Nr. 246
Zweites Blatt.
Mittwoch LS. Oktober 1904
154. Jahrgang
Erscheint Utgttch mit Ausnahme des Sonntags.
Die „GHeftetter ZamllienblLtter- werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der mHesfifche Landwirt" erscheint monaUich einmal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« UniversitätSdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.T. ieL Nr. 6L Telegr^Adr. i Anzeiger Gießen.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Aom sächsischen Thronwechsel.
Dresden, 18. Oktober.
Die öffentliche Ausstellung der Leiche des Königs Georg hat heute in der katholischen Hofkirche ihren Anfang genommen. Kurz vorher wurden die Mitglieder der Ständekammern, die obersten Hofchargen, die Vertreter der Presse in die Kirche eingelassen. Diese war mit schwarzen! Tuch ausgeschlagen, lieber dem Katafalk war ein Trauer- Baldachin errichtet. Die Leiche des Königs trug Generalsuniform. Zu beiden Seiten des Sarges stand eine Ehrenwache. Zu Füßen lagen kostbare Kranzspenden, darunter die des Kaisers, des Königs Friedrich August, der Königin-Witwe Karola und zahlreicher Fürstlichkeiten. In der Mittagsstunde schwoll die aus dem Platze vor der Kirche harrende Menge so an, daß mehrfach die Samariter einspringen mußten. Bei der Beisetzung wird Hofprediger Kummer die Leichenrede halten. Der königliche Chor wird unter Leitung des General- Musikdirektors Schuch das Miserere und Salve Regina singen.
Der Erlaß, durch welchen sich der König vom 12. Armeekorps verabschiedet, hat folgenden Wortlaut:
v Durch das tief betrübende Ableben meines hochgeliebten Vaters bin ich früher als ich geglaubt hatte, genötigt loorbcn, das Kommando des Armeekorps abzugeben. Die zwei Jahre, welche ich an seiner Spitze stehen konnte, werden mir unvergeßlich bleiben als schönste Erinnerung meiner Dienstzeit. Mit Wehmut benutze ich die Gelegenheit, um allen Offizieren, Unteroffizieren und Manu- schäften, sowie Beainten des 12. Armeekorps meinen herzlichsten Dank auszusprechen für ihre opferfreudige Hingebung, die allein es mir ermöglicht hat, im vorigen Jahre für die gute Leistung des Armeekorps aus Allerhöchstem jJhtnbe die volle und uneingeschränkte Anerkennung zu finden. Ich hoffe zuversichtlich, daß das Armeekorps mir als Kriegsherrn dieselbe Treue bewahren wird wie bisher und durch gute Leistungen im Frieden wie im Kriege den Ruhmund Ehrenplatz in der deutschen Armee behauptet, den es bis jetzt innehalle."
..I u, ■«■■■■ imu. «—■■■i.., ................ । ।
Aer Kusstand in Aeulsch-Südwestasrika.
Berlin, 18. Okt. (Amtlich.) Etappenkommandant Major v. Nedern meldet aus Otahandja: General von Trotha trifft etwa am 23. Oktober von Epukiro in Wind- huk ein. Eitle Bastardabteilung, deren Stamnr treu ish, trifft unter Oberleutnant Boettlin mi Beutevieh am 18. Oktober in Windhuk ein. Eine Abteilung Witb ais ist in Otjosondu entwaffnet worden, befindet sich in Marsch unter iBedechung nach Okahandja und geht mit der Bahn am 20. Oktober nach Swatopmund. Aus Windhuk wird geureldet: Der Kapitän Hoakanasder ist aufständisch, Gok Hasser und Veldschoend- lager wahrscheinlich auch. Der Feind sammelt sich in Rietnrond und Kalkfontein.
Die „Norddeutsche" schreibt: Eine Zeitung äußert sich, daß die in den letzten Wochen aus Südwestaftika eingetroffenen Nachrichten die Befürchtungen vollauf rechtfertigen, welche sein Spezialkorrespondent vor Monaten ausgedrückt hatte. Dieser hatte sich damals dahin ausgesprochen, daß Eingeweihte immer überzeugt gewesen seien, daß die Enthebung Oberst Leut meins von seiner leitenden Stellung im Schutzgebiet die Erhebung der Witbois nach sich ziehen würde. Demgegenüber sei bemerkt, daß Leutwein Keineswegs von seinem Po st en enthoben ist, sondern persönlich die Operationen im Süden leitet. — Das „Berl. Tagebl." führt gus, daß es unangebracht scheine, bei dem Ernst der Lage im Süden die Truppen wieder peu ä peu herauszuschicken. Es schlägt vor, zur Unterdrückung des Ausstandes die nötigen Kräfte auf einmal zu entsenden: Es unterliegt wohl keinem Zwerfel, so schreibt die ^Norddeutsche", daß an leitender Stelle der Absendung einer genügenden Truppenmacht die größte Aufmerksamkeit zugewandt wird. Starke Truppen, welche gleichzeitig in Swakopmund gelandet werden können, finden aber bei den außerordentlich ungünstigen Landungsverhältnissen in Swakopmund sehr bald ihre Grenze. Ein weiterer Grund, der beschränkend einwirkt, ist, daß alle Verpflegungs
gegenstände ausnahmslos per Schiff herangebracht und ebenfalls gelöscht werden müffen. Sollte es möglich sein, trotz der ausgebrochenen Feindseligkeiten die Lüd eritz bucht als Ausschiffungsplatz mit zu benutzen, so würden sich die Verhältnisse verbessern. Aber auch hier wird die Zahl der gleichzeitig zu landenden Truppen infolge der Schwierigkeiten, welche die beim Marsche von der Lüderitzbucht ins Innere zu überwindende Durststrecke mit sich bringt, erheblich beschränkt.
Gon O b e r st L e u t w e i n ist aus R e h o b o t h, dem Sitze der von Hendrik Witboi vergeblich zum Aufstand ausgeforderten Bastards, f olg.cn be telegraphische Meldung über Windhuk angekommen:
„Bin Rehoboth eingetroffen. Habe mit 2. Ersatz-Komvagnie Kub-Knis besetzt und decke Rauchas, Nomtsas und Hoacyauas. Bastards von Rehoboth treu. Kapitän von Hoachanas bestimmt, derjenige von Gochas wahrscheinlich beim Feind. Letzterer sammelt sich bei Kalkfontein und Rielmont. Nauchas, Nomtsas noch nicht, Maltahöhe etwas vom Feinde belästigt."
Danach scheint sich der Feind vorläufig im ganzen noch abwartend zu verhalten. Erst wenn Oberst Leutwein weiter nach Süden vorrücten wird, dürfte es zu ernsterenZusammen- stößen t'oninren. Daß die Verbindung zwischen Windhuk und Reboboch ungestört ist, bedeutet eine Erleichterung der Lage. Darüber hinaus hört jedoch der schriftliche und telegraphische »Verkehr einstweilen auf.
Aus plaöl und Luilö.
Gießen, den 19. Oktober 1904.
** D er Akademisch-TheologischeVerein an unserer Ludoviciana tritt mit dem Wintersemester 1904/05 in sein fünfzigstes Vereinssemester ein. Er gehört dem 1874 begründeten Eisenacher Kartell Akademisch-Theologischer Vereine an, das in der Psingstwoche d. I. zu Eisenach mit seinem Kartelltag die Feier seines 30. Stiftungsfestes verband. Das Kartell ist durch seine Vereine in Berlin, Bonn, Breslau, Erlangen, Gießen , Göttingen, Greifswald,Halle, Heidelberg, Jena, Königsberg, Leipzig, Marburg und Straßburg vertreten. Die Zahl der lebenden alten Herren — von denen eine große Zahl akademische Dozenten sind — beträgt zurzeit mehr als 2000.
gd. Dorlar, 19. Okt. Auf dem Mühlengrundstück des Marx brach heute morgen um ^5 Uhr Feuer aus. Bisher sind bereits die Scheune und die Stallungen abgebrannt. Wohnhaus und Mühle stehen in Flammen. Die Feuerwehren von Dudenhofen, Aßlar, Wetzlar und aus anderen Nachbarorten sind zur Stelle.
§ Herchenhain, 18. Okt. Wie bestimmt verlautet, findet in nächster Zeit eine nochmalige Bürgermeisterwahl statt.
sd. Darmstadt, 19. Oktober. Der Finanzausschuß der zweiten Kammer trat heute zu einer Sitzung zusammen, die voraussichtlich die ganze Woche dauern wird. Zunächst erstattete der Abg. Möllinger Bericht über die Regierungsvorlage betr. Nachweise der Einnahmen und Ausgaben im Domanuil- und Staatsvermögen. Sodann wurde der Staatsvertrag mit Preußen betr. Austausch von Gelände bei Altwiedermus und Hüttengesäß gutgeheißen, ebenso wie die Vorlage über auderweite Verwendung von 5000 Mk., die anstatt für naturwissenschaftliche Fortbildungskurse an der Technischen Hochschule zur Bewilligung von Reisestüpeudien an ztvei bis drei Lehrer der neueren Sprachen verwendet Werder: sollen. 4. Purickt der Tagesordnung war die Vorlage über Bad-Nauheim. Es fand eine eingeherrde Besprechung statt und man beschloß, die Regierung zur wetteren Auslünsterteilung auf morgen einzuladen. Im allgemeinen ist die Stimmung der Vorlage günstig. (Wie nicht anders zu erwarten war. Was übrigens die neulich in einem längeren Sonder- artikel über Bad-Nauheim von uns erwähnten Klagen über die heutige Art der Wäsche in Bad-Nauheim betrifft, so erfahren wir, daß diese Klagen nur in den Monaten, in welchen sehr ftarfe Badefrequenz vorhanden ist, austreten. In dieser Zeit wird offenbar die Wäsche nicht in ganz trockenem Zustande an geliefert, sie wird in den mwentilier- ten Wärmeschränken dumpfig und kann ihren unangenehmen Geruch nach den verwendeten Waschmitteln nicht verlieren. An diesem Mißstand sind also mehr die Verhältnisse wie
die Wäschereisirma schuld, die ihr Möglichstes tut, alle zu- srieden zu stellen, die aber bei dem kolossalen Geschäftsbetrieb in solcher Zeit außer stände ist, tadellose Wäsche zu -liefern. Deshalb m u ß die Errichtung einer eigenen für das Bad allein arbeitenden Wäscherei angestrebt werden, die es möglich macht, daß die Wäsche nicht nur gut trocken und gut gemangelt wird, sondern daß man sie auch rein, weiß und möglichst geruchsrei bekommt. D. Red.)
Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Auf dem Lehrerheim bei Schotten findet nächsten Samstag zum ersten Male die Kreiskonferenz der Lehrer statt. Außer statistischen Mitteilungen stehen drei Referate auf der Tagesordnung. — Bei dem Gastwirt und Metzger Lips in Altenstadt wurde bei seiner Abwesenheit eingebrochen und ein großer Geldbetrag gestohlen. Die Täter müssen mit den Verhältnissen genau vertraut sein. — In Friedberg verunglückte der Küfermeister Stör dadurch, daß er beim Aepfelkeltem auf einer Lage Trester ausgleitete und das rechte Bein brach. — Das 3y2 Jahre alte Kind des Bäckermeisters Beisiegel in Mainz spielte heute morgen im Bett mit Streichhölzern. Dabei sing das Nachtkleidchen des Kindes Feuer. Das Kind erlitt so schwere Brandwunden, daß es bald starb. — Die Sektkellerei Henkell u. Co. in Mainz brachte bei Beendigung ihrer diesjährigen Füllung ihren ca. 250 Arbeitern zur Kenntnis, daß mit Wirkung vom 1. Jan. 1905 jeder Arbeiter und jede Arbeiterin, die 3 Jahre bei ihr tätig waren, alljährich im Sommer ein Anrecht auf acht Tage Urlaub haben, bei Weiterbezahlung des vollen Wochenlohnes. — Der Verkehrsverein in Worms erhielt in seiner Sitzung vom Oberbürgermeister Kühler Kenntnis, daß in aller Kürze ein neues städtisches Gutachten über die Staßenbahn- angelegenheit zu erwarten sei. Man sei behördlicherseits jetzt zu einem Resultat gelangt, das ermögliche, die Bahn ohne Zuhilfenahme von Garantiezeichnungen zur Ausführung zu bringen. Das für die Ausführung des städtischek Projekts erforderliche Baukapital beträgt 735 000 Mk._______________
tz-enHls-ülli.
th. Gießen, 19.Okt. Aus der Anklagebank des S ch ö sfenge richts saßen gestern zwei Männer aus Gießen, beide mit wohlgepflegten Schnurrbärten. Ter jüngere der beiden Angeklagten hatte em Verhältnis angeknüpft mit einer 33 Jahre alten Witwe, die er gar bald seinem mitangeklagten Freund abgetreten hatte. Dieser hatte ernstlich die Absicht, die Wittib, welche als fleißige Arbeiterin hübjch Geld verdiente, zu seiner Frau zu machen. An- säliglich schien diese auch bereit dazu, aber bald kam sie dahimer, woraus es der Kandidat abgesehen halte. Der Bräutigam mußte eines Tages eine kurze Gefängnisstrafe abbrummen, und die Braut benutzte dessen Fernfem, um schleunigst eine andere Wohnung aufzusuchen, um nach verbüßter Strafe dein Bräutigam zu bedeuten, was die Glocke geschlagen. Die Wltrve bandelte inzwischen mit einem dritten Freier an. Zum Unglück trafen die beiden früheren Verehrer eines Sonntags abends in einem Tanzlokal das Liebespaar und ergrimmten in Eifersucht über das treulose Weib, sodaß sie beschlossen, dieser ihre Liebelei gründlich auszutreiben. Die Witwe hatte ivohl eine Ahnung, was ihrer wartete; sie verließ in aller Stille die Lustbarkeit, begab sich aber für die Nacht nicht in ihre Wohnung, sondern suchte bei ihrer im gleichen Hause wie sie wohnenden Mutter die Ruhe. Die Angeklagten machten sich auf den Weg, um in der Wohnung ihrer früheren Geliebten mit dieser abzurechnen. Beide Angeklagte drangen in das offene Haus, drückten die Tür zur Wohnung der Witwe em und leuchteten mit Streichhölzern das Zimmer ab. Leute im selben Hause hielten die Eindringlinge für Diebe und verständigten den Hausherrn, und als dieser zur Stelle kam unb Miene machte, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen, schlugen die Angeklagten aus ihn ein. Von ivelcher Qualität die liebende Witwe war, ersuhr man in der Verhandlung dadurch, daß einer der Angeklagten den Gerichtshof darauf ausmerksam machte, daß man deren Aussage sehr mit Vorsicht auizunehrnen habe, da die Zeugin bereits wegen Verleitung zum Meineide mit Zuchthaus bestrast sei. Aber auch beide Angeklagte waren nicht die Ehrenmänner, welche sie fern wollten; der eine hatte 15, der andere 18 Vorstrafen wegen aller möglichen Straftaten verbüßt. Aus diesem Grunde konnte bei den Schöffen von Milde keine Rede sein. Beide Angeklagte wurden wogen gemeinsam begangenen Hausfriedensbruchs und schwerer K ö r p e r v e r l e tz il n g zu je 5 Monate Gefängnis verurteilt.
Eine hübsche Damen- oder Herren-Ohr O’ß&pIWFBM bekommt Jeder, welcher 400 Umhüllungen der & vö v&Uiä&IL beliebten Gioth's gern. Kernseife dem Fabrikanten I. Gioth in Hanau, einsendet. hv19/4
Ker HUng.
Kriminal-Roman von O. Elfter.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Auf der Bank neben der Haustür saß der alte Herr und beobachtete mit freundlichem Lächeln den Knaben, der mit einem kleinen zottigen Hunde spielte. Zuweilen rief er dem Knaben cm scherzendes Wort zu, das dieser mit kindlichem Jauchten erwiderte. _
Neben dem alten Herrn saß die junge Frau, ernst und still, kaum daß das Spiel ihres Sohnes ihr ein flüchtiges Lächeln entlockte. Ihre großen dunklen Augen schienen sinnend in die Ferne gerichtet zu sein. Ihr Haupt mit den schweren blonden Flechten lehnte an der Wand des Hauses, ihre langen, schmalen, harten Hände ruhten, krampfhaft ineinander gefallet, auf dem Schoße.
Im Innern des Hauses flammte ein Feuer. Es mochte wohl von der der Haustür gegenüberliegenden kleinen Küche her- rühren.
Eine Weile beobachtete Neugebaur unbemerkt dieses liebliche Bild des Friedens. Plötzlich bemerkte ihn der kleine zottige Hund und fuhr mit lautem Gebell auf ihn los. Ter alte Herr sah aus, erblickte den Fremden, erhob sich und rief den Hund zurück.
'Neugebaur lüstete zum Gruß den Hut und schrüt langsam »»eiter. Er bemerkte noch, al§ er sich einmal umwandte, daß eine alte, einfach gekleidete Frau aus dem Hause trat und mit dem alten Herrn redete. Dann begaben sich alle, der alte Herr, die junge Frau und das Kind in das Haus, dessen Tür ge- s plofsen rourde. Ein Licht flammte in dem einen Fenster auf, inan । iljicn sich zum Abendessen niederzusctzen.
Ter Detektiv wartete eine zeitlang, aber es rührte sich nichts inehr im Hause oder un Garten. Er ging daher den Weg wieder uarM trat vorsichtig an den Zaun und versuck-te in die Fenster
zu sehen. Aber die Vorhänge waren heruntergelassen; er konnte nicht sehen und hören, mißmutig schlug er den Heimweg nach dem Torfe ein mit dem Vorsatz, morgen die Bekanntschaft des Amtögerichtsrats machen zu wollen.
8. Kapitel.
„Gestatten, daß ich mich vorstelle. . . Assessor Neugebaur vom Amtsgericht Ü Bersin. . ."
Mit diesen höflichen Worten nahm Neugebaur am folgenden Tage neben dem Amtsgerichtsrat an der einfachen Mittagstafel des Gasthauses zum „Kaiser Franz Joseph Platz. Der alte Herr verbeugte sich ziemlich steif und nannte seinen Namen. Er schien nicht die geringste Lust zu verspüren, mit dem jungen Kollegen anzuknüpfen, aber Herr Neugebaur verfügte, wenn er es für nötig hielt, über eine geschmeidige Liebenswürdigkeit und zarte Rücksichtnahme, denen so leichit selbst der unzugänglichste Charakter nicht widerstand. Und der Amtsgerichtsrat war durchaus nicht unzugänglich, ivenn man ihn nur von der richsigen Seite zu nehmen wußte. Freilich mit gesellschaftlichem Klatsch, Theater und Llleratur, die er mit dem Sammelnamen „Schund" zu bezeichnen pflegte, durfte man ihm nicht kommen. Auch die Tagespolitik war ihm verhaßt, und die Parlamente der verschiedenen Staaten belegte er mit einem sehr kräftigen Wort, das seiner Abneigung gegen diese „Vorteile der öffentlichen Meinung" einen sehr drassischen Ausdruck verlieh. Wenn man ihn aber auf Sozialpolitik, Armenpflege und Unterstützung der Notleidenden brachte, dann biß er auf diesen Köder rasch an und war bald Feuer und Flamme. Freilich auch in seiner ureigensten Weise, welche unseren parlamentarisckMN und gesellschaftlichen Sozial- Politikern ein verächtliches Lächeln abgeroonnen und die offiziellen Armenpfleger und Veranstalter von Wohllätigleitslönzerten mit Entrüstung erfüllt haben würden.
Neugebaur hatte diese schwache Selle des alten Herrn bald hevausgejunden. Seine Bemerkung, daß er dieses einsame Gebirgsdorf ausgesucht habe, um die Verhältnisse der armen Gebirgsbewohner zu studieren, erregte zuerst die Aufmervsamkell des alten Herrn.
Mißtrauisch sah er den jungen Kollegen von der Seite an. „Sie haben tvohl einen behördlichen Auftrag?" fragte er in dem Tone eines Untersuchungsrichters.
Neugebaur lachte. „Nein, verehrter Herr Amtsgerichtsrat, ich reife auf eigene Kosten und will die Studien zu einem sozial- politischeu Werk verwenden."
„Natürlich", knurrte der alle Herr, „Sozialpolllik ist ja heute Trumpf. Tas Elend der armen Leute wird da fein säuberlich registriert, katalogisiert, dokumentiert und mit statistische Zahlen klipp und klar bewiesen. Aber an Abhilfe denkt niemand oder es werden die unsinnigsten Vorschläge gemacht."
„Aber erlauben Sie, Herr Amtsgerichtsrat, die Sozialpolllik des letzten Tezenniums . . ."
,,,Bleiben Sie mir gefälligst mit dieser offiziellen Sozialpolitik vom Leibe, wenn Sie mir nicht den Appetit an diesem loirlsich vorzüglichen Hasenbraten verderben wollen. Tiefe Sozral- politik ist nur dazu da, um das Elend der armen Leute amtlich zu regiitrieren und sie wieder in eine Art Leibeigenschaft zu bringen. Von oben her läßt sich das Elend nicht megocnctiercn; von unten auf muß man anfangen. Zur Natur muß man die Aienschen wieder zurück führen und sie nicht in die Millionenstädte stoßen. Die diatur ist groß genug, um alle Armen und Elenden in ihrem mütterlichen Schon aufzunehmen und ihnen Nahrung, Kleidung und Obdach zu geben."
(Fortsetzung folgt.)
Paris, 18. Okt. Tr. Doyen hat l^eute nwrgen hn Ch iru rgenkongr e ß, der zurzeit in Paris tagt, eine Mitteilung über seine Behandlung des Krebses gemacht, die zwar nicht die Heilung in jedem Falle gewährleiste, aber doch zur B e s s e r u u g n iid teilweise z u r H e i l u n g geführt habe. Von 242 Fällen habe er l> i s jetzt 40 geheilt. Tr. Poirier bestritt bw Bennupluug. rer Kongreß nrirb am Donnerstag den Antrag zur £iv: siwn bringen, das Vrrfahreu Doyen .durch das Institut Pasteur Mfen zu lassem


