Ausgabe 
14.5.1904 Zweites Blatt
 
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den Herren geäußert worden seien. Warum spreche man nicht offen aus, was man wolle? Jedermann permute doch das Ge­heimnis, es könne ja kein anderes Mittel sein, als einfach der Staats st reich, die Kontrerevolution. Das wäre das größte Unglück für Deutschland.Wir wünschen eine monarchische Regierung über den Klassen und Parteien, was aber v. Manteuffel wünsche, sei mehr oder weniger Partei- und Klafsen- rcgierung, dem stehen wir aufs schroffste entgegen. Die So­zialdemokratie sei nur eine Teilerfchemung der notwendi­gen und heilsamen Hebung der unteren Volksklassen. Das So­zialistengesetz habe mehr geschadet als genützt. Eine gerechte Re­gierung über den Parteien sei das heilsame. Jede Regierung müsse den Arbeitern, seien es nun Sozialdemokraten oder nicht, zeigen, daß sie chr Wohl im Auge habe, sie fördern und heben will. In einer Zeit, in welcher alle sozialen Klassen sich orga­nisieren, wie sei es da möglich, die Organisation zu verhindern. Die ganze heutige Arbeiterwelt in Deutschland und anderen Län­dern sei nur durch ihre Führer zu gewinnen. Miquel habe Redner, als ersterer noch Oberbürgermeister in Frankfurt a. M. war, immer uni) immer wieder seine Erfahrungen mit der So­zialdemokratie mitgeteilt und habe ihm immer gesagt, er komme sehr gut mit ihr aus. Redner steht nicht an, zu erklären, daß der Abschluß der jetzigen Handelsverträge eine rettende T a t gewesen sei und er befinde sich da ja in recht guter Gesell­schaft. Nicht die Handelsverträge, sondern die Hochkonjunk­tur im Welthandel hätten den Niedergang der land­wirtschaftlichen Erzeugnisse herbeigeführt. Tie For­derung der Kündigung der Haiidelsverträge sei eine Schwächung unserer Stellung gegenüber dem Auslande und bedeute einsach eine Kündigung des Bündnisses zwischen Landwirt­schaft, Industrie und Handel. Finanzminister von Rheinbaben hält sich für verpflichtet, dagegen Einspruch zu erheben, daß der Vorredner Herrn Miquel als Kronzeugen für seine Anschauungen über die Sozialdemokratie anführe. Prof. Dr. Schmoller konstatiert, daß er ausdrücklich erklärt habe, daß Herr v. Miquel ihm das in seiner Eigenschaft als Bürger­meister gesagt habe. v. Wedel-Resdorf bemerkt, daß seiner Ansicht nach die Landwirtschaft vielmehr das Stief­kind sei, das nun endlich einmal auch etwas abbekommen wolle. Die Sozialdemokratie sei groß geworden, durch das Reichstagswahlrecht. Nur durch Ueberwindung dieses Gesetzes habe man Hoffnung, die Sozialdemokratie zu überwin­den. Er verlange nicht das Dreiklassenwahlrecht, dasselbe sei ihm viel zu plutokratisch geworden. Aber notwendig sei die offene, statt die geheime Wahl, sowie die Heraufsetzung des Wahlalters auf mindestens 30 Hahre. Freiherr Lu­cius von Ballhausen tritt gleichfalls für scharfe Maß­regeln gegen die Sozialdemokratie ein. Frhr. v. Mirbach erklärt, von einem Staatsstreich, von dem Schmoller gesprochen habe, sei gar keine Rede. Sein Standpunkt zur Sozialdemokratie fei nicht der, daß jeder Sozialdemokrat zu verurteilen fei, aber Die Führer seien Todfeinde der Religion, Gesellschaft und Staats­ordnung, und müßten deshalb aufs nachhaltigste bekämpft werden. Herr v. Buck plädiert ebenfalls für scharfe Bekämpfung der Sozialisten. Frhr. v. Manteuffel bestreitet, das Ver­langen nach Wiedereinführung des Sozialistengesetzes ausge­sprochen zu haben. Er habe nur seine Aufhebung bedauert und seine gute Wirksamkeit bewiesen. Vom Staatsstreich habe er kein Wort gesprochen. Nach den Vorgängen im Winter 1002/03, als die Sozialdemokratie die systematische Obstruktion gegen den Zoll­tarif trieb, war die Stimmung gegen sie so erbittert geworden, daß, wenn damals die Staatsregierung den Reichstag mit Rück­sicht auf diese schändliche Haltung der Sozialdemokratie auf­gelöst hätte, die Wahlen ganz anders ausgefallen wären, als nachher. Tas sei einer der verpaßten Momente, von denen er vorgestern gesprochen habe. Die Regierung sei der Sozialdemo­kratie gegenüber von einer Nachsicht gewesen, die an Schwäche grenze. Redner polemisiert noch im einzelnen gegen die Ausführ­ungen Schmollers über die Sozialdemokratie. Einer der wesent­

lichsten Punkte, die den Kampf gegen die Sozialdemokratie er­schwere, sei, daß viele hochgebildete und anerkannte Autoritäten es nicht unterlassen können, bei jeder passenden und unpassen­den Gelegenheit auf die bösen habsüchtigen Konservativen zu schimpfen. Graf v. Stolberg konstatiert namens der kon­servativen Fraktion des Reichstages, daß innerhalb der Fraktion niemals über eine Aenderung des Wahlrechts verhandelt worden sei. Oberbürgermeister Dr. Lenze- Barmen glaubt auch, daß man mit geistigen Waffen, soweit darunter schriftliche Abhand- lungen und wissenschaftliche Disputationen verstanden werden, gegen die Sozialdemokraten nichts ausrichtet. Aber mit Gewalt komme man erst recht nicht weiter, sondenr man müsse die Arbeiter gerecht behandeln und ihre gerechten Beschwerden abflellen. Weiter rühmt Redner die Tisziplin der Sozialdemokraten, ihre Organi­sation und ihren großen Opfermut, die den anderen Parteien zum Beispiel gereichen könnten. Sie sollten sich zusammenschließen zum gemeinsamen Kampf; nicht wie jetzi in Frankfurt a. O. sich gegenseitig bekämpfen. Man solle bei den Arbeitern nicht den Eindruck erwecken, als ob sie ungerecht behandelt werden. Man solle ihnen z. B. das Feiern von Festen gestatten und nicht durch kleinliche Polizeimaßnahmen den Agitatoren stets erneuten Stoff geben. Nach weiteren Repliken zwischen Professor Schmoller und Graf Mirbach schließt die Generaldiskussion.

In der Spezialberatung folgt zunächst der Landwirt­schafts-Etat. Dazu liegt eine Resolution von Rheden vor, worin die Regierung ersucht wird, alle Anträge auf Abänderung der Anträge der §$ 5 und 14 über die Ausführung des Schlacht­vieh- und Fleischbeschau gesetztes abzulehnen. Der Berichterstatter v. K r o f f teilt mit, daß der Antrag v. Rheden zurückgezogen sei und empfiehlt einen Antrag, wonach die ein­malige Abstempelung des Fleisches für die Einfuhr in die Städte bereits genügen solle. Oberbürgermeister Kirschner- Berlin bekämpft dielen Antrag. Landwirtschaftsminister v. Pod- b i e 1 s k i führt aus, öberbürgermeifter Becker von Köln habe wenigstens ehrlich zugegeben, daß die Frage finanziell sei, und durchaus feine hqgienisaie, wie der Vorredner behaupte. Auf die Frage, ob die Städte ein Recht auf nochmalige Untersuchung des Fleisches haben, antworte er mit nein. Oberbürgermeister Becker- Köln verwahrt sich dagen, daß er die Frage für ledig­lich finanziell erklärt habe.

Nach weiterer Polemik der Oberbürgermeister Körte- Königs­berg, Kirschner- Berlin, gegen den Standpunkt des Ministers wird der Etat des Landwirtschaftsministeriums bewilligt.

Aus Stadt uiiS Zand.

Gießen, 14. Mai 1904.

** D er nationalliberale Landesausschuß hält nach derW. Ztg." seine Sitzung statt am kommenden Sonntag, am Sonntag, den 5. Juni, nachmittags 3 Uhr, in Darmstadt, RestaurantStadt Pfungstadt", ab. Die Verhinderung zahlreicher Parteigenossen, insbesondere der Führer der Kammerfraktion, bildet den Grund zu dieser Ver­legung. Die bekannte Tagesordnung bleibt bestehen.

** In der Gemälde-Aus st ellung am Brand hat diese Woche wieder ein vollständiger Wechsel der Ge­mälde stattgefunden; 90 Gemälde sind neu ausgestellt. Kommende Woche findet voraussichtlich wieder ein teilweiser Wechsel der Gemälde statt. Die Ausstellung ist auch in den Sommermonaten an Sonntagen von 113 Uhr mittags ununterbrochen geöffnet. Werktags, mit Ausnahme Samstags, von 111 Uhr, Mittwochs auch noch von 35 Uhr nach­mittags.

* Promenadekonzert findet morgen Sonntag um halb 12 Uhr in der Südanlage mit folgendem Programm

statt: 1. Ouvertüre z. Op.Leichte Kavallerie. 2. Mond­nacht auf der Alster! Walzer von Fetras. 3. Armee-Marsch Nr. 9, Herzog von Braunschweig. 4. Finale aus der Oper Aida" von Verdi. Nachmittags findet Konzert im Philo­sophenwalde statt.

-s- Klein-Linden, 13. Mai. Am Himmelfahrtstage unternahm der Turnverein einen Turngang nach der Saalburg. Bis Ostheim wurde die Bahn benutzt, alsdann über Usingen, Ansbach, Lochmühle, Wehrheim nach der Saalburg marschiert. Nach deren Besichtigung ging es nach Homburg und von dort per Bahn zurück nach Großen-Linden.

X Butzbach, 13. Mai. Von der Stadt wurde Bau­rat Dr. Esser ermächtigt, mit der Direktion der Zellenstraf­anstalt zu verhandeln wegen Abgabe von Trink wasser an die Stadt aus dem Brunnen der Anstalt bei etwaigem Wassermangel. Auf dem Schrenzer ist die Herstellung eines dritten Bohrlochs geplant.

§ Rendel i. d. Wetterau, 12. Mai. Der Kaiser verlieh dem hiesigen Kriegerverein aus Anlaß seines 25 jährigen Bestehens eine Fahnenschleife mit Fahnennagel, die ihm am 5. Juni vom Vertreter des Kreisamts Friedberg überreicht wird. Mit der Feier ist ein Kriegerfest verbunden, an dem die Nachbaroereine teilnehmen.

-Helpershain, 12. Mai. Unsere im Jahre 1656 erbaute Kapelle ist dem Einstürze nahe und nur mit Ge­fahr kann darin noch Gottesdienst gehalten werden. Es ist daher ein Neubau dringend notwendig geworden. Da unsere Kirche nur über ca. 4000 Mk. Barvermögen verfügt, so hat sich ein Kirchen bau verein gebildet, welcher schon 5000 Mark durch Sammlungen aufgebracht hat. Der Plan wird von Architekt Freundlieb in Friedberg entworfen, und die Bausumme beträgt im Voranschlags 23 600Mk. Im nächsten Jahre sollen die Arbeiten beginnen.

Kleine M111 e 11 u k g e n aus Hessen und den Nachbarstaaten. Die Generalversammlung des Haupt­ausschusses des Deutschen Flotten-Vereins für Frankfurt a. M. hat einstimmig beschlossen, in eine kräftige Agitation für eine beschleunigte Vermehrung der Flotte einzutreten.

ArveUertuwegung.

Kiel, 13. Mai. Ter seit mehreren Wochen bestehende Bäcker­streik ist als beendigt anzusehen und für die Gehilfen re- f u 11 a 11 o s verlaufen.

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