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154. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen llmversitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; sür den Anzeigenteil: H. Beck.
Nr. 19 3t#
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Samstag Z3. 1904
Gießener Anzeiger
Die „Gietzeuer Familienblätter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der .hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt sür den Kreis Sietzen.
Professor v. ZZehring über seine JuberKutose- Iolschungen.
T^r bekannte Marburger Forscher Proiessar o.Bchri.ng sprach, wie ivir bereits lurz mitteilten am Montag abend int Berliner Verein für innere Medizin über den neuesten Stand seiner auf die Bekämpfung der Schwindsucht gerichteten Bestrebungen. Zu dem Vortrage waren u. a. erschienen: Kultusminister Tr. Studt, Ministerialdirektor Althvff, die Geheimrate Pistor und Schmidtmann vom Kultusministerium, Generalstabsarzt der Llrmee v. Leuö- chold, der ärztliche Direktor der Chaclls Generalarzt Schaper. Die medizinische Fakultät war durch ihre bekanntesten Mitglieder vertreten, die Professoren v. Leyden, v. Bergmann, Heubner, Rubner, Renvers und Ewald. Unter den Ehrengästen befanden sich ferner die Professoren B. Fränkel, Pannwitz, M. Wolf u. a.
Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Vorsitzenden nahm Pros. v. Behring das Wort. Er knüpfte zum Teil an feine bereits auf dem Naturforscher-Kongreß in Kassel gemachten Mitteilungen an, welche in der Säuglings- milch die Hauptquelle für die Schwindsuchtsentftehungsehen. Der Krankheitskeim dringt mit der Kuhmilch vom Darm des Säuglings aus in den Körper, zunächst in die Lyniph bahnen, dann in das Blut und in die Abmungsocgane, also die Lungen, ein. Wie bereits auf dem Kasseler Kongresse, so führte Behring auch jetzt wieder aus, daß er unter gewöhn licken Verhältnissen eine Ansteckung durch Einatmung für ausgeschlossen erachte. Die in neuester Zeit häufig. vertretene Auffassung, daß z. B. durch den Gebrauch von Lechbibliotheksbänden, Akten usw. Tuberkulose verbreitet werde, hält Behring für ganz unerwiesen. Auch von einer Disposition, einer Schwindsuchtsanlage in dem herkömmlichen Sinne will er nichts wissen. Zur Entstehung der menschlichen Lungenschwindsucht rst freilich eine gewisse Disposition erforderlich, aber nur im Sinne einer Disposition, die im Säuglingsalter durch den Genuß von Milch erworben ist. Die Bekämpfung der Tuberkulose muß daher schon beim Kinde einsetzen. Es muß alles geschehen, utn den Bazillenimport in den Mund des Säuglings zu verhüten. Wie soll man aber die Milch selbst behandeln?' Tas Abkochen hält Behring in der ersten Lebens- epoche für unzweckmäßig oder gar für schädlich; dagegen empfiehlt er, die Milche unmittelbar nach ihrer Gewinnung mit einem geringen Formalinzusatz zu versehen, welcher alle Batterien in ihrer Entwicklung hermnt, ohne die wirksamen Milchhestandteile zu zerstören. Dieses Verfahren hat sich, in der TierpraM bereits glänzend bewährt, und Behring glaubt, die Ergebnisse der tiercxperimentellen Erfahrungen auch, für menschliche Säuglinge nutzbar machen zu können.
An den überaus beifällig aufgenommenen Vortrag schloß sich eine kurze Diskussion, an der sich die Professoren A Fränkel und Bagrnsky beteiligten. Beide wandten sich ig egen die von Behring ausgestellte Theorre der Schwinbsuchtsentstehung. Nach amtlichen statisiijchcu Angaben hat — so führte Professor Fränkel aus — die Tuberkulose in der letzten Zeit erheblich abgenommen, und das zeigt, daß die bisher geübte Vvr- beugungsrnethode auf dem richtigen Wege gewesen ist. Die Beh-rlugsche Theorie würde den Kampf in ganz aridere Lahnen drängen. Ter von Behring vertretenen Auffassung stehen gewichtige Bedenken gegenüber. Man findet gerade bei Kindern die Lymphdrüsen im Bereiche der Bauchhöhle ungleich! seltener erkrankt, als die im' Gebiete der Brusthöhe; das sprichst gegen die ausschließliche Infektion vom Darm aus. ' Prof. Fränkel hat im Verein mit Prof. Gurtstadt eine Statistik aus den letzten vier Jahren über die
Ernährungsweise der in Berlin verstorbenen Säuglinge aufgestellt. Es ging daraus hervor, daß die Tuberkulose bei so kleinen Geschöpfen überhaupt selten vorkommt, daß aber jedenfalls etwa ebensoviele Brustkinder daran starben, als künstlichi ernährte — was gegen die Behringsche Annahme von der Gefährlichkeit der Kuhmilch im Säuglingsalter sprechen würde. Prof. Fränkel hält gleich! anderen hervorragenden Forschern an der sogenannten Einalimingstuberkulöse als der häufigsten Entstehungsart fest, Auch Prof. Baginsky bezweifelt aus Grund seiner langjährigen Erfahrungen als Kinderarzt die Richtigkeit dec von Behring aufgestellten Theorie.
J-n feinem Schlußwort suchte Prof. v. Behring! die Einwände seiner Gegner in sachlicher Weise zu widerlegen. Tie Tatsache, daß Kinder in der frühesten Zeit ihres Lebens so selten an Tuberkulose sterben, erklärte er mit dem Hinweis, daß es oft Jahre und Jahrzehnte dauert, bis die im Säuglingsalter erworbene tuberkulöse Ansteckung zur offenkundigen Krankheit, zur Schwindsucht, wird.
Nach! der Sitzung vereinte ein geselliges Zusammensein die Mitglieder.
Amerikanische Professoren üöer Deutschland.
Wenn einer eine Reise tut, so kann er wis erzählen Professor Small aus Chicago war mit zwei Kollegen letzten Sommer in Europa gewesen, um die Gelehrtenwelt für den mit der St. Louis-Weltausstellung verbundenen Gelehrtenkongreß zu mteressieren; er war^ natürlich auch in Berlin, um beim Kultusministerium engere Beziehungen zwischen deutschen und amerikanischen Universitäten anzubahnen. Tazu scheint er aber sonderbare Methoden anwenden zu wollen, denn, kaum daß er wieder daheim war, veröffentlichten Chicagoer Zeitungen eine Unterredung mit ihm, deren Inhalt in der Behauptung gipfelte: „Tie Deutschen lieben zwar die Amerikaner, aber trotzdem werden und müssen sie die Amerikaner bekriegen und zwar nicht nur in Handel und Industrie". Darob große Entrüstung in der deutsch-amerikanischen Presse. Prosesssor Small trachtete nun, sich zu rechtfertigen, indem er erstens' einen langen Brief an den deutschen Konsul Dr. Wever in Chicago und zwei Briese an die in Mllwaukee erscheinende „Germania", die ihn am energischsten angegriffen Halle, richtete. Aus einem der beiden letzteren Briefe sind folgende Sätze hervorzuheben: „Tie Deutschen haben uns als Individuen ganz gern und können sich nie genug tun, um ihrer Herzlichkeit Ausdruck zu verleihen; diejenigen jedoch. Sie überhaupt ihre Aufmerksamkeit auf internationale Beziehungen richten, sind der Ansicht, daß unsere nationale Politik im höchsten Grade egoistisch ist, und daß es daher tatsächlich zum Kriege kommen muß. Wenn es' auch im höchsten Grade unwahrscheinlich ist, so ist es doch keineswegs unmöglich, daß noch, ehe die mandschurische Frage gelöst ist, deutsche und amerikanische L> ch i f f e Schüsse wechsel n." Doch hoffentlich nur die üblichen Salutschüsse! Der Chicagoer „Record - Herald" brachte als Krllik die Behauptungen Smalls eine kräftige Aeußerung des früheren Botschafters in Berlin, Dr. Andrew White, der gerade in Chicago anwesend war und die Bemerkung des Professors Small als Unsinn bezeichnete, da dem deutschen Volke nichts ferner liege, als der Gedanke an einen Krieg mit den Vereinigten Staaten.
Tie Lorbeern des Professors Small ließen seinen Kollegen, den Hilfsprofessor oer Soziologie an der Chicagoer Universität Herrn Raymond, der ebenfalls kürzlich von einer deutschen Reise zurückgekehrt war, nicht ruhen. Raymond hielt in Milwaukee einen Vortrag über das Thema: „Berlin — Militarismus und Sozialismus". Hatte Pros.
Small nach der Ansicht des Ex-Botschafters Tr. White Unsinn geredet, so fehlt für diese Rede der passende steigernde Ausdruck. Tem Berichte der „Free-Preß" über den Vortrag ist zu entnehmen, daß Prof. Raymond unter anderem erzählt hat, unlängst sei den Soldaten gesagt worden, daß sie unter den gegenwärtigen unruhigen Zuständen Befehl erhalten könnten, aus Vater und Mutter, auf Brüder und Freunde zu schießen; wenn aber ein solcher Tag käme, so würden nach der Ueberzeugung des Prof. Raymond die Gewehre nach der anderen Selle schießen. Es sei heutzutage für jeden Deutschen gefährlich, den Mund zu öffnen und seine Ansichten auszusprechen; in keinem Lande der Well unterliege die Freiheit des Wortes und dec Tat so viel lästigen Beschränkungen wie in Deutschland, wo die Zahl der Selbstmorde sicb auf 11000 beläuft.
Erfreulicherweise gibt es an der Chicagoer Universität auch verständigere Professoren, so Prof. Georg Edward, der in einem Vortrage seine beiden Kollegen gründlich ab- sertigte. Er sagte 'nach der „Illinois Staatsztg." ungefähr folgendes: „Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wird der deutsche Kaiser als Bedrohet: des Weltfriedens hingestellt. Sie erinnern sich des törichten Gcreoes, daß er sich Hawaiis oder Porto Nicos oder der Philippinen bemächtigen wolle, und daß deshalb die Vereinigten Staaten jene Inseln annektieren müßten; ferner der kindischen Behauptungen, daß Amerika Venezuela gegen die Teutscheu beschützen müsse, daß die Spanier von oeu Deutschen zum Krieg angestiftet worden seien, daß Deutschland Sridbrasilien begehre usw. Nichts ist läppischer als solches Geschwätz. Ter hochbegabte deutsche Kaiser wird sich der großen, chm in Gestalt seines gewaltigen Heeres und seiner wachsenden Kriegsflotte zu Gebote stehenden Macht niemals bedienen, so lange er nicht durch Herausforderungen dazu genötigt wird. Ich weiß aus allerbester Quelle, daß er von den freundlichsten Gefühlen gegenüber unserer Republik beseelt ikt. Uni) die Vereinigten Staaten werden wahrlich nichts dabei verlieren, toenn sie diese Freundschaft erwidern. Tie Vorhersage eines Krieges zwischen diesen beiden Völkern ist daher ein Verbrechen."
Mas für ein Beweggrund aber steckt hinter jenen unsinnigen Prophezeiungen? Professor Small verrät chn: „Amerika soll unter allen Umständen schleunigst seine Kriegsflotte vermehren." Tas ist des Pudelss Kern. Tie ganzen Reden laufen nur darauf hinaus, dem Kongreß Angst einzujagen, damit er für neue Kriegsschiffe ohne Widerrede unzählige Millionen bewillige.
Warnung£
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