Redaktion, Expedition ».Druckerei: Schulst?.?.
TeU Nr. 6L Lelegr.-Adr. r Anzeiger Gießen.
* Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu iv Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Nr. 266 Drittes Matt. 184. Jahrgang Freitag 11. NaLsember 1S04
cheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags. a
Die „Giehener Zamilienblatter" werden dem H ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der HN ES |L W W^, 8 M M. XJfcL W U. W |f N fei
»hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. BH BI v v W V' W ja Mr 'v"
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sichen.
Politische Tagesschau.
Mosel, Saar und Lahn.
Die drei Bürgermeister der Saarstädte Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach haben in Sachen der Mosel-, Saar- und Lahnkanalisierung drei übereinstimmende Eingaben an das preuß. Abgeordnetenhaus gerichtet, die lauten:
„Nachdem die königliche Staatsregierung in den Jahren 1901 bis 1903 voll dein königlichen Kanalbauamte in Trier ein ausführliches technisches Projekt für die Kanalisierung der Mosel und der Saar mit Einschluß genauer Kostenanschläge für beide Flußkanalisierungen hat ausarbeiten lassen, und nachdem der Verband für Kanalisierung der Mosel und der Saar in zahlreichen Arbeiten den Nachweis für die Rentabilität der Moselkanalisierung, und die Handelskammer Saarbrückeil in ihrer Denkschrift: „Die Kanalisierung der Saar voll Brebach bis Konz" dell Nachweis für die Rentabilität der Saarkanalisierung gebracht hat, können sachliche Gründe gegen die baldige Vornahme der Kailalisieruilg beider Flußläuie nicht mehr als vorliegend erachtet werden. Die sofortige Kanalisierung des größten siidivestdelltscheil Flußsnsteins aber ivird zu einer dringenden Notwendigkeit dadllrch, daß emem hohen Hause der Abgeordneten zur Zeit eine Vorlage über den Ban eines Rhein-Hannover-Kanals vorliegt, dessen Ausführung dem nordwestpreußischen Eisengebiete, das er durchqueren wurde, einen solchen Vorsprung vor bem südwestdentschen Eisengebiete in dell Produktionskosten mld Absatzkosteil geben würde, daß voll einer alleinigen Ausführung des Rhein-Hannover-Kanals ohne Mosel-, Saar- und Lahnkanalisierung eine Wirtschaftskrisis für die Eisen- illdustrie Südwestdeutschlands zu befürchten steht, lvelche die fiskalische Kohlenindustrie des Saargebietes und insonderheit die Verhältnisse der in dieser beschäftigten 44 000 Arbeiter in ernste Mit- leidenschaft ziehen würde. Tie Stadt St. Johann bildet mit den Städten Saarbrücken und Malstatt-Burbach deil Wietschaftslnittel- punkt des industriellell Saargebietes, und es müßten daruln durch Unterlassung der Saarkanalisierullg auch für ihr wirtschaftliches Gedeihen die erilstesten Folgerl eintreten. Die Kanalisierung der Saar von Brebach bis Koilz ist ebcufo, wie die der Mosel von Metz bis Koblenz, ei» dringendes wirtschaftliches Bedürfnis und würde dem ganzen Saar- und Moselgebiete zil einer Quelle des Segens gereichen. Die gesalllte Bevölkerung des Saar- ulld Mosel- gebietes tritt einhellig für die KanalisierlUlg beider Flüsse ein und hat an ihre Herren Vertreter im hohen Hause der Abgeordneten das Ersllchen gerichtet, denl Bail des Rhem-Hannoverkanals mir dann ihre Zustimmung zu geben, wenn die Kanalisierung der Saar und Mosel zugleich mit jenem Kanalbau durchgesührt wird. Aus diesem Grunde gestatten sich die Städte St. Johann, Saarbrücken und Malstatt-Burbach, einein hoheil Hause die ergebene Bitte vorzutragen, »ein hohes Haus der Abgeordileteil möge den Einschluß der Kanalisierung der Saar voll Brebach bis Koilz und der Mosel von Metz bis Koblenz für Sechshunderttomlenschifse in die gegen- wärtige wasserwirtschaftliche Vorlage beschließen."
Uarlamrntarischev.
Berlin, 10. Nov. Die Kanalkoinm!issron begann mit der Beratung des Dortnrusnd-Rhein- Kanals einschließlich des Lippe-Seit e n k an als Datteln-Hamm. Bezüglich der Liniensübrung des Kanals liegen drei Varianten betreffend die Einmündung des Kanals in den Rhein vor. Der Berichterstatter beantragt eine vierte Variante mit einem nördlicher gelegenen Punkte einzustellen, außerdem 4 Millionen mehr, welche der Regierung für den Erwerb von Grundstücken neben dem Kanal zur Verfügung stehen sollen. Finanzminister Frhr. von Hammerstein "spricht sich für den Antrag aus; namentlich fei es empfehlenswert, daß der Staut durch den Erwerb von Grundstücken auch sich Vorteile sichern könne, die sonst den Anliegern zufielen, während dem Staate allein die Lasten oblägen. Zu dem Antrag, auch die unterliegende Strecke der Lippe von Wesel bis Datteln und die oberliegende von Hamm bis Lippstadt zu kanalisieren und dafür 44.6 Millionen einzustellen, erklärt der Finanzminister, daß künftig ullerdings eine Entlastung des Dortnmnd-Nhein- kanals durch die Lippe nötig sein werde. Vorläufig dürfe aber der Verkehr aufs dem Dortmund-Rheinkanal nicht geschädigt werden. Darum möge man keinen festen Termin für den Ausbau der Lippe festlegen. Die Abstimmung über den vorliegenden Antrag wurde bis zum Schluß der ersten Lesung ausgesetzt. Hierauf wurde die Wasserversorgungsfrage für den Rhein-Hernekanal beraten. Gegenüber den Bedenken aus der Mitte der Kommission legte Minister v. Budde dar, daß die Talsperren, wie sie im Wesergebiet in Aussicht genommen seien, nach den Erfahrungen des Inlandes und Auslandes durchaus erprobt seien.
Der Mng.
Kriminal-Roman von O. Elster. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Wohin?" . of 0, „
„Oder in das Scheunen-Viertel, wenn Ihnen dieser Aufdruck bekannter ist. Kurz, in jene Gegend Berlins, in welcher sich alles lichtscheue Gesindel der Weltstadt zu verkriechen pflegt. Waren Sie noch niemals dort?"
„Nein." . . ..
„Nun, dann werden Sie Berlin einmal von der Kehrseite kennen lernen." <___
In der Tat, mit dem glänzenden Stadtteil, ut welchem der Justizrat wohnte, hatten diejenigen, engen, dunklen, .schmutzigen Straßen, durch welche jetzt der Wagen über das holperige Pflasrer rasselte, nicht die geringste Aehnlichkeit. Eine schwüle, stickig^ übelriechende Luft erfüllte die Gassen. Mühsam wand sich durch einige derselben die Straßenbahn unter fortwährendem schrillen Geläute der Glocke, denn alle Augenblicke war eme Stratzen- biegung oder Kreuzung zu überwinden oder ein anderes viNverms stellte sich ihr entgegen. In den alten, verstaubten, hochgreolign Häusern mit den tiefen, dunklen .Höfen, die wieder durch .ViM - Häuser umgrenzt wurden, befand sich ein kleiner Laden neben o andern: Höcker- und Grünkramkeller, Kneipen und ^ssiilcn, denen lichtscheues Gesindel sein Wesen trieb, waren faft tn leoem Hause. Acnnliche, blasse Kinder spielten auf den Gassen; sck Weiber standen mit verdrossenen Mienen aus den Haussturen zusammen und sinstcr- oder srechblickende Burschen trieben r« in den Kneipen bcrum. Auch Iper mochten ehrliche und arbeitsam- Menschen wohnen, kleine Handwerker, ehrliche; Ar - er niedere Beamte - aber man Iah sie nicht und die bed°nklnh-n Elemente der Bevölkerung drückten dieser Gegend ehren tvya ’tCrtC3n<llciucin etwas besseren Hanse dieses Stadtteils, an einem
Auch über die hierzu vorliegenden Anträge wurde beschlossen, die Abstimmung auszusetzen.
Sitzungen des sandwirtsLaftUchen Wcreins für die Provinz KLcryessen.
6. Gießen, 11. Nov.
Der Hauptversammlung des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen ging eine Ausschußsitzung voraus, die gut besucht war. Der Vorsitzende begrüßte die Versammlung sowie den Vertreter des hessischen Landwirtschaftsrates Generalsekretär Dr. Müller und verlas die Liste derer, die sich als Mitglieder des Vereins angemeldet batten. Gegen die Aufnahme der Angeineldeten wurde kein Widerspruch erhoben und die Aufnahme derselben damit gutgeheißen.
In der Klagesache des Ernst Jung gegen den Provinzialverein wurde das Präsidium ermächtigt den Prozeß durchzu- sühren. Auf Antrag des Vorsitzenden wurde per Akklamation als Delegierte zum Deutschen Landwirtschaftsrat gewählt Gras Oriola und als Stellvertreter desselben der Vizepräsident des Provinzialvereins Kreisrat Dr. Wallau. Die Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten bildeten den Schluß der Ausschuß- sitzung.
Inzwischen hatten sich die Mitglieder des Provinztalvereins im Hauptsaale des neuen Sualbaues zur Hauptversammlung vereinigt, die der Präsident um 2i/i Uhr eröffnete. Im gleichen Augenblicke waren die Vertreter der Negierung, die Herren Ministerialrat Braun und Landesökonomierat Müller, erschienen. Der Präsident, Oekonomierat Sch lenke, eröffnete mit Begrüßungsworten die Hauptversammlung, hieß die Negierungsvertreter willkommen, erstattete in längeren Ausführungen den Jahresbericht (der an dieser Stelle im Druck erscheinen wird) und erteilte Prof. Dr. Gisevins das Wort zu seinem Vortrag über „Saatgutzüchtung und Beschaffung von Saatgut für die Landwirte der Provinz Oberhessen durch Errichtung von Saatgutstellen". Selten ist ein Vortrag von den zahlreichen anwesenden Landwirten mit so großem Beifall ausgenommen worden, als dieser. Dieser Beifall fand seinen Gipfel in den anerkennenden Worten des Vertreters der Negierung, Herrn Ministerialrat Braun. Alles das läßt hoffen, daß die Regierung in der Folge die Bestrebungen des landwirtschaftlichen Instituts der Universität auch finanziell kräftigst unterstützt und so diesem die Möglichkeit schaffe, aus wiffenschastlicher Grundlage der landwirtschaftlichen Praxis kräftig unter die Arme zu greisen. Der Landtagsabgeordnete Bürgermeister Köhler- Langsdorf brachte eine Resolution ein, die dem Wunsch der Hauptversammlung Ausdruck gibt, die Großh. Negierung zu bitten, das landwirtschaftliche Institut der Uni- versitätGießen zu fördern durch Gewährung ausreichender Mittel, so daß das Institut in die Lage kommt, zur Hebung der hessischen Landwirtschaft das seinige beizutragen.
Diese Resolution fand einstimmige Annahme unter der Voraussetzung, daß das Präsidium ermächtigt sei, die Resolution redaktionell abändernd zu fassen. Gegen fünf Uhr schloß der Vorsitzende die überaus angeregt verlaufene Hauptversammlung des Provinzialvereins für die Provini Oberhessen.
* Ein hübscher Ausspruch unseres Kaisers. Es war in einer kleinen nordischen Residenz. Man hatte den greisen Landesherrn zur ewigen Ruhe in die Gruft seiner Ahnen bestattet, der Kaiser und viele andere Fürsten hatten ihm das letzte Geleit gegeben. Nun saßen ste mit dem neuen Herrscher und dessen Familie zum Trauermahle nieder und, wie es ja auch in einem Bürgerhause in solchem Falle nicht anders zugeht, hielt die Unterhaltung sich in nicht sehr regem Tempo und in gedämpfter Klanghöhe. Nur einer der Gäste, Kronprinz Friedrich August von Sachsen — König Georg weilte damals noch unter den Lebenden — beherrschte mit seinem lebhaften Wesen und seiner, für die Gelegenheit viel
leicht ein wenig zu fröhlichen Redeweise die Unterhaltung. Da fielen plötzlich aus dem Munde des Kaisers die Worte: „Laut tönt Sachsens Stimme im Nate der Fürsten und Völker." — Und alsbald war die Konservation wieder auf das frühere Klangniveau herabgestimmt. — So erzählt man sich in einer kleinen nordischen Residenz
* Der Erblandmarschall als Zigarettenhändler. Am 5. November ist im Berliner Handelsregister eine interessante Firma eingetragen worden. Sie lautet: „Friedrich Franz Graf Hahn Pera Eigarettes New Bondstreet Zentrale für Deutschland. Inhaber ist Friedrich Franz Graf Hahn-Basedow." In Berliner Klubkreisen ist der neue Zentralleiter nicht unbekannt, immerhin werden aber nur wenige wissen, daß es ein mecklenburgischer Magnat, ein Mitglied des mecklenburgischen Uradels ist, das sich der Hantierung des Zigarettenverschleißes widmen wird. Tie Hahns besitzen stattliche Güter. So ist der Vertreter der Pera Eigarettes Herr des Hahn-Neuhäuser G-eldfideikommisses in Holstein, Fideikommißherr auf Basedow-Pleetz, Erblandmarschall des Landes Stargard und königlich preußischer Oberleutnant a. D. Sein vollständiger Name ist Friedrich Franz Kuno Alexander Nikolaus Werner Max Ludolf. Aus einer anderen Linie des Ge- schlechts stammte der in der Theatergeschichte, berühmt gewordene Graf Karl Friedrich v. Hahn, der seiner Bühnen- marotte sein ganzes Vermögen opferte.
Nnwersttäts-Uachrtchten.
— Die staatswirtschastliche Fakultätder Universität München ernannte den bisherigen Finanzminister Dr. v. Riedel in Anerkennung feiner Verdienste auf volkswirtschaftlichem „ Gebiete zum Ehrendoktor. Eine Deputation der Fakultät überbrachte dein Minister das Diplom. Der Minister dankte der Deputation gerührt und bemerkte, daß er in dem Diplom ein wertvolles Abgangszeugnis erblicke.
— Ein Sozialdemokrat als Vrofefsvr an der Pariser Kriegsakademie. Eugene Fourniöre,. der Freund und Mitarbeiter Jaurös an der „Humanitö", hat einen ständigen Lehrauftrag für Sozialökonomie an der Ecole politech- nique der technisch-militärischen Hochschule erhalten. Fourniöre soll vor den Hörern des zweiten Jahrganges in einem vollständigen Semesterkursus Vorlesungen über Gewerkschaftsbewegung, Gewerbeaussichtswesen, den Arbeitsvertrag und das Arbeiterrecht, sowie die Arbeiterschutzgesetzgebung halten.
— Studentinnen-Kommers. Anläßlich des. Bestehens der OheUehrerinncn-Prüfimg durch mehrere Studentinnen der Universität Göttingen wurde vor einigen Tagen zum ersten Male von den etwa 50 weiblichen Angehörigen der bärtigen! Alma moter ein recht fideler Kommers abgehalten, an dem auch Lehrer der Hochschule sich beteiligten.
— In Wien ist der Dermatologe Professor Ritter von Schellmann gestorben.
— Ein neues Ordinariat für Mathematik in Leipzig. Der o. Professor der darstellenden Geometrie an der Technischen Hochschule zu Dresden, Geh. Rat Dr. Phil. Karl Rohn ist vom 1. April 1905 zum ordentlichen Professor für Mathematik, insbesondere Geometrie an der Leipziger Universität ernannt worden. Als sein Vorgänger in Leipzig ist Profeffor Dr. Friedr. Engel, der eine außerordentliche Professur bekleidete i'.nd nach Greifswald berufen wurde, anzusehen. Auf Vorschlag der Fakultät wurde ein Ordinariat errichtet: der Vertreter desselben soll insbesondere auch die angewandte Mathematik lehren. Rohn steht int 49. Lebensjahr. Geboren zu Schwanheim bei Bensheim, studierte er, nach Absolvierung des Gymnasiums zu Bensheim, am Polytechnikum zu Darmstadt und an den Uni- versitäten Leipzig und München.
KkriÄtssaal-
Nordhausen, 9. Nov. Vor dem Schwurgericht hatte sich der Buchhalter Georg Curtmus aus Dillingen in Bayern, wegen Mordes zu üerantrnorten. Er hatte in dem Dorfe Lutter der jungen Witwe Mathilde Günther mit einem Dolche die Kehle durchschnitten, weil sie seinen Wünschen nicht nach- kommen wollte. Das Schwurgericht verurteilte den Mörder zum Tode.
Kaöm Sie Kinder? 1)8/11
Jede Mutter achte darauf, daß die Kinder keinen Bohnen« kafsee trinken. Tas Kaiserliche Gesundheitsamt sagt in seiner Veröffentlichung, daß Bohnenkaffee, der die Anfänge der Vergiftungs-Wirkungen des Koffeip in sich trägt, sich nicht zum Genuß für Kinder, nervöse und herzkranke Personen eignet. Kathreiner's Malzkaffee ist der beste unb bekömmlichste Ersatz.
kleinen Platze gelegen, auf dessen Mitte sich eine alte kleine, baufällig aussehende Kirche erhob, bewohnte der „Baron" Kaminski, wie er hier genannt wurde eine kleine Wohnung im zweiten Stock. Im Erdgeschoß befand sich rechts der Haustür eine Bierkneipe, links ein schmutziger Barbierladen. Auf dem Hofe war eine Tischlerei und Flaschenbierniederlage. Im ersten Stock hatte sich 'eine Händlerin mit exotischen Vögeln, Papageien und Kolibris niedergelassen, der man nachsagte, daß sie ihr Geschäft nur als Deckmantel fi'ir ihr unsauberes Treiben benütze. Im zweiten Stock wohnte rechts der „Baron", links ein Winkelkonsulent, ein entlassener Rechtsanwalt. Den brüten Stock bevölkerten mehrere Arbeiterfamilien mit zahlreichen Kindern.
Tas ganze Haus rock nach abgestandenem Bier und starrte von Schmutz und Unrat. Tie Stufen der Treppeir knarrten unter den Tritten der Auf- unb Mfteigcnden und die Türen und Fenster zeigten breite Spalten. t ’
Und hier wohnte der „Baron" Kanunsfi, dessen Eltern noch ein großes Rittergut in der Provinz Posen besaßen und dessen Vorfahren die ersten Ratgeber und Feldherren der Krone Polen gewesen waren. _ _
Armer Baron! — Auch er hatte bessere und glänzendere Tage gesehen, als er als schmucker, schneidiger Leutnant bei den Garde-Ulanen stand unb als der „schönste- Offizier Sr. Majestät" galt. Aber diese Schönheit wurde feilt Verderben. Er glaubte überall die erste Rolle spielen zu sollen, geriet in Schulden und quittierte den Dienst, da er sich nicht nach der Provinz versetzen lassen wollte. t ,
Eine zeitlang spielte er nun den reichen und eleganten Lebemann in Berlin. Als aber cüuch sein väterliches Gut unter beit Hammer kam, geriet er immer mehr in wirtschaftlichen Verfall und bas Enbe vorn Liebe war, daß er jetzt auf ärmlichem Lager in einer schmutzigen Wohnung in einem anrüchigen Hause im „Scheunenviertel" lag, — ein todkranker Mann.
Durch eine Heirat hatte er sich retten wollen. Aus seinen eigenen Kreisen erhielt er kein Jawort mehr — deshalb wühlte er eine wohlhabende Bürgerstochter. Tie .Eltern wollten nichts
von der Heirat mit dem heruntergekommenen Baron wissen, er entführte das betörte Mädchen, das die Eltern nunmehr bis auf ein geringes Pflichtteil enterbten. Als dieses aufgezehrt war, fing das Elend erst recht an, und jetzt war das Ende da.
„Gib mir zu trinken Anna", stöhnte der Kranke, sich in den zerwühlten Kissen halb aufn'chtend.
Als das arme, albgehärmte Weib ihm jedoch eine Tasse Tee reichen wollte, stieß er ihre Hand brutal zurück.
„Nicht das erbärmliche Gesöff", schrie er mit rauher Stimmt. „Gieß wenigstens zur Hälfte Rum hinein."
„Tu weißt, daß der Arzt Tir Mkohol verboten hat", fagtt die Frau mit weinerlicher Stimme.
„um Henker mit dem Arzt! Ob ich einige Stunden früher oder später zum Teufel fahre, ist einerlei. Gib mir den Rum." Mit zitternder Hand reichte die Frau ihm die Flasche, die er an die Lippen setzte, nm einen tiefen Zug zu tun. Ein Hustenanfall unterbrach ihn im Trinken, er griff mit beiden Händen nach der schmerzenden Brust, sodaß die Flasche auf das Bett fiel, von wo sie die Frau rasch fortnabm.
(Fortsetzung folgt.)
Bild er preise. Man schreibt uns aus Berlin: In der dieser Tage im Kunstsalon von Keller u. Reiner staltgelmbten Versteigerung von Gemälden ctc. aus der Kollektion Albert Jaffü in Hamburg, erreichten die abgegebenen Gebote eine Gesamthöhe von 217 430 9)1 f. Für ein Aquarell von Hubert von H e r k o m c r wurden 1700 Mk. bezahlt, für einen Klosterbruder von Grützner 1030 Mk. Eine Landschaft von HanS T h o in (t fand für 5000 Mk. einen Käufer. Die VenuS Borghese, welche bei einem Angebot von 13 000 Mk., den von dem Besitzer vorgeschriebenen Mindestpreis nicht erreichte, wurde von diesem zurückerworben, ebenso wurde ein Kinderbildnis von Reynolds, für das nur 6900 Alk. geboten wurden, nicht in der Auktion veräußert. DaS letztere wurde jedoch am Tage nach der Versteigerung freihändig zum Preise von 20 000 Mk. mit einem kleinen'Bild von Lawrence an eine deutsche Privatgallerie durch Vermittelung von Keller u. Reiner verkauft.


