Ausgabe 
11.5.1904 Drittes Blatt
 
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Nr. 110

Habey,

Mittwoch 11. Mai 190^

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehe«

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener LamilienblStter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Hessische Landwtrf erscheint monatlich einmal.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen Universttätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.7.

Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gteßm.

Den Schlußnoten.

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Es gibt einen deutschen Ort, den niemand wieder vergißt, der dort an einem lichten Himmelsahrtsmorgen gestanden und Die Welt im grim-weiß-roten Maienzauber erschaut hat: das ist die Wartburg, das alte Landgrafenschloß, in dem auch unser Kaiser so gern verweilt. Auch in diesem Frühling hat er wieder die liebliche Pracht des maigrünen Thüringer Waldes auf sich wirken lassen. Wer von da aus den deutschen Wald erschaut, wie sich das Helle Laubgrün abhebt vom dunkleren Nadelgeäst, der weiß, was deutsche Naturschönheit, was Romantik bedeutet. Moritz v. Schwind, der Maler der Wartburg, hat sie empfunden wie kaum ein anderer dort oben auf der Wartburg, und ein Gießener Professor, Hdf- baurat Dr. v. Ritgen, hat es verstanden, die Architektur der uralten, aus dem 11. Jahrhundert stammenden Burg, der roman­tischen Umgebung cmzupassen. Kaiser Wilhelm, der Großneffe des talentvollen Romantikers Friedrich Wilhelm IV., fühlt sich be­sonders dorthin gezogen.

In stiller Frühe, wenn der Tageslärm noch schläft, wenn der Wald, der deutsche Wald sei es der Thüringens oder des Vogelsberges, der Odenwald oder der Wald des Taunus, schön ü''t er hier wie da lind eine Stätte stiller Erholung und lachender Lebensfreude mit seinem freudigen Rauschen spricht, dann wird, i ns die Seele weit, und für unser ganzes Empfinden wird es klar, das heilige Wunder der Himmelfahrt. Entrückt dem Staube unserer Straßen und dem Staube der Tradition, der über unsere ganzen Offellschasllichen Verhältnisse sich deckt, und von dem B j ö r n s o n

Julius Fischer

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Nolitrsche Tagesschau.

Neber die Entsendung von Handwerkern und Arbeitern nach Südwestafrika.

Vor einiger Zeit fanden sich in der Presse Meldungen, wonach eine Anwerbung von Handwerkern für unsere Truppen irn südwestafrikanischen Schutzgebiete zu erwarten war. Zu­gleich war von Verhandlungen über die Höhe der Entschädigung für deren Arbeitsleistungen die Rede gewesen und dann wurde nichts weiter hierüber berichtet. Von wohlunterrichteter kolonialer Seite wird jetzt geschrieben, daß diese Frage nicht wegen der Differenz zwischen den gebotenen und geforderten Summen nicht weiter verfolgt wurde, sondern daß man den Berichten aus der Kolonie gemäß von einer besonderen Ab­sendung einer größeren Zahl von Handwerkern deshalb Ab­stand nahm, weil unsere Truppen die nötigen Reparaturen im Felde selbst ausführen können. Einmal gebricht es unter den Mannschaften nicht an Leuten, welche ein Handwerk erlernt haben, und ferner wurde es für unzweckmäßig gehalten, die Kolonnen noch durch Nicht­kämpfende zu verstärken. In den abgehenden Veritärkungs- transporten hat man aber genügende Rücksicht auf Einstellung von Soldaten, die die nötigen Arbeiten bei der Truppe aus­führen können, genommen. Was die Absendung von italieni­schen Arbeitern anbetrifft, worüber ein Teil der Zeitungen Beschwerde führte, weil man nicht deutsche dazu herangezogen hätte, so muß zunächst betont werben, daß die Kolonial­verwaltung hiermit nichts zu tun hat. Die in Betracht kommen­den 250 Italiener sind auf Betreiben einer Privatfirma nach Südwestafrika eingeschifft worden. Die Firma Koppel hat die Leute engagiert und hat sich zur Annahme von Italienern entschlossen, weil diese billiger arbeiten, das dortige Klima sehr gut vertragen und vor allem für die von dem arbeit­gebenden Hause verlangten Arbeiten sich besser eignen als Deutsche.

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em 1, Mai 1905

Vermischtes.

Betzdorf, 10. Mai. Während eines gestern nach­mittag niedergegangenen Gewitters wurden in Herdorf drei Kinder vom Blitze erschlagen.

* Düs seid orf, 10. Mai. Bei Kanalarbeiten im Ben­rather Hafen stürzte gestern ein Damm ein und begrub sieben Arbeiter unter sich. Drei derselben wurden schwer, die übrigen leichter verletzt.

;-y * Hamburg, 10. Mai. Mit Rücksicht auf die Eis- g efahr vereinbarten die großen nordatlantischen Dampfer­linien, die international festgehaltenen ständigen Dampfer­routen zeitweise so zu verlegen, daß der 47. Längegrad westwärts vom 24. Mai ab auf dem 41. Breitegrad, ost­wärts vom 11. Mai ab auf 40 Grad 10 Min. geschnitten werden soll.

* Würzburg, 10.-Mai. Heute nachmittag starb im Juliusspital der Student Freiherr Schirdinger von Schirding, der bei dem (Gewitter am 1. Mai mit mehreren Kommilitonen in Reichenberg v om Blitz getroffen worden war. Der Verstorbene war der Sohn eines Majors aus München.

* Franzensbad, 10. Mai. Um 3 Uhr nachts brach im Konzertsaal Feuer aus; das Gebäude wurde im Inneren vollständig zerstört. Der Betrieb erleidet keine Störung. Die Nachbargrundstücke blieben unversehrt.

* Selbstmord eines Offiziers. Einer der hervor­ragendsten schweizerischen Genie-Offiziere, O b e r st D i e t h e l m, hat sich in Winterthur in einem Anfalle von Geistesstörung erschossen.

*EinehübscheReserveoffiziers-Ge schichte wird gegenwärtig in Kreuznach besprochen. Vor dem diesjährigen Kaisersgeburtstags-Festdiner im .Kursaal trafen hort zwei Herren zusammen, die Plätze belegen wollten. Ter eine von ihnen entdeckte aus einem der links reservierten Plätze die Karte eines guten Freundes, eines ehemaligen Hoteliers, jetzigen Rentiers, und er schlug dem anderen Herrn vor, neben dem Ex-.Hotelier Plätze zu belegen. Da aber kam er schön an.Ich sehe mich nicht neben einen reichgewordenen Oberkellner!" replizierte dieser. Die Aeußerung kam dem nicht als vollwertig erachteten Herrn zu Ohren, und er begab sich, da der Herr, der diese Aeußerung getan hatte, ein Zollbeamter, Reserveleutnant

in seiner schönen,Staub" betitelten Novelle spricht, in dem herr­lichen Naturdom der urewigen Schöpfung, dringt unser geistiger Blick durch die Nebelgebilde der Alltagssorgen und erreicht anbetend den Thron des Schöpfers. Tas ist eine echte Himmelfahrtsfeier! Gewaltigeres, Malerisches mag man sehen in oller Welt, in den Alpenläudern, in der Lagunenstadt Venedig und an den blauen Gestaden des ägäischen Meeres, an den Hängen von Samos und Chios und am stillstießenden Kevhissos die liebliche Würde unserer deutschen Waldpoesie bleibt unerreicht.

Der Himmelfahrtstag eröffnet den Reigen der Tage der Psingstzeit, in der der Chorus der harmlosen Lebensfreude höher anschwillt, als an anderen Monden. Für diese Zeit bietet sich uns die Natur sofern es, was wir trotz der schlechten Er­fahrungen von den ersten Maitagen, hoffen wollen, das Wetter gut meint selbst als Gotteshaus dar. Von den Türmen der Gotteshäuser aus Stein hallt der Chor der Pfingstglocken, der lieblicher und freudiger zu klingen scheint als sonst, weit ins Land, ein Begleiter für den Wanderer im schönsten Bild des Jahres. Alle Jahre erquicken wir uns an diesen Tagen, ob das Haar noch dicht den Scheitel kränzt, oder silbern und spärlich.

Schreiten wir am Himmelfahtstage und später zu Pfingsten durch grünende, blühende Auen, so sehen wir, wie sich die eisernen Verkehrswege gemehrt haben. Sie zerschneiden die schönsten unserer landschaftlichen Bilder, schaffen uns aber zugleich erhöhte Mög­lichkeit landschaftlichen Genusses. Sie sind die eisernen Adern amKörver der deutschen Arbeit. Gewaltig nimmt fortwährend alle Tätigkeit bei uns zu, mit rastloser Kraft ringt neben der In-

t|t, am nächsten Tage zum Bezirksfomnuurbeur, um Be­schwerde einzulegen. Er konnte dem 'Oberstleutnant melden, daß er allerdings, wie die meisten .Hoteliers, in sein Fach als Lehrlnig eingetreten und auch einmal Oberkellner ge­wesen sei: seine militärische Karriere habe er, wie der, Zollbeamte, als Einjährig-Freiwilliger begonnen, sei als Unteroffizier mit der Qualifikation zum Reserveoffizier oft»' gegangen, habe aber aus Rücksicht tutf seinen Beruf darauf verzichten müssen, diese Stufe zu erklimmen. Der weitere Verkam der Affäre brachte dem Ex-Hotelier die gewünschte Satisfaktion: der Reserveleutuan' erhielt vom Komman­deur die Weisung, sich in Gala-Uniform in die Wohnungj des Hoteliers zu begeben und bei diesem wegen der un-^ passenden Aeußerung um Entschuldigung zu bitten. $aS geschah denn auch in Gegenwart von Zeugen.

* Ein mißhandelter russischer Militär­arzt. Der Petersburger Korrespondent desB. T." hatte über einen Fall von Mißhandlung eines Militärärzte», durch einen General berichtet. Dieser Akt der Barbarei' gegen einen wehrlosen Arzt hat die Medizinische Gesellschaft' Transkaspiens in ihrer in Asch ab ad ab gehaltenen außer­ordentlichen Sitzung veranlaßt, folgendes Protokoll zu ver- ösfentlichen: ,/Sitzung vom 20. März dieses Jahres. Am 14. März gegen 8 Uhr wurde telephonisch aus seinem Quar-' her der ältere Arzt der Transkaspischen Eisenbahn, Dr? Sabusow, zum angeblich schwer erkrankten Brigade ko mman- deur Generalmajor Kawalow gerufen. Als der Arzt in der Wohnung des Generals erschien, fand er denselben mit einem dem Arzte unbekannten Zivilisten am Tische sitzend und Wein trinkend. Der General begrüßte sich mit Dr. Sabusow, indem er ihm die Hand reichte, und antwortete ihm ruf seine Frage, worin seine Krankl'eit bestehe, daß es noch Zeit hätte, davon zu sprechen, und bot ihm eine Zigarre und Wein an. Obwohl der Doktor sich darüber wunderte, wurde ihm ein Glas mit Wein gereicht. General Kawalow stieß mit ihm an und sagte:Ich trinke auf Ihr Wohl, aber bei uns ist es Sitte, das Glas völlig zu leeren." Der Doktor trak sein Glas Wein aus, kam aber nicht dazu, es auf den Tisch zu stellen, denn plötzlich wurde er rück­wärts an den Händen erfaßt und zu Boden geschleudert, die Kleid e r wurden ihm abgerissen, und entsetz- l i ch e S ch 1 ü g e von K o s a k e n i n u t e n fielen aus feinen entblößten Rücken. Es erlrieS sich, daß, während der Doktor sein Glas Wein trank, Kosaken unhörbar ins Zimmer ge-, treten waren, die jetzt auf ihn losschlugen. Nach einiger Zeit befahl General Kawalow, den Doktor um­zudrehen und ihn auf den Bauch zu schlagen. Irgend welcher Widerstand war ganz ausgeschlossen, da der lieberfall völlig unerwartet rückwärts von acht Kosaken ausgeführt war. Dr. Sabusow bestätigt, daß bis zu diesem Gewaltakte zwischen ihm und dem General Kawalow keiner­lei Unannehmlichkeiten vorgekommen sind, daß sie sogar wenig miteinander bekannt waren. Die MitgliÄ)er der Transkaspischen Medizinischen Gesellschaft brachten in dieser Sitzung zu Protokoll, daß sie ihre tiefste Empörung über die unerhörte Mißhandlung eines Menschen aus­sprechen, der in Ausübung seines Berufes sich völlig schutz­los in die Wohnung eines angeblich schwer Kranken be­gab, und der dort meuchlings überfallen wurde in einer Weise, wie man A sich barbarischer und wilder nicht denken kann. Die Versammlung sprach Dr. Sa^ busow ihr aufrichtigstes, tiefstes Beileid über diese an­getane Schmach aus. Die Sache ist dem Gericht angezeigt, und die Medizinische Gesellschaft erwartet mit Spannung Den Ausgang.

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parlamentarisches.

Berlin, 10. Mai. Die Wahlprüfungs-Kommission des Reichstages erklärte die Wahl des Abg. Horn-Goslar (natl.) für gütig.

, ~ Die Pfingstserien des Abgeordnetenhauses sollen spätestens am 18. Mai, vielleicht schon am 17. Mai beginnen und sich bis zum 13. Juni erstrecken.

In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses kam es bei der ersten Beratung des Ansiedelungs-Gesetzes zu einer ausgedehnten Polendebatte, die züm Teil einen leb­haften Charakter annahm. Namentlich bei der "Antwort des Ministers Frhrn. v. H a m m e r st e i n auf die Ausführungen des Zentrums-Abg. R o e r e n ertönten au§ den Reihen des Zentrums und der Polen so erregte und laute Zurufe, daß die Erklärungen des Ministers bisweilen im Lärm untergingen, bis der Prä­sident v. Kröcher gegen diese Zurufe energisch einschritt.

Berlin, 10. Mai. In der Kommission des Abgeord­netenhauses zur Vorbereitung gesetzgeberischer Maßnahmen gegen das Stillegen von Bergwerken führte der Oberberg­hauptmann aus, nicht was geschehen sei, sondern was künftig zu erwarten sei, gebe Anlaß zur Beunruhigung; wenn das Stillegen nicht weiter um sich greife, werde von einer be­deutenden Schädigung nicht die Rede fehl können jeden­falls werde die entstandene Aufregung die gute Folge haben, daß man zukünftig mit dem Stillegen der Zechen recht vorsichtig vorgehen werde. Minister Moeller erklärte, in Deutschland werde eine kapitalistische Entwicklung nach Art der amerikanischen Trusts nickt geduldet werden. Die Kommission war darüber eimg, d. unbedingt Maßnahmen zur Be­seitigung eingetretener oder noch eintretender Schädigungen not­wendig seien.

Im Seniorenkonvcnt des Reichstages teilte Präsident Graf Ballestrcm mit, daß die endgiltige Entscheidung über die Frage der Vertagung noch nicht getroffen sei, doch stehe der Reichskanzler der Vertagung nicht ungünstig gegenüber. Vor Pfingsten sollen noch erledigt werden: die dritte Lesung des Etats, die dritte Lesung des Gesetzentwurfes betr. Ent­schädigung unschuldig Verhafteter und die erste Lesung des Gesetz­entwurfes betr. Entlastung des Reichsgerichtes: nach Pfingsten: das Reblausgeseh, das Münzgesetz, die Afrikabahn, der Nachtrags­etat, das Gesetz betr. die Kaufmannsgerichte, Wahlvrüfungen, Petitionen uno Resolutionen. Die Pfinaftferien, über deren Beginn noch nichts festgesetzt, ist, dauern bis zum 7. Jun i. Für den Herbst sind das Servisgesetz, die Erledigung des Börfen- gesetzes, der Totalisatorvorlage und des Reichsgcrichtsgesetzes, eventuell das Militärpensionsgesetz, in Aussicht genommen. Graf Ballestrem teilte mit, daß die Hamburg-Amerika-Linie 35 Billets zu einer Nordlandfahrt dem Reichstage zur Verfügung gestellt hat, die den Fraktionen nach Maßgabe ihrer Mitgliederzahl zu­gestellt werden.

Stuttgart, 10. Mai. Tie Regierung hat auf den 18. Mai Jen württembergischen Landtag ein berufen. Tie Session wird voraussichtlich vier bis sechs Wochen dauern und u. a. auch sich mit dem Theater-Neubau ru beschäftigen haben.

Aus Stadt und Aaud.

Gießen, 11. Mai 1904.

Unbestellbare Postsendungen. Bei der Ober- Postdirektion in Darmstadt lagern folgende Sendungen, deren Absender vielleicht zu unseren Lesern zählen, als unbestellbar: Postanweisung über 15 Pfg. vom 23. Juni 1903 aus Lau­bach (Hessen) nach München, Empfänger unbekannt; Post­anweisung ist in Verlust geraten. Einschreibbrief aus Bad- Nauheim an I. Grebenstein in Eschwege vom 3. Sept. 1903. Tie zur Empfangnahme der Gegenstände Be­rechtigten müssen sich binnen 4 Wochen bei der Ober-Post- direktion melden, widrigenfalls die Postanweisungsbeträge und die in den Sendungen enthaltenen oder durch Versteigerung des Inhalts erlösten Geldbeträge der Post-Unterstützungskasse überwiesen, die Briefe aber vernichtet werden.

)( Grünb erg, 9. Mai. Der hier fahrplanmäßig 12 Uhr 43 Min. eintreffende Mittagszug kam heute mit einer Verspätung von über einer halben Stunde hier an. Auf der Strecke zwischen Saasen und Grünberg war näuckich eine Röhre der Lokomotive defekt geworden, welche auf freier Strecke notdürftig repariert wurde.

)( Laubach, 10. Mai. An dem Wohnhause des Land­wirts Draudt in der oberen Langgasse befindet sich ein alter­tümliches Ecktürmchen, welches seiner Baufälligkeit halber abgebrochen werden sollte. Der Verschönerungsverein hatte sich jedoch an Prof. Dr. Walbe - Darmstadt gewandt, welcher das Gebäude dieser Tage besichtigte. Professor Walbe erklärte, falls ein Fonds von 100 Mk. aufgebracht würde, könnte wohl ein staatlicher Zuschuß zu den Renovierungskosten geleistet werden.

g. Bösaesäß, 10. Mai. Gestern abend gegen 11 Uhr brach in der Vchener des Johs. Heppding Feuer aus. Die gesamten Wirtschaftsgebäude wurden ein Raub der Flammen. Das Vieh wurde gerettet.

Kleine Mitteilp. u gen an<3 Hessen und den Nachbarstaaten. Am 13. Mai feiert Lehrer Bergauer zu Nieder-Seemen sein 25jähriges Dienstjubiläum.

d u ft r i e nach trüben Jahren wieder hoffnungsvoller die San d- wirtschaft. Die Arbeit indessen ist härter geworden, der be­scheidene Mann klagt über den harten Wettbewerb, den ihm der reiche Kapitalist bereitet Auch heftige, blutrote Worte der Be­gehrlichkeit, des Neides und Hasses, klingen im Ohre wider, die dem Worte widersprechen, daß Friede ernährt, Unfriede verzehrt. Aber trotzalledem ein neues Himmelsfahrtsfeft, ein neues Pfingsten.

Im strengen Lauf der Zeit sieht uns alljährlich die Pfingst- zeit, unbekümmert um große und um niedrige Erscheinungen der Zeit, unbekümmert um das so häufige lleinliche Streben, ein­ander das Leben zu verbittern. Ausgetan ist der Tempel der Gotteswelt für jeden, aus dem Märchenzauber der Maienzeit kann der Reichste nicht mehr sich heraushoten als der Aermfte. Aber wem die Psingstzeit und das Pfingstwunder wirllich sich erschließen sollen, der muß Augen dazu mitbringen, die durch den Tages­erwerb nicht 'allein gefesselt sind, Ohren, die nicht nur den Klang des Geldes hören. Die Psingstzeit verlangt einen neuen Menschen und dem schafft sie *ihres Segens reichste Fülle.

Die General-Versammlung der Goethe-Ge­sellschaft sindet am 28. Mai in Weimar statt. Dr. Freiherr E. v. Berger-Hamburg wird den Festvortrag halten überGoethe und die Schauspielkunst". Nach Ablegung der Jahresrecknung durch den Schatzmeister Dr. Nebe werden Professor Dr. Suphan, über das Goethe-Schiller Archiv und Geh. Hosrat Dr. Rräand» über das Goethe-National-Museum Vortrag halten.

Drittes Blatt. 154. Jahrgang

Gießener Anzeiger

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