Ausgabe 
19.11.1904 Erstes Blatt
 
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Nr. 273

9r|«<tut UflU« außet SonnlagL.

Dem <Biefeenet Anzeiger werben im Wechsel mit dem Kessischen Landwirt die Gtrtzener Familien» llätltl viermal in bet Woche beigelegt.

RotalionSbmck u. Ver­lag bet BrÜ h l 'schen Unwers.-Buch-u. ©lein* btuderei. 91 Bange» Hebaftton, ^rpebUimi und Tnicfetet:

Gcholstestze 7.

tlbrefle tin Depeschenr Anzeiger Wietzen.

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Erstes Blatt.

154. Jahrgang

Samstag 19. November 1804

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Amts- und AnZeigeblaLt für den Kreis Gießen

veLogdpret», monathd) 75 KU oterteU Ktd) Dtt 2.20. durch

>le» u. Zweigstellen monatlich 65 Vs.: durch dieBosl M.2.- 'teilet* fährt au«scht Bestellg. Annahme von Anzeigen für d»e Tage-nummer bi- oormittagd 10 Uhr^ ßeilenprei«: lokal 12Pf» außipärtfl 20 Psg.

Verantwortlich fflt den polit und allgem. teil V. Wtttko: für ,tabt und $?anb* und ,©end)l6faal*: August Goetz, für den An- ^etqentetb. Hans Beck«

Nis k-cutrge Muromer umfaßt 18 Sritsn.

Valilllcke Taaes,schau.

Der Kaiser gegen die Soldatenmißhandlungen.

Ucbcr die Rede, die der Kaiser den Potsdamer Re­kruten nach ihrer Vereidigung gehalten hat, haben wir berichtet. Sie schloß mit der Aufforderung an die jungen Soldaten, den Rock des Königs vor Besudelungen zu schützen. Rach Beendigung der Vereidigungsfeier ries, wie jetzt eine Berliner Korrespondenz berichtet, der Kaiser die Regiments­kommandeure zusammen, um ihnen seine Wünsche betreffs der Ausbildung der Rekruten zum Ausdruck zu bringen. Der Kaiser betonte ganz besonders, daß das Hauptaugenmerk auf die Behandlung der jungen Mannschaft zu richten sei. Jeder Uebergrisf sei unnachsichtlich zur Mel­dung zu bringen, damit dem Schuldigen die verdiente Strafe zuteil werde.Ich würde", so etwa sagte der Kaiser,mich freuen, wenn die alten Klagen über Miß­handlungen u. s. w. endlich verstummten, denn nur der gut behandelte Rekrut und Soldat könne seine Pflicht treu und freudig erfüllen."

Es ist hock) erfreulich, daß nun auch der oberste Kriegs­herr mit aller Schärfe gegen die Soldatenmißhandliingen sich ausgesprochen hat. Erst die letzten, von uns aus Mainz berichteten Vorkommnisse schreien ja förmlich gen Himmel. Aber wird es nun wirklich anders werden? Wir fürchten, dieses Nebel kann nur beseitigt werden durch eine völlige Systemänderung. Die Ueberwachung unreifer, viel zu früh zum selbständigen Kommandieren berufener Jünglinge durch reifere Persönlichkeiten ist ebenso von nöten, wie die bessere militärische Erziehung zu vornehmerer Ton­art und Gesinnung, zur Achtung auch aller derer, zu deren Heranbildung sie mit berufen sind.

Ier Krieg.

Port Arthur

Tokio, 18. Nov. Ein Telegramm des General Nvji meldet die Z e r st ö r u n g einesweiterenrussiscbenArsenals und eines Magazins in Port Arthur. Die Japaner ent­deckten die Lage des Arsenals, konzentrierten ihr steuer daraus und erreichten die Zerstörung des Arsenals, indem sie 200 Gra­naten dahinschossen. Tie Japaner erweitern die Sappen und benutzen sie zum Heranbringen von Geschützen. Tie Russen fahren fort, herzhafte Ausfälle gegen die Sappen zu machen, wobei sie Handgranaten anwenden.

Tokio, 18. Nov. Im Kriegsministerium herrscht seit etwa vier Woeben eine aufs äußerste gesteigerte Tätigkeit. Man scheint alles aufzubieten, um den gewaltigen russischen Verstärkungen, die man nun unterwegs weiß, ein Paroli zu bieten. N o g i s Armee vor Port Arthur ist nun auch wieder durch erneute Reservetruypen auf ihre alte Höhe von 70 000 Mann gebracht. Eine große numerische, aber qualitativ gering anzuschlagende Verstärkung erwächst d-cm japanischen Heere durch die Heran- schaffuug und gute Ausrüstung zahlreicher Chungusenbanden, die alle dem Kommando japanischer Offiziere, die bislang in der Jnaktivit^'t waren, unterstellt wurden.

London, 18 Nov. Nach amtlichen Meldungen aus Tokio findet der angebliche Bericht des amerikanischen Konsuls in Tschffu fr hi'' Bestätigung, daß die äußeren Forts von Port Arthur in die Hände der Japaner gefallen seien und Stössel sich anschickt, alle Forts, Magazine, Docks und den Hafen zu zerstören und sich auf Liautuschan zurlickzuziehen. . _

London, 18. Nov. Tie Blätter veröffentlichen eine Pe­tersburger Meldung, wonach unter dem Vorsitz des Zaren ein außerordentlicher Staatsrat beschlossen habe, Stössel zu er­mächtigen, sich mit 5000 Mann nach der Liaott- s ch an-H a lb in sel zurückzuziehen, vorher aber alle Forts, Docks, Magazine und Kri^^^schiffe zu zerstören.

Vom Kriegsschauplatz.

Petersburg, 18 Nov. Wie General Ssacharow dem Generalstab vom 18 November meldet, machten die Japaner m der Nacht zum 18. Nov. einen Angriff auf einen Punkt vor dem Putilowhügel, wurden aber z u r ä ck g e s ch l a g e n.

Die Nordseeaffäre.

H u l l, 18. Nov. Tie vour Handelsamt veranstaltete Unter- I u ch u n g über die Nordseeaffäre wurde heute a hg e s ch l o s s e n, soweit sie den Tatbestand des Vorfalles betrifft. Tie Kommission zollte denk heldenmütigen Verhalten der Besatzungen der Fisch- dampf-rGull" undErane" besondere Anerkennung. Ter V'r- treter Rußlands schloß sich dieser Anerkennung an und sprach namens Rußlands sein tiefes Bedauern über den Vor­fall aus Tie Kommission beschloß, über die Frage der Ent­schädigungen in London zu beschließen, nahm aber schon Fest^ellung'.ur über die finanzielle Lage der verletzten Fischer und der Hinterbliebenen der Getötet'n vor." Der Führer des Dampfers Lino" verlangte 150 Pfund für Bergung des DampfersNio" der Führer desGull" 50 Pfund persönlichen Schadenersatz und 2000 Pfund für Rettung der Besatzung desErane". Andere als Zeugen vernommene Fischer verlangten emffchädigungen von 50 bis 100 Pfund. Im weiteren Verlaufe der Sitzung beantragte der Vertreter der Scbiffseigentümer, daß diejenigen Fischer, welche bei dem Vorfälle keine,äußeren Verletzungen, aber Nervenerschütte­rung erlitten haben, je 50 Pfund Entschädigung erhalten sollen Der Oberingenieur, desErane" verlangte 1500 Pfund, zwei andere Ingenieure je 1000 Pfund.

Paris, 18 Nov. Ter Text der K o n v e n t i o n zwischen England und Rußland ist nunmehr sestgestellt. Tie Fragen der Verantvwrtlichkeit der russischen Offiziere wurden derart g'löst, daß Rußland, ohne zum Voraus eine Verpflichtung zu über­nehmen, es als selbstverständlichen Regierungsakt betrachtet, die Konseguenzen a"s bem Schiedsspruch der Kommission zu ziehen, falls sieb vr Evidenz irgend ein Verschulden russischer Offiziere ergibt Knn Wort in den neun Vertragsartikeln verletzt das russische Empfinden.

London, 19 Nov. Wie diePreß Association" erfährt, besteht kein 2t n l a ß zur Besorgnis wegen der eng­lisch - r u s s i s ch e n Verhandlungen. Die Abänderungen im Ausdruck, wegen deren verhandelt wird, bedingen in keiner Weise einen Streit und betreffen fast durchweg seine Nuancen

in der Uebersetzung des englischen Entwurfes des Abkommens in das französische. Auf britischer Seite wird in keiner Weise gegen Rußland oder seine Vertreter der Vorwurf der mala fides erhoben und man glaubt auch nicht, daß die Aussicht auf friedfertige Regelung durch die Verzögerung des Abkommens gefährdet sei. Bei der Einführung der neuen Form des internationalen Ver­fahrens, das sich als Präzendenzsall als äußerst bedeutsam er­weisen kann, ist man sich dessen bewußt, daß unangemessene Hast nicht wünschenswert ist. In dein Rahmen der geplanten Unter­suchung liegt es nicht, auch nur darauf hinzudeuten, daß einer eine Schuld trägt; es soll vielmehr bei der Untersuchung der Tatsachen nur die individuelle Verant­wortlichkeit für den Vorfall sestge^"llt werden.

Die japanische Anleihe.

N e w Y o r k, 18. Nov. Tie japanische Anleihe wurde be­deutend überzeichnet. Um wieviel dieselbe überzeichnet rst, lehnen die MitaEeder des Banks"ndjk"ts ab, zu sagen.

Ein französischer Prinz bei Mnkden verwundet.

Unter den verwundeten Offizieren, die im russischen Lazarett zu Mulden Genesung suchen, befindet sich auch der Prinz Na­poleon Murat, der Urenkel des Königs Joachim von Neapel und der Königin Karoline, der Schwester Napoleons I. Ein Sohn des Prinzen Achill Murat, der mit der Prinzessin Salome Dadian verheiratet war und sich nach dem Zusammenbruche des zweiten Kaiserreiches in deren Heimat Mingrelien niederließ, diente er bei Ausbruch des ostasiatischen Krieges als Leutnant int, fran­zösischen 9. Kürassierregiment, erhielt aber die Erlaubnis, im Heere des russischen Ällierten am Feldzüge teilzunehmen, und kam bald vor den Feind.

Toilettenopfer auf dem Altäre des Vaterlandes.

Aus St. Petersburg berichtet man: Um das Elend des ostasiatischen Krieges zu lindern, rüstet die Petersburger Gesell­schaft sich zu einem großen Wohltätigkeitsbazar. Er findet im Hause der Adelsgesellschaft statt und dort werden, von 1 Uhr mittags bis 11 Uhr abends die elegantesten, hübschesten Frauen und Mädchen, der Aristokratie die Honneurs an den Ver- kausstischen erweisen. Tie Tamen des Komitees, an ihrer.Spitze die Großfürstin Marie Paulowna, Gemahlin des Großfürsten Wladimir, entwickeln eine rührige Tätigkeit, um ein möglichst anziehendes Programm zu Wege zu bringen. Tenn wenn der Nachmittag den Verwundeten und Kranken im Felde gewidmet sein muß, so soll der Abend einen fröhlichen Abschluß. Konzert, Theater oder Ball bringen, zur Belohnung der erschöpfenden Arbeit, die man im Wesentlichen wohl als eine Umsetzung des Flirts und der Eoquetterie in bares, nützliches Geld wird be­zeichnen dürfen. Aber zu einem heldenmütigen Opfer haben die zu Verkäuferinnen bestimmten Tamen sich entschlossen: sie haben sich freiwillig gegenseitig das Wort gegeben, daß keine einzige von ihnen sich zu diesem Kriegs- und Tanzbazar eine neue Toilette anfertigen lassen werde Sie werden vielmehr alle,in schlichten, weißen Kleidern erscheinen und jede von ihnen eine oem Werte einer neuen Toilette entsvreckiende Summe dem Ge- famterträgnisse beisteuern Ob die (Mdjifßte nicht dafür ihre Namen einst neben denen jener deutschen Mädchen und Frauen nennen müßte, die, als ihre Brüder und Gatten ins Feld gezogen waren, ihren Haarschmuck und ihre Eheringe dem Baterlande darbrachten? Für den, der da weiß, was es für eine Peters­burgerin dieser Kreise bedeutet, auf die O^legenheit zu einer allgemeinen Toilettenschau zu verzichten, für den ist die Frage garnjcht einmal so lejck't zu beantworten.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Nov. Ter Kaiser empfing gestern abend den Großfürsten Wladimir von Rußland. Heute unternahm der Monarch einen Spaziergang durch den Tiergarten zur Kgl. Technischen Hochschule in Eharlotten- burg und wohnte der Vormittagssitzung der Schiffbau- technischen Gesellschaft bei. Zur Frühstückswsel beim Kaiser­panr waren geladen der Reichskanzler Graf von Bülow, die Prinzen Gustav Adolf und Wilhelm von Schweden utib Flügeladjutant und Militärattachee in Petersburg Graf Lamsdorff. Heute begab sich das Kaiserpaar zur Teilnahme an der Mnrinerekruteuvereidig- ung und dem Stapellaufe des Linienschisfel Die Abreise des Kaisers von Kiel zum Jagdbesuche nach Groß- Strehlitz in Oberschlesien erfolgt in der Nacht vom 21. zum 22. d. M.

DieNationalztg." Aktiengesellschaft beruft auf den 7. Dezember eine Generalversammlung wegen Liquida­tion ein. Den Redakteuren soll gekündigt sein. Tie Zeit­ung ist angeblich verkauft.

DieNeue Pol. Korr." meldet: Der Abschluß von Lotterieverträgen mit verschiedenen Lotteriestaaten ist unmittelbar bevorstehend, nachdem die Verhandlungen zum Abschluß gebracht sind.

Der Magistrat beschloß, der freireligiösen Gemeinde die Benutzung der von ihr früher bereits benutzten Aula der 68. Gemeiudeschnle wieder zu g e st a t t e n. Es sollen nur Erwachsene teil- nehmen dürfen. Die Abteilung der Jugendlichen kann nach wie vor im Bürgersaale des Rathauses verbleiben.

Eine Reihe norddeutscher Städte, wie Hamburg, Flensburg, Husum, Altona haben den Gtlttempler­log en, die sich die Bekämpfung, des Alkoholmißbrauchs angelegen sein lassen, es ermöglicht, eine Heimstätte zu finden. Soeben sind in Altona der dortigen Guttempler- Vaugeuossenschaft 8000 Mk. vom Mltonaischen Unterstüh- ungsinstitut überwiesen worden. Die Stadt Altona hat u. a auch der Verwaltung eines dortigen Oluttemplerlogeuhauses die auf dem Grundstücke ruhenden Steuern erlassen. In einem Schreiben des Magistrats von Husum wird betont, daß solche Zuwendungenmit Rücksicht auf den segens­reichen und für die Stadt nützlichen Einfluß" gemacht worden sind.

Kiel, 18. Nov. Prinz Heinrich von Preußen ist heute vormittag von Darmstadt kommend hier wieder ein* getroffen.__________

Keer und Flotte.

Personalveränderungen im Beurlaubten­stande: Befördert zu Lts. der Res. die Vizefeldw. dezw. Vize» ivachtmeister: Eck (I Berlin) des Jnf.-Leib-NegtS. Groß­herzogin (3 Großh. Hess.) Nr. 117. Kraft (Neiße) des Ins.-

Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, Kuleni kampf, Wilhelm, (I Bremen) des 2. Großh. Heff. Drag.s Regts. Nr. 24, Falk (Mainz) des Jnf.-Leib-Negts. Groß^ Herzogin (3. Großh. Hess.) Nr. 117, Schmidt (II Darm« stadt) des 5. Großh. Hess. Jnf.-Regts. Nr. 168. Der Ab« schied bewilligt: Namspeck (I Darmstadt), Lt. der Landw.« Inf. 2. Aufgebots, Delp (I Darmstadt), Ehelius (Fried­berg), Lts. b. Landw.-Feldart. 2. Aufgebots.

Skandal

in bat österreichisch-ungarischen Parlamente«.

Ueber die Tmtnerstags^Borgänge im östreichischeH -Reichsrat haben wir gestern berichtet. Gestern hat dev Lärm seinen Fortgang genommen. Der aus der leidigenj Offenbacher Affäre auch bei uns in 5)essen bekannte öster­reichische sozialdemokratische Agitator Pern erstorfev nannte den Ministerpräsidenten von Körber, eilten; Flausenmacher, den Typus des östreichischenl frivolen Staa tsbeamten. Er warf der österreichi­schen Aristokratie Unfähigkeit vor. Schuld an allem Unglück in Oesterreich sei aber die habsburgische Dynastie, bid Oesterreich stets als Ausbeutungsobjekt ansah. Sechshundert; Jahre herrsche diese unglückliche Familie. An Zahl wachse! die habsburgische Familie unerhörter Weise an, und wir müssen Leute erhalten, die uns nichts bedeuten. Die Weibep sind bigott und die Männer klerikale Parteigänger, gewöhn­lich ungebildet und unwissend. Von dem bemakelten Privat­leben dieser Hofleute wolle der Redner nicht sprechen. Dev Fisch stinke, aber vom Kopf.

Ter Präsident ruft den Redner wegen der S8eteib-ig> un g desHoses wiederholt zur Or dnun g.

Ter neugewählte Obmann des Polenklubs Dzie^ duszycki wendet sich gegen die dynastiefeindlichen Wortei Pernerstorfers, die die Gefühle der Mehrheit des Hauses verletzen. Ter Redner verurteilt die Obstruktion und bittet das Haus, die Arbeit des Parlaments zu ermöglichen.

Ter Italiener Maz-zorana erklärt, die Hauptschuld, an den Innsbrucker Vorgängen treffe die deuffch-rabikalen Agitatoren. (Tie Mdenffchen machen großen Lärm.) Ter Rebner forbert namens der Italiener die Schließung der Innsbrucker italienischen Fakultät und Verlegun-g nach Triest. Ter alldeutsche Afg. Tschan behauptete natürlich das Gegenteil, und es war bann bie schönste Zänkerei wieber ba.

In Budapest gings an demselben Tage im Parla> ment nicht anders zu als in Wien. Dort kam es aus Anlaß des Regierungsantrags auf Verschärfung der Haus­ordnung zu noch viel ärgeren StandalsAenen^ Tie Opposition beschimpfte den Präsidenten mit den! Rufen: Schurke! Hinaus! Die ganze liberale Partei drängte gegen die Mitte des Saales und erzwang trotz unbeschrerblichen Lärms der Opposition die Abstim7nung.j Sodann wurde eine geschlossene Sitzung verlangt.

Nach Wiedereröffnung der geschlossenen Sitzung ergriff Graf Tisza das Wort und hielt eine halbstiindige, das Treiben der Obstruktion vernichtende Rede, die einem minutenlangen Applaus hervorrief. Es war 3/410 Uhr abends, als Tisza seine Rede schloß: Diesem Treibe dieser Komödie, diesen anarchistischen Zuständen muß ein Ende gemacht werden im Interesse des Landes. Unsere, Geduld ist zu Ende. Das Laub will nützliche Arbeit, an! der uns die Obstruktion verhindert. Dem soll ein Ende gemacht werden. Brausende Eljenrufe der, ganzen Rechtem etwa 250 Abgeordnete erschollen bei diesen Worten. Tie ganze liberale Partei stand aufrecht und rief in brausen­dem Chor: Ab stimmen!

Präsident Perczel erhob sich in diesem Momente^ Tas ganze Abgeordnetenhaus geriet in eine unbeschreib­liche fieberhafte Aufre.gun ig. Tie liberale Partei schrie: Abstimmen!, während die Opposition in den Ruf Verrat! ausbrach. Tie Szenen, die diesen Worten folgten, sind unbeschreiblich. Die ganze Opposition stürzte! aus den Bänken. Plötzlich sah man Bücher, SesseL un b Tintenfässer gegen ben Präsidenten zu­fliegen, bei totenbleich, aber stramm auf seinem Platz« stand und die Frage an das Haus richtete, ob es den Antrag Daniel aunehme. In diesem Moment stürmten zahlreiche Oppositionelle die Präsidenten- trib .. rtc nnb Viktor Rakosi erfaßte den Präsidentetz Perczel am Arm, um ihn vom Platze zu reißeni Zugleich waren aber auch schon Saalkommissare und ctwal 20 liberale Abgeordnete um den Präsidenten. Sie drängten die Oppositionellen von der Tribüne, worauf Perczel, in­dem er gleichzeitig den Antrag Daniel als angenommen erNärte, dem Ministerpräsidenten mit seinem Sacktuch plötz­lich zuwinkte. Graf TisM zog ein Handschreiben b e 8 Königs aus bei* Tasche, das eine ganze Garde liberaler 'Abgeordneter dem Präsidenten überbrachte, der cs unten tosenden Eljenrufen der Liberalen und Verwünschungen und Flüchen der Opposition zur Verlesung brachte. Das Hanb- schreiben orbnetc die Schließung der Session und die Vertagung des Reichstages auf irubestimmte Zeit an.

Ter L ä r m war jetzt geradezu beängstigend. Graf Tisza, von bei* ganzen liberalen Partei umringt, stand vor seinem Sitze. Präsident Perczel steckte ruhig das Hand­schreiben ein und gab mit energischer Handbeweaung kund, daß er die Sitzung schließe. Perczel und Gras Tiszu wur­den, von je 50 Abgeordneten umgeben, aus dem Saale geleitet. Im Saale dauerte der Lärm noch etwa eine halbe Stunde fort. Zahlreiche oppositionelle Abgeordnete leisteten, int Korridor den Eid, Präsident Perczel dürfe den Saal nicht mehr betreten.

A ttstanv.

Paris, 18. Nov. Die Kammer beschloß mit 328 gegen 217 Stimmen hie Abschaffung d er T h e a t e I z c n j u r.