Ausgabe 
25.2.1904 Drittes Blatt
 
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Donnerstag, 25. Februar 1904

154. Jahrg.

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Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Lietzen.

Lademeister, der Weichensteller und der Eisenbahnzeichner. Ferner befürwortet Revrier dis Aufbesserung einer Barci-renwärterm, die nur 280 Mk. im Jahre bekäme; wenn so wichtige Posten so niedrig bezahlt würden, dürfe man sich über Unfälle nicht wundern.

Abg. Hildenbrand (Soz.) meint, wenn die kleinen Verbesse­rungen schon als Großtaten hingcstellt würden, so zeige dieS nur, wie kläglich früher die Verhältnisse gewesen fein müßten. In Baden und Württemberg seien in der letzten Zeit Tarisverbesserungen ge- scheitert, weil die Reichsbahnen sich nicht daran beteiligen wollten. Er bitte deshalb den Minister, darauf hinzuwirken, daß diese Refor­men eingcführt würden. Leider habe der Minister auf tue Frage, wie er über das Koalitionsrecht denke, keine Antwort erteilt. Die elsaß-lotbrinaiscken Eisenbabnarbciter hätten sich schon eme Organi- fation geschaffen. Der Minister scheine damit nicht so tanz unzu- frieden zu sein sonst hätte er wohl darüber sich geäußert.

Minister Budde führt auS, er werde alle Wünsche sorgfältig prüfen, doch seien auch nicht seine Wünsche alle erfüllt, weit der Erat ein Kompromiß zwischen den einzelnen Verwaltungen sei und der Genehmigung des RelchsschatzamteS unterliege. Doch werde er für seine Beamten weiterkämpfen. Bezüglich deS KoalitionSrechtS stehe er noch aus demselben Standpunkte wie ,m Vorjahre. Herr Riff habe diesen Standpunkt ganz richtig präzisiert. Gegen die Organisationen seiner Arbeiter habe er nichts einzuwenden gehabt, und sei in keinem Falle geneigt gewesen, einzuschreiten, da die Ar­beiter ihre Dünsche stets in ordentlicher Weise vorgebracht hätten. Hebet eine Bahn vom Reichsland nach der Pfalz, schwebten Er­wägungen, ein Kleinbahngesetz sei vom Landesausschuß abgelehnt worden. Tie Klagen über den Wagenmangel seien nicht unbe­rechtigt, doch seien tn diesem Jahre erhebliche Mittel für die Ver­mehrung deS Wagenparkes ausgeworfen. Das Wortfremder Land" sei nur ironisch gemeint gewesen. Tarifmaßregeln könne Elsaß nicht allein vornehmen, dazu sei daS Land zu klein, die Kilomeierhefte halte er nicht für einen Fortschritt, sondern für einen Rückschritt.

Abg. Wattendorf (Ztr.) polemisiert gegen den Abg. Blumen­thal. Derselbe habe eS für nötig gehalten, eine ganze Reihe von Beamten-Petitionen hier vorzuttagen, gerade als ob die PetitionS- kommiision nicht ordentlich arbeite. Um ein solches Urteil zu fällen, betau sei der Abg. Blumenthal doch noch ein zu junges Mitglied. Denn der Abg Blumenthal nur den zehnten Teil der Arbeit leiste, wie jedes Mitglied der Petitionskommission, bann könnten seine Wähler mu ihm zufrieden jein.

Abg. Molkenlmhr (Soz.) fordert daS volle Koalitionsrecht für die Eisenbahnarbeiter. Er macht ferner auf die angeblich hohe Un- fallzisfer in dem Reichseisenbahnbetrieb aufmerksam. Herr Budde habe auf Befehl der Unternehmerverbände Arbeiter entlassen. Wenn die ReichSeisenbabn im Unternehmerverband sei, so müßten auch die Arbeiter da? Recht haben, sich zu koalieren.

Minister Budde erklärt, ihm sei von einer Verbindung der RcichSeisenbahn mit Unternehmerverbänden nicht daS Mindeste be­kannt. Damit fielen die Konsequenzen Molkenbuhrs fort. Im übrigens fei eine Koalition der ReichLeisenbahner bis jetzt nie inhibiert worden. Al;o brauche er in die rechtliche Erörterung dieser Materi- jetzt garnicht ernzugehen. Daß die Betriebsunfälle 'M den Reichseisenbahnen besonders groß seien, sei zu bestreiten: die Un­fallziffer stelle vielmehr dort gerade den Durchschnitt für ganz Deutschland (0,16 Proz.)- dar. Preußen habe 0,14 Proz., Bayern 0,23 Proz., Baden 0,20 Proz. und Sachsen 0,26 Proz.

Abg. Blumenthal (mit Heiterkeit rechts empfangen) stellt fest, daß er von einer Seite des Hauses mit besonderem Wohlwollev empfangen werde. (Heiterkeit.) Der Abg. Wattendorf, feiern er unparteiisch urteilen könne, müsse einsehen, daß er ihm Unrecht getan habe. Er habe der PetitionSkommission keine Schuld gegeben (Oh 1 oh l rechts) ob Sie nun Oh l oh l sagen ober nicht, da? hat ja nichts Beweiskräftiges, das ist ja nur ein Zeichen Ihrer Gemütsverfassung. (Heiterkeit.) Die Lektion, die ihm erteilt sei, sei gänzlich wirkungslos, und wenn auch hundert ZentrumSmitglieder Beifall schrien. (Heiterkeit.) Dadurch würde höchstens bewiesen, daß hundert Mitglieder ungerechtfertigterweise eine schlechte Meinung von ihm hätten. (Große Heiterkeit.) Ebenso unbe* rechtigt sei die Parallele zwischen seinem Fleiße und dem der Mitglieder der Petitionskommission. Was er als Mitglied der PetitionSkommission leisten werde, könne Herr Wattendorf noch garnicht wissen. (Große Heiterkeit.)

Mit seinen Wählern werde er sich schon auSeinandersetzen. Mit dem Wunsche nach einem befonbern elsaß - lothringischen Enteignungsgesetz von ReichSwegen stehe Herr Schlumberger allein da. Er und wohl die meisten hier seien Feinde jeder Ausnahme- gesetzgebung.

Abg. Molkenbuhr hält seine Behauptungen über die Unfälle aufrecht.

Minister Dudde erwidert, der Vorredner habe auf Grund einet falschen Statistik seine Berechnungen aufgestellt. Herr Molkenbuhr habe die Stattsttk des ReichSversicherinigsamtS vorgetragen, doch zähle diese auch die Unfälle in Werkstätten auf, die mit Eisenbahn­unfällen nichts zu tun Hütten. Er (Redner) mhsse deshalb dabei bleiben, daß die Betriebssicherheit im ReichSland nicht schlechter sei als im übrigen Deutschland.

Abg. Schlumberger (nat.-lib.) erklärt, er habe die Aufmerksam­keit des Hauses darauf lenken wollen, daß für die Entwickelung deS Kleinbahnbetriebes in Elsaß - Lothringen die Forderungen der Eigentümer einen großen Widerstand bedeuteten. Man dürfe schließlich den Eigentumsbegriff nicht überspannen (Zustimmung bei den Soz.), das Gcmeininteresse dürfe auch durch das individuelle Eigentum nicht geschädigt werden und dürfe, wo eS notwendig, über den Privatbesitz hinweggehen. (Hörtl hörtl und großer Beifall bei den Soz.)

Abg. Wattendorf konstatiert nochmals, daß die PetitionS- kommisfton stets fleißig gearbeitet und nie eine Petttion be­graben habe.

Abg. Blumenthal erwidert, er sei stets bestrebt, etwas zu lernen, und habe auch heute wieder mit großem Nutzen den Verhandlungen beigewohnt. (Heiterkeit.) Herr Schlumberger habe den ungetrübten Beifall der Sozialdemokraten gefunden. DaS sei ja sehr schon, hoffentlich bleibe er nun auf der Dahn deS Fortschritts unb toerbe er sich nun auch in seinen Fabriken in entsprechender Weise betätigen. (Heiterkeit.)

Damit schließt die Debatte. Persönlich bemerkt

Abg. Schlumberger, er habe sich nur für eine Expropriation zu gunften deS Gemeininteresses ausgesprochen, nicht zu gunsten einer Klasse. (Große Heiterkeit.) , ,rx

Der Titel wird bewilligt, ebenso ohne wesentliche Debatte der Re st des OrdinariumS dieses Etats.

Die Weiterberatung wird auf Donnerstag 1 Uhr vertagt. (Außerdem Justizetat.)

Schluß 6^ Uhr.

Wohlfahrtseinrichtungen nenne ich vor allen: die Arbeiterwohnun­gen. Deren Zahl hat sich sehr erhöht. Was den Raum für eine solche Wohnung betrifft, so beträgt er für eine Arbeiterwohnung durchschnittlich 45 Qm., für eine Unterbeamtenwohnung 60 Cm., für die Wohnung eine? mittleren Beamten 80 Qm. Ucbcraü herrscht Sauberkeit und Ord.nnng. Tie Leute wisien, daß da mit scharfer Hand eingegriffen wird unb sind der Verwaltung dafür sehr dankbar.

Auch die PensionSverhältnisie der Arbeiterschaft und Beamten habe ick mich zu heben bemüht.

Ich beschränke mich auf diese meine Ausführungen und gebe die Versicherung ab, daß ich auch die übrigen Wünsche erneut prüfen werde. Aber ich möchte Herrn Riff bitten, daß er mich rum nicht im nächsten Jahre festnagelt, daß nicht sämtliche Wünsche erfüllt worden sind.

Eine allgemeine Einstellung Oer 4 Klaffe in Elsah-Loihringen hat nicht stattgefunden. Dagegen habe ich den Einlauf der 4. Klaffe von Preußen in Elsaß-Lothrmgen bewirkt, um Unmöglichkeiten zu beseitigen. Bisher war die Sache so: Wenn ein preußischer Zug von Köln oder Koblenz nach Ticdenhofen-Metz fuhr und je eine vierte Klaffe mit sich führte, so hieß e? auf der Grenzstation plötzlich: Hier fängt ein fremdes Land an, das heißt Elsaß-Lothringen, da kann die 4. Klasse nickt hinüberfahren. Die Arbeiter mußten aus­steigen, Karten 3. Klasse lösen unb in der 3. Klaffe weiter fahren. Aber die Wagen 4. Klasse fuhren ruhig weiter bis Tiedenhosen, weil sie nicht an der Grenze ausgesetzt werden können. (Heiterkeit.) Sie fahren also leer mit, und die Arbeiter haben daS Vergnügen, für das Umsteigen noch mehr Geld zu bezahlen. Diese Abnormität habe ich beseitigt. Also die durckgehenden Personenzüge von Preußen führen jetzt auch die 4. Klasse in Elsaß-Lothringen. Tabei habe ick Die erfreuliche Erfahrung gemacht, daß die Wagen 4; Klasse, die angeblich so ganz menschenunwürdig sind, ja für daS Vieh sich auch nicht eignen, sehr freudig aufgenommen sind, und daß Wünsche laut geworden sind, sie im ganzen elsaß-lothringischen Verkehr zu haben. Ich bemerke allerdings, daß ich mich verpflichtet hielt, nach Elsaß-Lothringen nur Wagen neuester Konstruktion hinüberzuführen. Cb die 4. Klaffe überall in Elsaß-Lothringen zur Einführung ge­langen kann, hängt von der allgemeinen Personenverkehrsreform ab. Wann dieselbe freilich baldige führt werden wird, weiß ich nickt. Ich selbst stehe ihr durchaus wohlwollend gegenüber, aber meine Vorgänger Mahbach und Thielen standen ihr mich wohlwollenb gegenüber unb haben sic in 15 Jahren nickt Durchfuhren können. Die Sache ist sehr viel schwieriger, als man es so in Zeitungsartikeln barstellt. Ich glaube, wenn Herr Riff die Verwaltung übernehmen würde, könnte er die Sacke auch nicht so schnell durchführen. (Beifall.)

Abg. Wiltberger (Els.-Lothr. Landes-Parteis bemerkt, daß er gegen die Einführung der vierten Klaffe nichts einzuwenden habe, unb wünscht eine bessere Verbindung mit der Pfalz.

Abg. Dr. Jauner sunabhäng. Lothr.) bringt einige Heimat- wünscke vor, bleibt im wesentlichen unverständlich.

Abg. Dr. Dahlem (Zentt.) befreitet, daß die unteren Beamten in Elsaß-Lothringen« schlecht gestellt seien, und rühmt die Umsicht der ReickSeisenbahnverwaltung Dagegen ist er von der Güte des Wagenmaterials in Elsaß-Lothringen nicht so sehr durchdrungen.

Abg. Schlumberger (nat.-4ib.|: Die Einführung der vierten Klaffe in Elsaß^Lothriraen ist durchaus gerechtfertigt. WaS die Wünsche der Beamten betrifft, so beweist die große Anzahl der Petitionen, daß da wohl noch vieles zu geschehen habe. Ihre An­sprüche müffen gründlich geprüft werden. Man muß ihnen auf jeden Fall entgegenkommen, und es freut mich, daß der Chef der Verwaltung uns dies zugesichert hat. (Lachen bei den Sozial­demokraten.) Die Verwaltung meint es mit ihren Angestellten gut. Man muß die Sache so rußig geschäftlich nehmen, wie sie ist. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Wenn die Regierung einmal den An­gestellten etwas versprochen hat, so muß sie es auch halten. Und sie tut cd. Ich fahre jetzt weiter. (Heiterkeit.) Die Verwaltung hat den Beamten für alle Zeiten jetzt 1% Millionen mehr zu- gebilligt. Tas ist doch ein Beweis, wie ernst es der Verwaltung mit ihren Zusagen ist. Natürlich gibt e5 noch allerhand Ungleich­heiten zu beseitigen. Aber was die eigentliche Belohnung der geleisteten Dienste anlangt, so haben die Angestellten nickt zu klagen. (Widerspruch bet den Sozialdemokraten.) Redner bringt nun eine Reihe von Einzelwünschen vor . .

Vizepräsident Graf Stolberg (unterbrechend): Herr Abgeord­neter (Abg. Schlumberger dreht sich erschreckt und mit großer Plötz­lichkeit um seine eigene Achse, hält beide Hände an die Ohren und lauscht erwartungsvoll der Stimme des Vizepräsidenten. Große Heiterkeit), ich bitte Sie, die Einzelwünsche bei den einzelnen Titeln vorzubringen. , , .

Abg. Schlumberger (fortfahrend): Gut, dann komme ich toteber auf die Beamten. (Heiterkeit.) Ich sage, daß die Verwaltung in vollstem Maße ihre Schuldigkeit getan hat. Ter Minister hat mich vor zwei Jahren einen sehr bescheidenen Herrn genannt. TaS hat mich gekitzelt. (Große Heiterkeit.) Ich habe nun auch viele Wünsche vorgebracht und gefunden, daß die staatlicke Verwaltung immer viel entgegenkommender sich gezeigt bat, als die städtische.

Dringend notwendig ist ein größerer Ausbau deS Kleinbahn- netzeS. Ter Reichstag hat daS bereits vor zwei Jahren in einet Resolution verlangt, die ganze elsaß-lothringische Bevölkerung schreit danach, aber die Sache kommt nur langsam weiter. Ich will nicht aufrührerisch fein. /Große Heiterkeit.) Schließlich, manches ist ja auch geschehen. Tie Macht der Verhältniffe hat sich eben zu stark erwiesen. Gehindert wird der Fortschritt an den Enteignungsverhältniffen. Daher ist wünschenswert ein besonderes Enteignungsgejetz für Elsaß-Lothringen. Die Eisenbahn ist dort wie die Post der Träger des ReichsgedankenS. Sie ist eS, die vorwiegend in die Lage kommt, von dem Enteignungsrecht Gebrauch zu machen. Sie wird aber von den Besitzern in nicht zu recht- fertigender Weise ausgebeutet: diese erhalten oft das 30- bis 40- fache des Wertes der betteffenden Grundstücke. Not tut ein Gesetz, das die Rechte des Eigentümers schützt und die deS Käufers auch wahrnimmt. Man muß die Kleinbahnsache mehr forcieren. Sowie man da Wünsche äußert, kommt der Minister und kommen all die einzelnen Verhältnisse (schallende Heiterkeit), und dann heißt es immer: Ja, wir können nicht alles, was wir wollen! Und daher möchte ich die Hilfe des Reichstages in Anspruch nehmen. Sie würden sich dadurch ein wirkliches Verdienst erwerben. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Blumenthal (unabh. Els.) meint, der Minister brauchte Elsaß-Lothringen gegenüber den AusdruckfrembeS Land". Wir hätten hier also eine AuslandSbebatte. Und weshalb denn fremdes Land? Weil die Wagen vierter Klaffe nicht besetzt in das Reichs­land fahren dürsten? Da könnte der Minister doch die Leute dritter Klaffe fahren laffen, dann würde sich wohl keiner beschweren. Wenn der Minister alle Wünsche nach Möglichkeit erfüllen wollte, sollte er das volle Koalitionsrecht gewähren. Ter Reichstag rourbe nach wie vor hier die Wünsche der Arbeiter und Beamten bortragen. Wer reklamierte, bekäme nicht alles, waS er wolle, aber wer nicht reklamierte, bekäme gar nichts. Daß Fortschritte gemacht waren, sei anerkennenswert, aber es werde noch lange nicht genug getan. Dafür legten' die zahlreich Hngeganqenen Petitionen Zeugnis ab. Berechtigt vor allem seien die Wüsche der Lokomotivführer, der

Parlamentarische Verlianvlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht g ; ft c t i e t

Deutlicher Reichstag.

41. Sitzung vom 24. Februar, 1 Uhr, Das Haus ist sehr schwach besetzt.

Am Bundesratstisch: Budde u. a.

Zunächst steht auf der Tagesordnung die zweite Beratung des Etats der Verwaltung fürdie Eisenbahnen in Elsaß- Lothringen.

Tie Beratung beginnt bei dem TitelEhes der Verwaltung".

Dbg Erzberger iZentr.)' Ich erkenne cs an, daß die Verwal- tung der Reichselsenbahnen im letzten Jahre viel für ihre Arbeiter unb Beamten getan hat und hoffe, daß sie auf diesem Wege fort» fährt. Wünschenswert wäre es, daß auch in den NeichLeisenbahn- Werkstätten Arbeiterausscküsse gebildet würden. Mehr gesckeheii muß noch bezüglich der Ruhetage, ein Ruhetag im Monat ist zu wenig, selbst zwei sind nicht genug, cs muß unbedingt auf sechs Arbeitstage ein Ruhetag gewährt werden. Nach Möglichkeit wiiß ferner den Arbeitern Gelegenheit gegeben werden, ihre religiösen Pflicklen zu erfüllen. Hierüber aber schweigt sich die uns zuge­gangene Denkschrift der Verwaltung vollständig aus.

Abg. Tr. Müller-Meiningen (fteis. 93b.): Ich möchte an den Minister die Frage richten, wie er über daS Koalitionsrecht der Eisenbahnarbeiter denkt, und ob er den Werkstättenarbeitern auch heute noch nickt das Koalitionsrecht gewähren will. Ich spreche hier nur von Arbeitern, nicht von Beamten. In Preußen ist eS so, oaß diesen Arbeitern . . .

Präs. Graf Ballestrom (unterbrechend): Ich bitte Sie, nicht von der preußischen Verwaltung zu sprechen. Wir haben eS hier nur mit den Rcichseisenbahnen zu hin.

Abg. Dr. Müller (fortfahrend): Ich wollte gerade die Brücke zwischen der preußischen und der Reichs-Eisenbahnverwaltung schlagen . . .

Präs. Graf Ballestrem: Dann bitte ich also diese Brücke zu schlagen. (Große Heiterkeit.)

Abg. Tr. Müller beendet seine Rede mit der nochmaligen Auf­forderung um authentische Mitteilung über das KoalttronSrecht der Eisenbahnarbeiter.

Abg. Riff isteis. Vgg.): Mir scheint diese Sache doch ganz ein­fach zu sein. Alle Eisenvahnarbeiter, die lediglich Fabrikarbeiter sind, haben einen Anspruch auf volles Koalitionsrecht. Ter Vor­redner scheint nur preußische Verhältniffe im Auge zu haben, ich habe von einer Beschränkung des Koalitionsrechts in den Reichs­landen nichts gehört. Der Minister sagte im vorigen Jahre, die Dienstfreudigkeit der Beamten fei der beste Schutz gegen Unfälle, es sei ihm angenehm, hier Klagen Vorbringen zu hören, die er, wenn sie berechtigt wären, gern abzustellen suchen werde. Wenn dem Minister es angenehm ift, Klagen zu hören, so kann ich ihm diese Annehmlichkeit bereiten (Heiterkeit), denn cs sind mir über die Gehalts- und Anstellungsverhältnisse viele Klagen zugegangen.

Minister Budde: Ich möchte zunächst dem Vorredner und auch dem Abg. Erzb-rger meinen Tank aussprechen für die wohlwollende Beurteilung meiner Verwaltung. Wenn die Herren hier Wünsche zur Sprache gebracht haben von Arbeitern uno Beamten, so finde ich das ganz natürlich und durchaus dankenswert für mich, denn ich bin der Ansicht, daß nur in innigem Verkehr der Verwaltung mit dem Personal die soziale Frage für die Angestellten gelöst werden kann, unb daß bie Abgeorbneten auch die berufenen Ver­treter des Personals sind.

Herr Rist hat nun gesagt, ich hätte nicht getan, was ich ver­brochen hätte, ich hätte keine Verbesserungen eingeführt. Er hat aber selber einige Verbesserungen erwähnt, die im Etat selber schon zum Ausdruck gebracht sind, unb anbere Verbesserungen wieder sind ihm nicht bekannt geworben. Ich habe getan, was ich tun konnte. Daß nicht sämtliche Wünsche erfüllt worben sind, ist doch ganz selbstverständlich. Herr Riss weiß eben nicht, welcher kleine Krieg geführt worden ist, bis dieses Kompromiß im Etat aufgestellt worden ist. Andererseits möge er auch bedenken, daß die Reichs- eisenbahnverwaltung kein selbständiger Faktor, sondern nur em kleines Glied bet großen Reichsverwaltung ist, daß man daher mit vielen Wünschen zurücktreten muß; was aber bet der Finanzlage des Reichs überhaupt geschehen konnte, ist geschehen. Das hat Herr Rist nicht angeführt. Aber bei seinem Wohlwollen wird er zu­geben, daß ich nicht alles schaffen konnte, was ich gern schaffen möchte Die Ansicht, daß es möglich wäre, alle Wünsche mit einem Schlage zu erfüllen, so daß dann daS Personal wunschlos der Ver­waltung gegenüber steht, vermag ich nicht zu teilen. Das Personal besteht auch aus Menschen, und so lange Menschen leben, haben ftc etne möchte ick erwähnen, daß für die Verwaltung

tatsächlich außerordentlich viel geschehen ist. Es hat eine wesentliche Abkürzung der Dienstzett und Vermehrung der Ruhetage für die Beamten ftattgefunöen. Die Dienstschichten von mehr als 12stün- biger Dauer sind um 7,2 Prozent vermindert, die Ruhetage um 54 3 Prozent erhöht worden. UcbrigenS werde ich dieser Frage neck erneut meine Aufmerksamkeit widmen. Desgleichen werde ich den Wunsch auf Vervollständigung der Statistik in diesem Punkte aerne erfüllen, denn selbstverständlich hat die Verwaltung letnerfet Geheimnisse Im Gegenteil, sie will lieber alles vor Ihnen auf» Nen da sie gerne Ihre Anerkennung haben will (Heiterkeit.) Weitere Verbesserungen sind durchgeführt für die AnstellungSver- hältniffe der Lokomotivführer und Heizer. Die Zeit bis zur defini­tiven Anstellung ist abgekürzt worden. In den letzten zehn Jahren hat eine Steigerung der etatmäßigen Stellen um 59,6 Proz. statt- aefunben. Eine Verringerung des Lohnes ist tatsächlich nicht em» aclrctcn Die Sache liegt nur so, daß bei den Arbeitern m den Reparatur-Werkstätten der Lohn sich zusammenseht au8 einem Lageslohn unb aus einem Stücklohn. In der stillen Zeit ist die Arbeit geringer geworden und damit sind auch dicstucklohnc gesunten. Arbeiter-Ansschüffe haben wir schon. Ich habe mich persönlich mt den Arbeiterausschüssen in Elsaß-Lothringen m Verbindung gesetzt, ihre Wünsche entgegengenommen und habe auch den ffro&tcn Teil derselben erfüllen können. Ein wichtiger Wunsch ist der des Urlaubs, ferner die Fortgewährung des Lohnes auf Grund von § 616 des DGB Ich habe mich ferner auch mit den Arbeitern über die bestehenden Löhne unterhalten. Ich y^e sie gefragt, ob tn irgend einer Privatindustrie am Orte bessere Lohne gezahlt wurden Ick habe gehört, daß das nicht der Fall ist. Im Gegenteil, die Löhne seien dort im allgemeinen noch ntebnger. Vor allen Dingen haben aber die Arbeiter uns bestätigt, daß sie sich.in der staatlichen An- stellung sicher fühlen vor Entlassung auch bet fallender Koniunktil^ und daß sie diesen Vorteil lehr hoch anschlagen, daS zeigt stchiaauch darin daß die meisten Arbeiter außerordentlich lange Zeit mt Tfcnfte sind Das ist ein Zeichen deS guten Friedens zwischen Arbeitgebern' und Arbeitnehmern. Nicht einmal m etMM einzigen Falle war ick genötigt, einzugreifen und einen Arbeiter zu entlassen. Auch ein großer Teil der einzustellenden Arbeiter ist auS den Familien der Arbeiter selber entnommen. 417 der jetz beschäftig-, fen Arbeiter gehören je einer Familie an. (Heiterkeit.) Won den