Ausgabe 
20.8.1904 Drittes Blatt
 
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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'Ich« UnwerfitätSbrucfereL R. Lange, Gteßm.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.E.

SeL Nr. 5L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gieße»

195 Drittes Blatt. 154. Jahrgang Samstag SO. August 1804

Erscheint täglich mit Ausnahme befl Sonntags. ? . A A 9

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^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der WP ff S M, . U W ffl B wL, BL ® U tVÄ Ä M

^hesstfch« Landwirt" erscheint monatlich einmal. " 1 NF NF NF ▼▼ « V ö NF V MH W NF

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Politische Tagesschau.

Ein Frauenhaar", nach des verstorbenen ungarischen Poeten Jokai Roman ist man versucht folgendes Geschichtchen zu betiteln, das sich in London zugetragen hat. Ein radikaler Abgeordneter verlangte im Unterhause Aufklärung, warum zwei weib­lichen Strafgefangenen, die sich in Untersuch­ungshaft befanden, das Haar abgeschnitteu wor­den sei. Die Interpellation traf den Minister des Innern unvorbereitet, aber er versprach', die Angelegenheit unter­suchen zu lassen. Zwei armen jungen Mädchen war also schreiendes Unrecht geschehen. Man denke nur, welche Bar­barei, den Aermsten ihren einzigen Schmuck, das lange, goldene Haar, als ob es nichts sei, ritsch, ratsch mit der Gefängnis schere abzuklippen! Nicht einmal Verbrecher­innen, bei denen schließlich solche Maßregeln begreiflich erscheinen möchten nein, ein paar unschuldig einge­sperrte Mädchen, die man, nachdem man ihnen nichts Böses hatte nachweisen können, schließlich doch lvieder laufen lassen mußte.

Indessen zog der Minister seine Erkuirdigungen ein and setzte sich in den Stand, die Frage des Abgeordneten gleich bei Eröffnung der nächsten Sitzung im Unterhause zu beantworten. Demzufolge werden Untersuchungshäft­lingen die Haare nicht abgeschnitten (Beifallsgemurmel), bei den fraglichen beiden Damen jedoch mußte eine Aus­nahme gemacht werden aus Reinlichkeitsgründen! Bei der Untersuchung seitens der Wärterin stellte sich nämlich heraus, daß dieDamen" eine solche Anzahl gewisser Tier­chen mitgebracht hatten, daß das Futter in Holloway- Prison nicht gereicht hätte, sie zu ernähren. Da überdies neben den lebenden Tierchen auch ganze Nester mit Spuren zukünfttger Geschlechter sich an den Haarwurzeln vorfanden, so war nichts übrig geblieben, als die Herrschaften zu scheren. Soweit die Erklärung des Ministers, der noch hinzufügte, daß ähnliche Maßnahmen nur auf Bestirnrn- ung des diensttuenden Arztes vorgenommen unb die Selbst­achtung der Gefangenen stets nach Möglichkeit gewahrt würde.

Recht heitere Zustände übrigens im Lande der verbrief- ten Reinlichkeit, nicht?

Per neue Urand in Kerborn.

() Herborn, 19. Aug.

Heute beleuchtet die Sonne ein weites Trümmerfeld, oenn einschließlich der alten Brandstätte liegt eine ganze Straßenfront von etwa 350 Meter Länge, wo ehemals 6 0 Scheunen und 26 Wohnhäuser standen, in Schutt und Asche. Nur in der Mitte ragt einsam ein Haus nebst Scheune heraus und zeigt, wie ehemals die Sttaßenfront beschaffen war. Heute früh ttaf eine weitere Abteilung Pioniere ein, natürlich auch zahlreiche Fremde. Etwa 16 Fa­milien sind wieder obdachlos geworden, mit den vorigen zusammen 30. Der jetzige Schaden ist abermals recht groß und Hilfe ist dringend nötig. Ein hochherziger Bürger soll angesichts des Elendes 1000 M k. ge - spendet haben. Der Kaiser hat zur Nebermittlung an die Abgebrannten eine Spende von 600 Mk. über­wiesen. Was die Ursache des Brandes anbelgngt, so spricht man auch heute allgemein von Brandstiftung; ein Mann, der sich durch Redensarten verdächtig machte, wurde verhaftet. Die Bürgerschaft ist in Angst und Aufregung, weil man glaubt, daß diesem Unglück noch weitere folgen werden. Das Gerücht, der Brandstifter sei Bereits ver­haftet worden, bestätigt sich leider nicht. Wie sich heraus- stellt, war die verhaftete Persönlichkeit nur wegen Bettelei festgenommen worden.

Aüs KtaSt und Land.

Gießen, den 20. August 1904.

** Ausgewandert sind aus dem Großherzogtum Hessen im Fahre 1903 im ganzen 434 Personen (auf 100 000 Änwohner 37, während dieses Verhältnis im Deutschen Reich 61 beträgt). In den 20 Jahren von 1884 bis 1903 sind aus dem Deutschen Reiche ausgewandert 1304 825 Per­sonen, aus Hessen 25417; für diese Zeit kommen für das Deutsche Reich auf 100 000 Einwohner 2630, für Hessen 2551; hier ist demnach die Verhältniszahl für Hessen be­deutend größer als für das Jahr 1903. Die Auswander­ung aus unserem Großherzogtum hat seit 1894 erheblich ab genommen, wie folgende Zahlen zeigen: Es wanderten aus: 1884 3175, 1885 2503, 1886 1725, 1887 2334, 1888 2220, 1889 2011, 1890 2122, 1891 1992, 1892 1716, 1893 1422, 1894 515, 1895 693, 1896 558, 1897 468, 1898 316, 1899 328, 1900 215, 1901 285, 1902 385, 1903 434.

X Die Zeit des Dünsbergfestes ist wieder nahe herbeigekommen. Der erste September-Sonntag ist dazu be­stimmt. Nach der am 21. April d. IS. abgehaltenen Haupt­versammlung zählte der Verein im abgelaufenen Geschäfts­jahre 341 Mitglieder, von denen 271 auf Gießen und 70 auf Wetzlar entfallen.

** Die Gesamtfläche des mit Weinreben be­pflanzten Geländes an der Lahn betrug im Jahre 1903 : 414 Hektar gegen 904 Hektar im Jahre 1902. Von den 414 Hektar standen 367 Hektar in Ertrag gegen 350 Hektar im Jahre 1902. Geerntet wurden im Jahre 1903 insgesamt 3948 Hektoliter Wein = ^Z-Herbst.

** Im Taunus erzählt man sich folgendes Geschichtchen: Ein Kaufmann aus Z. hatte seine Frau, die er stets auf Händen trug und mit Vorliebe seineWeltt nannte, in die Sommerfrische geschickt. Während ihrer Abwesenheit machte er sich nun heftig an das Dienstmädchen heran.Aber wie kommen Sie mir denn vor, Herr 3E. ? Sie haben doch Ihre Frau so gern rmd nennen sie immer Ihre Welt!" meinte das Dienstmädchen.Ja," erwidette der verliebte Ehemann, es giebt doch zwei Welten, eine alte und eine neue."

** Folgende wunder hübsche Bekanntmach­ung findet sich in einem hessischen Blättchen:5 Mark Belohnung demjenigen, der mir den Täter (welchem ich bereits auf der Spur bin) genauer ermittelt, welcher mir im Monat März d. I., als derselbevoll" von Darmstadt, speziell vom Bahnhof, mit einem 18jäbrigen Pferdchen ab­geholt und zwischen 1 und 2 Uhr wieder den Privatbau verließ, wobei sich derselbe soweit verging, daß er mir zwer Dmrmschoner stahl, einen tadellosen Apfelbaum ab- schnitt, und einen andern, den obersten am Wieg, jedoch um über die Hälfte durchschnitt. Diese Rache ist nicht am Platze, und fordere ich den Herren auf, mir selber gegen­über zu treten, und sich nicht verhetzen zu lassen von feigen Menschen, wie er sonst selber einer ist. Auch kann ihn sein Rädelsführer, der Berichtemacher A., und seine Zuhälter, wenn die Sache zum Austtag kommt, nicht von Strafe befreien. Der Berichtemacher ist derjenige mit dem unge­waschenen Hemd und dem hohen, steifen Papierkragen. Georg Fenchel, WirtschaftZur schönen Aussicht' in Messel."

r. Rodheim a. d. Bieber, 18. Aug. Mit nächstem Sonntag beginnt auch für die hiesige Gegend die Zeit der Kirchweihfeste. Unser großes Dorf macht damit den Anfang. ES werden wieder die Trompeter vom 47. Feld- Artillerie-Regiment aus Fulda musizieren.

S. W. K. Mainz, 19. Aug. Vor wenigen Tagen feierte der Schutzverband Mainzer Hauseigentümer sein 25jähriges Bestehen. Bei dem Jubiläumskommers äußerte Kommerzienrat Haffner, der in seiner Eigen­schaft als Beigeordneter die Stadt Mainz vertrat:Blerben Sie Ihren gesunden, soliden Grundsätzen treu, dann be­darf es keiner sogenannten gemeinnützigen Bau­genossenschaften, die billiges Geld von Staat und Stadt fordern auf Kosten der Allgemeinheit, um damit Konkurrenz zu machen, alles unter der Flagge der Wohl­tätigkeit." Das ist eine höchst befremdende Aeußerung in einer Zeit, da Staat, Gemeinden und Private es für eine der ersten sozialen Aufgaben ansehen, für Unbemittelte billige und gesunde Wohnungen zu schaffen.

fc. Fran kfur t a. M., 19. Aug. Eine Kapitalisten­gruppe plant die Einführung der Großschlächterei für Frankfurt a. M. und die umliegenden größeren Städte. Am 1. April n.. I. soll der neue Betrieb in Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt usw. eröffnet werden.

Kleine Mitteilunaen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Aus Nonnenroth bei Hungen er­zählt dieA O. Z." folgendes: Am vergangenen Sonntag passierte ein Automobil mit drei Herren als Insassen unseren Ort. An der Straße spielten eine Schar Mädchen. Das Automobil hielt, einer der Herren stteg aus, ttat zu den Kindern und fragte sie:Wvs für Bröschchcn ttagt ihr denn da? Wißt ihr denn auch wen das Bildchen darstellt?" Hierauf erfolgte die fast einstimmige Antwort:Das ist ja das verstorbene Prinzeßchen Etrsabeth von Hessen." Und das war meine Tochter", erwiderte der Herr gerührt und fuhr weiter. Erst jetzt wußten die Kinder, wer sich mit ihnen unterhalten hatte. DieN. Hess. V." schreiben: Die sogen. Seufzerbrücke zwischen dem neuen und alten Justizgebäude in Darmstadt wird zurzeit hergestcllt. Die mächttge Eisenkonsttuktton scheint darauf schließen zu lassen, daß man mit dem Transport sehr schwerer Verbrecher rechnet. Au! In einer Nervenheilanstalt in Wies­baden hat sich die 42jährige Frau des Kreisarztes Dr. Herndörfer aus Ncidcnburg in ^Ostpreußen mit Gh tor-

fo.lt bereiftet. Der ausführlichen Meldung eines zuverlässigen Berichterstatters entnehmen wir, daß sich der katholische Dekan aus W. bei Alzey demnächst vor der Strafkammer in Mainz wegen Kuppelei zu verantworten haben wird. Am Sonntag ist in Eastans Panoptteum in Frankfurt wieder ausnahmsweise der Eintrittspreis auf 50 Pfg. festgesetzt. Es sind alle Sehenswürdigkeiten, inkl. Theatersaal, wo sich die zusammengewachsenen Zwillings- schwestern produzieren, für diesen Preis eingeschlossen. Die Zwillingsschwestern sind nur noch kurze Zeit zum letzten Male hier in Frankfurt zu sehen. Sie unternehmen dem­nächst eine längere Tour nach Belgien und später nach Amerika.__________________________________________

Land- und Kuraufenthalt im Vogelsberg und Odenwald.

In letzter Zeit war die Rede davon, daß die Zahl der Sommer­gäste und Touristen im Vogelsberg und Odenwaü) außergewöhnlich groß sei, ja daß an manchen Orten, in manchen Pensionen An­fragen hätten zurückgewiesen werden müssen. Gewiß so schreibt man uns hat der u ngewöhnlich warme Sommer manchen in die Wälder und in das heimische Gebirge getrieben, der sonst, zu Hause geblieben wäre. Einen großen Teil der Besucher ver­danken aber unsere heimischen Gebiete neben dem Wohlwollen der Presse den Empfehlungen und der Tättgkett des hessischen gemeinnützigen Vereins für Kur- und Landaufenthalt, der fast tausend Anfragende auf den Odenwald, .die Bergstraße und den' Vogelsberg hinwies, und in vielen tausenden Exemplaren seine grünen Hefte mit den Sommerwohnungen, Pechionen und Gast­häusern in alle Welt versandte. So solls auch mit einer neuen verbesserten Auflage des Heftes 'im nächsten Jahr sein! Hierzu gehört aber tätige Hrlre. Tie Vermieter von Sommerwohnungen und Witte sollen deshalb sich dadurch. dem Verein erketrntlich zeigen, daß sie ball» melden, wie viele auf die Empfehlungen des Vereins zu ihnen kamen, daß sie für nächsten Sommer ihre Wohnungen und Preise dem Verein schon jetzt mitteilen neftfi Angabe der etwa in Aussicht genommenen Verbesserungen, daß sic selbst Mitglieder des Vereins werden oder falls sie es schon sind ,neue Mitglieder an ihrem Ott werben, daß sie schon jetzt sich eine Anzahl der neuen grünen Hefte zum Selbstkostenpreis von wenigen Pfennigen zur eigenen Versendung voraus bestellen^ dmait der nächste Sommer sich für sie ebenso günstig gestalte, wie der jetzige. Alle Zuschriften dieser Att richte man an den Geschäftsführer des Vereins Hatt in Darmstadt, Wilhelmiiwn- straße 34, in besonderen Fallen an den Vorsitzenden des Vereins, Oberbergrat Chelius.

Manches fehlt noch in unserem Vereinsgebiet. Wahmmgen und Ausstattung der Zimmer lassen oft zu wünschen, gutes Quev-- wasser und Badegelegenheiten fehlen an Orten und einzelstehenden Häusern, wo man solche am ehesten erwarten sollte. Da heißt cs verbesiern! Ter Verein gibt gern Auskunft und Rat zur Wasserversorgung. Schnaken, Wespen und sogen, blinde Mücken haben manchen Kurgast gereizt. Man bestrebe sich, die Brutstätten dieser Plagegeister zeitig inr Frühjahr zu vernichten. (Tas zu tun hätte die Gie * heiter Stadtverwaltung wahrlich auch alle Veranlassung, denn die Scknakenplage in Gießen ist mrchgerade der­artig fürchterlich geworden, daß Gießen als-Strafkolonie für Bestochene ausettehen werden könnte! T. Red. d. Gieß. Anz.) Endlich fehlt es nodi Einzelstehenden an Sommerwohnungen außerhalb der Orte an hochgelegenen kühlen Stellen im Wald oder am Rand vom Wald. Tie wenigen Pensionen dieser Att haben in diesem Jahr weit mehr Anftagen erhalten, als sie Gäste aufnehmen konnten. Hochwaldhausen ist im Dau nicht so rechtzeittg, wie angekündigt, fertig geworden. Sollte es da nickt angezeigt erscheinen, die besteherckcn Sommerwohnungen dieser Art, wie Vierstöck, Neunkirchen, Glaubzahl, Tromm und wenige andere zu vergrößern oder weitere schön hochgelegene Waldplätze aufzusuchen, um neue Pensionen zu erttckten? An Gästen würde es nickt fehlen! Erschwerend für das Luftkur- und Badewesen ist es, daß die Fetten der Schulen, Hochschulen uni) der Juristen einerseits zu sehr auf kurze Zeit zusammengedrängt sind, anbei er* seits nicht zusammenfallen. Alle Welt will im Juli in die Sommerfttsche gehen! Da drängt sich dann alles, rmd im Juni rmd August ist's oft leer, obschon viel schöner da draußen. Abzubelfen wäre nur so, wenn in einer Stadt oder in einem Bezirk alle Fetten aller Bewohner auf dieselbe Zeit sielen, da­gegen dieser Bezirk oder diese Stadt im Juni, jene im Juli, eine ander' ^-iy-r im Aug'-*" Ferienzeit h"tte. _________ __

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