Nr. 28S
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Äem Gießener A-zeiger werben hn Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Lietzener Zamilien- Glatter mennal m der Woche beigelegL
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HernsprcchonichlutzNr 61
Erstes Blatt.
154. Jahrgang
Donnerstag 8. Dezember 1904
Amis- und AnzeigehlkLi für den Kreis Gießen
General-Anzeiger
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eeinflibrtilt monatlich 7b Pf^ otertet läbrltd) ML. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Poft tflr.2.~»tetiel- fährl. au§$d)L Beslellg. Annahme von Anzeigen für bte TageSuummer bis vormittags 10 Uhr. ZeUenpretS: lokal 12Pf^ auswärts 20 Psg.
verantwortlich tüi den po(tt und allgem. teil: P. Wittko- Mr »Stadt und ßantr unb »(Äerichtssaal^: August Goetz; für den Anzeigenteil: bans Beck.
Ale heutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
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Mitt MandspsNtiK.
Ter Mittelstand erfreut sich seit langem der Zärtlichkeiten der Politischen AerHte unb noch mehr der Kurpfuscher. Fast keine Session vergeht, in der der Reichstag nicht durch irgend eine „Vorlage" sich gesetzgeberisch mit dem „Mittelstand" zu befassen hat. Mein auf die Fährte einer wirklichen Mittelstandspflege ist man bis jetzt noch nicht gekommen. Und das macht, weit die Mittelstcrndsfrage bei dem dermaligen Standpunkt der wirtschaftlichen (Gesetzgebung als eine Einkoppelung in die „Sozialgesetzgebung" erscheint, die in ihren Grundprinzipien als Fürsorge für die Industrie-Arbeiter erscheint, von ihr den Tenor hat und darum in ihrer Anwendung auf den eigentlichen Mittelstand bedingungslos bankerott machen muß. Der heutigen Sozialgesetzgebung fehlt es an einer prinzipiellen Formulierung des Begriffs Mittelstand.
Ter Mittelstand bat — sozial betrachtet — mit dem Hndustrie-Arbeitersband nichts zu tun. Er stellt, wie der „Rhein. Eour." richtig ausführt, die Schichten derjenigen bürgerlichen Produzenten dar, die in eigener Unternehmung und auf eigene Verantwortung arbeiten. Die besser bezahlten Beamten der Privatindustrie kann man allenfalls dazu rechnen, ohne daß dadurch der Begriff Mittelstand eine wesentliche Aenderung erfährt. Damit erscheint diese Schicht neben der Großindustrie und dem Großhandel auf der einen und neben den „Arbeitern" aus der andern Seite als ein apartes sozialwirtschaftliches Gebilde, das in der einschlägigen Gesetzgebung auch anders behandelt werden muß. Was sehen wir aber heute? Die Sozialgesetzgebung ist auf die Großindustrie und ihre Arbeiten zugeschnitten — wo sie auch wirkt und berechtigt ist —, wird aber gleichzeitig auf den Handwerker, Kleinindustriellen, den kleineren und mittleveu Kaufmann, den Tetaillisten angewandt. Diese Gesetzgebung schadet mitunter dem Mittelstand mehr, als Warenhäuser, Filialgeschäfte und Konsumvereine, weil sie chn an oer Arbeit, am Verdienen hindert. Unsere heutige Sozialgesetzgebung differenziert nicht. Unsere berufenen^, aber nur zum kleinsten Teile auserwählten Gesetzgeber haben leider in ihrer Mehrzahl von der Vielgestaltigkeit des grünen Lebensbaumes keine Ahnung rmd wollen doch in heiligem Eifer die Menschen mit ihrer Sozialpolitik glücklich machen. Es ist diesen Herren und dieser Gesetzgebung der Unterschied nicht klar, ob einer Industriearbeiter oder Gehilfe beim Metzger, Schreiner, Fwiseur, Schuhmacher ist; er ist eben „Arbeiter". Der Unterschied ist aber gewaltig. Der Arbeiter der Großindustrie bleibt — mit ganz wenigen Ausnahmen — Arbeiter. Für ihn muß gesorgt werden. Die Arbeitszeit darf nicht zu lang sein, er muh im Falle der Rot, Krankheit und des Alters Unterstützung haben. Der Handwerksgeselle,, der Friseurgehilfe, der Handlungskommis aber wird in der Regel selständig; er selbst wird einmal Unternehmer. Man braucht ihn also nicht wie einen mechanisch arbeitenden Angestellten der Großindustrie zu behandeln, b. h. man braucht die wirtschaftlichen Unternehmungen, in denen er beschäftigt ist, nicht mit dem Maßstab der Fabrik zu bemessen. Es hat keinen Sinn, für Handwerksgesellen einen Maximalarbeitstag einzuführen — solche Maßregeln wird das organisierte Handwerk in kluger Würdigung seiner wirtschaftlichen Lage von selbst ergreifen —, denn es ist ein Unterschied, ob einer als Handwerksgeselle die Errichtung eines gegliederten Gebrauchsgegenstandes — der bis zum gewissen Grade ein Kunstwerk d'arstellt — vornimmt, oder ob er als Schraubendreher, Mafchinenbediener oder dergl. eine mehr mechanische Arbeit vollzieht, an der es keine Freude des Schaffenden gibt. Es ist ein Unterschied, ob einer als Kommis in einem Detailgeschäfte hunderte von Personen mit diesem und jenem „bedient", und dabei mit dem rhm bekannten Kunden ein Tagesgespräch führt und mit der Küchenfee ein Scherzwort wechselt, oder ob er als kaufmännischer Bureauarbeiter fortgesetzt Briefe schreibt oder kopiert 2C. Wenn dieser seine neun Stunden gearbeitet hat, ist er „fertig". Warum aber der Laden-Kommiss mit seiner abwechselungsreichen, Nerven und Geist immer wieder auslösenden Arbeit nicht etwas länger arbeiten kann, ist nicht einzusehen. Es ist für jedes natürliche Emvfinden em Skandal, wenn mau sieht, wie die Maurer, die den Winter über „frei" haben, im Sommer bei der sckMsten Arbeitszeit, abends nach 6 Uhr, die Kelle niederlegen, nm heimwärts
zu wandern.
Die heutige Sozialpolitik mißt nicht Mit verschiedenen Werten; sie generalisiert, sie schablonisiert. Und wie hat sie schon „erzieherisch" gewirkt. Ter kaufmännische Geist setzt seinen Stolz darein, zu verdiemn. Wir wissen aus größeren Städten, daß, lange bevor es eine Sonntagsruhe und einen offiziellen Ladenschluß gab, die vornehmen Geschäfte von selbst Sonntags zumachten und abends eine menschenwürdige Feierstunde einhielten.
Was wir ^agen nwllen, ist klar: man verschone die mittelständischen Betriebe, den Handwerker- nnd Kaufmannsstand mit der egcckisierendcn Sozral- Politik, die allein auf den Großbetrieb anzuwen- den ist. Die übermäßige Paraaraphenwirtschast in Ansehung der Sonntagsruhe, der FeiercibeMtunde, des LabenMusses, der Gehilfen- unb Lehrlingsfrage ufto. schadet dem „Kittel» ftnn$!ir haben seit Jahren eine umfassende Enquete über das Aanbroerl, abcc die meisten der Nntersucher waren jener Seif noch zu sehr vom „sozialistischen" 6!eist erfüllt — es aalt im Sinne der herrschenden sozialistischen Doktrin nachzuweisen, daft das Handwerk dem „Untergang "er,allen fet —, dast die Monographien, von einzelnen abgesehen, nicht als einwandsfrcte, gerechte Darstellungen angesehen werden können.
Also mehr sympathisches Interesse für den Mittelstand, keine generalisierende Gesetzgebung, mehr lebendiges Erfassen der eminent reichen Gliederung der mittelstäudischen Prdouktion und Anerkennung des Grundsatzes, daß für den Arbeiter des Großbetriebs in einer zwanzigjährigen, ununterbrochenen sozialpolitischen Gesetzgebungs-Arbeit genug geschehen ist, und daß die unternehmenden Schichten, vom letzten Handwerker bis zum größten Fabrikanten, nichä minder einer einsckiläaiaon sozialen Fürsorge bedürfen.
Aie Zcrstörnng der ^ort Arthur-Motte.
Tie Poltawa gesunken.
Tas letzte Stündlein der russischen Flotte im Hafen von Port Arthur hat nunmehr geschlagen: Vom 203 Meter-Hügel aus, wo sie schwere Schisssgeschütze in Stellung gebracht haben, richten die Japaner ein vernichtendes Feuer auf die Ueberreste der einst so stolzen russischen Armada, die nun schon viele Wochen lang untätig im Hafen der belagerten Festung ihres Schicksals harrt. Wir meldeten gestern bereits, wie schwere Schäden den russischen Schiffen in den letzten Tagen zugefügt worden sind. Am Tienstag nahmen die Japaner die Beschießung der russischen Kriegsschiffe mit Erfolg wieder auf. Vom 203 Meter- Hügel aus wurde, wie ein Reuter-Telegramm berichtet, von den Belagerern bemerkt, daß ein russisches Panzerschiff im Hafen der Stadt s i 'ch st a r k auf die Seite neigte. Infolge Nebels konnte man das Schiff jedoch nicht genau erkennen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es die „Poltawa" gewesen, denn eine weitere amtliche Mitteilung aus Tokio besagt, daß von den russischen Schiffen in Port Arthur die „Poltawa" gesunken und der „Netwisan" schwer beschädigt sei. Tie heutigen amtlichen japanischen Meldungen lauten:
Tokio, 7. Dez. Ter Kommandant der Schiffsartillerie vor Port Arthur berichtet, daß seit dem 2. Dezember die Beschießung der russischen Schiffe, welche siidlich vom Fort Pchyushan liegen, mit Erfolg täglich sortgeführt werde. Sic wurden von wenigstens 134 Schüssen getrosten. Nach Beobachtungen, die man am Morgen des gestrigen Tages vom 203 Meterhügel machte, wurde fest- ge stellt, daß die „Poltawa" gesunken ist, der „Ret- wisan" beträchtlich sich auf die Seite gelegt habe. Man glaubt, daß beide Schiffe für den weiteren Kampf und die Fahrt untauglich seien. Ferner wird von der .Belagerungsarmee berickttt. daß der Feind auf dem Akasahahügel unserem Feuer vom 203 Meterhügel aus nicht stand halten konnte und den Hügel geräumt hat. Wir besetzten ihn am 6. Dezember: an demselben Tage nahmen wir noch zwei andere H ü - gel in der Nähe von Jtseschan ein. Wir gestanden dem Feinde eine von ihm vorgeschlagene fünfstündige Einstellung der Feindseligkeiten am 6. Dezember zur Bestattung d e r T o t e n zu.
Tokio, 7. Dez. (Reuter.) Tie Japaner besetzten gestern den A k a s a k a - H ü g e l. Ter Kreuzer „B a j a n" geriet a u f G r u n d.
Tokio, 7. Dez. Gerüchtweise verlautet, daß die Japaner die Forts Erlungtschau, Lungschu- schan erstürmt haben. Die Generale Nakamma und N a i t o sollen verwundet sein.
Weiteres vom Kriege.
Petersburg, 7. Tez. General Kuropatkin berichtet dem Kaiser vom 6. Dezember: In der Nacht zum 6. Dezember versuchten bedeutende japanische Abteilungen die Dörfer Linschinpu und Witschanin anzugreifen, wurden aber überall durch das Feuer zurückgeworfen. Auf unserer Seite drei Mann verwundet. Aus unserem rechten Flügel machten zwölf Freiwillige einen Teil einer aus 20 Mann bestehenden japanischen Feldwache nieder. Ter andere Teil der Feldwache floh.
Petersburg, 7. Tez. Wie General Ssacharow dem Gcneralstab unter dem 7. Dez. meldet, beschossen die Japaner am 6. Tez. bei Tagesanbruch ein Dorf südlich vom Laotschengulin-Paß von drei Seiten. Tie russische Feldwache, die sich beim Dorf befand, zog sich in den Paß zurück. Zwei Kosaken wurden hierbei getötet, drei verwundet und vier werden vermißt. Tie Japaner zogen sich nach Dapinduschau zurück.
Petersburg, 7. Dez. Der Korrespondent der „Bira- hewyja Wjedomostw telegraphiert ans Mukden vom 6. d. M.: Wiederum wurde eine Beschießung der vorgeschobenen Stellungen vorgenommen, doch erwartet man keinen An- grisf. Hier ist die Nachricht eingetroffen, daß im Hafen von Inkan die Eisbildung beginnt. Im Lause der Woche wird die Schiffahrt eingestellt. Den Japanern war es in der letzten Zeit nicht möglich, ihre Vorräte zu ergänzen. Von Inkan nach Taschitschao gehen eine doppelte Anzahl Eisenbahnzüge.
Beschlagnahme eines deutschen Dampfers durch die Japaner.
Tokio, 7. Dez. Das Prisengericht in Sasebo entschied sich für die Beschlagnahme des deutschen Dampfers „Veteran" samt der Ladung. Die aus vier Deutschen und 24 Chinesen bestehende Mannschaft wurde frei gelassen. (Der Dampfer war am 19. November aus der Höhe von Jentai von einem japanischen Geschwader gesichtet und später von dem Kanonenboot „Tassusa" festgehalten worden. Er hatt-e nach Angabe des japanischen Marineamts eine große Menge Winterkleider, Decken, Medizin und konserviertes Fleisch an Bord. Der Kapitän hatte damals erklärt, er f<rhre nach Niutschttmng, doch wurde die von ihm verfolgte Route und die Art der Schiffsladung als Verdacht erregend angesehen, und der Dampfer nach Sasebo gebracht.
Petersburg, 7. Dez. Die M o b i l m a ch u n g des 2. Wolga-Regiments und der Terek-Kosaken ist angeordnet worden.
London, 7. Dez. Für die demnächst in Paris zu- sammentretende internationale Kommission zur Untersuchung des Vorfalles an der Doggerbank sind von englischer Seite ernannt: .Vizeadmiral Sir Lewis Beaumont
als britischer Kommissar, Sir Edward Fry, früher Mitglied der Gerichtskammer der Lords, als juristischer Beirat, ferner! der Botschaftssekretär jHugh O'Brien von der britisches Botschaft zu Paris. ,
Petersburg, 7. Dez. Ein zu wichtigen Aufträgen per» wendeter Agent der russischen Marine-Verwaltung behauptet, noch kurz vor und sogar nach Beginn des Krieges große Lieferungen anKohlennd a n d er e n B e d ür fn issen für die russische Flotte in Pott Atthur von japanischen Kaufleuten, darunter dem Bruder des obersten Staatsbeamten, erhalten zu haben.
Petersburg, 7. Dez. Vor einigen Tagen kamen nach dem Hotel Petersburg in Kronstadt zwei Tattaren, die Tücher und andere Sachen zum Verkauf anboten. Tie Gesichter der Tartarcn erschienen einigen Gästen des Hotels verdächtig. Außerdem verkauften sie ihre Sachen zu erstaunlich billigen Preisen. Infolgedessen schöpfte man Verdacht, daß man japanische Spione vor sich habe. Ein Besucher, der längere Zeit in Asien lebte und die javanische Sprache beherrschte, behaupttte, daß die Tartaren unter sich japanisch sprächen. Ter Witt des Lokals benachrichtigte telephonisch die Polizei, doch gelang es derselben nicht, die japanischen Spione zu arretieren, die, als sie sich b-wbockttt sahen, fhurfas verschwanden.
Volilische Tagesschau.
Aus dem Reichstag.
R. Berlin, 7. Tez.
Tie Vortragsart des Wortführers der Freis. Vereinigung, des Mg. Schrader, der im kirchlichen Leben der Reichshauptstadt eine ungleich bedeutendere Rolle spielt als im partamen- tattschen, ist nicht sehr geeignet, das Interesse zu fesseln. Außer einigen Sticheleien gegen das Zenttum, namentlich gegen den „Mitrcgenten" Tr. Spahn, und gegen die Agrarier, enthielt seine Rede wenig Bemerkenswertes, was nicht schon gesagt worden wäre. Für die Militär- und Kolonialforderungen hat die Freis. Vereinigung mehr Wohlwollen übrig als die Volkspattei.
Abg. v. ,C z a r l i n s k i lPole) brachte das Kunststück, fertig, beim Reichse'tat eine Kritik der preußischen Polenpolitik vom Stapel zu lassen. Der Reichskanzler vernahm da, daß dem preußischen Ministerpräsidenten der Vorwurf gemacht wurde, in Preußen werde das Recht durch das Gesetz tot- geschlagen. Das polnische Volk könne nicht in Frieden leben, weil es dem bösen Nachbar, den preußischen Beamten, nicht gefalle. Aehnlicbe Bosheiten leistete sich der friedliebende „Pan Ezarlinski" in Hülle und Fülle, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit verstand er es. dem Reichstag kostbare Zeit zu rauben, and7r"rstits ab-'r ein Einschreiten des Präsidenten hintan zuhalten.
Ter behäbige bayrische Bauernbündler Mg. Hilpert auält sich redlich ab, eine wenn auch bescheidene parlamentarische Bedeutung zu erlangen. Jahraus, jahrein stimmt er das Lied von der Not der Landwirtschaft an. Tas ungeeignetste jedenfalls angesichts der neuen Handelsvetträge, die doch den Männern mit Ar und Halm Vorteile bringen.
Der Präsident des westfälischen Konsistoriums, ?lbg. Dr. Stockmann, einer der besten Redner der Reichsvo.rtei, fühlte sich verpflichtet, die Angriffe Bebels auf die christliche Liebes- tätiqfeit und auf den Oberhofmeister der Kaiserin, Frhrn. von Mirbach, zurückzuweisen. Wirkungsvoll war seine Feststellung, daß auch die Sozialdemokratie die Not.in den unteren Volksklassen sehr wohl kenne, daß sie aber die ihr freiwillig und unfreiwillig gespendeten Arbeitergroschen nicht zur Linderung di'ser Not benutze, sondern zur Schürung von Unzufriedenheit und zur Schaffung von Sinekuren für die Parteiführer.
Ein Mann von Ehrgeiz ist der reformparteiliche Abg. Zimmermann. Erst vor kurzem gewählt, benutzte er die erste sich bi"tende Gelegenheit, die geistreiche Bemerkung loszuwerden, daß wir in einer Zeit der interessanten Gegensätze uns befinden, daß das offizielle Deutschland in einem Freudenhause, der Reichstag in einem Klaaehause lebe.
Auf ein höheres Niveau wurde die Debatte geführt durch den Mg. Stor^ (Ttsch. Vp.). Er ist vielleicht der eleganteste Redner der bürgerlichen Linken. Er übte eine sachlich sehr entschiedene Kritik namentlich am Militärwesen. Besonderes Interesse erregte es, daß einmal ein Süddeutscher sich über hie Polenpolitik äußette, noch dazu unter Gegenüberstellung von Schwaben und Polen. Es kam zu einem Zwischenfall. Mg. Storz fand sich veranlaßt, den Präsidenten Grafen Ballestrem zu apostrophieren ob des allzu devoten Tones in der namens des Reichstags erlassenen Glückwunschdepesche zur Verlobung des Kronpttnzen.
Gfraf Valle st rem fuhr unmuttg auf und verivies den Redner auf den Weg des formellen Antrags, wenn er eine abfällige Beutteilung des Verhaltens des Reichstagspräsidenten durch den Reichstag herbeiftibren wolle. Nur der Reichstag, nicht der einzelne Mgeordnete, stehe über dem Präsidenten.
Dieser Auffassung wcheriprach in einer gcschäftsordnungs- m ästig en Bemerkung Mg. Singer (Soz.), doch trockenen Tones replizierte Graf Ballestrem, es sei ihm zwar wcrivoll. eine abweichende Meinung zu hören, maßgebend sei aber die seinige.
Fremdenhetze in England.
-i- Berlin, 7. Dezember.
Daß eine „ernste Spann n n g" zwischen Deutschland und England bestehe, wird von mehr als einer Seite behauptet. Man hört di'se Bemerkung auch 'm den Wondelgängen des Parlaments, und zwar von Pettonen, die nicht einer sensationellen! llebertreibung verdächtig sind. Bisher wurde angenommen, die Unfreundlichkeit der deutsch-englischen Beziehungen erstrecke sich nur auf die Gesinnungen von Volk zu Volk. Frei von jeder Voreingenommenheit sei die Haltung der englischen Regientng. Diese Annahme' scheint nickt unbedingt richtig zu sein. Auch die englische Regierung macht der Abneigung gegen das Deutschtum Konzessionen — sei cs nun an5 Neber- zeugung oder zu dem Znwck, die Festigkeit des Kabinetts durch 6l-winnung von Volkstümlichkeit zu verstärken. In dieser Hinsicht ist in letzter Zeit mancher VerdaM rege geworden. ES fehlte aber an Beweisen. Material zu solchen bringt heute ein Londoner Bericht der „Voss. Ztg." also eines Blattes, das stets einem ruhigen Einvernehmen mit England daS Wort geredet bat. Der Beitrag ist überschrieben „Zur Frcmdeuhetze in England" und fuhrt aus, daß die e n g l i s ch e n S t a a t S m ä n n e V, a u ch der Mini st e r p r ä s i d e n t Lord Balfour, die Verstimmung über Deuisch'au nmchsende Erfolge, namentlich int miet* schaft'i un Wettbev ub, dazu benutzen ,„nm dws unwissende englische Volk gegen die Ausländer und besonders die Deut s fb c n a u f z n r c i < e n." Ter Londoner Korrespondent der „Voss. Ztg." nimmt Bezug auf eine Rede Balfours über das gescheiterte Gesetz zur Erschwerung der Einwanderung und die


