Ausgabe 
13.9.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. ÄlÄ

Zweites Blatt

Jahrgang

Dienstag 13. September 1804

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'ich« Untverfttätsdruckerei. 9L Lange. Gießen.

Redaktion, Expedition u. Druckerei - Schulstr.t» XeL Str. 5L Telegr.-Adr. i Anzeiger Gießen.

DieGießener Kamiliendlatter- werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der "Hessische Landwirt^' erscheint monatlich einmal.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben.

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Politische Tagesschau.

Ein Mahnwort deS Großherzogs von Baden an die bürgerlichen Parteien.

S. W. K. Karlsruhe, 12. Sept.

Am letzten Freitag empfing der Großherzog von Baden auf Schloß Mainau im Bodensee die Spitzen der staatlichen und städti­schen Behörden, sowie des Klerus von Konstanz, um deren Glück- wünsche zu seinem 79. Geburtstage entgegenzuuch-men. Der Kon­stanzer Landeskommissär Dr. Krems hielt dabei eine Ansprache, in der er auch auf die Gewährung des direkten Wahl­rechts zu sprechen kam. .Der Großherzog habe damit aufs neue das große Vertrauen bewiesen, das er zu seinem Volke habe, und lateres werde sich dessen gewiß auch würdig erweisen. Wie derPsälz. Bote" erfährt, dankte der Großherzog zu­nächst herzlichst für die ihm dargebrachten Glückwünsche und dann betonte er, daß er das, was er dem Volke gebe, als treue Pflicht­erfüllung seinem Amtes auffasse. Sein Vertrauen zum Volke stehe fest, und deshalb habe er ihm auch die direkte Wahl ge­geben. .Er hoffe, daß alle staatserhaltenden Elenrente fest zu- fammenstehen. (Zu den Anwesenden):Verbreiten Sie das in Ihren Kreisen!" Bei allem aber dürfe eines nicht fehlen: der Blick nach oben! Diese Worte des Großherzogs werden zweifel­los Aufsehen erregen. In Baden aber werden sie im Hinblick auf die nächstjährigen Landtagswahlen programmatische Bedeut­ung erlangen.

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Der Handwerks- und Gewerbekammertag in Lübeck.

Das Zünftlertum im deutschen Handwerk ist sich selbst über das Mindestmaß seiner Forderungen an die Gesetzgebung nicht einig. In Lübeck hat, wie wir kurz berichteten, am 7. und 8. ds. Mts. der deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag getagt. Den wichtigsten Gegenstand der Verhandlung bildete die Forder­ung des Befähigungsnachweises für das Bau-Ge­werbe, die einstimmig angenommen wurde. .Der Referent und die meisten Diskussionsredner gingen in chren Forderungen aber weiter und verlangten den Befähigungsnachweis für das gesamte Handwerk; man getrachtet die erste Forderung nur als eine Abschlagszahlung. Die Forderung bei Einführung des allgemeinen Befähigungsnachweises blieb aber nicht ohne Widerspruch, namentlich seitens der Vertreter süddeutscher Kam­mern; auch der Vertreter der Lübecker Kammer warnte vor einer Ueberspannung der Forderungen; der Handwerks- und Gewerbe­kammertag solle nicht vergessen, daß er nicht das gesamte Hand- toerk vertrete, sondern nur dieoberen Zehntausend". Mit der Forderung der sofortigen Einfuhr des Befähigungsnachweises für das gesamte Handwerk setzt sich übrigens der Lübecker Handwerks­und Gewerbekammertag auch in scharfen Gegensatz zu den Aeußer-

ungen hervorragender Führer der Zünftler auf dem Magdeburger Handwerker- und Jnnungstage. Dort hat vor noch nicht vier­zehn Tagen Herr Felisck als Hauptreferent erllärt, er halte den allgemeinen Befähigungsnachweis zwar für möglich,aber", fuhr er fort,in diesem Augenblicke ihr: zu verlangen, wäre poli­tisch nicht richtig". Diese Auffassung entspn )t wohl auch im allgemeinen der jetzigen Stellungnahme der konservativen, in deren Namen Herr Jacobskötter . wiederholt vor der Auf­stellung zurzeit nicht erreichbarer Forderungen gewarnt hat.

DaS österreichische Futteransfuhrverbot.

Vor kurzem hatte die üstreichische Regierung ein Ausfuhr- verbot für Futtermittel nach Deutschland erlassen, von dem un­sere Landwirtschaft zum Teil schwer betroffen wor­den ist. Es ist mehrfach in der Presse darauf hingewiesen worden, daß die Maßnahme Oesterreichs, die sich nicht nur auf Heu, frische und getrocknete Futterkräuter, Stroh sowie Häcksel be­zieht, sondern sich auch auf andere Bodenerzeuguisse und Fabri­kate wie Melasse, Mais, Hafer, Pferdebohnen, Lupinen, Wicken, Kartoffeln, Kleie, Oelkuchen, Schlempe, Rübenschnitte usw. er­streckt, mit den Bestimmungen des jetzt giftigen deutsch-östreichi- schen Handelsvertrages nicht recht in Einklang zu bringen ist. In demselben Artikel (1, Absatz c) ist die Berechtigung zu einem Ausfuhrverbot nurin Beziehung auf Kriegsbedürfnifte unter außerordentlichen Umständen" vorgesehen. Danach würde man also österreichischerseits unter besonderen Verhältnissen zum Erlaß eines Verbotes auf die erstgenannten Futtcrsorten befugt sein, was auch bereits im Jahre 1893 geschehen ist. Auch könnte man wohl anerkennen, daij Hafer und Kartoffeln ebenfalls zu den KriegSbedürfnffsen gehören. Mit dem Hinweis auf die ge­schilderte Sachlage wurde nun in den Blättern vielfach unserer Regierung der Vorwurf gemacht, daß sie gegen das Ausfuhr- verbot nickst protestiert hätte. Bon kompetenter Seite erfahren wir aber, daß dies in der üblichen Form bereits vor einiger Zeit geschehen ist. Man hat in Wien Vorstellungen deshalb erhoben und erwartet demnächst eine Antwort Oesterreichs, das sich jeden­falls über die Auslegung des betreffenden Paragraphen des Handelsvertrages äußern muß. Wenn man auch nicht erwarten kann, daß der Erlaß im ganzen zurückgenommen wird, so hofft man doch, daß derselbe wesentlich zu Gunsten Deutschlands modi- ftziert wird. Speziell glaubt man, daß die österreickstsche Regier­ung die bereits vor dem Termin des Inkrafttretens des Erlasses vereinbarten Abschlüsse deutscher Firmen in Oesterreich berück­sichtigen wird, da deutscherseits auf diesen Punft besonders hin­gewiesen worden ist.

Die Politik Roosevelts.

Ter Bries, mit welctem Roosevelt die Präsidentschafts-Kandi­datur annimmt, wendet fick in einer längeren Ausführung gegen

die Kritik, die seine Gegner an seine Verwaltung und Polllik geübt haben. In Erwiderung auf die Erklärungen Parkers tritt Roosevelt für seine Politik und für die Art und Weise ein, wie die Flotte für deren Ausführung benutzt werde und recht­fertigt die Entsendung von Kriegsfüstffen nach Panama, Beirut, Tanger und Smyrna zu verschiedenen Zellen. Tie Flotte heißt es in dem Briefe, ist der mächtigste Schutz des Friedens haupt­sächlich, wie sie gefürchtet wird und bereit ist für den Dienst der auswärtigen Polllik. Sie ist kaum weniger vorteilhaft für die übrige Welt als für die Vereinigten Staaten. Irgend ein Auf­geben der Philippinen würde eine Katastrophe bedeuten, die. Stimme der Vereinigten Staaten würde im fernen Osten nicksts mehr gelten, wenn sie die Philippinen aufgäben. Roosevelt kommt dann auf den Vertrag mit China zu sprechen, der einen vollen Vorteil für die Zukunft Amerikas bedeute. Die Monroe- Doktrin, sagt Roosevelt in seinem Briefe wellcr, hat neue Kraft erhalten, aber die amerikanischen Republiken wissen, daß die­jenigen die Gerechtigkeit suchen, mit reinen Händen kommen und die Verantwortlichkeit für ^die Ausübung des Rechts auf Freiheit übernelMen müssen. Tas Staatsdepartement ist bis an die Grenze des diplomatischen Gebraucys gegangen, um der Welt klar zu machen, daß es die innerste Ueberzegung Amerikas ist, daß die verschiedenartige Behandlung und die Bedn'lckung von religiösen Ueberzeugungen Akte von Ungerechtigkeit sind und das Staats­departement wird fortsahren, einen Druck in diesem Sinne aus­zuüben. .Roosevelt bezeichnet den Versuch, die Tarifrevision mit der Lösung der Trufttragen identifizieren, als unaufrichtig und sagt, den durch die Truftsrage hervorgerufenen Mißständen könne man nur auf der in den letzten drei Jahren vom Kongreß und der Exekutive geschaffenen Grundlage beikommcn. Tie Handels­marine müsse ihren Anteil an den Vorteilen des Schutzzolles haben und wann der Schutzzoll geändert werde, dürfte es nur mit äußerster Umsicht und mit konservativer Richtung geschehe«. Keine Periode, heißt es in dem Briefe weiter, sei materiell so produktiv gewesen, und zwar ebenso für die Arbeitnehmer wie für die Arbeitgeber, als die letzten sieben Jahre unter der ab­soluten Herrschaft der Republikaner. Der Brief schließt mit dm Worten:Wir halten uns immer vor Augen das wichtigste Ziel der Politik *unt> der Verwaltung, nämlich die Herrschaft des Friedens im Lande und in der ganzen Welt."

Klrchc und Lchule.

Evangelischer Bund. Die 18. Generalversammlung des Evangelischen Bundes findet zu Dresden vom 3. bis 6. Oft. statt. Die Tagung verspricht sehr interessant und reichhaltig zu werden. Aus der reichen Fülle dessen, was das Programm ver­heißt, greifen wir nur folgende Themata und Vorträge heraus: Prof. Dr. Tschackert-Göttingen:Das echte Lutherbild"; Vikar Monsky-Krems:Der religiöse Gehalt der evangelischen Beweg-

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