Ausgabe 
22.2.1904 Drittes Blatt
 
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Montag,. Fevruar 1904

154. Jahrg.

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Giekener Anzeiger

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gichea.

Titel

Balle st rem

gilt eben da»

Nun, die Herren

Gocthesche Wort: .

Januar, Februar, März, Du bist mein liebeS Herz. Juni, Juli, August, Mir ist nichts mehr bewußt

Dann kommen allerdings noch die Wintermonate.

hoben ja die Absicht, zu überwintern in den Reih'n der freisinnigen Partei'». (Zuruf: Sehr faul!)

Herr v. Gerlach mag mir verzeihen, wenn ich mit, dreien wenigen Worten nunmehr ihn verlasse und im übrigen ihm zu seiner Durchreise zur sozialdemokratischen Partei viel Glück wünsche.

Parlamentarische Perlianoliingen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

diesem Satze eine derartige Deutung zu geben, tote er eS getan hat Unter der Hetze nach unten verstehe tch nur btc Erregung der Leidenschaften in demagogischer Werse (lebhafte Zustimmung recht«), unter Ucberzeuguug nach oben verstehe ich in erster Linie die Ueberzeugung hier im Parlament selbst. DaS ist ja unsere vornehmste Aufgabe.

Der Hinweis auf 1848 und Metternich war ganz unglücklich, denn vor 1848 gab es noch kein Parlament. Herr Potthoff be­dauerte diesen Zwischenfall, ich teile dieses Bedauern, aber ich mußte gegen Herrn von Gerlach polemisieren, nachdem er unS fortgesetzt angegriffen hat. DaS Interesse des GesamtliberaliS. muS liegt auch uns am Herzen, aber deshalb muffen wir Bestrebungen abwehren, die nichts mit dem Liberalismus zu tun haben. Ein Führer der freisinnigen Vereinigung hat daS im preußischen Abgeordnetenhause ja auch bereits getan. (Redner zitiert die Acußeruiigen Brömels gegen Naumann; von bet Rechten wird diese Zitierung beifällig ausgenommen.) Herr von Gerlach hat es gerügt, daß ich vonHetze" gciprochen und mich an den Fall Trakchnen erinnert. Nun, die Konservativen haben diesen Ausdruck mir gegenüber nicht gebraucht, vermutlich, weil meine Darlegungen ihnen dazu keinen Anlaß gaben. (Sehr richtig I rechts.) Die Rede des Herrn von Gerlach erinnerte lebhaft an die Rede des Antonius in ShakespearesJulius Cäsar", in der Aufhetzung der Leidenschaften. Diese Redeform muß einmal genügend charakterisiert werden, damit sie definitiv verschwindet. Herr von Gerlach beschwerte sich über dasAbschütteln". Ja, daS liegt doch nicht an mir, sondern an Herrn von Gerlach, daß er überall abgeschüttclt werden muß. (Präs. Graf erhebt sich drohend.) Von den Nationalsozialen

Abg. v. Staudy skons.): Vollständig kann ich den Streit v. Ger- lcich-Kopsck nicht außer Acht lassen. Der Vorredner scheint zu meinen, daß wir seinen Ausführungen zustimmten. DaS ist ganz unrichtig. Wir sind fast gegen (eben Gedanken seiner Rede.

Im Namen meiner Partei und der Reichspartei erkläre ich ausdrücklich, daß wir gegen das Koalitionsrecht der Unterbeamten sind. Gefreut hat e§ mich, daß der Staatssekretär dem Abg. von Gerlach nicht geantwortet hat. Auch die gestrige Rede des Abg. Stöcker entfernte sich weit von den Anschauungen der konservativen Partei. Redner polemisiert dann noch gegen die Abgg. v. Jazdzewski und Fürst Radziwill. Die Behörde hätte das Recht, zu verlangen, daß ihr gegenüber nur von der deutschen Sprache Gebrauch ge­macht würde. Durch die Polen sei geradezu die Würde des deut­schen Reiches verletzt worden. Zu erwägen sei, ob die Postordnung nicht dahin abzuändern sei, daß innerhalb des Deutschen Reiches nur gewisse Sprachen zu Vriefaufschriftzlvecken zugelaffen werden.

Abg. Kopsch (fr. Vp.): Mehrere Redner dieses Hauses sind auf meine gestrigen Ausführungen zurückgekommen. Das, was Herr Erzberger sagte, war gegenstandslos. Meine Worte richteten sich nicht gegen die freisinnige Vereinigung, sondern ausschließlich gegen den nattonal-sozialen Herrn v. Gerlach. Nach wie vor wird eS unser Bestreben sein, mit den Herren von der freisinnigen Ver­einigung überall da zusammenzuarbeiten, wo ein Zusammenarbeiten sich ermöglichen läßt.

Herr Molkcnbnhr Hal Gelegenheit genommen, meinen gestrigen Satz zu kritisierennicht Hetzen nach unten, soudern überzeugen nach oben" tut not. Ich bin überzeugt, daß Herr Molkenbuhr daS in gutem Glauben getan hat, aber es war doch ein starkes Stück,

fertigen.

Staatssekretär Kraetke: Die Schwierigkeiten sind erst dadurch entstanden, daß man öffentlich aufgefordert hat, die Adreffen pol­nisch zu schreiben Dadurch ist die Zahl der polnischen Adressen lawinenartig angeschwollen. Und daS konnten unsere Beamten nicÄ bewälttgen. Die Beruftmg des Vorredners auf die Postord­nung ist hinfällig. Auch die Parallele mit den ausländischen Briefen trifft nicht zu. Wir brauchen ja die Briefe nur bis zum Grenzort zu befördern; das Entziffern der wetteren Adresse ist Sache der aus­ländischen Post. Das aber werden Sie von uns nie erreichen: daß wir eine besondere polnische Geographie einführen. (Beifall rechts.) Da werden ja Orte, wie Charlottenburg, Dortmund, Eisleüen usw. ins Polnische übersetztI DerDziennik Poznanski" gibt besondere Anreizungen dazu. (Hört! hört!) Alle polnischen Zeitungen fordern auf, im Geschäftsverkehr sich ausschließlich der polnischen Sprocks zu bedienen. Was sollen die armen Beamten nun anfangcn? Sie tun ihre Pflicht und Schuldigkeit. Die Einrichtung des Ucber- setzungsbureaus ist an sich schon ein Zugeständnis. Die Post könnte oie polnisch adressierten Briefe auch einfach von der Beförderung ausschließen. Ich kann Ihnen also nur raten, von weiteren Heraus­forderungen abzusehen. (Beifall rechts.)

Abg. Werner (Antts.) wünscht, wie bereits manche vor ihm, daß an Stelle der Osrmarkenzulage an einzelne Beamte die gesaiiitc Untcrbeamtenschast bester gestellt werden möge. In Sachen der Unterbeamter! stell: er sich auf den Standpunkt des verehrten Kollegen Kopsch: Nicht Hetze nach unten, sondern Ueberzeugung nach oben! (Beifall rechts und bei der freis. Volkspartei.)

Geheimrat Ncumnnn legt die Grundsätze dar bezüglich der An­rechnung des Militärjahrs auf das Besoldungsdienstalter.

Abg. Erzbcrger (Ztr.): Wenn die Herren von der freisinnigen Volkspartei hier das Bedürfnis fühlen, eine Extratour mit den Herren von der freisinnigen Vereinigung aufzuführen, so kann uns das ja schließlich gleichgültig sein. Wir glauben ja nicht, daß cs zu einer förmlichen Ehescheidung zwischen der männlichen Linie und der weiblichen Linie der Freisinnigen kommen wird. Das würde ja auch keine weitere Folge haben, als daß der weibliche Freisinn sich in die liebevoll geöffneten Arme der Herren Bebel und Singer stürzt. Wenn uns dieser Ehezwist interessiert, so nur aus dem Grunde, weil dadurch das Schlagwort von der Vereinigung des Liberalismus in bewunderungswürdiger Weise deinonsttiert wird. sHeiterkett.) Das war ein erffeulicher Anblick, Bild und Rahmen scheint hier in gleicher Weise von den Sezessionisten geliefert zu sein. Im übrigen wünschen wir den Herrschaften viel Glück und guten Erfolg im wetteren Verlauf dieses interessanten Scheidungsprozestes. (Hetterkeit.)

Was die Koalittonsfreiheit der Unterbeamten betrifft, fo bin ich in der Sache selbst mit Herrn Singer einverstanden. Freilich ist cs sonderbar genug! gerade die kleine sozialdemokratische Presse, die fortwährend dagegen wühlt, wenn energische Männer die Untcrbeamten zu koalieren suchen (Lachen bei den Sozialdemo­kraten), zu koalieren auf patriotischer und christlicher Grundlage. (Ja so!) Die Gründe des Staatssekretärs gegen die Beamtcn- koalitionen kann ich nicht als berechtigt anerkennen, gerade ein ein­heitlicher, über ganz Deutschland sich erstteckender Unterbeamten- vcrband würde durch Schafftmg eines eigenen Organs den außer­halb stehenden Hetzorgcmen das Master abgraben. Ich möchte den Staatssekretär bitten, wenn die Vorstände der einzelnen Bezirks- Verbände mit einander in Verbindung treten, um gemeinsame An­gelegenheiten zu erörtern, dem kein Hindernis in den Weg zu legen. Die Beamten werden dann schon ungehörige Elemente in energischer Weise ä la Kopsch abschütteln. (Heiterkeit.)

Abg. Metzger (Soz.) führt Beschwerde über' die Hamburger Oberpostdirektion, weil diese das Postamt in Finkenwerder in ein Haus mit einer Gastwirtschaft verlegt habe.

Abg. Krösell (Antts.) tritt für eine Aufbesserung der höheren Postbeamten ein, nach der Denkschrift könne ein höherer Postbeamter täglich nur 58 Pfg. für Fleisch ausgeben. Da stände sich doch ein Hamburger Hafenarbeiter bester. Die höheren Beamten befänden sich' also geradezu in einer Notlage. Er bitte den Staatssekretär, das Wort, das Shakespeare dem Cäsar in den Mund legt:Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein", zu beherzigen.

Abg. Schweickhardt (d. Volksp.) befürwortet die Resolution, die Portofreiheit für die Soldaten verlangt. Der Einwand, daß diese zu Betrügereien Anlaß geben könnte, sei nicht stichhalttg, da eine scharfe Kontrolle allen solchen Betrügereien vorbeugen könnte.

Abg. Dr. Potthoff (freis. Vergg.): Auf die Angriffe, die gegen

Deutscher Reichstag.

38. Sitzung vom 20. Feoruar.

1 Uhr. Das Haus ist s e h r s ch w a ch besetzt.

Am Bundcsratsttsche: Kraetke u. a.

Die zweite Beratung des P o st e t a t s tonb beim Staatssekretär" fortgesetzt.

Abg. Molkenbuhr (Soz.): Der Staatssekretär sprach gestern von polnischen Schikanen. Ich glaube aber, cs gibt doch kein natür­licheres Recht als das der Muttersprache. Aus diesem Grunde muß man doch auch den Polen gestatten, die Auffchriften auf den Briefen polnisch zu schreiben. Die Post ist nur ein Verkehrsinstitut hat sich nur um Verkehrsangelcgenheiten zu kümmern uiid hat sich im übrigen jeder polttischen Mwirkung zur Ausrottung einer Na­tionalität zu enthalten. Gestern sprach nach Herrn Stöcker der Abg. Kopsch. Wir sind gewöhnt, von Herrn Stöcker rückständige An­schauungen vorzuttagen zu hören. Aber ich muß doch sagen, Herr Stöcker ist ein Revolutionär, wenn man ihn mit Herrn Kopsch ver­gleicht. (Sehr gut! bei den Soz.) Seit dem Tode des Abg. von Kleist-Retzow hat man eine so reaktionäre Rede hier noch nicht ge­hört, wie sie gestern Herr Kopsch hielt. Herr Kopsch führte aus, man könnte nur durch Ueberzeugung nach oben etwas für die Be­amten tun. Tas sind aber doch genau dieselben Anschauungen, die b. Metternich, Tambach und Konsorten bei ihrer Temagogenhetzc leiteten, um Ehrenmänner ins Zuchthaus zu bringen. Das was Herr Kopsch sagte, war eine Vernichtung jeder Opposition. Damit wäre auch Seiner Majestät treiieste Oppositton nicht mehr zulässig. Herr Kopsch sagte ferner, man dürfe die Beamten nicht zu Hetzereien aufstacheln. Was versteht Herr Kopsch denn unter Hetzerei? Viel­leicht das Vorgehen der Sckzarftnachctblätter vom Schlagender Ham­burger Nachrichten", derFreisinnigen Zeitung", derPost". (Leb­hafte Znsttmmung und Sehr gut! bei den Soz.) DieHamburger Nachrichten" nennen ja stets Hetzerei, wenn man die Leute daram aufmerksam macht, daß sie auf irgend etwas einen Rechtsanspruch haben. Auch den Postbeamten muß das Vereins- und Versamm- unasrecht, das volle Koalitionsrecht, zustehen.

Abg. Dr. v. Jazdzewöki (Pole) bekämpft die Gewährung der Ostmarkenzulage an die Beamten in den polnischen Landesteilcn und sucht Die polnischen Adreffen mit den Bestimmungen der Post­ordnung, die von den Briefen nach dem Ausland handeln, zu reckt-

(Gelächter bei den Soz.)

Abg. Mommsen (Fr. Vg.): Die Anzapfungen des Herrn Kopsch konnten meine politischen Freunde dem Herrn v. Gerlach selbst über­lassen. Wenn Herr Kopsch erklärt, daß wir das Bestreben haben, nach wie vor mit der befreundeten freisinnigen Volkspattei zu­sammenzugehen, so könnte uns das vom Standpunkte der Einigung des Liberalismus vollkommen genügen. dlbcr die letzten Worte des Herrn Kopsch geben mir Anlaß, seitens meiner polittschen Freunde zu erklären, daß wir uns auf das allerenergischste dagegen verwahren müssen, daß Preßerzeugnisse gegen uns als Partei geltend gemacht werden. Außer dem Hause müffen wir uns daS gefallen lassen. Hieb im Hause hat niemand daS Recht, für bet# artige Erscheinungen uns verantwortlich zu machen.

Wenn Herr Kopsch gesagt hat, er halte es seitens seiner Parker für notwendig, von Herrn v. Gerlach abzurücken, wie Herr Brömel dies im preußischen Abgeorbnetenhaiise namenS der freisinnigen Vereinigung getan hat, so möchte ich ihn darauf aufmerksam machen, daß Herr Brömel jene Erklärung nur abgegeben hat in Bezug auf diese Preßäußerungen.

Im übrigen möchte ich erklären, daß Herr v. Gerlach diejenige, Anschauungen, die er inbezug auf die Postunterbeamten hier im Hause oertreten hat, nicht nur in Uebercinstiminung getan hat mit uns, mit derjenigen Fraktion, der er als Hospitant sich abgeschlossen hat, sondern in Uebereinstimmung mit großen Parteien dieses Hauses, namentlich mit dem Zentrum. Eine Koalittons- ffeiheit für die Postunterbeamten hat er nicht verlangt. WaS er verlangt fiat, und was wir alle verlangen, ist die volle Freihett des Vereins- und V mmnlungsrechteS für alle Beamten. Durch die Angriffe des Abg. Kopsch wird sich meine Partei nicht aus ihrer Zurückhaltung, die sie bisher geübt hat fierauslocken, lassen.

Abg. von Gerlach: DieFreisinnige Zeitung" greift fast in jeder Nummer den Dr. Barth tn der schmählichsten Weise an. DaS ist doch kein Mittel, das Interesse des Liberalismus zu fördern. Die letzte Bemerkung des Abg. Kopsch war noch nicht

mal sein geistiges Eigentum, ich habe sie auch schon

von Rednern' des Bundes der Landwirte gehört, soweit eS sich um Redner handelte, die unter der zweiten Güte waren. (Heiterkett.) Wenn meine Zeitung mal Zerrbilder bringt, so würde sie sich nur als gelehrige Schülerin derFreisinnigen Zeitung" erwiesen. Im übrigen bemerke ich noch, daß ich in der Diskussion mit dem Abg. Kopsch noch niemals Gelegenheit hatte, den VerS anzuwenden, den Antonius so oft am Schluß seiner Sätze sagte. (Heiterkeit.) Wenn mir im übrigen meine Wandlungsfähigkeit vorgeworfen wird, so muß ich mich sehr darüber wundern, daß dieser Vorwurf nur vonliberaler" Seite kommt. Wäre es dem liberalen Herrn lieber, ich wäre bei jenen alten Anschauungen geblieben? Dem ganzen Chor, der in diesen Vorwurf einstimmte, den Herren Liebermann von Sonnenberg, Graf Reventlow, Kopsch usw. kann ich nur mit dem Goetheschen Vers antworten:

Durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Das sind die Weisen, Im Irrtum verharren. Das sind die Narren."

(Große Heiterkeit.)

Damit schließt die Debatte.

Nach einigen persönlichen Bemerkungen wird der Tttel Staatssekretär genehmigt.

ES folgt die Absttrnmung über die Resolut io neu.

Angenommen wird die Resolution Grober (Ztr.) be*- treffend ^Vorlegung einer Statistik über die Dienstzeit und Sonntagsruhe der Postbeamten; ferner eine Resolutton ©röber, dafür Sorge zu tragen, daß auch die kirchlichen Feiertage, welche an Ort und Stelle von der Mehrheit der Bevölkerung gefeiert werden, gefeiert werden.

Angenommen wird auch eine Resolution des Zentrums, die die Einführung von PostanweisungS-Kuv e r 15 formen und eine Resolutton der freis. Volkspartei, die eine Statistik über Krankheiten und Todesursachen der Postbeamten fordert.

Sodann vertagt das Hans die weitere Beratung auf M - 11ag 1 Uhr. (Vorher GeschäftsordnungS-KommissionSberichtc 1 r. Ver­weigerung der Strafverfolg ttngserlaubnrs uege« ver­schiedene Mitglieder.)

Schluß 6i Uhr.

Herrn von Gerlach gerietet sind, will ick mcht emgehen. Ich mochte nur mein Bedauern aussprechcn über den Ton, den Herr Kopsch gestern angeschlagen hat. Damit hat man dcm Liberalismus lernen Dienst erwiesen und nur Schadenfreude auf der Rechten hervor­gerufen. Das dient doch nicht dcm Ziel, das wir anftreben, einer größeren Einigung des Liberalismus. Sachliche Meinungsver­schiedenheiten zwischen den liberalen Parteien sollten doch m an­derer Weise außerhalb des Hauses und in einem anderen Tone aus- getragen werden. Ich glaube auch nicht, daß die Wählerschaft an solchen Katzbalgereien Freude hat. . ...

Präsident Graf Ballestrcm: Der Ausdruck Katzbalgerei ist un­zulässig. Hier sind doch keine Katzen. (Große Heiterkeit.)

Abg. Dr. Pothhoff (forffahrend) tritt darauf für eine Ver­besserung der postalischen Verhältnisse im Fürstentum Waldeck cm. Er rühmt den den Waldeckern eigenen Zug zur Heimat, den man hegen und pflegen müsse.

Staatssekretär Krnctkc geht auf verschiedene Einzelwünsche ein. Er betont nochmals die überaus günstige Kriminalität unter den Postunterbeamten. Daß es so gut stehe, daran habe die Ver­waltung das Verdienst. Dem Abg Kristel! gegenüber beftrertet der Staatssekretär, daß die Anstellunasverhältnifie bei der Post be­sonders schlimm liegen. Im Forsffach liegen sic noch viel schlechter.

Abg. v. Gerlach (Hosp, der Freis. Vergg.): Hch bin mit dem Abg. Kopsch vollständig einer Meinung, daß die Zeit dieses Haufts nicht dazu verwendet werden muß, um Preßpolemiken fortzusetzen und persönliche Streitereien auszufechtcn. Die vorübergehende Er­wähnung derFreisinnigen Ztg." ich habe sie übrigens gar nicht einmal erwähnt, ick sprach nurvon einem liberalen Blatte gab Herrn Kopsch den Anlaß, vom Leder zu ziehen. (Heiterkeit reckts.) Ick habe den Eindruck, daß seine Ausftihrungcn ein starkes komisches Moment enthielten. (Sehr gut! links.) Herr Kopsch gab sich die Mühe, zu schütteln und zu schütteln, bis der Präsident das Wetter» schütteln untersagte. (Glocke des Präsidenten.)

Präsident Graf Dallestrem: Ich muh den Herrn Abgeordneten ersuchen, nickt meine Anordnungen in den Bereich seiner Ausfüh­rungen zu ziehen, weder wohlwollend noch minder wohlwollend. (Heircrkeit.)

Abg. v. Gerlach (forffahrend)- Man kann doch jemand nur von einem Baum schütteln, auf dem er sitzt. Ich besinne mich aber nicht, jemals auf dcm dürren Baum gesessen zu haben, von dem mich Herr Kopsch abschüttcln wollte. (Große Heiterkeit.) Vielleicht auch nur von dcm dürren Ast eines sonst besseren Baumes. Herr Erzbcrger fiat mm diesen Familienzwist, wie er sich ausdrückte, unter dem Ge­sichtspunkte betrachtet, daß dadurch dic Einigung des Liberalismus eine erwünschte Illustration erfahre. Nun, die deutsche Volkspartei hat zu meiner Genugtuung beschlossen, ein engeres Zusammenrücken der liberalen Parteien herbeizuführen. ...

Präsident Graf Ballestrcm (unterbrechend): Herr Abgeord­neter, die Einigung der liberalen Parteien gehört doch nicht zum Posteiat. (Große Heiterkeit.) r

Abg. v. Gerlach (forffahrend): Es war charakteristisch, daß während der Ausführungen des Herrn Kopsch eine Stimmung herrschte auf der rechten Seite des Hauses, wie sie selbst während der Rede der Herren von der Rechten nie zu herrschen pflegt. (Sehr wahr! bei der freis. Vgg.) Es war eine wahre Jubelstimmung. Das war charakteristtsch, weil es bewies, wem mtt solchen Aus­führungen gedient sei. (Lebhafte Zustimmung bei der freif. Vgg.) Sogar die Ausdrucksweise der Reckten hat Herr Kopsch in völlig kongenialer Weise sich angeeignet. (Sehr gut! bei der freis. Vgg.) Er sprach vonHetze nach unten", gebrauchte also die Ausdrücke, die ihm selbst gegenüber in der Trakehner Affaire von der Rechten gebraucht waren. (Sehr gut!) Interessant war auch die liebens­würdige Art und Weise, wie Herr Kopsch auf dic Aeuherungen der Herren Liebermann von Sonnenberg und Graf Reventlow ein­ging. Er zitierte sic so überaus wohlwollend, wie ja auch jetzt eine so über alle Maßen wohlwollende Sttmwung für deren Ge­sinnungsgenossen bei der freisinnigen Volkspartei in Eschwege- Schmalkalden herrscht. (Sehr gut! bei der freis. Vgg.) Auch das ist ein interessantes Zeichen der Zeit. Ich denke: wenn Herr Kopsch sich so angelegentlich mit meiner Vergangenheitspolitik beschäftigt, so hätte er weit mehr Anlaß, sick mit der Gegenwartspolitik seiner engeren Parteifreunde zu beschäftigen.

Herr Kopsch sagte, es zeuge von der Selbsteinsckätzung meiner Person, daß ich über diese Dinge so gesprochen hätte. Er meinte, keiner der hier anwesenden Rcoakteure könnte es hierin mit mir aufnehmen. Nun, Herr Kopsch ist zwar nicht Redakteur, aber in puncto Selbsteinschätzung .... (Heiterkeit.) Er sagte neulich in einer Berliner Bczirksvcrsaimnlung:Ich werde meine Reden als mein geistiges Eigentum erklären (Schallende Heiterkeit) und will den sehen, der mir mein geistiges Eigentum raubt. (Erneute Heiterkeit.) Ich erinnere mich nicht, daß vor Herrn Kopsch irgend ein anderer großer Redner, von Demosthenes bis Bismarck und Charmerlain, derart das geistige Eigentum an seinen Reden in Anspruch genommen hätte. (Heiterkeit.)

Herrn Kraetke will ich folgendes erwidern: Der Unterbeamten» Verband ist verboten, trotzdem in den Statuten ausdrücklich stand, daß es sein Zweck sei,Königsrreue. Vaterlandsliebe und Bildung" zu pflegen. Nimmt der Staatssekretär vielleicht Anstoß an dcm WorteBildung"? Der Verband hat nichts getan, was gegen die Königstreuc und Vaterlandsliebe verstößt. Einmütig bat sich der Reichstag für das Vereins- und Vcrsammlungsrecht der Unter» beamten ausgesprochen, deshalb möge der Staatssekretär endlich den Unterbeamten-Verband genehmigen.