Ausgabe 
8.10.1904 Drittes Blatt
 
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Nr. 237

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'sch« UniversttätSdruckerei. R. Lang», Gießen,

Redaktion, Expedition u. Druckerei: Schulstr.f.

XeL Nr. 6L relegr.-Adr. r Anzeiger Gießen»

Drittes Matt. 134. Jahrgang Samstag 8. Oktober 1904

, Erscheint «glich tnÜ Ausnahme der Sonntags.

- Die Lietzener FamMendlötter- werden dem AMI/l

tn »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der W M U UMM. W K M W M H ET

r, «helftich» ravdwtrt" erscheint monatlich einmal. V 'v «W Nr W W'' S w W

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Sozialdemokratische Schulideen.

Aus hessischen Fachkreisen wird uns ge­schrieben :

Auf dem sozialdemokratischen Parteitag zu Bremen kamen wiederum Sch ul fragen zur Besprechung. Wir wundern uns nicht darüber, denn die Schulfragen ziehen bei der Masse, die Forderung der gleichen Ausbildung aller Stände hat etwas ungemein verlockendes und solche Prachtvögel muß man von Zeit zu Zeit fliegen lassen, daß die unten und ferner Stehenden in die Höhe schauen, dabet über den Wert dessen, was nmn will, sich täuschen lassen und das Nebenstehende und Nächstliegende aus den Augen verlieren. Diesmal war es die süddeutscheGe­nossin", die unvermeidliche Klara Zetkin, neben ihrer sächsischen Kollegin Rosa Luxemburg, die unange­nehmste und widerwärtigste Erscheinung des sozialdemo­kratischen Zutunftsstaates, die die Schulfragen aufwarf und mit glühendem Hasse und fanatischem Zielbewußtsein die jetzigen Schulverhältnisse zerpflückte,. Eigentlich stand ja nur die Entfernung des Religionsunterrichts; weil Religion Privatsache ist aus der Volksschule auf der Tagesordnung und nur eine dahin gehende Resolution wurde gefaßt, aber es wäre doch schade gewesen, wenn die Genossin" Zetkin die Gelegenheit, die shch ihr so ungesucht dargeboten, ihr ganzes Schulprogranrm zu entwickeln, Hütte, vorübergehen lassen. Ihre Hauptforderung war Verstaat- lichung und Schaffung der obligatorischen Einheits­schule.

Danach soll die Volksschule die einzige erste Bildungs­anstalt aller Stände sein, an diese soll sich Pie höhere Schule anschließen und deren Zugang soll nur denen, die die erforderlichen Gaben haben, zugänglrch sein, den ärmeren Kindern vermittels Staatszuschusfes.

Das sieht, wenn man's so liest, und nicht weiter dabei denkt, auch die wirklichen Verhältnisse nicht kennt, gar wunderschön aus, in Wirklichkeit bedroht diese Forderung den ganzen Bildungsstand por allem desgemeinen Mannes", des Handwerkers und Landwirts.

Uns in Hessen sind diese sozialdemokratischen Ansprüche nichts neues.Genosse" Dr. David hatte bereits vor nahezu vier Jahren die gleichen Anträge in der zweiten Kannner gestellt und größere Debatten wurden hervor- gerusen. Auch wir hatten damals Stellung dazu genom- men und unsere Ausführungen wurden allgemein als richtig anerkannt.

Die obligatorische Einheitsschule, wie sie die Sozialdemokratie zu fordern nie aufhörew wird, sonst wäre sie keine Sozialdemokratie mehr, ist ein Hirngespinst und deshalb gefährlich, weil sie zugleich, den scheinbaren Anspruch sozialer ausgleichender Gerechtigkeit erhebt. Gewiß ist 'es ein soziales Moment, wenn der Sohn des Ministers mit dem des Arbeiters aus einer Schulbank sitzt, wie er auch im Heere neben ihm stehen muß. Wir würden auch nichts dagegen einzuwenden haben, wenn die Vor schulen an den höheren Bildungsanstalten ver­schwänden und jeder, der in eine höhere Schule eintreten will, die elementarsten Kenntnisse sich in der Volksschule holte, zu etwas weiterem können wir uns aber nicht ver­stehen. Denn der Bildungsgang, der zu nehmen ist, hängt ganz und gar von dem zu wählenden Berufe und Lebenszweck ab.

Wir wollen nicht verkennen, daß viele von denen, die Heute als tüchtige und achtbare Handwerker, Kaufleute, Bauern und Arbeiter in der Welt dastehen, ganz vor­züglich ein höheres Amt im Staat oder in der Gemeinde zu bekleiden im stände wären, wenn ihnen in der Jugend der zu dem höheren Berufe notwendige Bildungsgang zugänglich gewesen wäre. Aber darauf kommt's ra gar nicht an, denn nicht jeder kann die Gelehrtenlaufbahn be­schreiten. In jedem Berufe und in jedem Stande brauchen wir ehrbare Männer und wir sind doch heute nicht mehr so rückständig, daß wir jemanden um seines geringeren Standes willen verachten. Seit Luther die ehrliche Arbeit wieder richtig bewertet bezeichnet hat, sind wir darüber hinaus. Der springende Punkt ist der, daß die Bildungs­anstalten eine einheitlich abgeschlossene Bildung als Grund­lage zur bürgerlichen Existenz des Schülers vermitteln.

Der Gelehrte und Beamte bedürfen des Studiums, und die höheren Schulen zielen zur Befähigung dazu hin. Der sogenannte kleine Mann, der seinen Söhnen sein Erbe

übergeben will, schickt sie in die Volksschule. Er will sie zu einem praktisch bürgerlichen Berufe herangebildet sehen. Darum werden in der Volksschule schon Dinge unterrichtet werden müssen, die in den höheren Schulen erst in den oberen Klassen vorgetragen werden, die aber zur einfachsten Bildung notwendig sind. Wir nenüen nur die Natur­kunde. In der Volksschule werden davon die not­wendigsten und wichtigsten Naturgesetze in ihrem Zu­sammenhänge einheitlich gelehrt, sodaß ein normaler Schüler sich eine beträchtliche Kenntnis aneignen kann. In den höheren Schulen dagegen nruß der Unterricht in den einzelnen Disziplinen auf eine viel breitere Unterlage ge­stellt, müssen weniger wichtige Dinge zur Erfassung der Ursachen und Wirkungen und zur Beherrschung der ganzen Materie herangezogen werden, weil diese hinwiederum not- tvendige Bildungsstoffe für andere Disziplinen darstellen. Wer sich eine höhere Bildung aneignen will, muß sich eine viel tiefere, genauere, sagen wir mehr wissenschaft­liche Kenntnis einzelner Fächer zu eigen machen.

Die notwendige Folge davon ist, daß die Volksschule, die nach 8 Jahren ihre Schüler entläßt, denselben eine für das praktische und berufliche Leben des kleinen Mannes notwendige einheitliche und abgeschlossene Bildung über­mitteln muß, während die Anstalten, die für die höheren Berufe vorbilden, schon in ihren unteren Klassen ganz anders eingerichtet sein, andere Materien (fremde Sprachen usw.) üben und den ganzen Unterrichtsstoff anders behandeln müssen, als es in der .Volksschule sein darf.

So schön darum auch die Theorie von der obligatorischen Einheitsschule klingen und für einige etwas Bestechendes haben mag, sie ist nicht durchführbar, verderblich und schüd- lich für alle Berufe, die höheren wie die niederen. St.

Voliüsche Tagesschau.

Graf Bülow und die Neichstagsdiäten.

Dem Graf Bülow ist als Reichskanzler mancherlei ge­glückt, als preußischer Ministerpräsident aber hat er erheb­lich weniger Erfolge bisher gehabt. Die Durchsetzung sänrt- licher Forderungen für die preußische Ost marken Poli- t i k kann Graf Bülow nicht seine Errungenschaft nennen, da ihm auf diesem Gebiete eine geschlossene Mehrheit des preußischen Landtags Gefolgschaft leistet. Nichts weniger als ein Ruhmesblatt bildet ferner der Werdegang der Kanalvorlage für das Ministerium Bülow. Es ist ihm hier bestenfalls ein Pyrrhussieg beschieden. Durchaus erfolglos war Graf Bülow da, wo die preußische Politik in die Reichspolitik einsetzt, und wo man gerade von ge­schmeidiger Staatskunst einen Erfolg hätte erwarten können. Es ist dies die Frage der Neichstagsdiäten. Sie scheint der Lösung nicht um einen Schritt nähergerückt, obwohl Graf Bülow aus seiner persönlichen Synrpathie für diese For­derung der Volksvertretung kein Hehl gemacht hat, und obwohl offenes Geheimnis ist, daß der Widerstand im Bundesrat von Preußen ausgeht. Mit Recht wurde bei der letzten Erörterung der Diätenftage im Reichstag von mittel- und süddeutschen Abgeordneten nachdrücklichst aus dieseQuertreiberei" Preußens hingcwiesen. Doch der Appell an den preußischen Ministerpräsidenten löste im Reichskanzler nur die des Reizes der Neuheit ent­behrende Bemerkung aus, es handle sich im Grunde um ein Korrelat des Reichswahlrechts und die Notwendigkeit einer Verfassungsänderung. Nun, auch der Reichstag nahm keinen Anstand, seine Verfassung, die Geschäftsordnung, zu ändern, um dem Kanzler seinen bisher hervorragendsten Erfolg mit dem Zustandebringen des Zolltarifs zu schassen. Warum also fällt es dem Bundesstaat Preußen gar so schwer, sein entscheidendes Teil beizutragen, damit dem Reichstag der gleiche Dienst erwiesen werde? Man ist doch sonst gerade in Preußen nicht so ängstlich besorgt um die Integrität der Reichsvcrfassung. Es genügt da der Hinweis auf das leider keineswegs gegenstandslos gewordene Projekt der Einführung von Schisfahrtsabgaben, das n i ch t i m Einklang steht mit dem Artikel 54 der Reichsver- fassung. In Anbetracht alles dessen drängt sich arg­wöhnischen Politikern die Annahme auf, der preußische Mi­nisterpräsident wisse um Pläne zur Abänderung des R e i ch s w a h l r e ch t s, die der Reichskanzler sich noch nicht zu eigen macht. Deshalb könne der Letztere theoretisch und für seine Person die Sympathie mit der Diätenforderung des Reichstags bekunden, während der preuß. Minister­

präsident praktisch und offiziell als Element des Wider­standes gegen diese Forderung wirkt im Sinne einer ent­sprechenden JNstruierung der preußischen Stimmen im Bundesrat. Der Zentrumsführer Dr. Spahn sagte vor kurzem, die Frage der Anwesenheitsgelder werde in der nächsten Reichstagssesfion akut werden. Für die Abgeord­neten ist sie das schon seit geraumer Zeit. Für die Re­gierung wird sie es wohl erst dann werden, wenn es dem preußischen Ministerpräsidenten gelingt, den Einflüssen die Stirn zu bieten, die dem Reichskanzler sich in den Äa stellen. ' J

*

Chamberlain macht Fortschritte.

Man muß es Chamberlam lassen, daß er seine Schutzzoll- Pläne mit einer beispiellosen Fähigkeit und Unermüdlichkeit verfolgt. Chamberlains neueste, in der Fabrikstadt Luton ge­haltene Rede ist ein Meisterstüct der Kunst, aus allen Blumen Honig zu saugen, d. h. sogar die Behauptungen seiner Gegner in einer Weise zu deuten, dau sie seinen eigenen Behauptungen zur Hilfe ^u kommen scheinen. Ter Premierminister Lord Balfour hgt in Edmburg erklärt, die Führung seiner Partei niederzulegen, falls die Mehrheit beschließen sollte, für Chamberlains Schutz­zollpolitik einzutreten. Aber Balfour ließ sich in derselben Rede zu dem Versprechen herbei, die selbständigen Kolonien und Indien zu einer handelspolitischen Konferenz einzuberufen. Chamber­lain ergreift sofort denkleinen Finger", den ihm der Minister­präsident entgegenstrcckt. Balfours Plan, erklärte er in Luton, bilde einen großen Fortschritt auf dem Wege der Verwirklichung des großen Gedankens der Zollvereinigung. Nur sollten, wünscht Chamberlain, auch die anderen britischen Kronkolonien zu der Konferenz geladen werden. Wenn die Konferenz zu einer Einig­ung gelange nämlich auf dem Boden der Chamberlain'schen Pläne, so seien Neuwahlen nicht erforderlich. T> Balfour Neuwahlen in diesem Falle für nötig halte, das gefällt Mr. Joe Chamberlain an demsonst so trefflichen Plane" des Minister­präsidenten nicht.

Wenn man dies alles hört, dann könnte man fast zu der Auf­fassung kommen, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Cham­berlain und Balfour seien der Schlichtung so nahe wie nur möglich. Derart versteht der vielgewandte Chamberlain die Rede des Mmisterpräsidenten für seine Zwecke zu benutzen. Er muß seiner coache ziemlich sicher sein, wenn er bereits in dem Vorschlag der neuen Kolonialkonferenzeinen Vorläufer teä Sieges erblickt". Es war unvorsichtig von Balfour, das Ver­sprechen der Einberufung zu geben. Jetzt kann er nicht mehr zurück. Chamberlain wird zweifellos solange an die Oeffentlichkeit appel­lieren, Dia auch die anderen, nicht selbständigen Kolonien auf­gefordert werden, zu dem Plan der Zollvereinigung, diesem gewaltigen Bollwerk, das Chamberlain gegen den Handel des Auslands errichten will, entscheidende Stellung zu nehmen.

Aber ist der Ministerpräsident wirklich, im innersten Herzen Chamberlains Gegner in der Zollpolitik? Es gibt Leute, die nicht recht daran glauben wollen und etwas wie ein Spiel mit verteilten Rollen zwischen Chamberlain und Balfour argwöhnen. Man bekämpft, so meinen jene Pessimisten, niemanden, indem man ihm die Wege ebnet, und das habe Balfour getan durch den Vorschlag der Kolonialkonferenz, ein Vorschlag, der zudem von Chamberlain herstammt. Ter Londoner Mitarbeiter der ,Freuz- zertung" erblickt in Balfour geradezu den Platzmacher für Cham­berlain. Es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß er sich dann mit einem Portefeuille unter Chamberlain begnügen würde, denn er beschränke seinen Rücktritt ausdrücklich auf die Führung der Partei, die er im kritischen Augenblick wohl an Chamberlain abtreten werde. Andere Beurteiler meinen diese Auffasung finden wir bei dem Londoner Mitarbeiter derVoss. Ztg." Balfoursitze noch immer auf dem Zaun", ein Bild, daS den- jenigen kennzeichnet, der zu keinem Entschluß gelangen kann.

Was an, diesem Vermutungen Wahres ist, wird die Zeit lehren. Zweifellos ist das eine, daß man außerhalb Englands die Pläne Chambeftains nicht mehr leicht nehmen darf. In gerade­zu erstaunlicher Weise ist seine Anhängerschaft gewachsen. Tas mag , nicht nur sein Verdienst sein, sondern es kann auch davon herrühren, daß weder die Regierung noch die ft eihändlerisches Opposition eine Persönlichkeit in ihren Reihen hat, die es Cham- bevlain an Tatkraft, Geschicklichkeit und Beharrlichkeit gleichtut.

Ueberzeugen Sie stch, daß in meinem kunstgewerbl. Institute Ihnen mindestens das Gleiche in Möbeln, Betten, Innendekorationen rc. rc. geboten wird, als in auswärtigen, von Nichtfachleuten und mit Riesenspesen betriebenen sogen. Möbel-Fabriken. Ohne Kausverbindlichkeit ist Besichtigung meiner Fabrikations- u. Lagerräume gern gestattet. Geschäfts­gründung 1858. Th. Brück, Möbelfabrikant, Gießen, Ecke Schloßgasse-Kanzleiberg-Brandplatz. 10 Schaufenster. Telephon 373. C17/t

Ker King.

Kriminal-Roman von O. Elfter.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Es ist ein trauriges Gesckstift in den Papieren eines Ver­storbnen zu lesen, der so plötzlich und auf so schreckliche Weise aus deni Leben gescksteden. Eine sichtende, vorsichtige Hand hat da die Geheimnisse, die jedes Menschen Leben birgt, nicht ver­nichtet oder verl-üllt. Mit brutaler Offenheit tritt einem dieses verflossene Leben gegenüber alle die kleinen Schwächen, alle die Hoffnungen, alle die Enttäuschungen, alle Gefühle, alle Empfindung en, welche mit raschem Pulsschlag das nun erkaltete Leben durchströmten. e

Wie oft lernt man erst aus solchem ungeordneten Nachlaß das Leben emes Merrswen recht kennen! Wie oft erfahtt man aus solchem dtachlaß, daß man sich in einem Menschen sei es naa- der guten oder der schlechten Seite hin getäuscht hat.

Auch s-erdinaud erging es so. Entmutigt, bestürzt, beschämt hielt er in seiner Arbeit inne. Hatte er den Bruder bislang nur für einen etwas leiästsimügen, lebensfrohen, aber durchaus recht­lich! n Charakter gehalten, so mußte er jetzt erkennen, daß der Verstorbne ein vornehmes Leben geführt, daß leickstfertige Weiber, ^pie> uno - Wuchergeschäfte sein Leben ausgefüllt hatten.

Um tiefer SäMerz erfaßte ihn. Er bereute cs, Wen ganzen Nachlaß nicht unbesehen dem Feuer überacven zu haben. Ur tvollle nicht weiter eindringen in diese Geheimnisse des Toten Er wolle das Schmbsach wieder schließen, irgend ein (^gcnirnnD hatte sich zwischen das Fach und die Tischplatte ge- neKinü, * er suchte dieses Hindernis zu entfernen und zog ein ch-ineü rotes Etuis hervor, in dem Ringe aufbewahrt werden. Auf dem UtniS waren in Golddruck zwei engverschlungene H-äude angebracht. , r . r

Mechanisch öffnete er dav Kästchen uuo ferne Augen bneben

auf einem Ring aus Silber haften, der ebenfalls zwei ver­schlungene Hände darstellte, verziert durch einen blutrot funkeln­den Rubinen.

Ferdinands Augen wurden starr eine Geisterblässe bedeckte seine Wangen er erzitterte plötzlich ließ er den Ning fallen und sprang empor ein Aechzen entrang sich seiner Brust.--

5. Kapitel.

Justizrat Berner saß in seinem Bureau und studierte um­fangreiche Akten. T'er Justizrat war ein vielgesuchter Anwalt, seine Reden vor Gericht waren berühmt, seine Schneidigkeit als Verteidiger brachte ihn sogar öfter in Konflikt mit dem Staats­anwalt oder dem Vorsitzenden des Gerichts, und au seiner scharf­sinnigen und glänzenden Beredtsaml'eit bildeten sich die jungen Juristen. Seit Jahren beschäftigte er sich icicht mehr mit Kleinig­keiten, die er großmütig einem jüngeren befreundeten Kollegen überließ. Sensationelle Bank- oder Familien-Prozesse waren das Feld, auf dem er seine Lorbeeren und reiche Einnahmen erntete.

Seine Erscheinung glich der eines Gelehrten oder eines höheren Geistlichen; stets in tadelloses Schwarz gekleidet, mit der stereo­typen weißen Kravatte, dem korrekten, ruhigen Wesen, hätte man ihn für einen Hofprediger halten können, wenn nicht das sarkastische Lächeln des Mundes und der lluge und scharf beob­achtende Blick seiner grauen Augen gewesen wäre, welchen eine scharfe Brille noch verstärkte.

Eine Zeit lang las der Juftizrat in den Men, ohne sonder­liches Interesse zu zeigen. Schließlich lehnte er sich gelangweilt zurück, gähnte ein wenig und nahm seine Brille ab, die er mit lässiger Bewegung mit seinem Tastl-entuch putzte.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn ansschanen. Ans seinen Ruf trat der erste Bureauvorsteher herein.

Entschuldigen Herr Justizrat die Störung", sagte dieser. Ich weist, dag der Herr Justizrat beschäftigt |inb; aber Herr Groller ließ sicl) ilicht aluveisen."

Was lvill deut: der Herr troch? Ich derrke, Sie haben alles

mit ihm erledigt? Ter Wertnachlaß feines Bruders befindet sich im Depot der Deutschen Bank und Sie haben ihm doch d-m Depotschein und den Gerichtsbeschluß gegeben?"

Allerdings, Herr Justizrat. Aber Herr Groller möchte Sie persönlich sprechen."

fassen Sie ben Herrn eintreten. Diese Men können warten-, es ist ein uninteressanter Fall und ich bin noch nicht schlüssig, ob ich die Sache übernehme."

Ter Bureauvorsteher eittfernte sich und nach wenigen Augen­blicken trat Ferdinand in das Allerheiligste des berühmten Anwalts.

Ferdinands blasses, übernächtiges Gesicht zeigte eine sinstere Entschlossen hüt. 9)Üt heimlichem Erstaunen beobachtete ihn der Justizrat, dessen Menschenkenntnis ihm bcrrict, daß Ferdinand ihm eine wichtige Mitteilung zu machen habe.

Wer rrchig lächelnd streckte er ihm die feine weiße Hand ent­gegen.Guten Tag, mein lieber Herr Groller, loas führt Sie zu mir? Ist etwas bei der Nachlaßübergabe nickst in Ordnung!"

Ja, Herr Jrcstizrat", stieß Ferdiiraud hervor,eS ist etwas nicht in Ordnung!"

Ah . . . ich kann mich doch sonst aus meinen Bureauvorsteher verlassen!"

,,.Es haildelt sich nickst um den Nachlaß selbst er befindet sich in bester Ordnung. Aber, Herr Justizrat, ich habe eine Entdeckung gemacht eine Spur einen Verdacht. .

Ter Amvalt wurde ausmerlsam.

Sie find erregt, lieber Herr Groller", sagte er.Nehmen Sie Platz erzählen Sie in aller Ruhe. Eine Spur haben Sie entdeckt, sagen Sie! Eine Spur des Mörders Ihres amten. Bruders? Ei, das wäre seltsam, uackHem die Kriminalpolizei, das UntevsuchungsgenckU, mir selbst, lieber Freund, nichts ent­decken konnten."

Herr Justizrat ' ie sagten mir einmal iut Laufe dcS Prozesses: chetchez la semme. . ."

(Fortsetzung folgt.)