Ausgabe 
7.5.1904 Drittes Blatt
 
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Nr. 107

Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen

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Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulftr.7.

Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen.

Samstag 7. Mai 1904

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.

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der feindlichen Stellung sah und mir plötzlich einfiel, ich müsse das Bajonett aufpflanzen lassen. Das Kommando, die eigene Stimme, gaben mir die Besinnung wieder, und wir stürzten mit wildem Hurra in die feindliche Stellung.

Um 12 Uhr zog ich eine rote Flagge auf dem feind­lichen rechten Flügel auf unser verabredetes Zeichen und sah nun von allen Seiten unsere Leute herankommen, während der Gegner überall zurückging. Es halten nur wenige Leute unseren Sturm erwartet, sie hatten uns auf 40 Meter stark beschossen und waren dann in wilder Flucht ver­schwunden, eS folgte eine einstündige Verfolgung, dann aber brachen wir völlig zusammen. Der Sieg war unser. Der Sturm hatte 5 Tote und 2 Verwundete gekostet, wunderbarer­weise keinen Offizier, was wohl daran lag, daß wir ohne Abzeichen, genau ebenso ausgerüstet und bewaffnet wie die Mann- schäften waren und auch mit dem Bajonett vorstürmten. Wenn ich jetzt an alles denke, wird mir ganz schwindlig, ich weiß nur diese wenigen Einzelheiten. Nach dem Gefecht, als ich gänzlich erschöpft, mit hämmernden Pulsen, ganz zerschlissenem Anzug unb von den starken Dornen zerrissenem Gesicht und Händen zwischen meinen Leuten lag, die alle nicht imstande waren, das Wasser zu trinken, das man ihnen brachte, da kam Puder und mehrere Buren, die hinten bei der Leitung als Ordonnanzen geritten waren, auf mich zu, schüttelten mir die Hand und sagten mir, daß sie nicht geglaubt hätten, mich gesund wiederzusehen. Puder hätte mir erst nach langem Zögern den Befehl geschickt, und alle hätten gemeint, es würde viele Opfer kosten. Man beglückwünschte mich wegen meines geschickten und rücksichtslosen Vorgehens, ohne das die Kerle nicht aus ihrer Stellung gewichen wären. Dabei war ich, ohne es zu wissen, kurz vor deig letzten Sturm bald selber wieder umgangen worden und wurde im Rücken beschossen. Durch das Eingreifen der Artillerie ist hier eine unangenehme Sache bei uns verhindert worden.

Wie entsetzlich anstrengend ein solches Gefecht in dieser Gegend ist, kann man sich nicht vorstellen. Meine Sachen waren, wie die meiner Leute, vollständig zerrissen, auch Hände und Gesicht waren ganz von Dornen zerschnitten, so daß wir teilweise verbunden wurden. In der wahnsinnigen Mittags­hitze dieser südlichen Breiten, die einem senkrecht in das Genick prallt, waren wir die letzten Stunden ohne Wasser und hatten seit dem Abend vorher nichts im Magen. Meine Stiefel ebenso wie die vieler anderer waren durch das Klettern vorn durchgestoßen, so daß der Strumpf durchkam, denn die Felsen sind messerscharf an den Kanten, von der Hitze glühend heiß wie feuriges Eisen, und die 5 Zentimeter langen Dornen das einzige, was hier in Massen wächst sind wie aus Stahl. Wir waren so furchtbar erschöpft von den sechs Stunden, daß bei einigen Erbrechen eintrat.

Von der schönen Bescheidenheit des Leutnants v. Rosen­berg, der, wie unsere Leser wissen, später leider seinen in dem Gefecht bei Onganjira am 9. April erhaltenen Wunden er­legen ist, legt der folgende Absatz seines Briefes noch ein besonderes Zeugnis ab: Und nun denkt nicht, ich sei ein Held. Hier sind Leute, die viel mehr geleistet haben, von denen aber in der Heimat niemand etwas weiß. Man ist ein Erdenwurm gegen all diese Leute, die alten Schutz- t^uppler, die wirklich alle Helden sind. Ehe ich es ihnen gleichmachen kann, muß ich noch viel mehr leisten. Hier ent­brennt ein Riesenehrgeiz, aber nicht im Streben nach Stellungen, sondern in Leistungen persönlichen Mutes.

* Berlin, 5. Mai. Ter Kaufmann Alfons Röhll ist verschwunden. Die Schuldenlast des in der Berliner Lebe­welt bekannten Herrn beträgt nach den bisherigen, noch nicht ab­geschlossenen Ermittelungen mehr als 2 Millionen Mark, die er zum großen Teil für seine Freundin, die Schauspielerin Rita Leon, aufgewendet hat. Zu Lebzeiten des Vaters batte der junge Röhll bereits l1/* Million zur Deckung seiner Ver­pflichtungen erhalten. Zn maßloser Weise vergeudete R. große Summen; er hielt anscheinend seinen Vater für einen vielfachen Millionär und hoffte, nach dessen Tode alles regulieren zu können. Indessen schlugen seine Berechnungen fehl; der Verschwender wurde auf den Pflichtteil gesetzt, der etwa 650 000 Mk. betrug. Die Geschwister ließen rhm jedoch den gesetzlichen Erbteil zukommen und zahlten ihm unter Anrechnung des früher vom Vater er­haltenen Geldes noch eine Barsumme von etwa 150 000 Mk. aus. Doch auch diese verschwanden bald unter den freigebigen Händen des Kavaliers. Nun begann er sich an Wucherer zu wenden und verschaffte sich so Geld, um den kostspieligen Lebensunter­halt für sich und seine Freundin weiter bestreiten zu können. Diese schickte er Mitte des vorigen Jahres an die Riviera, wo sie sich Don den Strapazen der Wintersaison erholen sollte, während Röhll selbst hier in Berlin durch immer neue Engagements die alten zu decken versuchte. Insbesondere mehrfache Grundstücks- Vertauschungen tragen den Charakter der Unreellität, so daß ein großer Teil der angeblichen Schulden von der Firma Röhll soweit sie diese betrifft bestritten werden dürften. Als dem jungen Röhll der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, verschwand er, wie berichtet, plötzlich zu Anfang dieses Monats, aus Berlin. Er soll sich über Paris nach Amerika begeben haben. Seine Freundin, die noch bis vor kurzem im Süden weilte, hatte augenscheinlich keine Ahnung von dem drohenden Zusam­menbruch; sie lebte sorglos und in Freuden, glänzte in den wunderbarsten Toiletten und amüsierte sich mit einer Berliner Freundin bis auch sie plötzlich verschwand. Es ist anzu­nehmen, das; Röhll sie von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt hat und nun mit ihrüber den großen Teich" gezogen ist.

* Straßburg, 5. Mai. Ter von einem Geisteskranken schwer verletzte Direktor der Irrenanstalt Stephans- feld ist seinen Verletzungen erlegen.

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Am 4. März haben, wie seinerzeit kurz gemeldet würbe, bei Klein-Barmen unter Leitung des Hauptmanns Puder die 2. Kompagnie des Seebataillons (Führer: Hauptmann Sche­ring), die 5. Feldkompabnie (Führer: Leutnant v. Rosen­berg), die LandungsabtetlungHabicht" (Oberleutnant zur See Samuelson), 30 Reiter unter Oberleutnant Ritter, und die Artillerieadteilnng unter Leutnant z. S. Rümann, den Herero ein schweres Gefecht geliefert. Eine fesselnde Schilderung dieses Kampfes entnimmt dasMil.- W.-B1." einem Privatbrief des Leutnants von Rosenberg. Zunächst werden in dem Briefe die Schwie­rigkeiten geschildert, die das Biwackieren und die Ver­pflegung in Südwestafrika bereiten, da man in der Nähe der Herero kein Feuer anzünden kann, dann wird das erste Zusammentreffen mit dem Feinde erzählt. Nachdem unsere Truppe erst eine Herde Paviane für Feinde gehalten, hatte, bekam sie plötzlich starkes Feuer, ohne den Gegner erblicken zu können. Dann aber wurden Schwarze sichtbar, die in deutsche Uniformen gekleidet waren. Der Artillerie gelang es, sie aus der ersten Stellung in eine vorbereitete, vorzügliche Felsenstellung zurückzutreiben. Unter lebhaf­testem Feuer mußte die Kompagnie des Leutnants von Rosenberg eine Frontschwenkung machen, du- sie vom Feinde überflügelt wurde. Wörtlich geht dann der Be­richt weiter:

Nachdem wir bis 10 Uhr also vier Stunden im Gefecht gelegen hatten, merkten wir, daß wir nicht recht vom Platze kamen. Irgend etwas mußte geschehen, den Eindruck hatten wir alle. Da erhielt ich einen kleinen Zettel, mit Blei geschrieben:An Leutnant v. Rosenberg. Der Gegner muß in feiner rechten Flanke umgangen wer­den. Führen Sie dieses aus. Artillerie wird Sie unter­stützen. Eventuell ist Bajonett letztes Mittel. Von dieser Umgehung hängt alles ab. Seebataillon kommt sonst nicht vor. Puder." Ich muß ehrllch gestehen, daß mir das Herz klopfte, als ich, den Empfang des Zettels beschei­nigte, denn das hieß, im stärksten Feuer über einen 150 Meter breiten ausgetrockneten Fluß vorgehen, aus dessen anderer Seite in hervorragender Stellung, der Hauptstell­ung des Gegners, die Schwarzen ruhig auf uns schossen. Doch was half es. Ich wußte, alles wartete auf uns. Ein kurzer Entschluß, ein paar laute Worte an meine Leute: Wer Schneid hat, sammelt sich hinter jener Kuppe bei mir, denn alles wartet auf uns, wir sollen eine Umgehung machen! Dann lief ich wie eine Ratte vor, dorthin, wo ich mich gedeckt wußte.

Zehn Minuten später waren 2 Unteroffiziere und 20 Mann bei mir. Ich schickte Grünewald einen Zettel, er solle das Kommando über die Kompagnie übernehmen, u würde eine Umgehung machen, und sobald ich über oen Fluß wäre, was ich durch mein Feuer ankünden würde, solle er mich in der Front durch starkes Schießen unterstützen. Und dann ging es vor. Zuerst wurde auf allen Vieren 800 Meter links gekrochen, dann wieder dicht an den Fluß heran. 'Nach Mündiger Pause es war wahnsinnig heiß und das Kriechen in den Dornen und Klippen eine un­glaubliche Anstrengung schrie ich:Sprung, auf, Marsch, Marsch!" und in einem Lauf von 150 Meter ging es über die blendend weiße Sandfläche. Dann weiß ich nur noch wenig. Das Höllenseuer von wie ich später von Puder hörte drei Seiten, denn wir waren wieder links um­gangen das Gefühl der Verantwortung, das Schreien bei uns und drüben, das Platzen unserer Granaten, alles das nahm mir das klare Denken, bis ich mich 90 Meter vor

Drittes Blatt. 154. Jahrgang

Giehener Anzeiger

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