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Viertes Matt.
154. Jahrgang
Mittwoch S L. Dezember 1904
Gießener Anzeige
Rotationsdruck und Verlag da BrÜhl'sch«, UnwersttätSdruckerei. R. Lange, Gieß«.
Redaktion. Expedition u. Druckerei: Schulstr.I, TeU Rr. 6L Telegr^Adr. r An-etg« Gtetz«,
Erscheint fllgfid) mit Ausnahme de- Sonntag-.
Die „Gletzener §amllienbl8tter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »Hesfische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giehen.
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Bekanntmachung.
Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Langsdorf.
Freitag, den 30. Dezember l. Fs., vormittags von 91/* Uhr bis 10 y4 Uhr, findet auf dem Gemeindehause zu Langsdorf die Entgegennahme der Wünsche bezüglich der Zuteilung der Ersatzgrundstücke der ganzen Gemarkung Langsdorf statt.
D'.e Wünsche sind schriftlich — mindestens aus i/2 Bogen — einzureichen, vom Grundstückseigentümer zu unterschreiben und sollen genau angeben, welche alte (nach Flur und Nr. zu bezeichnenden) Grundstücke zstjammengelegt und in welche Gewann die neuen Grundstücke gelegt werden sollen.
Wünsche, welche in dem obengenannten Termin nicht vorgebracht werden, haben keinen Anspruch auf Berücksichtigung. Friedberg, den 14. Dezember 1904.
Der Großherzv gliche Fe.dbcreiniguugskommissär: Spam er, Kreisamtmann.
Ämtliche Nachritzten über Viehseuchen.
Die unter dem Schweinebestande des Ludwig Müller zu Erd Haus en (Kreis Biedenkopf) ausgebrochene Rotlauf- seuche (Backsteinblattern) ist erloschen und die Stallsperre ausgehoben worden.
Der Schweinerotlauf in Cappel (Kreis Marburg) ist /rloschen, die Sperre aufgehoben.
Dolilische Tagesschau.
Deutsche Lotteriegemeinschaft.
Die „Bert. Pol. Nachr." schreiben:
Bei den mit den anderen deutschen Lokleriestaaten eingeleiteten Verhandlungen verfolgt die preußische Regierung das' Ziel, die im Lotterieu-esen herrschenden Mißstänoe zu beseitigen. Hierzu gehören vor allem das diedeneinanderbeslehen zahlreicher Staatslotienen, sonne die Ueberschwenunung Deutschlands mit veklamehasten Offerten. Eine Beseitigung dieser Mißstände läßt sich nur erreichen, wenn das Angebot in Staatslotterielosen in ein angcmejseners Verhältnis zu der ^Nachfrage gebracht wird. Dazu bedürfte es einer so starren Reduktion der gegenüber der Zahl und -Lpieltraft der Bevölkerung bei den nteiitm Lotterien unverhältnismäßig großen Spielkapitalieu, daß die Möglichkeit, für die Spieler günstige Chancen zu bieten,L mehr oder minder entfallen, andererseits bei den hohen Spesen den betreffenden' Staatskassen ein so hoher Einnahmeausfatl erwachsen würde, loie sie ihn nur schwer zu tragen vermöchten. Unter diesen Umständen ist für solche Lotteriestaaten der günstigste Ausweg die Beteiligung an der preußischen Staatslotterie. Dieser Weg ist daher in den mit MecU.enburg--Schnerin und Lübeck abgeschlossenen Verträgen m der Weise beschritten, daß diese Staaten ihre eigenen Lotterien eingehen lassen; sie erhalten hierfür eine in Berücksichtigung ihrer bisherigen Lotterieeinnahnien bemessene Jahres- rerue von Preußen. Preußen wird infolge der Einitellung der gedachten beiden Lotterien unschwer für seine mehr auszugebenden Lose Absatz finden können. Auch mit Mecklenburg-LNrelitz ist ein Staatsverlrag abgeschlossen, der diesem Staat, der dem Losevertrieb fremder Lotterien unbeschränkt und ohne jeden Lortell für die Staatskasse zuließ, eine sehr erhebliche Rente Preußens dafür sichert, daß er die preußische Lotterie in seinem Gebiete ausschließlich zuiaßt. Tie Vertrag» haben bereits die Zustimmung des mecklenburgischen Landtags und des lübeckischen Bürgeraus- jchusses gefunden. Da sie die Uebernahme dauernder Lasten für die preußische Staatskasse involvieren, werden sie demnächst auch den preußischen Landtag beschäftigen. Mit sämtlichen anderen deutschen Lotterie st aaten schweben ebenfalls Verhandlungen, über deren Abschluß noch nichts sicheres vrauszusagen ist.
Ter Held von Omaruru.
Mit dem Dampfer „Ernst Wörmann", der aus Swakop- tnund in Hamburg eingetroffen ist, i|t auch, Ha.npi.Mu.nin Franko, der Führer der 2. Kompagnie unserer Süd- mestasrikanischen Schutztruppe, nach Deutschland zurück- gelehrt. Er war es, der in den ersten Wochen des Herero- Aufstandes an der Spitze seiner Reiterschar Windhuk und Otuhandja befreite, dann nach Omaruru weiterrückte und auch doci nach schwereut zehnstündigen Gefechte den Feind vertrieb. Sparer zwangen ihn Rücksichten auf seine Gesundheit, lungere Zeit in Omaruru still zu liegen, doch konnte er im August an den Kumpfen am Waterberg im Stabe des Obersten Teimüng wieder teilnehmen. Nach: Wiederherstellung seiner Gesundheit gedenkt Hauptmann Franke wieder in das Schutzgebiet zurückzukehren.
Vor seiner Abreise voit Swakopmund vereinigte sich die dortige Bürgerschaft zu einem Fackelzuge für den vielbewunderten Offizier. Rechtsanwalt Wasserfall feierte den „berühmten Ritt der Kompagnie Franke".
Von Hamburg aus hat sich Hauptmann Franke nach Berlin begeben. Ein Mann von seiner Kompagnie befindet ji4)i gleichfalls unter den Heilugetehrten. Von den O,fi- zieren, die dieser Kompagnie bei Ausbruch des Krieges angehörten, ist außer dem E h e f n i.e m an d mehr am Lebe n.
Der Dampfer „Ernst Wörmann" brachte ferner 58 Re- tonvaleszeutelp unter Führung des Hauptmanns Grube aus Südwestafrika mit. Tie Verlvundeten begaben sich nach Berlin, einige Thphusrekonvaleszenten blieben zurück, um im Altonaer Militärlazarett weiter behalidelt zu werden.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 21. Dezember 1904.
*• Personalien. Se. Kgl. Hoheit der Groß Herzog haben die Erteilung des Kommissoriums als stellvertretender Bevollniächtigter zum Bundesrat an den vortragenden Rat in der Abteilung deö Großh. Ministeriums der Finanzen für Steuecwejen, Geheimen Oberfinanzrat Wilhelut Dorn sei ff, genehmigt.
Oeffentliche Anerkennung einer edlen Tat. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben denn Schiffer Friedrich Hammel VI. zu Nierstein, in Anerkennung der von ihm am 16. Juni l. IS. mit Mut und Entschlossenheit.
sowie unter eigener Lebensgefahr vollzogenen Rettung des Karl Vorreuther zu Neckarsteinach vom Tode des Ertrinkens, die Rettungsmedaille verliehen.
** Schloß Lich und Schloß Hohensolms behandelt neben einer Reihe anderer „Stammsitze weiland regierender Häuser" ein illustrierter Artikel im Heft 8 der „Modernen Kunst" (Verlag von Rich. Bong, Berlin W 57. Preis des Heftes 60 Psg.). Der Verfasser Chlodwig Graf zu Sayn-Wittgenstein ist einer der Berufensten auf diesem Gebiete.
** Der juristischen Fakultätsprüfung haben sich im laufenden Semester 46 Kandidaten unterzogen. Von ihnen haben 14 mit der Note „genügend", 12 „im Ganzen gut", 3 „gut" und 1 „sehr gut" bestanden. Die Prüfung von zwei Kandidaten ist wegen Erkrankung noch nicht zum Abschluß gelangt.
** Prüfungen. Die diesjährige Gerichtsschreiber" Prüfung fand vom 5. bis 17. Dezember im Justizpalast in Darmstadt statt. Wegen des großen Andranges wurde in zwei Abteilungen geprüft und es beteiligten sich bei der ersten Abteilung 24 und bei der zweiten 21 Kandidaten. Die Prüfung der Gerichtsvollzieher- und Polizeikomnussariats- Aspiranten hat auch begonnen. — Im Laufe der verflossenen Woche unterzogen sich bei der Oberpostdirektionsbehärde Darmstadt sieben Postgehilfen, worunter drei Examinanden zum zweiten Male, dem Postassistenten-Examen. Von den sieben Prüflingen bestanden nur vier das Examen, unter denen sich die drei Repetenten befinden. Bei sämtlichen in letzter Zeit abgehaltenen Prüfungen hatte das Examen für mindestens 50 Prozent der Gehilfen einen negativen Erfolg.
** Die Karneval-Gesellschaft Gießen ist, wie aus dem Anzeigenteil zu ersehen ist, gewillt, bei der diesjährigen Weihnachtsfeier zehn arme hiesige Kinder zu Weihnachten zu beschenken. Bedürftige Familien mögen sich auf dem Großh. Polizeiamt, Zimmer Nr. 4, bis spätestens den 28. d. M. melden.
** Gesindevermittelung. Diejenigen Dienstherrschaften, welche eine Gesindeoermittlerin zur Erlangung eines Dienstinädchens beauftragen, seien darauf aufmerksam gemacht, daß die Gesindevermittlerin in jedem einzelnen Falle verpflichtet ist, beim Großh. Polizeiamt einen Auszug aus dem Gesinde-Register von dem Dienstboten zu erheben und aus Verlangen der Herrschaft vorzulegen. Die Auszüge enthalten die von den Dienstboten hier innegehabten Stellen, sowie die ihnen früher erteilten Zeugnisse. Alle Herrschaften sollten im eigenen Interesse in jedem einzelnen Falle vor Eingang eines Mietverhältmsses aus der Vorlage dieses Auszuges unbedingt bestehen.
** Ein Verein gegen Klatschsucht hat sich dieser Tage in der ostpr. Stadl Insterburg gebildet. Die Ziele des Vereins gehen dahin, der Klatsch- und Verleumdungssucht energisch entgegenzutreten und die gerichtliche Bestrafung verleumderischer Elemente zu veranlassen. Zu diesem Zweck wird jede gehässige, verleumderische und achtungverletzende Aeußerung, von der ein Mitglied Kenntnis erhält, der betrogenen Person anr gerichclichen Verfolgung mitgeteilt, wobei die Namen des Urhebers der Verleumdung oder des eigentlichen Missetäters, sowie die Zeugen genau bezeichnet werden. Tie Mitglieder dieses Vereins sind verpflichtet, ihre Zugehörigkeit zum Verein streng geheim zu hatten. Der Verein ist auch erbötig, durch Gewährung von Prozeßkostenvorschüssen die Verleumdeten zu unterstützen. — OE) nicht ein solcher Verein auch in — anderen Orten not täte?
-e- ©rüningen, 20. Dez. Heute wurde der hiesige Gemeindeeinnehmer Christian Leidich II. auf seinen bei Großh. Kreisamt Gießen ausgesprochenen Wunsch hin von seinem Amte entbunden. Es wurde ihm im Jahre 1848 übertragen und er bekleidete es also 56 Jahre lang. Der 85jährige Greis, dem erst vor Kurzem die treue Gattin starb, ist körperlich noch rüstig und geistig sehr frisch und sicherlich der älteste Gemeinderechner Hessens.
A. Rinderbügen, 18. Dez. Ein zirka 5 Zentner schwerer Schraubstock rutschte aus und begrub den Schweizer I. Siebert vom hiesigen Gutshos unter sich. Siebert wurde schwer verletzt ins Krankenhaus nach Büdingen verbracht.
1. Nidda, 19. Dez. Bei der heutigen Kreistagswahl hier wurde Landtagsabg. Erk wiedergewühlt.
verinisehres.
* Ein Weihnachtsgeschenk Kaiser Wilhelms II. Ein originelles Geschenk erhält König Eduard VII. von England in jedem Jahre von seinem kaiserlichen Neffen, Wilhelm II., zum Weihnachtsfeste. Es besteht nämlich aus einem riesigen — Wildschweinskopfe. Der stellt die piece de' rösistance des Weihnachtsdiners dar, zu dem die gesamte königliche Familie, Kinder und Enkel, sich auch diesmal in Sandringham versammeln wird. Einem alten Brauche gemäß vollzieht sich das Hineintragen dieses in England eine seltene Delikatesse bedeutenden Gerichtes unter allerlei Cere- mcnicn. Daß der Wfldschweinskopf sehr schön und appetitlich hergerichtet und mit allerlei guten Dingen garniert ist, versteht sich von selbst. Mit seinen sorgsam polierten weißen hervorstehenden Hauern macht er dann einen höchst imposanten Eindruck. Serviert wird er auf einer eigens für ihn bestimmten riesigen silbernen Schüssel, die auf die Schmalseite gestellt, einem normalen Ntenschen bis zur Schulter reicht. Zwei Diener tragen ihn nun feierlich in den Speisesaat, und m dem Augenblick, da sie auf dessen Schivelle erscheinen, intoniert die Kapelle, die das Rlahl nut ihren Klängen begleitet, ein altes Lied, dessen Text auf Deutsch etwa lautet:
„Wir bringen dem König auf unserer Hand Den Wildschweinskopf aus fernem Land; Lorbeer und Rosmarin gar sein ihn bedecken, Nun laßt, liebe Leute, ihn fröhlich Euch schmecken!"
Es versteht sich, daß dieser Augenblick der Glanzpunkt des Festmahles und namentlich das Entzücken der kleinen und kleinsten Prinzchen und Prinzeßchen ist. — Kaiser Wilhelm II. ist übrigens nicht der einzige Monarch, der Geschenke in eßbarer Form zu Weihnachten versendet. Er selbst erhält vom Zaren alljährlich ein Fäßchen des allerbesten Caviars und vom König von England, als Revanche, eine Ausivahl schönster Puten und Roastbeefs, — Erzeugnisse Sandringhamer Zucht.
* Das Hinaufgehen des Heiratsalters in den höheren Ständen, eine ziemlich bekannte Tatsache, wird jetzt auch durch eine kleine Erhebung nachgewiesen, die Privatdozent Dr. Heller (Berlin) angestellt hat. Er berichtet darüber in der „Hygienischen Rundschau". Heller berechnete Stand und Heiratsalter von je 300 Eheschließenden nach den Registern der Standesämter Charlottenburg I und II. I umfaßt die wohlhabenden, vorwiegend zu Berlin W. gehörenden, II die übrigen Stadtteile. Von 600 heiratenden Männern gehören 414 den sogenannten unteren Ständen an, d. h. sie waren Arbeiter, Handwerker, Krämer, Budiker, kleine Beamte, Untermilitärs; 186 gehörten den höheren Ständen an, waren Kaufleute, Eigentümer, Landwirte, Ingenieure, Techniker, Studierte, Künstler, höhere Beamte, Offiziere. Von der ersten Kategorie waren bei der Eheschließung 78 pCt. bis 30 Jahre, 62 pCt. bis 27 Jahre; von der zweiten Kategorie 49 pCt. bis 30 Jahre, 28 pCt. bis 27 Jahre. Die Zahlenunterschiede sind allerdings ganz gewaltig.
* Ein „Duell" zwischen den amerikanischen Finanzgrößen Greene und Lawson ist durch einen Vergleich aus der Welt geschafft worden, sehr zum Leidwesen des amerikanischen Publikums, das sich auf eine Sensation gespitzt hatte. Greene, der Kupferkönig und frühere Cowboy, kam nach Boston zu einer Unterredung mit Lawson. Statt aber seinen Revolver zu benutzen, auf dessen Kolben vier Kerbschnitte ebensoviel Menschenleben bedeuten, die „Branche Bill", wie des früheren Cowbois „Künstler"-Name lautete, ms bessere Jenseits beförderte, empfing Greene seinen Gegner aufs liebenswürdigste im Hotel. Sie schüttelten sich freundschaftlichst die Hand und hatten dann eine zweistündige Unterredung, nach deren Beendigung Greene verkündete, daß sie Frieden geschlossen hätten. Die Folge dieser Zusammenkunft war, daß die Aktien der Greenschen Kupferbergwerke, die von 34 auf 22 Dollar gefallen waren, mit einem Sprunge aus 26,50 Dollar stiegen.
Kunst unv Wiffeuschast.
— Von der bereits angekürrdigten „Großherzoa Ernft Ausgabe Deutscher Klassik er" sind soeben dte beiden ersten Bände erschienen. Sie enthalten Goethes Romane und Novellen Bd. 1 und Schillers Dramen Bd. 1. Wir zweifeln nicht, daß diese Bände den Beifall aller echten Bücherfreunde haben toerden. Mit allem deutbaren Aufwande wird hier versucht, Klassiker-Ausgaben zu schassen, die ihren Besitzern innige Freude machen, die man immer wieder mit Händen^ der Liebe sanft streicheln möchte, in die man sich mit der Llndacht Versentt, die man einem schon in seinem Aeußeren vornehmste Gediegenheit und formale Schönhett zeigenden Buche in Erwartung außerordentlichen Genusses entgegenbringt. Es ist wahrlich Hn Vergnügen, diese Bände nur anzusehen und an-ufassen. Man hat den Wunsch, sie stetig bet sich zu führen. So ist hier die Möglichkeit gegeben, daß unsere Geistesheroen in ganz anderer Weise als bisher wirkliches Befitzwm der Gebildeten werden. Auch die schöne, klare und einfache Antiquasck-rist wird auf das wohltuendste empfunden rverden. Jeder Band kostet, in Leder gebunden, 4 Mk. 50 Pfg.
Berlin, 19. Dez. In der gestrigen Vorstandssitzung des Deutschen Sprachvereins, die von Vertretern aus allen Teilen Deutschlands und Teutsch-^Oesterreichs stark besucht war, wurde beschlossen, die nächste Hauptversammlung des Sprachvereins in den Pfingsttagen kommenden Jahres in Duisburg abzuhalten. Ter Vorstand nahm zwei größere dem Verein zuteil getvordene Zuwendungen an; ein Vermächtnis des verstorbenen Oberstleutnants Petri in Aiünchen und eine Schenkung des Großkaufmanns Heinrich Kretschmar in Hamburg. Tie Beratungsgegen- stünde betrafen im wesentlichen innere Angelegenheiten des Sprachvereins, der gegenwärtig über 25 000 Mitglieder in 274 Zweigvereinen zählt und neuerdings auch in den Vereinigten Staaten.^ von Amerika in mehreren Großstädten festen Fuß gefaßt hat.
— Können wissenschaftliche Größen gezüchtet werden? Tiefe Fwage beantwortet, wie aus Leipzig, 13. Dez., geschrieben luirb, der Leipziger Physiologe und Chemiker Professor Ostwald, selbst eine wissenschaftliche Größe ersten Ranges in seinem auf dem internationalen Kongreß für Wissenschaft unb Kunst in Saint Louis über die „Theorie der Wissenschaft" gehaltenen Vortrage in bejahende m Sinne. Er sagt am Schluß: „Bisher ist es als ein völlig unkontrollierbares Ereignis angesehen lvorden, ob und wo ein großer und einflußreicher Mann Oer Wissenschaft sich entwickelt hat. Man ist wohl im klaren darüber, daß ein solcher zu den kostbarsten Schätzen gehört, welche ein Volk (unb schließlich die Menschheit) besitzen kann, die bewußte und regelmäßige Züchtung solcher Seltenheiten ist aber nidnt für möglich gehalten worden. Während dies auch jetzt nod> für den ganz außerordentlichen Genius zutrifft, sehen mir in den Ländern älterer Kultur, zurzeit hauptstichlich in Deutschland, ein Erziehungs s y st e m an den Universitäten in Wirksamkeit, durch welches eine regelmäßige Ernte an jungen Männern der Wissenschast erzielt wirb, lvelche nicH nur das überkommene Wissen beherrschen, sondern auch Die T e bin i k des E n Pb e e n s. Hierdurch ist das Anivachsen der Wissenschaft sicher und regelmäßig gemacht und ihr Betrieb aus eine höhere Basis gehoben worden. Diese Wirkungen sind bisher wesentlich, nach empirischem, ja zufälligem Vcrsal-ren erzielt worden. Eine. Aufgabe der Wissenschaftslehre ist, auch diese Tätigkeit regelmäßig und systematisch zu machen, sodaß der Erfolg nicht mehr von der zufällig vor- handeneu besonderen Begabung für die Bildung einer „schule/ allein nicht mehr abhängig ist, lonberit auch durch weniger originale Kopse cijiclt ii'ltocii kann. Auch dem hervorragend Begabten aber wird durch bie Beherrschung der Methode der Weg zu erheblich höheren Leistungen eröffnet, alö er ohne diese erreichen könnte."


