Ausgabe 
23.11.1904 Zweites Blatt
 
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mtt bet 4. Batterie unter Major v. Hevde losgelöst und diesem die Besetzung von Eware, Oparakcme und Okaticlnri übertragen. Zahlencbe in dieser legend auftretende Banden machten die W sperrung durch zwei hintere-u-n^" i-ende Linien wünscl-enswert.

Am TyphuS

gestorben: Unteroffitter Kraui.e die Reiter RatuS und Lukaszewicz. An Blinddarmentzündung: Reiter D r a b a n d t und S ch a ck o w * T t.

Neuer Transport.

Hamburg, 22. Nov Mit dem Woermanndampfer ,,<Ero- frffor Woermann" ging heute nachmittag ein neuer Truppentrans­pott nach Lüdwcstasrika. bestehend a"s 20 Offizieren. 858 Mann und Kriegsmaterial, ab. Tie Verabschiedung der Truppen am Quai erfolgte in der üblichen feierlichen Weise. Der kom­mandierende Genentt v. Bock und Polach richtete herzliche 20'schieds- uwtte an die Truppen, schloß m t einem Kaiserhoch und verlas ein Telegramm der Ka-senn aus Plön.

Pdlitifrlif Tagesschau.

Krankenversicherung der Dienstboten.

Nachdem vor einiger Zeit bekannt wurde, das; im Neichs- ümt deS Innern die Ausdehnung der KrankenveilicheruugS- pflicht auf die Hausgewerbetreibenden sich in Vorbereitung befinde, erfahrt mon jetzt, daß von derselben Stelle nud) die Krankenversicherung der Dienstboten in den Bereich der Er­wägungen gezogen wird. Daß in süddeutschen BlindeSttaaten schon mannigfache Versicherungseinrichtungen für Dienstboten vorhanden sind, ist bekannt, und die Kommission, die sich neuerdings nach Württemberg begeben hat, um die dortigen Einrichtungen der Krankenpflegeversicherungen zu studieren, wird daher wertvolles Material für diese Frage gewinnen. Hoffentlich führen die zeitigen Vorarbeiten zu einem guten Ergebnis, denn daß die bisherige Nichteiubeziehung der Dienst­boten in den Kreis der gegen Krankheit versicherten Personen eine Lücke in unserer Reichsversicherungsgesetzgebung bildet, kann keinem Zweifel unterliegen. Bei vorübergehender Er- werbSunfähigkeit tritt die Versichettmgsanstalt erst mit Beginn der 27. Woche ein. BiS dahin können die erkrankten Dienst­boten zuschen, wie sie sich durchschlagen. Durch die unge­nügende Behandlung während deS ersten halben Jahres werden die Krankheiten der Dienstboten vielfach chronisch und führen leicht zu dauerndem Siechtum, das bei entsprechender ärzt­licher Hilfe zu vermeiden gewesen wäre. Wünschenswert frei­lich wäre eS, wenn nicht lediglich die Dienstboten dem KrankenversicherungSzwange unterstellt werden, sondern wenn sogleich der KreiS der gegen Krankheit versicherten Personen so weit gezogen würde, wie es im Jnvalidenversicherungs- geseh geschehen ist Das wäre dann gleichzeitig eine ganz gute Vorarbeit für den späteren allgemeinen Umbau der Arb eiterv ersi ch e rung.

Aus u::d Land.

Gießen, 23. November 1904.

** Personalien. S. K. H. der Großherzog haben 6em Privatdozenten für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule, Ingenieur Clarence Feldmann zu Darmstadt den Carakftr alsProfessor" erteilt. Ter Pedell am Real­gymnasium zu Darmstadt Heinrich Wagner wurde in den Ruhestand versetzt.

Eine Sitzung des Provinzial-Ausschusses der Provinz Oberheffen findet, am 26., vormittags 9 Uhr be­ginnend, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Gesuch des Martin Langsdorf in Gießen um Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft. 2. Beschädigung von Solms-Laubach- schen Grundstücken durch den Betrieb der Grube Friedrich bei TraiS-Horloff, hier Antrag auf Enteignung nach dem Berggesetz. 3. Die Bürgermeisterwahl zu Nieder-Florstadt.

* AuS Anlaß des Geburtstages Sr. König­lichen Hoheit de§ Großherzogs werden am Frei­tag die Schalterdienststunden für den Verkehr mit dem Publikum bei den hiesigen Postämtern wie an Sonntagen abgehalten, auch findet nur eine Bestellung der Briese :c. statt. Die Geschäftsräume der hiesigen Reichsbank- Nebenstelle bleiben an demselben Tag von mittags 12 Uhr ab geschlossen.

* Gießener Konzertverein. DaS nächste Konzert findet am 4. Dezember im Saale des Gesellschaftsvereins statt. Es weist ein hochinteressantes reizvolles Programm auf. Teresa Carreno!, die genialste Künstlerin unter den modernen Klavieristen wird mit Chopin, Schumann, Schubert- Liszt, Taussig ihren SiegeSzug auch in unterer Stadt fort­setzen, woran kein Zweifel ist. Aber daL Programm er­hält besonderen Reiz noch dadurch, daß ein junger, bereits zu schönem Ansehen gelangter Sänger, Herr Vaterhaus aus Frankfurt a. M., uns mit Liedern und Arien von H. Wolf, Schubert, Rosini, Brahms, Schillings und Löwe erfreuen wird. Näheres demnächst in den Anzeigen. Einzelkarten zu diesem Konzerte wird es sich empfehlen alsbald zu bestellen. Doch werden auch jetzt noch bei Herrn E. Ehallier Mitglieder- anrneldungen entgegengenommen und an Mitglieder des Vereins Abonnements ausgegeben.

-o- Dauernhei Ni, 20. Nov. Der Gemeinderat hat in seiner Sitzung vom 16. d. M. den Bau einer Wasser­leitung beschlossen. Die Vorarbeiten werden alsbald be­ginnen. Die Kosten werden auf 30- bis 40 000 Mk. ver­anschlagt.

Wallenrod, 22. Nov. Zu der Schieß affä re, die mit dem Selbstmord des Gastwirts Fenner ifyr Ende nahm, meldet dieKl. Pr." noch: Heinrich Fenner, der 61 Jahre alt war, batte einen Prozeß mit seinem Nachbar Johann Zinn. Er hatte seinerzeit den Schwiegervater des Zinn g e ohr­feigt, und am Montag, den 28. November, sollte Termin vor dem Schöffengericht in Laut erb a"" fein. Fenner trug sich schon längere Zeit mit dem ^danken, seinen Prozeßgegner zu er­schießen. Er wollte diese Tat am Freitag ausführen, kam aber nicht dazu und begann am Samstag sich^wie ein Wahnsinniger zu g-berden. Mittags schoß er auf die Sel>wägerin bes Zinn Tie Kugel flog knavv über dem Kons vorüber. Kurze Zeit darauf richtete er die Waffe auf Zinn selbst und traf ihn in die .Herz­gegend. Die Kugel streifte die Lunge und drang unter dem Schulterblatt am Rücken wieder leraus. Zinn wurde tödlich ver­letzt. Sein Befinden ist heute unverändert. Auf den ^Lckinß hin sollte Fenner verhaftet werden. Er drehte jedoch, die Oürndarmen zu erschießen. Daraufhin wurde Verstärkung beantragt, und mittags erschienen sechs Gendarmen mit Begleitung Eine zahlrci^ Men­schenmenge versammelte sich in angemessener Entfernung, und es wurden Schüsse gewechselt. Fenner, ein vorzüglicher Schütze, traf zunächst den 58 Jalne alten Zimmermann Heinrich Loeb. Dieser erhielt einen Scbrotschuß in den Fuß dicht über dem Knöchel. Dem 17 Jahre alten Maurer Karl Ehrlich drangen die Schrot- fömer in den Unterschenkel. Die 27jähriae Arbeiterin Maria Ettling erhielt einen Schrotschuß ins Bein, das von oben bis unten f^iücr verhetzt wurde. Schließlich traf der Wahnsinnige den 16 Jahre alten Dienstknecht Heinrich Habermehl ins Gesicht. Mehrere Schrotkörner drangen unter d'm Auge in die Backe ein. Hierauf erfolgte ein ausgebrochenes Wechselfeuer. Die Gendarmerie schoß zeitweise aus das Hans, und Fenner beantwortete jeden Schuß. Die Feuerspritze, die angefahren wurde, erwies sich als vollständig wirkungslos, obwohl von dem oberen Stockwerke einer benachbarten Scheuer gespritzt wurde. Fenner fing das Wasser mit einem Kübel n u f und ließ sein Vieh damit tränken. Eine fiirchtbare Aufregung griff im Otte Platz. Die benachbarten Leute getrauten sich nicht an die Fenster, nur bisweilen blickte jemand hinter der Gardine hervor. Durch eine fiift wurde Fenners Frau vom Briefboten aus dem Hause gelockt. Er zeigte ihr einen Brief und erklärte, sie tolle ihn sich holen, bringen könne er ihn ihr nicht, er fürchte fr t Tie Frau kam und wurde verhaftet. Sie befindet sich jetzt, da sie später Krampfanfälle bekam, im Krankenhaus zu Lauterbach. In der Nacht auf Mon­tag ließ das Gew ehr feuer nach. Am Morgen gelang es, der beiden Sölme des Fenner, die 12 und 13 Jahre alt sind, habhaft »u werden. Der Vater hatte den einen fortgeschickt, eine Taglölmerin zu holen, die ihm das Vieh tränken helfen solle. Dieser Taglöhnerin erklätte Fenner, er werde sich mittags um zwei Uhr erschießen und legte eine Pferde­decke bereit mit dem Wunsche, ihn damit zuzudecken, wenn er tot fei. Tie Frau entfernte sich daraus aus dem Zimmer, ging in den Statt, und Fenner nahm sein Feuer wieder auf. Er ver­suchte, in den Garten zu gehen, um sich dott zu erschießen. Aber als er ins Freie trat, feuerte ein Gendarm nach ihm und verletzte ihn leicht am Arm. Daraufhin ging Fenner zurück und jagte sich die Kugel in den Kopf. Die Leute getrauten sich jedoch lange nicht in das Zimmer, da sie glaubten, daß Fenner nur Hir Täuschung den Schuß im Hause abgegeben habe. Schließlich ging die Taglöhnerin gegen eine Belohnung von 20 Mark, die i h r der Amtmann von Lauterbach zu sicherte, in das Zimmer und ver­kündete den Tod. Daraufhin würbe das Haus polizeilich besetzt. Tie wahnwitzige Auflehnung gegen das Gesetz ist gesühnt, die Bevölkerung hat ihre Sicherheit zurückerlangt.

HB. Darmstadt, 22. Nov. Bei der heute vollzogenen Wahl zur Stadtverordneten-Versammlunq siegten trotz der schärfsten Agitation der Sozialdemokraten die Kan­didaten der vereinigten bürgerlichen Parteien. Von den ca. 6400 abgegebenen Stimmen, die 53 V2 Proz. aller Wahl­berechtigten betragen, erhielt der Zettel der Bürgerlichen (Kalbfuß - Schmec!) 3465 Stimmen, der sozialdemokratische Zettel (Aßmuth - Prof. Staudinger) 2110 Stimmen und der Zettel der Bodenreform (Henrich-Professor Staudinger) 385 Stimmen.

Frankfurt, 22. Nov. Einer der seltsamen Natur­menschen, die sich mit wenig Kleidung und vielen Haaren durch dieses irdische Januuerthal bewegen, zeigte sich heute, lt. Kl. Pr., in Frankfurts Straßen. Er führt Ansichtskarten mit sich, die der Mitwelt verraten, daß sie Herrn Richard Sanasch aus Frankfurt a. d. O. vor sich hat. Für seine zu­künftigen Biographien teilt er noch mit, daß er am 15. Jan. 1872 geboren ist. Er sieht seinem Vorbild Gustav Nagel möglichst ähnlich. Ein grünes Tuch deckt den Oberkörper, ein schwerer Stab mit Kreuz stützt den Arm, der keineswegs kraftlos ist, obwohl der Naturmensch angeblich nur von den Früchten des Feldes lebt, die er roh verzehrt. Ein Bericht­erstatter hat einer Mahlzeit des Wüstenvredigers beigewohnt. Er begnügte sich mit einem halben Weiskraut köpf und einer gelben R ü b e.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den N a ch b a r st a a t e n. Der Bürgermeister K. von Gemün­den an der Wohra in Oberhessen ist nach beträchtlichen Unterschlagungen amtlicher Kassenaelder und Begehung sonstiger Unregelmäßigkeiten durchgebrannt. S. K. Hoheit; der Großherzog wird am 30. November in O ff en- b a ch eintreffen und bei Kreisrat v. Hombergk absteigen. Am Abend wird er dem Konzert des Sängerchors des Turn­vereins beiwohnen. In Wetzlar hielt in der dortigen Lesevereinigung Dr. Delkeskamp, Assistent am mineralogi­schen Institut ui Gießen, einen Vortrag über das Wesen des Vulkanismus.

Gingesandt.

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übernimmt die Redaktwn d"m Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Aus Krofdorf 22. Nov., schreibt man uns:

Bekanntlich ist es eine allgemeine Klage der Handwerker, daß sie oft sehr lange auf die Bezahlung ihrer Arbeit warten müssen. Jeder Handwerker freut sich deshalb, wenn er einmal für die Gemeinde etwas zu machen hat, darf er dann doch hoffen, bald zu seinem Gelde zu kommen., Daß man sich aber darin manchmal täuschen kann, davon weiß ein Handwerker in Krofdorf ein Lied zu fingen. Er übernahm im vorigen Jahre für die Zivilgemeinde Krofdorf-Gleiberg, welcher die Unterhaltung der kirchlichen Gebäude obliegt, nach dem Kostenanschlag und ben Angaben des Kreisbaumeisters in Wetzlar die Ausführung einer Arbeit in der Kirche zu Gleiberg. _ Eines Tages, als er bei der Arbeit ist, kommt der Kreisbaumeister in die Kirche und ordnet an es handelt sich um eine Wandverschalung, daß einige Quadratmeter Wandfläche mehr, als im Kostenanschlag vorgesehen, verschalt werden, weil sich dies als notwendig herausgestellt hatte. Der Handwerker geht zum Bürgermeister in Krofdorf und holt sich von diesem die Erlaubnis, die Mehrarbeit auszuführen. Ms er nun seine Rechnung einrcicF.it, wird vom Gemeinderat die Zahlung für die letztere verweigert. So wartet der Handwerker bereits ein ganzes Jahr auf fein Geld und denkt über das Sprüchlein nach:Handwerk hat goldenen Boden". Wir müssen sagen, daß uns diese Handlungsweise des. Gemeinderats in Erstaunen gesetzt hat, umsomehr als in anderen Fallen die Kosten für Mehrarbeiten anstandslos bewilligt worden sind. Wir glauben ja, daß die Krof- borfer Gemeinderatsmitglieder ohne Ausnahme tüchtige Männer sind, daß überhaupt die Gemeinde Krofdorf einen Gemeinderat besitzt, dessen sie sich nicht zu schämen brauchst; auch wissen wir, daß der Gemeinderat redegewandte Männer in feiner Mitte hat, aber wir haben uns doch sehr gewundert, daß sich unter ihnen scheinbar keiner gefunden hat. der in den Sitzungen auftrat und sagte:Wir dürfen dem Mann nicht länger sein sauer ver­dientes Geld schuldig bleiben: hat der Baumeister oder der Bürger­meister einen Fehler gemacht, indem Tic ohne unsere Einwilligung die Ausführung der Mehrarbeiten anordneten, so müssen wir uns an diese halten."

Hoffentlich findet die Angelegenheit bald ihre Erledigung und es bleibt uns erspart, uns noch luciter damit beschäftigen zu müssen. Ein Freund der Handwerker.

am Schlüsse des zweiten Aktes. Ta wirkt dieser aufgeblähte Truthahn über die Maßen komisch, als hätte ihn Herr Blumenthal in der heftigsten Rauschstimmnng am Ende eines ausgelassenen Kommerses gesehen. Der junge König, der überaus flüchtig gezeichnet ist, hat unleugbar etwas Chevalereskes, Willensstarkes, romantischen Ernst. Ihm steht die Verkleidung ins Kostüm des spanischen Mittel­alters unverhältnismäßig besser, obwohl auch er, wie alle die anderen bunt behangenen Figuren des Pupvenspieles nur die Tracht, und nichts von den Anschauungen und Le­bensbedingungen jener längst vergangenen Zeit und jenes Südlandes besitzt. Auch die intriguierende Persönlichkeit, die zwischen Herrn und oberstem Diener Mißtrauen säete, um diesen auszustechen, fehlt nicht. Auch sie erscheint natür­lich in dem Stück in einer Gestalt, die nichts mit dem intimen historischen Konflikt des vorvorigen Jahrzehnts gemein hat. Und neben diesem ollen Theaterbösewicht, mehr Lueanus als Bötticher, steht der kastilianische Schwe- ninger Vendrusco.

Endlich ist in den zwischen den beiden Mannesnaturen entfesselten Kampf um die Macht eine außerordentlich über­flüssige Liebesverwickelung gesponnen von geradezu er­schreckender Schablonenhaftigkeit.

Alles in allem genommen ist BlumenthalsToter Löwe" eine lächerliche Spiegelfechterei, mit einem Sekundanerver­ständnis für die Zeiteregnisse, ein unfreiwillig drolliges Mach­werk, demgegenüber PhilippisErbe", dessen Situationen und Schlagworte ebenso mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Bis­marcks Entlassung hinwiesen, wie ein Meisterwerk dramatischer Kunst erscheint. Indem Herr Blumenthal just das Haupt­gespräch zwischen König und Herzog hinter die Kulissen schob, ist er an dem vorübergelaufen, was hatiptsächlich bühnen­wirksam gewesen wäre, selbst in seinen Lebkuchenverfen; indem er den inneren Konflikt der beiden Hauptcharaktere, den Konflikt tm Herzog zwischen dem Wunsch nach Vergeltung und der Anhänglichkeit an seine Schöpfung, den Konflikt im König zwischen Dankgefühl und eigener Tatenlust, ganz außer Acht ließ, zeigte er vollends die winzige Emsigkeit, mit der er wie eine Fliege an dem kolossalen Marmorfels herumkriecht, den vielleicht der Shakespeare oder Schiller einer fernen Zeit mit der Wucht und Macht eines unserem Bismarck kongenialen Dichterfürsten zu einem grandiosen Doppeldenkmal gestalten wird.

Obwohlniemals lustig, niemals traurig", sondern über

alle Maßen schaurig, hätte das ganze Ding, von Oskar Straus, dem Ueberbrettlmann, mit ausgelassenen Melodien vom Schlage desLustigen Ehemannes" versehen, eine ganz lustige Operette abgeben können.

Damit aber trotz alledem jede Bedingung für den Er­folg dieses vom Verfasser selber mit beneidenswertem Selbst­bewußtsein alsdie Tragödie des an der tatenfrohen Jligend zerbrechenden ruhmvollen ^llterS" bezeichneten Theaterspektakels erfüllt werde, bot sich, wie gesagt, die Berliner Polizei als freiwilliger Sueeurs an dl,rch das Verbot der Aussührlmg in der Reichshauptstadt. Obwohl der Kaiser als kluger Mann sicherlich mit dem gutmütigen Lächeln der durch einen Blumen­thal gänzlich unberührbaren Ueberlegenheit diese unglaublich unhistorische Schwadronage sich angesehen und wahrlich auch nicht die letzten Worte des Kanzlers an den König: Und du hast mich vor der Zeit atlnend in mein Grab gebettet" krumm genommen hätte. So, nur so wurde die dem toten Löwen abgezogene Haut aufgeblasen zum breit schivappernden Luftballon, auf den sich bald, vorn litterarischen Freihafen in Hamburg aus, hypnotisiert die Blicke aller Welt lenkten, der jetzt als Wunderphänomen durch den deritschen Theaterhimmel zieht. Ja, wenn die brave Berliner Zensilrbehörde nicht wäre, die übrigens diewürdige Form" des Stückes anerkannt hat (man schätzt also in Berlin Redewendungen wie:Jeder Kluge folgt der Dl acht, wo ihm Glück und Ehre lacht"), dann hätten auch wir in Gießen nimmermehr dieses fabelhaft vielsagenwollende und fabelhaft nichtssagende Jammerwerk geschaut, das selber oeriirteiten zu können Gießens Theaterpublikum der Direktion Dank wissen mag.

Tie 2lussührung war von Herrn Direktor Steingötter wohl vorberejtet, litt aber für Feinhörige an einer gewissen Unsicherheit, die bei den nächsten Wiederholungen, die dem Stücke um seines sensationellen Renommös willen wohl be- schieden sein werden, gewiß von selbst verschwinden werden. Herr Li n zen erntete in der schwierigen Aufgabe des Herzogs von Oliveto respektablen Beifall. Er fdjnf eine imposante Gestalt von warmem Leben. Vortrefflich kleidete ihn der bi Tilge Humor. Wir schätzen Herrn L. längst als einen Künstler von selbständiger Denkart, als eine ernste Künstler­individualität. Daß er dem ewig grollenden grimmen Greise, der unal'fhörlich schwatzt und schwatzt und renommiert, keine gewinnenden Züge zu verleihen vermochte, das ist nicht sein

Schuld. Er sprach die Verse Blumenthals so, daß sie zu­weilen besser schienen, als sie tatsächlich sind, wenn auch seine Eigenart, ein paar Gurgellaute einer Rede anzufügen, bei seinem Schnupfen besonders störend wirkte. Dem jungen König gab Herr Lüttjohann feine Zurückhaltung, die wünschenswerte Sicherheit und Bestimmtheit, edle Ruhe und Haltung. Doch fehlte ihm wohl die stürmische Jugendhelle. Herr de Giorgi zeichnete einen feilen Hofmanu mit der von ihm stets beliebten, vielleicht diesmal ein wenig ein gedämmten Schärfe. Er verfiel nicht in die naheliegende Geschmacklosigkeit, den Ehrenmann in Maske, schelenl Seitenblicken usw. zucharakterisieren". Seine Glattheit hatte wenig aufdringlich Jntriguantenhaftes und seine Sprechart nicht gerade übertriebene Spitzen. Dennoch ist ihm auch hier noch ein wenig mehr an Diskretion zu wünschen. Gute Leistungen waren die der Herren San­dor s f und Lippert. Dagegen gab Herr Andreas keines­wegs das Bild, das der Steinmetz von diesem gelehrten Arzte entwirft, und zeigte zugleich die bedauerlichste textliche Un­sicherheit. Frisch und munter sprach Frl. Dülfer ihre Verse.

Tas Stück fand natürlich wenig Anklang. Der erste Akt interessierte sehr mäßig, im zweiten hob sich die Stimmung, der dritte verfiel grauer Langeweile und der Schlußakt hatte wieder einigen Beifall.

Die Alisstattung war selbst für unsere Verhältnisse allzu schlicht, der Besuch sehr lebhaft, namentlich sah man zahlreiche Uniformen. P. W.

Warnung vor der Dichtkunst. In einem nieder- österreicküschen Ort hat der Bürgermeister folgende Warnung er­lassen:Nach dem sichtbaren Unheil, welches in letzter Zeit Hierselbst die Beschäftigung mit der Poesie herbei­geführt hat, wobei in einem Falle sogar ein Familienglück zugrunde gedichtet worden ist, halte ich es für meine Pflicht, die G c - meindemitglieder vor jeder Beschäftigung mit der Dichtkunst eindringlich zu warne n." Die sonder­bare Warnung bezieht sich, wie dieGeneralverkehrsztg." mit­teilt, auf einige trübe Ereignisse, die in jüngster Zeit an dem von der Poesie verseuchten Orte geschehen sind. Ein Schriftsteller hat sich erschossen, die Frau eines Gemcindebeamten ist mit einem jungen Manne durchgebrannt, der ihr Herz durch Verse erweicht hat, und der Mann ist durch dies Ergebnis verrückt geworden und macht nun gleichfalls Verse.