Ausgabe 
19.3.1904 Viertes Blatt
 
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Qrldjetnl tiglich mit Ausnahme deS TonntagS.

5te Gießener KamillenblStter" werden dem «Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der «lhesfische Landwirt erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfttätsdruckerei. R. Lange. Dießen.

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Tel. Rr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.

Viertes Blatt. 1S4. Jahrgang Samstag Iv. Mürz 1804

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

laute Zwischenrufe des Zentrums:Ohol Wir sind auch Nation all" Stets hätten die Nationalliberalen die Politik deS Grafen Vülow unterstützt, aber diese Politik machen sie nicht mit!

Noch lange zitterte die Bewegung nach, die durch diese Auseinandersetzung hervoracrufcn wurde. Tie Rede des Kultusministers Dr. Stuot, der wiederumfür alles" die Verantwortung übernahm, ging saft völlig verloren in dem Geräusch der Erörterung im Saale. Frhr. v. Zed­litz (frk.), der heute die Debatte eröffnete, sprach von der tiefen Erregung in der evangelischen Be­völkerung. Abg. Dr. Zwick (fr. Vp.) billigte die Auf­hebung des § 2. Abg. Dr. Porsch vertrat nochmals den Ltaudpunlt des Zentrums.Perftn.iche Bemerkungen" be­schlossen dies Kapitel. Namentlich verstand Abg. Dr. Friedberg auch in diesem Nahmen und unbeirrt durch die warnend erhobene Glocke dcs Präsidenten eine Er­widerung auf die Worte dcs Grafen Bülow anzubringen.

@rof Aulow und die Dationalliberaten.

Unser Berliner parlamentarischer Mitarbeiter schreibt untmn 18. Mürz:

Leit dem Kampf um den vreußischen Schulgcsetzent- m-f hat keine so scharte und entschiedene Aus- tinandersetzuna zwischen dem leitenden Staats- inaun und den Nationalliberalen stattgcfunden, Nie heute im preußischen Abgeordnetenhaus! Damals pahnt Graf Caprivi die Fehde aus mit der RedeChristen- Ium ober Atheismus?* Heute verfocht Graf Bülow banpt- M ich die These, daß er m i t d e m Z e n t r u m r e ch n e n AAffie, und daß diese Volitik die gebotene und richtige ei Nur läßt sich ein bemerkenswerter Unterschied seft- leUrn: Damals kam die Zustimmung zu den gegen die onallideralen gerichteten Worten außer vom Zentrum und) von konservativer Seite. Heute bestritt ausschließ- lii) das Zentrum den Apvlaus und die Heiterkeits- üzciguugi die Rechte bewahrte eine kühle Zurück­haltung. Wohl aber hat manches, was der national- liberale Abg. Dr. Friedberg in seiner ruhigen, von llebcrzeugung getragenen Rede aussührte, die Rechte zu spontanem Beifall hingerissen. Am Schluß dieser Rede er­tönte das Bravo von rechts und von links wie aus einem iiur. be, fast einer demonstrativen Kundgebung vergleich- hr. Gras Bülow war in seiner ersten, kürzeren Rede, die üiid) im Wesentlichen gegen den Angriff des national- Dualen Abg. von Ehnern wendet, noch ziemlich gelassen. LLei bei der Erwiderung auf die Ausführungen Dr. Frced- bcrgü schien ihn die Kaltblütigkeit verlassen zu haben. Dein Liuiiitz war gerötet, feine Bewegungen prägten unverkenn­bar Erregung aus. Hatte die erste Rede die Pointe:Ich Irr meine Person, gehe lieber mit Herrn v. Bennigsen, als ynrm v. Ehnern,so war der Sinn der zweiten Rede kurz -csajü chua der: I ch gehe lieber mit dem Zen- hu.,n a l s mit den Nation al liberalen. Dem jenhnni als der stärksten Partei liege die Pflicht ob, dafür ju fingen, daß die Regierungsmaschine im Gange bleibt, fr, ber Kanzler, bestreite nicht, daß er da, wo keine Ver- Ityur ß der Staats- und Kulturinteressen zu besorgen sei, p röünschen der katholischen Mitbürger ent» aege n komme; er bestreite jedoch entschieden, dabei -Mat-s die Grenze überschritten zu haben. Graf Bülotv ijüieme sogar den heiligen Thomas von Aquino, mit der Muijchen Hinzufügung, hoffentlich werde ihm dieses Zitat nid): als eine neue Konzession gegenüber dem Zentrum Mgruechnet werden. Stünde Dr. Friedberg an seiner, des MaU)Zecs Stelle, er würde wohl ebenso mit den gegebenen Ver» Miiüsjen rechnen müssen, er wurde ebenfo handeln nur etwas temperamentvoller". Line Abhangiglect der ÄkM.ung von einer Partei existiere nicht. Und man könne 3rd) nicht, Ivie Dr. Friedberg es getan, abwechselnd I's uiub nein zur Aushebung des 8 2 des Jesuiiengefttzcs 'cgtu Graf Bülow sprach sein Bedauern aus, daß ihm

Aufgabe, die Parteien zu einigen, so sehr erschwert . Kid)C,, wie dies durch die Abgg. v. Ehnern und Dr. Fried- 'torfl ! geschehen seü

Er. Friedberg hatte in seinen Ausführungen dar- Mlegl,, wie er zu einer Aenderung seiner Haltung gegenüber

Uesuitengesctz durch den Gang der Reichspolitik, durch i) k E no n ) e q u e n t e Rücksichtnahme auf Stimm- n.p.ß und Laune des Zentrums, veranlaßt worden 1|ei Gras Bülow sei 31/2 Jahre am Ruder warum reiße ihn fitzt erst sein Gerechtigkeitsgefühl fort? Ter Reichs­kanzler befinde sich im Zustande derglänzenden SUiie i n s a m u n g". Er müsse auf die im Abgeordneten- Ijiri vorhandenen nationalen Parteien Rücksicht nehmen, jjp: csntstand eine stürmische Unterbrechung durch!

= 860

= 245

über 60 Jahre

119

41

Im Jahre

479 Knaben und

im Atter von: 115 1560 Jahren Jahren

Bewegung der Bevölkerung in der Stadt Gießen im Jahre 1903; insbesondere die Todesfälle und der <^-rundheitsstand.

1903 wurden in Gießen lebend geboren 500 Mädchen, zusammen 979 Kinder gegen 1012 un Jahre 1902. Der talsächliche Zuwachs an Geburten für die Stadt darf mir auf rund 550 Neugeborene ober 24,4 auf 1000 Ein-

Die aus 360 Fällen der Einheimischen gewonnene Sterblichkeitsziffer ergibt nun die Zahl 18,40 Die Ziffern der vorausgegangeuen 6 Jahre (rückwärts aufgeUihrt) waren: 12,54, 12,90, 13,55, 12,53, 12,6, 14,85 %0, sie schwankten im Anfang der 90 er Jahre noch zwischen 16 und 19 %0.

Die 219 einheimischen Erwachsenen über 15 Jahre hatten ein durchschnittliches Lebensalter von 57,4 Jahren erreicht «in den vorausgehenden Jahrgängen: 55,17, 53,32, 54,6, 54,7, 55,2). 43 Verstorbene hatten das 70., 25 das 80. und 2 das 90. Lebensjahr überschritten.

Auf die einzelnen Jahresabschnitte verteilen sich die Todes­fälle in der Weise, daß die größte Zahl, 85, in den Januar, die kleinste, 21, in den September fällt; die Säuglingssterblichkeit war mit 4 und 6 Fällen im März und September gering, die höchste Zahl, 14, wurde im August erreicht.

Bei der Zusammenstellung nach Todesursachen findet

0-1 Jahr Einheimische: 104 Ortssrem 0 e : 28

wahner angenommen werden, weil mehr als 400 Kinder fremder Mütter alsbald wieder nach auswärts fortziehen.

Unseren nachfolgenden Berechnungen legen wir eine Ein­wohnerzahl von 26 900, wie sie für die Jahresmitte geschäht wird, zu Grunde:

Totgeboren wurden 28 männliche und 18 weibliche, zu­sammen 46 Kinder.

Die Gesamtzahl der Verstorbenen betrug 605, wovon 323 dem männlichen und 282 dem weiblichen Geschlecht augehörten.

Tie S t e r b l i ch k e i t s z i f s e r, d. h. die Zahl der Ver­storbenen aus 1000 Einwohner, berechnet sich hiernach auf 22,49'oo.

Wie die hiesige Entbindungsanstalt einen wesentlichen Einsiuß auf die Zahl ber töebmten Hai, so wirb auch bie Slerblichkeilszisser burch die in beit klinischen Anstalten verstorbenen Crt5hcmben er­höht und übertrifft bie entsprechende Mitlelzahl ans den letzten 5 Jahren für bas Großherzogtum 18,8/oo bedeutend.

D>e 605 Todesfälle zerfallen für unsere Betrachtung, wenn wir bie tatsächliche Sterblichkeit ber Stabt fiubcn wollen, in

87 100

_________________81 145___

Zusammen: 132 68 245 160 605.

Es ist nach dieser Zusammenstellung bemerkenswert, daß die Zahl der Todesfälle der Qrtßfremben bet Kindern zwischen 1-15 nnd im besten Mannesalter von 15-60 Jahren zusammen höher ist als bei ber einheimischen Bevölkerung.

man, daß die an st eckenden Krankheiten im gewöhnlichen Sinne nur 11 mal zu tätlichem Ausgang geführt haben (im vorauS- geagenen Jahr 21 mal); ei starben nämlich von 87 uns gemel­deten Erkrankungen an Scharlach 2 --2,4 pCt., von 26 an Diphtherie Erkrankten 1 4 pEk. und außerdem an M a s ern 5 und an Keuchhusten 8 Kinder. 8 an Unterleibstyphus er­krankte Personen sind genesen. Die Erkrankungen an Diphtherie verteilen sich ziemlich gleichmäßig auf das ganze Jahr, Scharlach war vornehmlich im z,veiten uni> brüten Quartale verbreitet; 2 Typhusiälle kamen im November zur Beobachtung, ber brüte, eine Jiiiektion infolge wissenschaftlicher Arbeiten bet einem Arzte, fiel in beu März.

An Wochenbettfieber sinb 2 Frauen gestorben, ebenso viele >vie im Vorjahre.

An Tuberkulose ber Lungen sind 37 Personen zu Grunde gegangen oder nahezu 14 von 10 000 Einwohnern; im Vorjahre wurden 42 Sterbesälle an Lungenschwindsucht gezählt, und die entsprechendeit SterblichkeÜSziffern der Jahrgänge 1890 bis 1902 waren: 24,8, 24,0, 25,1, 20,0, 19,0, 18,5, 19,4, 16,6, 10,0, 20,2, 15,0, 16,00 M0. Man ersieht auö dieser Zahle,ireihe, daß die Sterb­lichkeit an Lungenschwindsucht in Gießen allmählich, wenn auch sprungweise, zuruckgehk; die günstige Ziffer auS dem Jahr 1899 mit 10 7oo$. haben wir leider bu3 jetzt noch nicht wieder erreicht.

An Tuberkulose anderer Organe (des Gehiriis, der Drüsen, deS Darms imb Bauchfelles, der Knochen u. j. w.) waren 14 (im Vorjahre 18j Personen gestorben, an Tuber­kulose im Ganzen mithin öl.

Den entzun blichen Erkrank ungenderAtmungs- 0 r q a 11 e sind 57 (49) erlegen, davon 18 (11) an kroupöser Lungen­entzündung und 6 an Influenza.

G e y i r n s ch l a g s l u ß brachte im Berichtsjahre 12 (19), Erkrankungen des Herzens 14 (16) Todesfälle.

Eine gegenüber dem Vorjahre erhöhte Sierbtichkeit wurde beobachtet bei den akuten Atagen- und Darmkrank- heilen: es sind 35 (L V. 15) solcher Todesfälle, meist Säug­linge betreffend, gezählt werden, und zwar kommen davon. 20 auf oie heißen Sommermonate Juli uns August. Unter derselben Rubrik dürfen wir ferner 12 Sterbefälle an Atrophie, Ab­zehrung der Kinder, verrechnen, eine Krankheit, die in der Mehr­zahl der Fälle auf eine chronische Magen» und Dannkrankheit zu- ruckzusühren ist.

29 Kinder sind an Lebensschwäche kurz nach der Ge­burt gestorben (u V. 9>.

Krebs und andere Neubildungen waren 28 mal (18) Todesursache, Altersschwache 88 mal (25); anderen be­kannten Krankheiten sinb 62 (77) Personen erlegen; bei 2 Ver­storbenen blieb bte Tobesurjache unbekannt.

Tätlich verunglückt sinb 5 (4), durch Selbstmord endeten 8 (5).

Zur Orientierung über die Todesursachen bei den hier ver­storbenen 245 Ortsfremden diene folgender Auszug:

Es starben an Jiiteklioiiskraukbcüen 15, davon an Diph­therie 4, an Typy uS 2, an M a l aria 1 (Italiener), im Wochenbett 4, an Tuberkulose bettiungen 25, Tuberkulose anderer Organe 14, an akuten Lungenkrankheiten 80, an S ch l a g f l u ß 5, Herzerkrankungen 16, an Darmkatarrh, Atrophie unb Lebensschwäche zusammen 18 Säuglinge, an bös­artigen Dleubtlbugen unb Krebs 82, infolge von Verun­glückung 16, burch Selbstmorb 4, Mord unb tätlich ' Körperverletzung 3.

Gießen, im März 1904.

Großh. Kreisgesundheitsamt Gießen.

Dr. Haberkorn.

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Gießener Stadttheater.

Jugend von heute.

Eine deutsche Komödie von £) 11 o Ern st.

Dier einstige Hamburger Volksschullehrer Otto Ernst sprach vor Jahren gern in kaufmännischen und E^.erlbevereinen, die dem deutschen Vortragsvervande an- g tlt.ten, über die künstlerische Erziehung des Volkes. Tie nMte Kunsterziehung, so äußerte er damals wiederholt, eic'ntlx als ihr Ziel, das Publikum bei künstlerischen Gaben Trtti: sLtt, sondern hungrig zu machen. Tie Erziehung aber IT* schrittweise vor sich gehen; dadurch würde sie es fcciiOfi bringen, daß dasselbe Publikum, das heute z. B. Bwrirrs noch nicht verstehe, ihn in etwa fünf Jahren sehr ßCto an hören werde. Man solle darum unerzogene 5-ürer nidi: mit Brahms, sondern mit ßöh*, nicht mit Metzsche, font.TTi etwa mit Fontane füttern.

! lieser Volksschullehrer Schmidt wurde dann der Dichter be^^utschen Komödie", die am Freitag in unserem Theater iir -lerne ging. Seit etwa 15 Jahren ist denen, die der tteimn deutschen Literatur Interesse entgegenbringen, der 9di|i:w Otto Ernst bekannt; seit dem Winter 1899, seit dem C-dunen seinesfrohen Farbenspiels", eines Büchleins pc-MImer humoristischer Plaudereien, und seiner fügend tmnn heute" kennt man Ernst allerorten in Teutschland. tijaiais setzte man auf ihn die größten Hoffnungen.

! :uiot) seiner sehr verständigen Kunsterziehungsvorträgc kommt er selber in seiner an die Menge sich wendenden Jugend von beutet" doch mit Nietzsche und nicht mtit So utane. Tie künstlerische Idee des Stückes ist fernes» tum eiirna die Verspottung der modernen Kunst überhaupr, finit oer en gesunde Bestrebungen Ernst als Mitarbeiter der WtoiecJugend" ein'|t selber tapfer in die Schranken LüUtt,jo-iibern vielmehr die Verspottung ihrer bedauerlichen AullÄuaI)se. Er führt uns den konzentrierten Typus jener vor km paar Jahren in deutschen Literatur- und Kunst- jeiHittn auf Scyritt unb Tritt unzutreffenden Sorte von :;id) fühlenden Leuten vor Augen, deren Lebensleio esL ij-, daß ihnen bie eigene künstlerische Schaffenskraft bie in einer Art geistiger Zerrissenheit mit Ver- achtAngz auf alle erworbenen Rechte, alle ehrlich^ Arbeit unrOdl. I e großen Trabitiorren blicken unb babei in ©tunben

ber Einkehr unb ber Selbstzermarterung gar wohl fühlen, daß sie mit ihren Herrenmoral-Jdeen von Freiheit unb Jndi- vibualismus, Einsamkeit unb Egoismus nicht weiter, nicht aus sich heraus kommen, ja sich selber nur wehe tun. Tieser Erich Goßler ist nach dem letzten, fteilich etwas gartenlaubenhaften Akte der Kvmödie zu beurteilen; da lernt man ihn rennen als einen im Grunde recht beklagens­werten Menschen. Er ist eine Künstlerseele, aber mehr Empfinder als Erfinder, darum unglücklich. Er hat sich mit einer Art überheblicher Selbstgenügsamkeit künstlich um­geben, an die ec im Grunde selbst nicht glaubt, mit der ec abec andere zu blenden weiß. Unb in bieser angenom­menen Blenberrolle hat ec seine einzige, herbe Jreube. Gedanklich ist er hinausgedcungen übec landläufige mo­ralische und künstlerische Anschauungen, und hat sich dabei verirrt. Ec hat alles, was da ragt, eingerissen unb nichts neu auf bauen können, ec hat ben festen Bob en unter seinen Füßen verloren, er ist über eurige Wahrheiten hinaus zu .^albwahrheiten gelangt, bie er selbst im Grunbe als häß­lich unb absueb empsinbet. Diesem kreuzunglücklichen Men­schen von nicht gewöhnlicher Intelligenz stellt ber Tichtec einen überaus glücklich gearteten, von gesundem, optimisti­schem Kern gegenüber, der sein Lebensheil in ber Arbeit sinbet. Jnbem es aber Ernst gefiel, bie Nervenfeinheit des Tekadenten ins Extrem zu steigern, ja ihm eine Häßlichkeit des Charakters anzudichten, die ihn für jeden unleidlich machen muh, andererseits ber robusten Mrvenstärke bes anbei-en allzuviel Weltunerfahrenheit unb ein paar Tropfen Philistrosität beimengte, hat bei benr großen Publikum ber zweite allzu leichtes Spiel. Mancher Untunbige mag wohl glauben, bie mobemen Kunstjünger seien allesamt Quer­köpfe und Nichtsleistec wie dieser Goßler. Darum vermißt man schmerzlich die ausgleichenbe Gerechtigkeit in der Schil­derung ber Charaktere. Turch diese Uebectreibungen zieht ber Tichter beide Gegner unnötig herab. Das ist an diesem, an klugen unb witzigen Pointen unb gescheiten Einfällen reichen bramatischen Kunstwerk zu bebauern. Unb inbem der Dichter seinem Goßler den Poeta Wolf zur Seite gab, entstand vollends bie Komödie dieser Sorte Jugend von heute; die T r a g ö d i e bleibt noch zu schreiben. Mit diesem Wolf verspottet Ecn'ft jene winzigen ,-Ucbermännlcin" um ben nur üt Berlin möglichen Arno Holtz, bie)en ursprünglich lyrisch so reich begabten Ostpreußen, ber aber in seiner

fast zur Krankheit gesteigerten Originalitätssucht sich in völlig unfruchtbare Prinzipien verrannte. Seine heute glück­lich schon roieber so ziemlich veeschwunbenen Nachtreter lieferten in ihren vermeintlichenGedichten" eine barba­rischeUeberkunst", die die gleichHiltigsten Vorgänge mit aller-- Hand nichtigen Einzeleinbrücken wild unb sorglos neben­einander hinwarf. Tie ernsten Vertreter moderner Literatur haben diese seltsamen Produkte übler Unkunst überhaupt nicht beachtet.

Was ben Kunstwert dieser Dichtung Ernsts ausmacht, daä ist, außer dem sichtlichen, wenn auch nicht durchweg ge­lungenen Vermeioen des Tendenziösen, des Absichtsvollen, die Schilderung des Milieus, bie nichts Mätzchenhaftes an sich hat, vielmehr burch, bie Selbstverständlichkeit, mit der sich Charaktere und Situationen erklären, besticht. Jam­merschade, baß 'Senft bie auf ihn bamals mit Recht ge­setzten Erwartungen später so schnöbe trog, baß er der von ihm einst so hoch gehaltenen Fahne echter deutscher Kunst so untreu wurde und sich in bie Reihe ber ge­schäftstüchtigen Drcunenfabrikanten mengte, als bereu Meister Subermann anzusehen ist.

Tas Stück ist am Freitag von Herrn Haag geschickt inszeniert worben unb hat eine im ganzen sehr wohl- gelungene Tarsteilung gefunben. Der Benefiziant, Herr Achterberg, war ber Darsteller des braven Hermann, des naiven guten Jungen, an bem sich das alte Wort vom guten L^enscyenin seinem dunklen Drange" neu be­währt. Er hatte sich in die Seele dieses geweckten jungen Arztes ganz hineingesunden, er hatte ben Dichter recht verstauben, er zeigte Warme unb Jugend frische. Zu viel Jugend, zu wenig Reife; er wuchB un entscheivenden Düo- ment über seinen Partner, ben er doch geistig besiegt, nicht hinaus, nichts gab er da von plötzlich, jäh errungener i'iegfriebträftiger Uederlegenheit. Ihm mangelt auch, noch das rechte Maß, bie rechte Selchrzucht. In Momenten ber Ekstase überstürzt er sich verliert er mitunter ben Faden und saft auch die Sprache, wo der Dichter klare, ge­danklich, langsam sich lösende Worte gibt oder in schönen Schwung gerat Das Ueb er haften von Gefühlen und Reden, das Cxplojive seines Wesens bedarf noch sehr der Ein­dämmung. Leicht läßt er sich durch kleine Aeußerlich teiten von der Haiidlung ablenlen. So zeigte er z. B. wohl infolge davon nicht die geringste Ueberraschung, als ihm