Ausgabe 
12.7.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 161

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

und endlich will

Dienstag 12. Juli 1904

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfch« UntverftLLtSdruckerei. 8t Lange, Gieß«.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schukstr,I.

Tel« Nr. 6L Telegr^-Adr.; Air-eiger Gieß«.

Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags.

Die ..Gtetzener FamUlenblStter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der »hesstfche Lavdwtr^ erscheint monalltch einmal.

Verwunderung Mer dieungewöhnliche Art" des diplomatischen Verkehrs aus. Darauf gab Herr v. Witte für eine Weile Ruhe.

ii schütteln sich die beiden Gegner von einst die Hand: allenfalls nut einem Acheln wird der alten Mißhelligreiten gedacht werden. Aber Graf Bülow hat doch noch etwas mehr Grund zur Heiterkeit, als fein Besucher. Denn Herr v. Witte, der das in der modernen Politik unangebrachteNiemals'" ausgeiprochen hat, legte sogar eine weite Reise zurück, um das Wort in aller Form zu widerrufen. Der deutsch-russi-

6 nb Elsve rtrag wird Ereignis. Allerdings, das nicht em Erfolg Bulowlcher Staatskunst, sondern die Folge der Verhalttttste. Rußland revanchiert sich für Deutschlands wohlwollende Neutralität^' im ostasiatischen Kriege, es revan­chiert sich ferner dafür, .daß es unbesorgt einen Tell seiner Grenze von gruppen zu entblößen vermag, und endlich will Rußland auch für die Zukunft einen hilfsbereiten! Freund haben. Aus amtlichen Quellen gespeiste Zeitungen beteuern eifrigst: Rußland sinnt nicht auf eine neue in Deutschland unterzubringeude Kriegsanleihe. Börsianer, die nicht auf den Kopf gefallen sind, setzen diesem vltteit des russischen Entgegenkommens ohne NebenabsicÄ ein zweifelsüchtigesAugenblicrlich" hinzu. Wev da behauptet, Ruß- land brauche rein Geld, es habe noch kolossale Reserven mit meIjy9lln9, antwortet ein Lohngelächter' der Hölle. Nein, Rußland möchte lieber heute als morgen eine nicht zu knapp' bemefsene Anleihe aufnehmen. Nur mahnen seine Vertrauens männer in der Hochfinanz immer wieder zur Geduld. Weiter sei nichts erforderlich als ein durchschlagender Wafsenerfolg Kuropatkins; dann vertraut die kopfscheu gewordene Masse oer Kapitalisten wieder dem russischen Stern. Also, ihr Brüder, siegt und ihr habt Geld in Fülle. Das ist leichter geraten, als vollbracht. Um zu liegen, muß .man.XÄeld im Kriege haben, wrrd man in Petersburg, nicht ganz ohne Unrecht, behaupten.

Wie, so schreibt man uns heute aus Berlin, fangen es nur die Japaner an, daß sie bisher noch gar nicht m finanzielle Verlegenheiten gekommen sind? lieber dies Pro­blem zerbrechen sich sogar russische Beamte den Kopf. Wir trafen lungst einen dieser hervorragenden Manner oben auf dem Srrx- n\r kühl und zugeknöpft, taute aber beim

Abstieg .nach Schierke auf und machte schließlich auf der Terrasse derFürstenhöh" seinem Herzen Luft. Ar sprach den düsteren- Verdacht aus, daß Japan aus geheimen Duellen nicht etwa Englands, sondern der Vereinigten Staaten versorgt wurde, aus New York und Washington, und daß dies zu dem Zweck geschehe, damit die Ver. Staaten Hern a ch beim ^riedensschluß .initzusprechen hätten; außerdem wün-^ >chen die Amerikaner die Niederlage RnhlandZ, weil sie mtti ^npan sich besser zu verständigen Höften über ihre Interessen, m Ostasten, als mit den kurz angebundenen russischen Staats--

8x3 Kmaeraden an ein ins Feld «brückendes MS L.L der klar und deutlich ausgesprochene Armee siegreich sein möge. Wie der rn Einklang zu bringen ist mit der /^^"^tats-Verslcherung der Regierung, das mag sich Graf- ube£®Bctt- Nach dem bisherigen Verlauf des russisch-japa- mschen Krieges ist es als ziemlich sicher anzunehmen, daß die Wunsche des Kaisers für den Ruhm der russischen Waffen nicht m Erfüllung gehen und dah im Gegenteil die Japaner den segneter6aIten wcrben' obwohl der liebe GoU ihre Fahnen nicht

Der Handelsvertrag.

Der Präsident des russischen Minister-Komitees von Witte 8i x Ikiner Reise nach N'orderney am Sonntag abend in Begleitung der beiden für die H a n d e l s-V e r t r a g s - Ver­hau d l u n ge u m i t D e u t s ch l a u d bestimmten Herren, Timi- raiew und Prüeiaiew in Berlin ein. Bereits am Montag früh fand in der russischen Boftchaft eine mehrstündige Konferenz itnU. In einer Unterredung gaben die beiden letztgenannten Herren zu, daß das Inkrafttreten des neuen russischen ^011^(11:i^g in seiner jetzigen Fassung eine schwere Schädigung des deutschen Handels bedeuten würde, ^te erklärten aber, daß die D i f f e r e n z i e r u n g der Zoll- l u ß e z w e i s e l l o s fallen werde, falls der Handelsvertrag aus Grund der letzt zu führenden Verhandlungen zu stände komme. Auch die anderen Uebelstände im Verkehr mit Rußland über welche der deutsche Handel Klage führt, würden kein Hin­dernis bilden können, umj zu dem Abschluß eines Vertrages zu gelangen. .

Später folgten die russischen Herren einer Einladung d - russischen Botsckwfters zum Frühstück. Am Nachmittag fand cTn Esien m der russischen Botschaft statt, zu welchem der Staats­sekretär des Auswärtigen von Richt Hofen eine Einladung erhalten hatte. /Am Abend reisten der Minister und seine Be­gleiter nach Norderney zum Besuch des R e i chs ka n z l e r s.

Graf Bülow und Herr v. Witte haben zunächst einen kleinen Fr iedensschluß zu vollziehen, ehe sie an dieGeschäfte" gehen. Beide Staatsmänner sagten sich zu Zeiten recht deullich die Meinung. Herr v. Witte begann mit seinen Offenherzigkeiten, als man sich in Deutschland anschickte, im Zolltarif dieWaffe" für die neuen Handelsverträge zu schmieden. Flugs ließ er, tamate no# ber Leiter der Finanzen, von seinen Leibblättern verkündigen, Rußland betrachte einen solchen Tarif mit höhe- r c n ® e 11: e i b e j ö 11 e n als eine Herausforderung. Zur gröberen Nachdrücklichkeit wurden außer diesen Preßkundgebungen eigene Worte des Ministers, in /Form von Interviews, verbreitet und dlese Äußerungen klangen womöglich noch schroffer und unversöhnlicher, .schließlich riß dem Grafen Bülow der Ge­duldsfaden; er drückte im Reichstage mit satirischer Spitze feine

Deutschland und Wußland.

Ein Kaisertelegramm.

. ?erliche Kaiser richtete an den Kommandeur

de§ rufst sch en Wyborg schen Regimentes ein Tele­gramm, in welchem er seinem Regimente Glück wünscht zu der Möglichkeit dem Feinde gegenüberzutreten. Er sei stolz darauf, daß seinem Wyborgschen Regimente die Ehre zuteil werde, für Kaiser und Vaterland und für den Ruhm der russischen Armee zu kämpfen. Das Telegramm schließt mt: ben Worten.Meine aufrichtigen Wünsche begleiten das Regiment. Gott segne seine Fahnen."

bin soldatischer Gruß des Regiments- chess an dw Angehörigen des Regiments aufzufassen, die mit gebem UdmaT^ dem Kriegsschauplatz ernsten Zeiten entgegen nur daran erinnert, schreibt der ,Lok. Anz.", daß Kaiser Wilhelm seinem e ng l i s ch e n Dragonerregiment, als es nach dem südafrikanischen Kriegsschauplätze ab* ging, /ine Depesche gleichen Inhalts sandte. Aus demselben rnn soldatischen und durchaus unparteiischen Gefühl heraus druckte Kaiser Wilhelm, wie das Blatt nachträglich erfährt, ge­legentlich . der diesfährigen Frühjahrs-Parade in Potsdam dem lapanifchen Militär-Attachee seine Bewunder­ung über die Bravour der japanischen Truppen aus, die da­mals gerade die erste Probe militärischen Könnens abgelegt hatten. y

Das Kaiser-Telegramm wird von derPost" wie fvlat kommentiert: ö

In russtschen Regierungskreisen weiß man, daß sich Rußland auf dw deutsche Neutralität fest verlassen kann und damit dürfte Rußland auch weit mehr gedient sein als mit einem Heraus- treten Deutschlands aus dieser Neuttalität, das ja sofort einen Weltkrieg entfesseln würde. Das Telegramm ist vor allem auf- Massen als eine persönliche Kundgebung des Kaisers an das Regiment, das fernen Namen trägt. Das Telegramm enftpringt durchaus dem militärischen kameradschaftlichen Geist, aus dem der Kaiser fein Verhältnis zu den ihm verliehenen Regimentern auftaßt

In ähnlichem Sinne äußert sich dasB erl. Ta ge bl." und schreibt: Irgend welche politische Bedeutung hat diese Höflichkeits-Formalität gar nicht und wenn der Kaiser zum Schluß sagt, Gott möge die Fahne des Regiments segnen, so be­deutet das noch feine Parteinahme gegen Japan, sondern ledig­lich den Wunsch, daß das Regiment sich an seinem Teile wacker schlagen möge.

Demgegenüber schreibt dieBerl. Ztg.": Das ist nicht

Zweites Blatt. 154. Jahrgang

Gießener Anzeiger

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