Rr. 343 - ^Viertes Blatt.
154. Jahrgang
Erscheint tLgNch mit Ausnahme des Sonntag-.
Die ^Gießener Zamlliendlätter- werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich betgelegt. Der »hrffffche Landwirt" erscheint monaUich einmal.
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Sumstag 15. Oktober 1904
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RotattonSdruck unb Verlag der Brühtlchem UnwersttätSdruckerei. ÖL Lange, Gteßm.
Redaktion. Expedition m Druckerei: Schulstr.I» LeL 91t. 5L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gieß«»
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Keer uud Alotte.
Berlin, 14. Okt. In den leitenden Kreisen hält man Aad) der ^Dtsch. Tagesztg." an der Absicht fest, die He eres- vorlage zugleich mit dem Etat dem Reichstage zu unterbreiten, waS deswegen geboten scheint, weil der neue Etat schon aus der Grundlage der Heeresvorlage aufgebaut ist. Die Entscheidung über diese Vorlage muß also vor der zweiten Etatsberatung erfolgen. DaS Blatt schreibt des weiteren:
„Was über den Inhalt der Vorlage in der Presse verlautete, beruht aus Vermutungen, da bindende Beschlüsse nach Lage der Dinge noch nicht gefaßt sein können. Richtig ist, daß der Entwurs des preußischen Kriegsmimsteriums sich in durchaus mäßigen Grenzen hält Die vorgeschlagene Erhöhung der Friedens- Präsenzstärke soll geringer sein als die im legten Heeres- gesetze geforderte. Wenn man erwägt, daß der Reichstag damals von der Forderilng 7000 Mann abslrich, gleichzeitig aber in einer Resolution seine Bereitschaft erklärte, in erneute Erwägung eintrelen zu wollen, falls tue bewilligte Erhöhung sich als nn- zurelchend erweisen sollte, wird man der Beratung der neuen Vorlage mit einiger Ruhe entgegensehen können. Einen Konfliktsstoff birgt sie nicht, wenn nicht alle Zeichen trügen."
Aus Stadt iu:ii Land.
Gießen, 15. Oktober 1904.
* * Personalien. Se. Kgl. Hoheit der Groß Herzog haben dem evangelischen Pfarrer Valentin Schrimpf zu Butzbach das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
* • Das Thermometer sank verflossene Nachtauf 2 Grad Kälte, so daß auf den Wasserpfützen sich eine mehrere Zentimeter dicke Eisdecke bildete und Dächer, Wiesen 2c. stark bereift waren. Die letzten Herbstblumen sind erfroren. Auf dem Vogelsberg und dem Taunus ist bereits der erste Schnee gefallen.
* * Promenadenkonzert findet morgen, Sonntag, um halb 12 Uhr mit solgendein Programm statt: 1. KrönungS- marsch von Meyerbeer. 2. Maritana-Walzer von Dellinger. 2. Finale a. d. Op. ,Aida" von Dellinger. 4. A.-M. Nr. 9, Herzog von Braunschweig.
** Ob erhes s is che Heimatsgeschichte. Aus Elpenrod (Kr. Alsfeld) wird uns von einem Lehrer folgende „mündliche Ueberlieferung" berichtet: „Die e h e- maltge Stadt Feldkrücken lag zwischen Ermenrod, Ruppertenrod und Elpenrod. Noch ist das obere Mauerwerk des „Ziehbrunnens" zu sehen, der sich in der Mitte der Stadt bejunden Haden soll. In den fünfziger Jahren dcü vorigen Jahrhunderts waren noch die ttmsajsuuHs- nlauern dcS Friedhofs mi sehen. Auch ist dort noch em aepslastcrtcr Weg vorhanden. Einst wuror Feldkrücken von bcr Pest arg heimgesucht, und viele starben an der schrecklichen-Kran kyerd Eines Tages erschien ein fremder.Vo^el, welcher mit weithin schallender Stimme sang: „Drnkt Dibernell und Baldrian, so sterbt ihr nicht, kommt bald davon!" Als die Menschen des Vogels Rat folgten, wich die Krankheit. Niemand wollte aber an dem unheilvollen Orte bleiben; deshalb zogen die meisten Einwohner weiter) ins Gcbirg und legten den Grund zu dem jetzigen Dorfe J-eldtrücken im Kreise Schotten. Jedoch drei Bürger blieben mit ihren Familien in der Nähe der alten Heimat. An einem rauschenden Bächlein, aus dem ihnen der liebliche Gesang der Elsen entg-egenhallte, bauten sie ihre Wohnungen und umrodeten das Land. Dem neuen Ort gaben sie den Namen Elsenrod jetzt Elpenrvd. Auch heute noch meint man in stillen Nächten im ,-Oberdorf an den „Roller" den Gesang der Elsen &u vernehmen.
'* Dicke Kartoffeln. Wie wir uns überzeugten, hat der Justus Körber in Alten-Buseck auf seinem Kartoffelacker eine 2050 Gramm schwere Kartoffel ernten können.
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Der ZUng.
Kriminal-Roman von O. Elster.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Was wollen Sie tun?!" fuhr Ferdinand auf.
„Vor allem Fräulein Vollmar in ein scharfes Verhör nehmen." „Nein — niemals!" rief Ferdinand gebieterisch äuS. — Mißtrauisch sah ihn der Detektiv an. Ihm kamen jet dieser leidenschaftlichen Erregung eigentümliche Gedanken. Sollte er hier auf eine neue Spur gestoßen sein/
„Fräulein Vollmar weiß entschieden um das Geheimnis", sagte er lauernd.
,^Jch verviete Ihnen, in dieser Richtung weitere Recherchen anzuftellen!"
„Ah — ah! — bann, mein verehrter Herr Groller, ist meine Aufgabe hier zu Ende." . . .
„Ja, sie ist zu Ende! Gott sei dank! — Ich war ein Tor, daß ich Sie hierher rief! Fort — ich will nicht mehr! — Sie können heute noch abreisen ... Ich will nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben!"
„Ich toerbe mir erlauben, Herr Groller, Ihnen meine Liquidation einzureichen unb dann auf Ihren Wunsch sofort abreisen", entgegnete der Detektiv, verbeugte sich höflich und verließ das Zimmer.
Ferdinand starrte ihm nach, als habe er ein Gespenst gesehen. Tonn sank er aufatmend auf einen Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht. So blieb er lange Zeit sitzen.
Am andern Tag halte der Verwalter Mcinert die Genugtuung, der neue Sekretär auf Nimmerwiedersehen abreiste. Nach 'einigen Tagen reifte aber auch Herr Groller wieder fort, dieses Mal *ür lange Zeit. Tie Fenstervordänge und Läden jn dem Herrschasishuuse wurden geschlossen, die Köchin, bad Lttuben- niädchen, der Kutscher, welcher zugleich die Tienerstelle bei Ferdr- rnand versah, enllassen, die Kutschpferde dem Verwalter zur Feldarbeit übergeben, kurz, der ganze Haushalt aufgelöst.
Still und verlassen, öde und leer stand das hübsche, , sonst sso freundliche HerrschaslshauS da: auf die Parkwege sckfiittelte b?r Herb,.wind Lie wellen Blätter nieder, auf dem .kleinen Weiher nn Park bi.o tc sich eine grüne Schlammbecke, die Blumenbeete Lagen ungelegt unb verwildert da, in den Zweigen der tahlcn Aäume n.chun die Dohlen unb 5krähen.
Ter alte inner Vollmar j chtteite traurig das greise Haupt, und Kalbe Vollmar weinte heimlich manche bittere Träne.
Da der Glückliche — Bahnarbeiter ist, kann man schon deshalb daS schöne Wort auf ihn nicht anwenden, daß die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben.
(v.) Kinzenbach (ftt. Wetzlar), 13. Okt. Bei der am 9. und 10. Oktober l. I. vom „K a n i n ch e n zu ch t - Ve r - ein für Kinzenbach und Umgegend" veranstalteten ersten Lokal-Ausstellung zeigte es sich so recht, daß auch in unserer Umgegend der Sinn für die Kaninchenzucht endlich rege wird. Der Besuch dieser Ausstellung war über alles Erwarten sehr stark. Die ausgestellten Tiere waren auch tadellos, und mancher, der bisher der Kaninchenzucht keinen Wert beigelegt hatte, verließ diesen Standpunkt uiü> wurde Züchter. Der Beweis hierfür liegt darin, daß für weit über 100 Mark Kaninchen verkauft wurden. Die Prämiierung wurde von dern bewährten Preisrichter Herrn Psitzner aus Frankfurt a. M. vorgenommen und ergab folgendes Resultat:
1. Klasse: Tiere über 6 Monate. 1. Ehrenpreis, ein silbernes Kaffeeservice, gestiftet von dem Geflügelzucytvercin für den Kreis Wetzlar: Philipp Hederich aus Kinzenbach auf Holländer-Häsin. 2. Ehrenpreis, in bar 6 Mk., gestiftet vom Kaninchenzuchtvercin Garbenheim: Karl Bepler zu Kinzenbach auf Schlack-tzucht-Häsin. 3. Ehrenpreis, in bar 5 Mk., gestiftet von der Brauerei Friedel unb Asprion- Gießen: Hermann Storck aus Launsbach auf Belgische Riesen. 1. Preise in bar 5 M L: Theodor Viehmann-Kinzenbach, Ludwig Viehmann-Kinzenbach. 2. Preise in bar 3 M k.: Theodor Viehmann (zioeimal), Philipp Mandler-Kinzenbach, Karl Alt-5linzenbach, Hermann Stork-Launsbach. 3. Preise, in bar 2 M k.: Heinrich Gabriel-Gießen, Philipp Mandler-Kinzenbach (zweimal), Theodor Viehmann-Kinzenbach, Hennann ^Ltork- Launsbach, Heinrich Gabriel-Gießen, Heinrich Peusch-Kinzen- bach. Lobende Anerkennungen: Konrad Stroh-Kinzenbach, Heinrich Lecker-Kinzenbach. 2. Klasse: Jungtiere bis z u 6 Monate. 1. .Ehrenpreis, ein Ziertischchen: Hrch. Gabriel-Gießen auf Belg. Riesen. 2. Ehrenpreis, in bar 5 Mk., gestiftet von der Brauerei Friedel unb Asprion- Gießen: Heinrich Gadriel-Gießen auf ein Paar Schuhe aus Kaninchenleder. 3. Ehrenpreis', in bar 5 Mk., gestiftet vom Kaninchenzuchtverein für Kinzenbach und Umgegend: Heinrich Pfeif-Wieseck auf Sitberkanincken. 1. Preis, in bar 3 Mk.: Konrad -Lchmidt-Kinzenbach, Ludwig Ufer-Garbenheim, Theodor Viehmann-Kinzenbach. 2. Preise, in bar 2 Mk.: Theodor Viehmanw-Kinzenbach, Hermann Swrk-Launsbach, Ferd. Pfeiffer-Launsbach, Friedr. Mandler-Kinzenbach, Konrad Schmidt- Kinzenbach, Ludwia Viehmann-Kinzenbach. 3. Preise, in bar 1 Mk.: Heinrich Gabriel-Gießen, Karl Pepler-Kinzenbach, Konrad Stroh-Kir^zenbach, Ludwig Ufer-Garbenheim Zweimal), Karl Alt- Kinzenbach (ztveimal), Otto Schwicker-Atzbach. Außerdem erhielten: den 1. Eh renpreis für beste Gesamtleistung mit 39 Punkten Theodor Piehmann-Kinzenbach, den 2. Ehrenpreis mit 16 Punkten Hermann Stork-Launsbach
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* Arendsee, 12. Okt. DaS hiesige Schöffengericht oerurteiltc den bekannten Naturmenschen »gustav nagel* wegen Erregung öffentlichen AergernisseS zu 100 Dck. Geldbuße, bezw. zu 20 Tagen Haft. Da bcr seltsame Mensch z. Z. eine Reise nach Ostfriesland unternommen hat, um Vorträge zu halten, so war er zum Termin nicht erschienen. Das Aergernis wurde darin gefunden, daß sich Nagel an belebten Orten fortgesetzt, nur mit einer Badehose bekleidet, habe sehen laffen. Deswegen war er schon einmal zu lbO Mk. Geldbtrße verurteilt, von der Strafkammer zu Stendal aber freigesprochen worden, da diese in der mehr als dürftigen Kleidung ein Acrgeniis nicht erblicken kannte. Auch jetzt wird Nagel Berufung einlegen.
• Mä nnersein de. Auf der Hochschule in Aberystwyth sind die Studentinnen in Revolte gegen die Studenten. Ein hoher Senat scheint an diesem schrecklichen Zustand die Schuld zu tragen. Studenten und Studentinnen hören zwar zusammen dieselben Vorlefungen, aber der Senat hatte die nierkwürdige Verfügung getroffen, daß die Studierenden
beiderlei Geschlechts außerhalb der akademischen Räume nicht mit einander sprechen dürften. In den 10 Minuten Pause war ihnen dagegen gestattet, sich zu unterhalten. Diese kurze Gnadenfrist wurde durch den hartherzigen Senat noch auf 7 Minuten heruntergefetzt, unb dies empörte die Studentinnen derartig, daß sie in einer Versammlung seierlichst beschloffen, nilnmehr mit keinem männlichen Wesen, es sei Student oder Nichtstiident, außerhalb des Hörsaales auch nur ein Wort zu wechseln. Ob Väter und Brüder, Onkel und Vettern auch zu den Boykottierten gehören, wird nicht mitgeteilt. Von Selbstmorden liegt bisher keine Nachricht vor, auch noch nicht von Streikbrecherinnen, da der Beschluß erst einen Tag alt ist.
Avr;ug ens i)tu StaBitsBmtsngißrrn etr $iaM Hießen.
Aufgebote.
Am 5. Okt. Franz Wilhelm Ateyer, Monteur in Wiesbaden mit Karoline Wittich dahier. Anr 10. Okt. Karl Frey, Taglöhner in Laubringen mit Elifabelha Jäger dahier. Am 11. Okt. Heinrich Karl Törmg, Schlosser dahier mit Barbara Wöll hierfelbst. Am J3. Ott. Karl Herr, Dienllkuecht dahier mit Elisabeths Walther hierfelbst. — Earl Aiidernach, Kaufmann in Marburg mit Anna Katharine Waag dahier.
Eheschließungen.
Am^ 8. Okt. Philipp ÜJluUer, Hilfstelegraphist dahier mit Marie Stock in Walleurod. — Äntou, gen. August Wagner, Schremer dahier mit Marie Weder hierfelbst. — Anton Kirnz, Handschuhmacher dahier mit Marie Theresia Rettschlag Hierselbst. Am 14. Okt. Dr. Philipp Palzer, prakt. Arzt in Hilders mit Walburga Johanna Racks dahier.
Geborene.
Am 30. Sept. Dem Bäcker Karl Link ein Sohn, Ernst Paul. Am 3. Okt. Den: Taglöhner Wilhelm Leib eine Tochter, Katharine. Am 4. Okt. Dem Leutnant Georg Jebens ein Sohn, Hans Georg Hermann Earl Felix. — Dem berittenen Gendarmen Wilhelm Scharmann eine Tochter, Lina Helene ÜJZarie. — Dem Buchhalter Hermann Walther ein Sohn, Ernst Karl. Am 6. Okt. Dem Kaufmann Julius Berdux ein Sohn. — Dem Kaufmann Karl Häuser eine Tochter. Am 7. Okt. Teni Lampenwärter Heiiwich Karl Herbert ein Sohn, Otto und eine Tochter, Johanna. — Dem Kaufmann Heuirich Rüger em Sohn. Am 8. Okt. Dem Schleifer Johannes Seeger eine Tochter, Mathilde Rlarie. — Dem Aletzger Ernst Reitz ein Sohn. Am 9. Okt. Dem Lagerarbeiter Kaspar Baitz eine Tochter. Anna. — Dem Zilschneider Gottlob Awyer ein Sohn, Otto Kurt. Am" 10. Okt. Dem Zigarrenfabrikanten Earl Plank ein Sohn. — Dem Rechtsanwalt Friedrich Engrsch em Sohn, Kurt Ottmar Theodor. Am 11. Okt. Dem Heizer Heinrich Schlch'er eins Tochter, Elisabeth.
Gestorbene.
Am 10. Okt. Christoph, gen. Karl Fehl, 23 Jahre alt, Schlosse* dahier. — Jakob Kahl, 69 Jahre all, Privatmann dahier. Am 11. Ott. Jakob Ronttadt, 77 Jahre alt, Rentner dahier. Ai! 1Ü. Okt. Jütte Rojeiiberg, geb. Hornberger, 65 Jahre aU, Witq bei Justizrats Dr. Anton Rosenberg dahier.
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Don Ferdinand hörte man nichts mehr: es hieß, er mache eine Orientreise, niemaild wußte, wo er sich aufhielt.
7. Kapitel.
Herr Kaspar Neugebaur hatte ein gutes Geschäftsjahr hinter sich. Einige Ermittelungen in diskreten Familienangelegenheiten brachten ihm hohe Honorare ein. Daß Herr Kaspar Neugrbaur bei diesen Ermittelungen nicht immer die geradesten Wcge ging unb dem Grundsatz huldigte: „Der Zweck heiligt die Mittel^ — konnte man von dem schlauen T'etettiv nicht anders erwarten. Und ob seine Ermütelungen schließlich das Glück und die Zufriedenheit mehrerer Familien zerstörten, war ihm höchst gleick)- giltig. Fiat justilitia, pereat mundus — war fein Wahlspruch, den er stctS im Munde zu führen pflegte.
Kurz und gut, er hatte tut letzten Jahre vortrefflich aLge- schnitten unb konnte sich im Sommer erst eine kleine Erholung gönnen. Da er aber gewohnt war, selbst seine Erholungsreisen mit einem geschäftlichen Zwecke zu verbinden, so übernahm er die Beobachtung eines Herrn, welcher plötzlich und ohne ausreichenden Grund bon Berlin nach dem Niesengebirge abgcrcist war und sich in ein einsames Gebirgsdorf an der Schnceroppc vergraben hatte. Dieser Herr, ein Amtsgerichtsrat a. T. Wernecke, war sehr wohlhabend und unverheiratet. Grund genug für verschiedene Nichten und Neffen, den lieben Onkel nicht aus den Augen zu lassen, zumal, der alte etiva sechzigjährige Herr die seltsame Laune hatte, (ein Geld zu wohltätigen Zwecken zu verwenden. Tas heißt, auf offiziellen Wohltätigkeitslisten Prangte fein Name niemals. Auch öffentliche Wohltaiigkeitöveratistaltungcn besuchte er nicht; der alte Herr ging, wie überhaupt im Leben, auch bei seinen Wohltatm seinen eigenen Weg, indem cr selbst die Quartiere der Arniut unb des Elends aufsuchte, und hier bedürftige Personen unterstützte. Sa-on mancher arme Handwerker, schon manche arme Witwe hatte dem „sonderbaren Kauz" die Existenz, ja das Leben zu verdanken.
Tas war gewiß sehr schön, aber die Nichten und Neffen saben nicht ein, weshalo das scl)öne Geld ihres Onkels an solche „Personen" vergeudet werden sollte. Am liebsten hätten sie den guten Onkel unter Kuratel wegen Verschwendung seines Vermögens gestellt. Deshalb sandten sie auch den Herrn Kaspar Neu- gebaur dem guten Onkel in das Riesengebirge nach, um zu beobachten, ob dieser nicht chu-a neue „Dummheiten" machte, die ihre Absicht, ihn unter Kuratel zu stellen, unterstützen konnten.
(Fortsetzung folgt.)
— Kaiser Wilhelm II. a ls französische Noman- f i g u r. Daß Kaiser Wilhelm II. unter d u geistigen Führern Fraitkreichs zahlreiche Bewunderer b'sitzt uub auch die ftanzöfischc
Presse, selbst chauvinistischer Richtung, seinen außerordentlicherE Eigenschaften feiten die Anerkennung versagt hat, darf als be* kanttt vorausgesetzt werden. Ettvas Neues aber ist es, so leiert ivir in der „Nat.-Ztg.", ban ein Pariser Schriftsteller von Rus es jüngst unternommen hat, die Figur unseres Monarchen iL den Piittelpunkt einer romanhaften Erzählung zu stellen. Dieser Schriftsteller ist Rena Buzin, eins der jüngsten Mitglieder bep Acadomie, von beiden zahlreichen Werken wohl nicht nur der -fi später auch drantatisierte — Roman „Les Oberlß" seinem Namen außerhalb der Grenzen seines Vaterlandes Widerhall verschafft hat. Die Erzählutrg heißt: „Le Gutde de l'Empereur" — „bÄ Kaisers Führer' — unb spielt wiederum an den reichsländischeft Grenzen, teils im französisch gebliebenen Lothringen, teils int deutsch gewordenen Elsaß. Sie beschreibt u. a. sehr spannend, fast dramatisch, wie Kaiser Wtthelnr II. nur von zwei Offizieren unb einem Standartentrager begleitet, heimlich nach Straßburg Eonnnt, um die Garnison zu alarmieren, und gibt den sehr hübschen Versuch einer Analyse der psychologischen Vorgänge in der Seele des mächtigen Herrschers, der (elbft die Wack-t an der Grenze hält unb mit dem stolzen Bewußtsein des Kaisers und des obersten Kriegsherrn den gewaltigen Waffenapparat auf ein einziges Wort aus seinem Munde in Funktion gesetzt sieht. Charles Huder, der Held der Erzählung, der in Straßburg bei der Ar- ttllerie dient, begegnet dem Kaiser auf dem weiten Wege -um Santmelplatz und wird von ihm ausechehcn ,ihm borthill als Führer zu dienen. Tann darf cr neben dem Monarchen, der Gefallen an ihm gefunden hat, der Parade zuschauen. Tas wird ihm zum Verderben; cr ist vom schnellen Gange schweißgebadet, unb der kalte Nachtwiud wirft ihr: an einer Lungenentzündung ni<i>:r. Er stirbt, ein Opfer treuer Svldateupslicht, in den Armen des bcrbeigceilten alten Pflegevaters im Straßburger Garnison- lazarett, unb den Grabhügel des braveit Jungen schmückten drei Kräitze: zwei kleine, einfad)e des Kapitäns unb der vereinsamten Veronika, ben dritten, prächtige,» schickte sein dankbarer Kaiser... Rcnö Bazin hat di-osc, wie man sieht, nicht sehr kompliziert« Geschichte sehr schlicht ohne viele äußerliche Mittel, aber mit warmem, ehrlichem Gefühle erzählt. 9cur da, wo er den Kaiser schildert, seine Gestatt, seine ticiu-egungen, seine Empfindungen, )d)lägt cr höhere Töne au, die erkennen lassen, wie stark ihn die Pcrisönllchkcit Wilhelms 11. fasziniert. Soviel zu übersehen, hat noch fein französischer Kritiker bisher an der versöhnlichen Tcnd.ltz des Buches Anstoß geiwnimcn. Auch das ift beachtenswert.
— Gerhart Haupt m a ii n ist in Berlin aiijx(ommai, um an den üJwj. i zur Neuaufführung seine- „81 o t i a »i Gehe r" im „Lesfing Lheater" teiljuuebmcn. Die erste llellimg findet am ^autstag, ben 22. ix 20L, statt.


