Tiraden der Bundes- Iü^tcc im Zirkus Busch. Auch hier wird von Bauernpolitik München, vom „breiten Mittelstände" im allgemeinen unb :wn diesen Vertretern des Mittelstandes im besondern. .sm Wund der Landwirte spricht man nicht vom ^Koßorundbesitzer, was gefordert wird, das wird nn Na- nien des Bauernstandes gefordert, den der Staat ?untei allen Umständen erhalten und schützen müsse. Es ■ij: je etwas Schönes um eine vernünftige Bauernpolitik, :unb Üben Bauernstand zu erhalten und im Notfälle zu, siiützeu muß allerdings eine der vornehmsten Aufgaben ßtf Staates sein. Tie Geschichte der Völker lehrt, daß ein Mvundener Bauernstand ein unwiederbringlicher Ver- Duil k.st; er ist wie der durch Habgier oder Unverstand ms^araubte Wald, der reiche Söhne und Töchter, aber die OCmlel zu Bettlern macht.
Wo wir in der Geschichte zurückblicken, finden wir die
: fsten Gegensätze zwischen landwirtschaft- iich e: m Großbetrieb und bäuer lichem Betrieb; tiie Lanze Ägrargeschichte ist ein solcher Kamps .fischen Grund Herren und Bauern. Und jetzt erfläri sich der alte Grundherr auf einmal soll» Darri'd) mit den Bauern; seine Wünsche sind des Rciieim Wünsche und sein Untergang ist gleichbedeutend mit Untergang des Bauern, der Landwirtschaft überhaupt.
1 2t m mmt seine Interessenvertretung im Parlament, in ! -j;n landwirtschaftlichen Körperschaften, in der Presse in Lspriach, ja, er behauptet sogar, es sei die historisch
i Hu ^gefallene Aufgabe, Führer der Bauern zu s titin, nicht nur in der Politik, sondern auch in wirtschaft- । intet Beziehung; deshalb müsse er von Staats wegen iM^r.teresse des Bauernstandes erhalten werden.
äeer die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart k«mi, wird gerade zur entgegengesetzten Ueber- z tuMn g kommen. Der Rückgang der Getreidepreise und l Zeigen der Arbeiterlöhne machen den landwirtschast- l litten Großbetrieb in seiner gegenwärtigen Ausdehnung riMllbar und befördern den Kleinbetrieb in der i .tabu irtschaft, der mit eigenen Arbeitskräften die Tier- ; :iMltion als Hauptbetriebszweig hat und hiermit ein c ioiuo misch es Ueber gewicht über den Groß- i’ ttr i e b besitzt, da er auf derselben Fläche mindestens d iü! doppelte Anzahl Stück Vieh halten kann. Ter durch die ei -nlkejjung billigerer Getreidequellen notwendig gewordene u;i. l urchaus vernünftige Uebergang der deutschen Land- j N mlchaft zur Tierproduktion schließt die Umwandlung der C triebe in Kleinbetriebe ein. Aber diese Entwicklung
Volitilche Tagesschau.
Der amerikanische Tabakstrost sucht bekanntlich auch in Deutschland Eingang. Demgegenüber ist es nicht ohne Interesse, was der deutsche Konsul in Richmond über den Trust berichtet. Er sagt: Tas Jahr 1903 ist für den Tabaktrust nicht so gut zu Ende gegangen wie frühere Jahre. Tie American Eigar Co. macht in Amerika keine guten Geschäfte; die in Massen produzierten billigen Zigarren finden beim Publikum nicht den Anklang, den man erwartet hatte, und viele Verkäufe werden zweifelsohne nur gemacht, weil der Käufer durch Ansammeln der Kupons sich das eine oder andere der versprochenen Geschenke zu verschaffen wünscht. Es sollen auch zuviel Leute an der Spitze stehen, die Zigarrentabak nicht hinlänglich kennen und die deshalb notgedrungenen Fehler in der Auswahl beim Einkauf und in der Verarbeitung des Materials machen.
Tie Errichtung eigener Tetailläden bat sich anscheinend auch nicht bewährt; die Unkosten derselben sind zu hoch, und die Tetaillisten, die durch diese Einrichtung bedroht werden, haben sich mehr und mehr zusammengeschlossen und geben entweder den Fabrikaten der unabhängigen Fabrikanten den Vorzug beim Einkauf oder führen überhaupt keine Trustwaren mehr. Ueber die von dem Trust in Cuba hergeftellten Zigarren wird ebenfalls geklagt; es soll eben alles über einen Kamm geschoren werden, so daß die Zigarren alle gleich, schmecken und nur dem Namen und der Fasson nach verschieden sind.
Auch mit dem Plan, auf dem Kontinent von Europa direkt an Fabrikanten zu verkaufen, scheint der Trust Fiasko zu machen. In Belgien und Holland scheint der Trust noch nicht eingedrungen zu sein. Ob er diese Länder von der Bremer oder Hamburger Filiale aus bearbeiten will oder durch direkte Etablierung einet Filiale in Rotterdam oder Antwerpen ist noch nicht festzustellen. In den Ztreisen der unabhängigen amerikanischen Fabrctanten, die sich noch immer wehren, wird nicht nur nicht geklagt, sondern fast alle sind gut und voll deschäftigt.
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