Nr. 261
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktton, Expedition ».Druckerei: Schulstr.?.
Tel. Nr. 6L Lelegr.-Adr. r Anzeiger Greßen,
Erscheint »glich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Zamilienblatter" werden dem ,Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Viertes Blatt. 154. Jahrgang Samstag 5. November 1904
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.
Politische Tagesschau.
Einst und Jetzt.
In der Münchener Freistatt veröffentlicht Professor Lujo Brentano einen außerordentlich interessanten Artikel über den Frankfurter Wohnungskongreß. Was er an der Hand der Statistik zur Widerlegung des bekannten einleitenden Pohleschen Referats sagt, ist überzeugend. Ueber den gefaulten Verlauf des Kongresses fällt er ein vessimistisches Urteil. „Das Gefühl, pro nihilo gekommen zu fein'', wurde Brentano nur durch den Schluß des Kongresses, die Reden von E. Dalmatius und besonders Dr. Friedrich Naumann benommen: „Es war ein glänzender Sonnenuntergang nach trübseligem Tage", ruft der Gelehrte in Erinnerung daran aus.
Von besonderem Interesse ist jedoch eine an ein kleines Intermezzo anknüpfende allgemeine Betrachtung, mit der Brentano seinen Artikel schließt. Doch lassen mir ihn selbst reden:
„Immerhin dachte ich am folgenden Morgen: Ende gut, alles gut. Tann ging ich in das Lesezimmer meines Hotels und wurde sofort wieder auf das gestoßen, was beit Mißerfolg der vorausgegangenen Tage verschuldet hatte. Ta saß im eifrigen Gespräch mit seinem Sekretär ein Interessent. Tie Szene war köstlich, ein neuer Serenissimus mit seinem Kinder- mann. Er gab in wenigen abgestoßenen Sätzen Direktiven über die Art, wie seine Interessen öffentlich vertreten seien; der andere folgte, in jeder Miene die Ergebenheit des schlauen Lakaien, bald zustimmend wiederholend, bald suggerierend, ein Typus jener neuen Existenzen, welche die moderne Entwickelung ins Leben gerufen hat, die gegen glänzende Bezahlung ihr Wissen und oft auch ihre Seele einem Mächtigen verkaufen, wie einst der Bravo in Venedig, und zu kaum löblicherem Zwecke. Obwohl ich 'sehr still in einer Zeitung las, muß doch mein Gesicht^ausdruck verraten haben, was ich über das unfreiwillig Gehörte empfand; Serenissimus erhob sich, um im Rauchzimmer mit Kindermann ohne Zeugen weiter zu reden.
Ich aber dachte über die Wandlung nach, die in unserem öffentlichen Leben Platz ergriffen. Emst waren es große, ideale Auffassungen über Staat und Kirche und.Volkswirtschaft und Gesellschaft gewesen, welche die Menschen zu politischen Organisationen zusammengeführt. Wer ein Sonderinteresse geltend gemacht hätte, das ihn zu der einen oder anderen Organisation führe, wäre von seinen eigenen Genossen verachtet worden. Heute ist's umgekehrt. Wer gegenüber dem Sonderinteresse das Interesse des Ganzen verfolgt, wird geschmäht. Es gilt als selbstverständlich, daß man auf die Seite sich schlägt, auf welcher der persönliche Vorteil liegt, wer anders handelt, gilt als Tor. In mächttgen Verbänden suchen die Gleichinteressierten ihren Vortell auf Kosten des Ganzen, und unzählige Talente, die ehedem in selbstloser Aufopferung nur dem Vaterland zu dienen bestrebt gewesen, liefern jetzt sogenannte wissenschaftliche Argumente für ihre Brotgeber oder lassen sich als Kettenhunde gegen die gebrauchen, die einmal zäh an dem fest- halten, was sie, unbekümmert um Eigenvorteil, für das Wohl des Ganzen erkannt haben. In dieser Wandlung liegt die große Gefahr der Zukunft des deutschen Volkes. Wenn diesem die Er- sahrungen des Frankfurter Wohnungskongresses ein Anlaß werden, wenn sie den Anstoß geben sollten zu einer kräftigeren Neu- organisatton aller wahrhaft national und sozial Denkenden nickt nur in der Wohnungsfrage, sondern in allen Fragen des öffentlichen Lebens, so hätte auch ber erste allgemeine deutsche Wohnungskongreß nicht umsonst getagt."
♦
Ueberfiillung des Anwaltstaudes.
Eine jüngst veröffentlichte Statistik hat die außerordentlich starke Zunahme der Rechtsanwälte in Sachsen zahlenmäßig bestätigt. Jetzt hat, wie aus Dresden geschrieben wird, der Vorsitzende der sächsischen Anwaltskammer, Justizrat Dr. Mittasch, sich eindringlich gegen den immer bedenklicher werdenden Zudrang zum juristischen Studium und besonders zum Anwaltstande ausgesprochen. Er führte aus, fast sämtliche deutsche Anwälte seien aus Gründen des öffentlichen Wohls gegen die Wiedereinführung des numerus clausus (beschränkte Zulassung zum Anwaltsstand), aber sie müßten auch erwarten, daß das große Publikum endlich zur Einsicht gelange und das juristische Studium nicht mehr, wie es so vielfach geschehe, als ein Verlegenheitsstudium behandle oder für ein Vrotstudium ansehe, bet dem man die Möglichkeit habe, recht bald Geld zu verdienen. Komme von dieser Seite keine Hilfe, so werde man der Erörterung der Frage nicht aus dem Wege gehen können, ob sich nicht eine Verschärfung des ersten juristischen Examens empfehle, zumal sich die dem Anwaltstande zudrängende Hochflut gerade aus einer so großen Menge solcher zusammensetze, die auf der Universität den niedrigsten Grad wissenschaftlicher Reise erlangt hätten. Endlich werde eine Verlängerung der Gymnasialzeit für die Abiturienten zu erwägen sein, die zur Universität gehen wollen. In dem anzusügenden Kursus seien die jungen Leute auch mit den näheren Verhältnissen der Berufszweige vertraut zu machen. Dadurch werde vielleicht mancher abgehalten werden, ein Studium zu ergreifen, zu welchem ihm nicht besondere Neigung hintreibe oder das ihm keine sichere Existenz zu bieten vermöge. Schülern und Eltern werde dadurch bei Zeiten vor Augen geführt, daß nicht jeder, der das Gymnasium besuche, auch studieren müsse, daß eine Ueberfüllung der gelehrten Stände ein gelehrtes Proletariat schaffe und daß ein solches ein Unglück für Staat und Gesellschaft sei. Dies sollten nicht positive Vorschläge, aber Anregungen sein.
* Trier, 4. Nov. Ueber den gemeldeten Mord und Selbstmord (vgl. unsere gestrigen Telegramme) berichtet die „Trierer L.-Ztg.": Der Buchhalter Ruland, der bis vor einem halben Jahre bei einer Kohlenhandlung beschäftigt war, soll in der letzten Zeit Lebens- und Feuerversicherungs- Gesellschaften vertreten haben. R. war zum zweiten Male verheiratet. Die Tat erfolgte am Grabe der ersten Frau. R. soll sich bereits am Vormittag auf dem Friedhose mit seinem Söhnchen aufgehalten und sich gegenüber dem Fried- hofsauffeher mit Selbstmordgedanken geäußert haben. Er übergab dann dem Friedhofsaufseher einen Brief an seine Frau, äußerte aber bald darauf zu diesem, er habe seine Selbstmordgedanken aufgegeben, worauf er den Friedhof verließ. Einige Zeit darauf ging er aber trotzdem wieder auf dem Friedhof, ohne gesehen zu werden; dann brachte er seine unselige Tat zur Ausführung. Ec schoß sein Kind und sich in die Schläfe; der unglückselige Vater war sofort tot, das Kind lebte noch, starb aber bald darauf.
* Innsbruck, 4. Nov. Bei den Exzessen in der letzten. Nacht infolge der Eröffnung der italienischen Rechts-^ f a k u l t ä t wurden acht Deutsche durch Schüsse teils leicht, teils schwer verletzt: zehn Italiener wurden verwundet.! Als das Militär ausrückte, wurde es mit Steinen beworfen, worauf die Soldaten mit dem Bajonett vorgingen. Hierbei erhielt der KunstmalerPezzeieinenStickindenRücken, woran, er bald darauf starb. Auch der Stadtphysikus wurde durch' Revol^rschüsse am Schenkel verwundet. 135 Studenten,! deutsche und italienische, wurden verhaftet. Heute kam es in beit Straßen abermals zu Zusammenstößen, die unblutig verliefen.! Bei den verhafteten Italienern wurden 46 Revolver gefunden.! Heute vormittag zogen deutsche Studenten vor die italienische^ Fakultät, demonstrierten dort unter den Rufen: „Weg mit den' Meuchelmördern!" und schleuderten Steine gegen die Fenster' des Gebäudes. Die Wache versuck.e die Menge auseinander-, zutreiben, erwies sich jedoch als zu schwach Im Laufe des Tages■ wiederholten sich die Tumulte. Tie Demonstranten, denen sich' der Pöbel aus der Stadt anschloß, drangen in die Gebäude oer; italienischen Universität ein, zertrümmerten das Mobiliar unh) warfen die Trümmer durchs Fenster. Ein größerer Haufen zvgj vor die Wohnung des Statthalters, wo er durch Pfeifen und> Johlen demonstrierte. Heute nackmittag fand eine Gemeinderats-^ sitzung statt, welche einen stürmischen Verlauf nahm. Universitäts-^ rektor wurde zum Statthalter berufen. Zu den Straßendemon-^ strationen wird noch gemeldet, daß zum Zerstreuen der deutschen Demonstranten iutalienische Jäger verwendet wurden, welche den Bajonettangriff mit Schimpfworten auf die Deutschen einleiteten. Tie Aufregung der Bevölkerung ist ungehe^r. Nach der Besprechung der Minister verlautet von unterrichteter Seite, daß die Schließung der Innsbrucker Universität oder der italienischen Recktsfakultät nicht erfolgen werde. Die Regierung werde die umfassendsten Vorkehrungen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in Innsbruck treffen.
* Die teuersten Zigarren. Die ausgezeichnete Tänzerin Fanny Eißler (1810—1884) feierte überall, wo sie, auftrat, glänzende Triumphe. In Amerika, wo sie 1841; Gastrollen gab, erregte sie eine Begeisterung, wie vorher noch.- nie eine Künstlerin. Zu ihren glühendsten Verehrern zähW ein reicher Plantagenbesitzer aus Havanna. Ec sandte Fanny,! nachdem er sie tanzen gesehen hatte, eine Zigarrenkiste mit folgenden Worten: „Herrliche Europäerin! Empfangen Sie hiermit von einem aus den Millionen Ihrer Anbeter tausend Stück Havanna-Zigarren als Morgengabe. Entschuldigen Sie, daß der arme Zigarrenfabcikant keine glänzendere Huldigung darbieten konnte, und gestatten Sie, Holdeste, daß ich verbleibe mit tiefer Verehrung Don Josö Alsancho." Die; Künstlerin machte ein ziemlich enttäuschtes Gesicht über di^ wenig geeignete Gabe, aber neugierig, wie alle Evastöchter, brach sie doch die Kiste auf. Vor ihren musternden Blicken lagen die schmucken, schlanken Zigarren. „Nicht einmal eine, Spitze hat er mitgeschickt," schmollte Fanny, und zerstreut nahm sie eine der Zigarren aus der Reihe. Aber die Zigarren waren ungewöhnlich schwer. Fanny wickelte das Deckblatt ab und — o Wunder! — reines glänzendes Gold, lachte ihr entgegen. Die 1000 Stück Zigarren waren das! feinste, geschlagene, in Deckblätter von Tabak gewickelte (Soli). Der „arme" havannesische Fabrikant hatte der „göttlichen" Tänzerin ein Geschenk von 50000 Dollars gemacht.
[A. GräieSaasi-W®i88zli|
Bahnhofstrasse 35.
Telephon 441.
in besten Qualitäten.
Eigene Werkstätten.
Fran ko-Li eferu n g.
«18/ ‘1 / TO
IR&äs©h*TMk. 48.- in 50 verschiedenen Taschen.
Einzelne Möbel
sowie
komplette Wohnungs - Einrichtungen
Emil Löh
Kircheuplatz.
T406 Nußkohlen Stückkohlen
AnthrmtWen Hütten-Coks LteinkHeu-Metts Bmnkohlen-BnkttS AHrac.-Eisorlnbrikttts
Gas-Coks BrmWli-PrWtze
Brennholz Nußkohleu-Grus
z« nehmen. Offerten unter 06633 an die Expedition d. Bi.
die sich ihre kleinen Mahlzeiten zu Hause selbst bereiten,
empfehlen wir als ganz besonders praktisch
C5/11
MAGGI’s
MAGGI’»
Bouillon-Kapseln zu 10 und 15 Psg.
Suppen, Schutzmarke Kreuzstern, zu 10 Psg.
Würze in Originalfläschchen von 35 Psg. an. Man achte genau auf den Rainen ..MAGGI“.
Bekanntmachung.
Aus beit Zinsen der Stiftung der Elisabetbe Schmidt sind Gaben von je 17 Mk. an vier bedürftige, unbescholtene, ledige Dienstmädchen im Alter von über 50 Jahren und an zehn arrne Witwen aus Gießen zu verteilen. Meldungen sind unter Beifügung der erforderlichen Nachweise bis zum 10. Dezember l. Js. m unseren Geschäftsräumen, Neuen Bäue 25, Zimmer Nr. 2, anzubringen.
Gießen, den 2. November 1904. $ /
Großherzoglicke Bürgermeisterei Gießen.
I. V.: Eurschmann.
Studenten
und
sllmMeuüen j«iM Leute«, ™
■ Ä
Bekanntmachung.
Aus der Stiftung der Ludwig Theodor Felsing Eheleute zu Gießen sind die diesjährigen Zinsen und zwar:
i 71 Mark 43 Psg. an zehn in Gießen geborene würdige Arme und
34 Mk. 29 Pfg. an fünf würdige Witwen zu gleichen Teilen zu vergeben.
Anmeldungen hierzu sind bis zirnt 10. k. Mts. auf dem Armen- amt, Neuen Bäue 25, Zimmer Nr. 2, einzureichen.
Gießen, den 2. November 1904. B /
Großherzoalicke Bürgermeisterei Gießen.
I. 93.: Eurschmann. __________
Bekanntmachung.
Aus den Zinsen der Friedrich Hoher von Nosenfeld'schen Stiftung sollen am Todestage des Stifters — 21. Dezember — ß7 'ijif. 2t) Psg. an solche evangelische, würdige Stadtarme verteilt werben die selbst in Gießen geboren sind und deren Eltern und Großeltern ebenfalls dort zur Welt kamen und in Gießen das Bürgerrecht inne haben ober hatten. Anmeldungen zum Bezüge dieser Zinsen sind auf dem Armenamt, Neuen Bäue 25, Zimmer Nr. s/bis zum 1. k. MtS. abzugeben.
Gießen, den 2. November 1904. B/
Großherzoglicke Bttrae> meisteret Gießen.
I. V.: Eurschmann.


