Nr. 112 Zweites Blatt.
154. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener FamilienblStter" werden dem „Anzeige, viermal wöchenllich beigclegt. Der »Hessische Landwirt erscheint monatlich einmal.
Gietzener Anzeiger
Samstag 14. Mai 1904
Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchea Unwersttätsdruckerei. R. Lange, Dießen.
Redaktion. Expedition ».Druckerei: Schulstr.T.
Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.
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-Die ycutige Wummer umfaßt 18 Seiten.
Kolitische Tagesschau.
AuS dem Reichstag.
Unser parlamentarischer Mitarbeiter schreibt unterm 13. Mai:
Es ging wie ein Seufzer der Erleichterung durch das hohe Haus, als Präsident Graf Balle st rem heute verkünden tonnte, daß der von Hessen angeregte Gesetzentwurf über die Entschädigung unschuldig Verhafteter seine endgiltige Erledigung gesunden fyabe. Endlich wieder eine gesetzgeberische Tat nach so vielen Wochen unfruchtbaren Hin- und Herredens, und zwar eine Tat, mit der sich der Reichstag sehen lassen kann. Erstreckten sich seine Wünsche auch über den Rahmen der Regierungsvorlagen hinaus, so hatte er doch Einsicht genug, sich zu bescheiden und dadurch dem Volke eine Gesetzeswohltat zu erweisen, deren wenige Nationen sich erfreuen.
Was zum folgenden Gegenstand der Tagesordnung: Etat des Reichsjustizamts, zur Sprache gebracht wurde, ließ den Wunsch rege werden nach baldigem Erlaß eines Gesetzes über den Strafvollzug. Die vom Abg. Dr. Gradnau er (Soz.) gegebene Schilderung von Mißständen beim Strafvollzug in preußischen Gefängnissen griff ans Herz, mochte dem Redner auch manche Uebertreib- ung unterlaufen. Die Gerechtigkeit und vor allem bie1 Menschlichkeit verlangen, daß schwerere Disziplinarstrafen gegen körperlich oder geistig erkrankte Gefangene nicht verhängt werden. Vor allem müssen die bestehenden Vorschriften, namentlich soweit die Hinzuziehung eines Arztes in Frage kommt, aufs strengste beobachtet werden. Entschieden zu weit ging der sozialdemokratische Redner, wenn er allen in den Gefängnissen tätigen Beamten die Mitschuld zuschrieb an beklagenswerten Vorkommnissen, und seltsam mutete es an, daß der „konfessionslose" Dr. Gradnauer für seine Beweisführung sich aus das neue Testament bezog. Aus der Erwiderung des Staatssekretärs Dr. Nieder- ding konnte entnommen werden, daß die über den Strafvollzug bestehenden Vorschriften eine ausreichende Garantie bieten, sofern sie befolgt werden. Das Bestreben des Staatssekretärs, die von Dr. Gradnauer in das Gcfängnisbild gezeichneten Schatten hinwegzubringen, wurde durch den Umstand begünstigt, daß der sozialdemokratische Redner in d.r Auswahl seiner Beispiele nicht immer glücklich war. Sonst passiert das vorzugsweise Herrn Bebel. Was die große
preußische. Strafanstalt Plöüensee betrifft, so wird sich auf Grund von Strafanträgen, die neuerdings gegen eine Reihe sozialdemokratischer Redakteure gestellt sind, erweisen lassen, ob und inwieweit die scharfe Mütik an den dortigen Einrichtungen unberechtigt gewesen ist. Der Staatssekretär zählte die verschiedenen ,^Volksstimmen" auf, gegen die derart vorgegangen werden wird, was die ^Taftion Bebel mit lautem „Hallo!" begleitete. Zu lärmendem Protest steigerte sich diese Kundgebung, als Abg. Dr. M u g d a n (Frs. Volksp.), Arzt von Berus, die Gesängnisärzte in Plötzensee in leidenschaftlichen Worten gegen die sozialdemokratischen Angriffe in Schutz nahm.
Sudwestafrika.
Man schreibt uns aus Berlin, 13. Mai:
Mit allseitiger Befriedigung wird die Mitteilung der „Nordd. Allg. Ztg." ausgenommen werden, daß Gouverneur Leutwein auf seinem Posten in Südwestasrika bleiben und Herrn v. Trotha redlich zur Seite stehen will. So ist denn diese Krisis glücklich beseitigt, und es entsteht nur die Frage, wie Herrn Leutwein in der bekannten Depesche die Rücktrittsabsicht so bestimmt zugeschrieben werden konnte, obwohl der Gouverneur nach seiner eigenen dienstlichen Erklärung keine dahingehende Aeußerung getan hat? Mit derartigen, aus jeden Fall beunruhigenden Meldungen sollte immerhin vorsichtiger umgegangeu werden. Es war eine zweckmäßige Maßregel, daß das Kolonialamt sofort den Gouverneur zur Stellungnahme gegenüber dem Telegramm veranlaßte. Aber freilich: Tie Leffent- lichkeit ist hauptsächlich auf die private Berichterstattung aus dem Schutzgebiet angewiesen, wenn sie etwas mehr erfahren will, als die dürren amtlichen Mitteilungen. Käme es finanziell wohl darauf an, bei dem großen und allgemeinen Interesse, das der Herero-Feldzug und das Schicksal so vieler Deutschen erregen, wenn die Regierung auch ihrerseits sich ergänzende Berichte von zuverlässigen Privatpersonen senden ließe? Im Schutzgebiet sind, wie die anschaulichen, in der Presse zur Veröffentlichung gelangten Privatbriefe dartun, gewandte Federn vollauf vorhanden. Man sollte doch durch die Unzulänglichkeit der deutschen offiziellen Berichterstattung während der China-Expedition gelernt haben. Vollends die Entsendung des Herrn v. Trotha mit den außerordentlichen Verstärkungen rechtfertigt eine Erweiterung des Nach- richtendienstes. Wie wir erfahren, wird die Zahl der Reiter im Schutzgebiet nach den jüngsten Beschlüssen auf fünftausend gebracht werden!
Politischer Szenenwechsel.
Aus London wird uns geschrieben:
Dem Ministerpräsidenten Balfour steht das Glück zur Seite. Nach den wiederholten Niederlagen in der Wintertagung des Parlaments durfte man sein Ministerdasein nur noch aus kurze Zeit bemessen. Jetzt ist er wieder obenauf, ohne sein Zutun. Einmal kommt ihm au statten, daß der liberalen Opposition ein in der politischen Taktik erfahrener Führer fehlt. Berufen glauben sich mehrere, aber der Befähigungsnachweis ist keinem so recht gelungen. Lord Rosebery, der die anderen liberalen Größen um Haupteslänge überragt, läßt wohl gelegentlich im Ober* t)ause einen „Speach" vom Stapel. Zum Unterhause „herab- zusteigen", scheint er aber nicht geneigt, und so wird er der konservativ-unionistischen Regierung nicht gefährlich. Zur F-estigung der Stellung der letzteren haben aber in höherem Maße beigettagen Ereignisse auf dem Gebiete der auswärtigen Politik. Ta ist zunächst der Marokko-Vertrag m i t F r a n k r e i ch. Es muß die einigermaßen befremdende Tatsache festgestellt werden, daß das englische Volk für eine Annäherung an die Franzosen sich leichter erwärmt, als für ein Zusammengehen mit den stammverwandten Deutschen. Interessant ist auch, daß in der Londoner Bevölkerung die Ueberzeugung herrscht, das Mittelmeer-Abkommen sei den Bemühungen König Eduards zu danken, der beim Besuch des Präsidenten L o u b e t in London eine Verständigung herbeigeführr habe. In d em streng parlamentarisch regierten England mutmaßt also das Volt ein Eingreifen des Königs in die politischen Geschäfte, und es mißbilligt das Eingreifen nicht. Dieses Moment verdient festgehalten zu werden. Dem Kabinett Balfour kommt weiterhin der« r u s s i s ch-japanische Krieg zu statten. Man hat das dunkle Gefühl, daß England daran nicht ganz unbeteiligt ist, aber Vorteile ziehen werde, wie auch immer der Ausgang sei. Und hier geht das Volksempfinden schwerlich irre. Japan holt, wenn nicht seine eigenen, so aus jeden Fall die englischen Kastanien aus dem ostasiatischen Feuer.
preußisches Kerrenhaus.
Berlin, 13. Mai.
Professor S ch m o l l e r führt u. a. aus: Der Ministerpräsident spreche mit den Agrariern wie der Va t e r mit seinem verzogenen Kinde. Man müsse aber klipp und klar sagen, es sei in absehbarer Zeit ganz undenkbar, daß Reichstag und preußisches Abgeordnetenhaus, vielleicht noch undenkbarer, daß der Bundesrat den Wünschen zustimme, die hier von
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