Mr. 261 Drittes Blatt.
154. Jahrgang
Samstag 5. November 1904
Erscheint täglich mit Ausnahme de» Sonntags.
Die „Gießener Kamllienblatter" werden dem „Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^hesfische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Giehener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Brüh lachen Unioerfttätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.^, Tel. Nr. bl. Telegr.-Adr. r Anzeiger Gieß«»
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
.Ländliche Krundkesthentschuldung in Wreußen.
Tie große sand Wirt schaftsfre u n bliche Aktion der preußis chen Regierung rückt allmählich in Sehweite. Vorläufig zeigen sich uns allerdings erst einige ziemlich verschwommene Umrisse des Projekts, immerhin aber haben wir doch aus offiziöser Quelle erfahren, daß in Preußen ernsthaft an eine Schuld en tlastung des ländlichen Grundbesitzes gedacht wird, daß gewisse Vorarbeiten für diesen Zweck angeblich erledigt sind und daß schon in den kommenden Etat entsprechende Vorschläge gemacht werden sollen.
Obwohl genaue Ziffern fehlen, die sich auf alle Teile des Landes beziehen, so kann doch als feststehend angesehen werden, daß der ländliche Grundbesitz in Preußen in seiner Gesamtheit nicht unbeträchtlich verschuldet ist. Tas beweisen die Ergebnisse der Statistik über Eintragungen und Löschungen von Hypotheken, das'Zeigen die Stichproben wie von 1883 und 1896, das bekräftigen die Resultate der Einschätzung zur Einkowwen-. resp. Ergänzungssteuer, bei der bekanntlich die Schuldzinsen in Abzug gebracht werden. Einige Zahlen mögen sprechen: In den letzten 20 Jahren ist die Hypothekenschuld des ländlichen Grundbesitzes in Preußen uw smehr als zwei und eine halbe Milliarde Mark gestiegen. Ju 42 Amtsgerichts-Bezirken, die sowohl von der Untersuchung im Jahre 1883 wie von der von 1896 erfaßt worden sind, ist die Gesamtverschuldung in diesen 13 Jahren von 407 auf 485 Mill. Mark angewachsen, d. h. von 23,-59 Mark auf 29,24 Mvrk für 1 >Mart Grundsteuerreinertrag. Nmch den Steuerveranlagungen bezifferte sich die durchschnittliche Verschuldung der ländlichen Steuerpflichtigen 1902 auf 23,4 Prozent des Gesamtvermögens, im einzelnen auf 38,5 Prozent des Grund- und 75,8 Prozent des Kapitalvermögens, wobei allerdings zu erwägen ist, daß zur ländlichen Bevölkerung auch viele Nichtlandwirte rechnen und daß hier nur Einkommen über 3000 Mark in betracht kommen, die überschuldeten Eigentümer, die unter dieser Grenze bleiben, also gar nicht gewählt werden. Gegen die hier aufgezählten Resultate können auch noch allerlei andere Bedenken vorgebracht werden: daß es sich bei den Enqueten von 1883 und 1896 eben nur um Stichproben handelt, daß Hypothekenschulden häufig zwar getilgt, aber nicht gelöscht werden, und anderes mehr. Im großen und ganzen aber liefern die Zahlen doch, den Beweis für Has Bestehen einerj beträchtlichen Verschuldung des ländlichen Grundbesitzes in Preußen.
Tie darüber hinausgehende Behauptung, daß die allgemeine Verschuldung zurzeit schon einen gefährlichen Grad erreicht habe, der das Eingreifen des Staates unbedingt erforderlich mache, läßt sich Mit ihnen jedoch nicht! verteidigen, und wenn aus den Verhältnissen, wie sie in den letzten Jahrzehnten geworden sind, die Notwendigkeit einer Aktion größeren Stils herzuleiten ist, so nur aus dem verhältnismäßig starken Anwachsen der Verschuldung, nicht aus ihrer absoluten Höhe; und nur wenn das Tempo des Anwachsens in Betracht gezogen wird, hat man ein Recht, das staatliche Einschreiten mit der Rücksicht auf den Bauernstand zu motivieren, wie es in der jüngsten offiziösen Verlautbarung geschieht. Zwar sind die Ergebnisse der amtlichen Untersuchungen, die nach der erwähnten Mitteilung neuerdings angestellt wurden, noch nicht bekannt aber vorausgesetzt, daß sie sich nicht «gerade nur auf Bezirke mit außergewöhnlichen Zuständen erstreckt haben, können sie im wesentlichen nicht zu anderen Resultaten, gelangt sein als die früheren Forschungen auf diesem Gebiete. Aus diesen allen aber geht unwiderleglich hervor, daß die Verschuldung des Großgrundbesitzes — abgesehen von dem Fideikommißeigentum — weitaus am größten ist und sich hier auch bereits zu einer Höhe erhebt, die an sich die Anwendung besonderer Maßregeln nahelegt. Mag man nun die Hypotyekenstatistik zu Rate ziehen, mag man mit den Erhebungen aus den achtziger oder neunziger Jähren operieren oder die Resultate der Einkommensteuerveranlagung heranziehen, immer gelangt 'man zu demselben Ergebnis. Ter Großgrundbesitz ist am stärk st ep mät Schulden belastet, der Bauernstand stehtrela- tiv günstig da, oder geographisch ausgedrückt: dre Kalamität nimmt ab, je mehr wir aus dem Osten der preußischen Monarchie aus Posen, Schlesien und Ostpreußen nach dem Westen und Nordwesten herüberkomwen. Ern
unverdächtiger Zeuge, Prof. Freiherr v. d. Goltz, macht in seinem Buche „Ägrarwesen und Agrarpolitik" eine interessante Zusammenstellung. Danach sind, abgesehen von dem FideikomMißbesitz drei Fünftel der von den Erhebungen erfaßten bäuerlichen Güter und Kleinstellen gar nicht oder niedrig — d. h. unter 30 Prozent des Schätzungswertes — verschuldet, von dem Großbesitz dagegen nur 29,6 pCt. Von ihm sind also 70,4 Prozent mittelhoch oder hoch belastet, darunter 42,9 Prozent hoch, dp. h. über 60 pCt. des Schätzungswertes.
Das sind so einige Tatsachen, die bei der Beurteilung der beabsichtigten Seisachthie im Auge behalten werden müssen, damit von Anfang an keine Mißverständnisse über Zwecks und Ziel des Vorgehens der Regierung aufkommen. Im, übrigen müssen wir, wie gesagt, die positiven Vorschläge abwarten. Einstweilen konstatieren wir die nach- drüMchen Erklärungen, daß vor allen Dingen auf dem Wege der Selbsthilfe Besserung geschaffen werden soll. Der Allgemeinheit soll die Entschuldung möglichst geringe Lasten auferlegen. Tas läßt einen Schluß auf die Erkenntnis' der wahren Ursachen des Uebcls zu, die hoffentlich bis zur Einbringung und etwaigen Durchbringung der betreffenden Entwürfe vorhält. Offen gestanden, wir halten es vorläufig für eine nicht ganz leichte Aufgabe, Vorschläge zu formulieren, die die angekündigten Eigenschaften in sich vereinigen, und trotz älter emphatischen Versicherungen können wir die Besorgnis nicht ganz los werden, daß schließlich doch aus den Taschen der Allgemeinheit die Schulden getilgt werden sollen, die sich aus Ueberzahlungen bei Ankäufen und aus unwirtschaftlichen Erbteilungen herschreiben. Und noch eine Frage: Wie gedenkt man der Wiederkehr der gegenwärtigen Zustände vorzubeugen? Davon ist bisher noch mit keinem Wort die Rede gewesen.
Aus Stadl und Land.
Gießen, den 5. November 1904.
•• Personalien. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben den Diener an der Technischen Hochschule, Johannes Schmidt zu Darmstadt, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen, treu geleisteten Dienste in den Ruhestand versetzt.
** Professor Dr. Drude hat, wie uns mitgeteilt wird, einen Fackelzug mit nachfolgendem Kommers, den ihm die Studentenschaft als Huldigung für die Ablehnung eines ehrenvollen Rufes nach Breslau angeboten hatte, dankend abgelehnt.
•• Die Universitätsfeierlichkeit en am 12. November. Für die in Gegenwart Sr. K. Hoh. des Großherzogs vormittags 101/2 Uhr in der großen Aula der Universität stattfindende Säkularfeier Philipps des Großmütigen ist folgendes Programm vorgesehen: 1. „Marcia triumphale“ a. d. Esdur, Konzert von L. v. Beethoven. 2. „Frisch auf in Gottes Namen, du werte deutsche Nation" (Tert a. d. 16. Jahrhundert), für gemischten Chor, komp. von Max Bruch. 3. Festrede des Professors Dr. Krüger. 4. Ehrenpromotionen. 5. „Heil dem Land, das Gott vertraut!" (Aus Judas Makkabaeus, für gern. Chor, komp. von C. Friedr. Händel.) 6. Althessischer Fahnen- und Parademarsch a. d. Zeit Ludwig IX., bearbeitet von C. Krauße. — Nach 12 Uhr finden fich dann die hierzu Eingeladenen zu dem Festakt der Einweihung des Neubaues der Universitätsbibliothek im neuen Bibliotheksgebäude ein. — Zu den Feierlichkeiten konnten, wie uns mitgeteilt wurde, mit Rücksicht auf den knappen, zur Verfügung stehenden Raum die Einladungen nicht in dem Umfang wie zum 1. Juli erfolgen. Bei anderen Gelegenheiten wird aber die bisherige Freigebigkeit in den Einladungen beibehalten werden.
** Das Bahnprojekt Grün berg—Li ch nimmt, wie wir in der „B. Z." lesen, in neuester Zeit eine ganz andere und wenn es so ausgführt wird, wohl viel günstigere Wendung an. Da Grünberg die angetragenen 85000 Mk. Obligationen nicht übernimmt, wird mit Zustimmung der Firma Lenz u. Co. und des hessischen Finanzministcrs Gnauth die
Bahn über Lauter, Wetterfeld und Laubach gebaut. Damit tritt dann, und das gewiß zum Leidwesen sehr vieler Interessenten in Grünberg und nächster Umgebung, der Fall ein, daß der Anschluß der projektierten Bahn an die Oberhessische Linie Gießen—Fulda nicht in Grünberg erfolgt, sondern über Laubach hinweg die im vorigen Jahre erbaute Strecke Mücke. Der ganze Verkehr werde dann von Grünberg weggeleitet und was das bedeutet, mag ein jeder sich schon jetzt überlegen. Wir hoffen, daß in Grünberg die Konsequenzen recht sehr in Erwägung gezogen werden und man doch noch zur Uebernahme der Obligationen schreitet — vorausgesetzt, daß die ausführenden Faktoren jetzt noch damit einverstanden sind.
Kerichtssaal.
An der Strafkammer Schweinfurt toitrbt seit letzten Mittwoch gegen den Lederfabrikanten Weill aus Kippenheim in Baden wegen Betruges und Hehlerei verhandelt. Es war ihm zur -Last gelegt, vom Oktober 1890 bis Mitte 1900 von dem Lederhändler Kissinger in Kissingen 110 000 Kilo Leder nm 70 000 Mk. billiger gekauft zu haben, als der Einkaufspreis beträgt, obwohl er wußte, daß Kissinger in schlechten Verhältnissen stand und das Leder nicht auf rechtliche Art erworben haben konnte. Tatsächlich 'bezog Kissinger das Leder waggonweise von großen Fabrikanten und lieferte dieselben von Kiffingen direkt weiter an den Angeklagten. Tas Urteil lautete wegen Wuchers auf 8 Monate Gefängnis, 1 Jahr Ehrverlust und 1000 Mark Geldstrafe. In der Anklage der Hehlerei erfolgte Freisprechung.
Hlniverfltäts-Machrichtm.
— An knüpfend an einen Artikel Paul von Salvisbergs in den „M. N. N." macht sich in Nürnberg eine starke Bewegung für Errichtung einer technischen Hochschule geltend. Nürnberg, einzig in seiner architektonischen Schönheit, ben angenehmen Lebensbedingungen und seinen technischen Lehrer-Ausstellungsanstalten, wäre außerordentlich geeignet, der Sitz der zweiten bayerischen Landeshochschule zu werben._______________
AUSM ans den ArcheuWers der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Getaufte.
Matthäusgemeinde. Ten 23. Okt.: Dem Rechtsanwalt Georg Konrad Wühelm Kaufmann ein Sohn, Kurt Heinz. Tem Fabrikarbeiter Heinrich Heller II. ein Sohn Heinrich, geb. den 31. Januar. Tem Taglöhner Johann Phllipp Frischholz etn Sohn, Ernst, geb. den 17. August. — Lukas g em einde. Ten 23. Okt.: Dem prakt. Arzt Dr. Georg Kipper ein Sohn, Peter Sam Adolf Georg, geb. den 18. September. Ten 30. Okt.: Tem Taglöhner Friedrich Jeschke ein Sohn, August, geb. den 9. Sept. Tem 2. Nov.: Dem Großh. Feldbereinigungsgeomeier Georg Ludwig Mayer ein Sohn, Georg Gustav, geb. den 13. Septt " Johannesgemeinde. Ten 23. Okt: Dem Glaser Wilhelm Wadenpfuhl eine Tochter, Mathilde Luffe Anna Sophie Melrne, geb. den 30. Sept. Dem Taglöhner Phüivp Schmidt ein Sohn, August, geb. den 29. August. Dem Weißbindermeister Karl Nieolaus eine Tochter, Ottllie Johanne Sophie Marie, geb. den 6. Sept. Ten 27. Okt.: Dem Oberlehrer Dr. Phil. Richard Trapp ein Sohn, Helmut Hermann, geb. den 21. Juni. Ten 30. Okt.: Tem Ingenieur Martin Schütte ein Sohn, Walter Friedrich Hermann, geb. den 11. Sept. — Militärgemeinde. Ten 30. Okt.: Dem berittenen Gendarm Wilhelm Heinrich Scharmann eine Tochter, Lina Helene Marie, geb. den 4. Okt.
Getraute.
Markusgemeinde. Ten 23. Okt.: Konrad Karl Georg Schwan, Wagner zu Gießen, und Elisabeth Helene, Schmäll, Tochter des Weißbindermeisters Karl Schmall zu Gießen. — Lukasgemeinde. Ten 29. Okt.: Ludwig Pfeiffer, Taglöhner zu Gießen, und Margarete Dort. — Jo Hannes- gemeinde. Ten 22. Okt.: Heinrich Hermann Robert Heck,. Postassistent zu Gießen, und Emilie Auguste Eugenie Funk, Tochter des verstorbenen Lebrres Ernst Wolfgang Funk zu Garbenteich. Ten 29. Okt.: Berthold Richard Walther, Schreiner zu Gießen,, und Dorothea Werner, Tochter des verstorbenen Fabrikarbeiters .Heinrich Werner II. zu Alsfeld.
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Der Wng.
Kriminal-Roman von O. Elster.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 13. Kapitel.
Still und friedlich waren die Jahre an dem
von Wen dessen vor übergezogen: still und sifedsich, doch auch E ohne Sorge und Kummer. Auch in das stille Leben des Pfan- Hauses hatte das Geheimnis der Mordtat ferne, dunklen Schatten geworfen, und wenn die Erinnerung an diese rn der Auv-emv auch mehr und mehr in Vergessenheit geraten war, Käthe Vollm r, des Pfarrers älteste Tochter, bewahrte sie treu tm^edEms bEn doch die Folgen dieser Tat ihre schönsten Hoffnungen vermrchtet, unb rankte sich doch diese Erinnerung gleich' erner W» Schmarotzerpflanze erstickend und errötend um bte Blume ryrer N^Noch roar diese Blume nickst ertötet! Wenn auch ihre Blatter und Blüten verwelkten, so wurzelte sie doch zu tief rn oem Erdreich ihres Herzens, als daß sie nickst stets von neuem selbst unter dem überwuchernden Gerank Knospen und Blüten treiDcn sollten. Aber wie lange würde es dauern, dann war die Krau dieses Erdreichs erschöpft, denn das Gerank der Schmarotzerpflanze ließ feinen freundlichen, erwärmenden, neu befrmlstenden uno neues Leben erweckenden Sonnenstrahl auf den Boden sauen. Auch die Wurzeln der Blumen würden vertrockrren, verweilen, lni-sterben, wie die Blätter mrd Blüten.
Schon krankte die Blume! Man sah es den müden Augen, den bsiissm Wangen, dem traurigen Lächeln Käthes an.
Sie hatte sich heimlich Vorwürfe gemacht, daß sie rhre Unterredung ntil Bertha Wüllbrmdt am Grabe Franz Grollers ver- silinneaen' endlich entdeckte sie sich ihrem Vater, ^eser teilte d Inhalt der Unlerrcbung dein Justirrat Senter mit, doch bieler
erwiderte, daß die Tatsachen schon bekannt seren, daß sie redoch keinen Anhalt zur Wiederaufnahme des Prozesses böten, und daß im übrigen Ferdinand Groller keine weitere Erforschung in dieser Angelegenheit wünsche.
Damit war für den Pfarrer dre Sache erledigt und er gab auch seiner Tochter den Rat, nicht mehr daran zu denken, da ja auch Ferdinand Groller nichts mehr von sich hören lleß.
9lber das war leichter gesagt, als getan! Käthe grübelte Tag und Nacht über das dunlle Geheimnis nach und wenn sie auch mit der ganzen Kraft eines liebenden Herzens gegen das aufkeimende Mißtrauen dem Geliebten gegenüber ankämpste, so kamen die unheimlichen Gedanken doch stets wieder und verdüsterten ihre Seele und vergifteten ihr Leben. , „ p.
Schließlich gab sie den Kampf auf: rn dumpfer Resignation lebte sie weiter, tat ihre Pflicht, so #gut sie es vermochte, und suchte in angestrengter Arbeit zu vergessen
Besonders lieb war ihr die Arbert rn dem Garten geworden. Hier zwischen den Blumen- und Gemüsebeeten konnte sie ungeniert ihren Gedanken nachhängen. Frühmorgens schon stand sie auf und begab sich in derr Garten. Ter helle Sonnenschern, die zwitschernden Vögel, der feine Tatst der Blumen, die gaukelnden Schmetterlinge und summenden Bienen waren ihre Freunde und Vertrauten geworden; sie trösteten sie und lenkten ihre trüben Gedanken von dem einen Gegenstände ab, der stets und ständrg ihre Seele erMte.
So war sie auch an dem heuttgen Spatsommermorgen nsteder in dem Garten beschäftigt. Es war so feierlich still, wie an einem Sonntage: kein Torr war vernehmbar, die Leute im Torfe waren fast alle mif den Feldern beschäftrgt: nur einige .Bruder spielten auf der Torfgasse und ein alte^ Weiblein binkte mrt einem .Kruge zum Vrrinneir rmter der breitästrgen Dor rüde.
Da tauchte am Ende der Dvrfgasse erne hohe bnnfk Frauen- Malt auf und schritt hastig die Straße entlang. Ein dunkler Mantel nmbüttte die Gestalt, ein schwarzes Tuch das .»aupt. Em totenblass'--, erschöpftes Gcsickst sah unter dem überhängen- deu Euch gespenstisch hervor. In der Hcntd trug die Frau ein
flehte§ Bündel und einen derben Stock, auf ben sie sich beim Gehen stützte.
Tie Kinder auf der Sttaße wichen ihr scheu aus. D<mn rief ein naseweises Biirschchen: „Guckt, da ist eine Zigeunersche!" und die Kinder schrien und lachten auf, nach nllen Seiten auseinander stiebend.
Ueber das blaffe Gesicht der Frau glitt ein bitteres Lächeln. Ohne sich umzuschauen, schritt sie weiter, sich schwer auf den Stock stützend, als habe sie Mühe, sich aufrecht zu halten.
(Fortsetzung folgt.)
— Briefe von Henrik Ibsen. (S. Fischer. Verlag. Berlins Geh. 5 Mk. Fast mythisch mutet uns der herbe, streng verschlossene Kopf Henrik Ibsens an: die Lippen scheinen schveig- sam; und seine Dichtungen sind mehr Monument als Mitteilung. In diesem Verhältnis wird durch die soeben erfolgte Veröffentlichung des umfangreichen Briesivechsels, den Ibsen geführt hat, eine Aenderung eintreten. Wohl sind atlch die Brieft nicht weich und Überströmend, sondern spröde, sachlich, im Ausdruck schneidig. Aber sie zeigen uns den Mann, den Menschen, den Kämpfenden und Ringenden. Wir sehen sein bewegtes Leben, viel auf der Wanderschaft, die Fremde szlchend: wir sehen die Leidenschaft der Ideen und die Leidenschaft der Wahrheit in ibnt: unter der Härte, Kälte und ausfchließenden Strenge des ^stalterS feheir wir die warmen Quellen des Menschlichen in Freundschaft, Feindschaft, Lernen, Lehreit: und immer ist er wahr, abhold der Phrase, feind dem Gemeinplatz und dem Vorurteil, Kompromisse entschieden ablehnend. Tas Philosophische in seiner: Werken bat ofi einen raffinierten Reiz von Dilettantismus. Er persönlich zeigt sich in seinen Briefen als die europäische Bildung beherrscht-nd und niemals von ihr bestochen. So wird der Brieftand. intereffanl auf jeder Seite, das Bild des seltenen Mannes sowohl sänftigen Geist verschieden und so treu er sich bleibt, so fein ist die leise Stimmung des Touo, die er je. nach der Art des EmpfäDgers und seinen: Interesse an ihm in die Briefe zu legen weiß.


