Ausgabe 
2.12.1904 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 284 Zweites Blatt.

154. Jahrgang

Freitag 2. Dezember 1904

Erscheint tSglich mit Ausnahme bei VonntagS.

DieSiebener FamUtendlStter- werden dem t^lnAetfl<i viermal wöchentlich beigelegt. Der »heistlche Landwirt- erscheint monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Brüht Ich«, UnwerfttätSdruckerei. UL Lange. Dietzen»

Redaktion, Expedition u. Druckerei: 6d)ulftz.1, Tel. Nr. 6L Telegr^-Adr. t Anzeiger Dietz«»

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.

Valttilcke Taacsschau.

Die Ausnahme der Militarvorlaqe.

-i- Berlin, 1. Dez.

Mit der Aufnahme, welche die Militärvorlage bisher in der Presse gefunden hat, kann die Negierung zufrieden sein. Tie dauernde gesetzliche Festlegung der zweijährigen Dienstzeit ist nichts Geringes. Für die Erfiillun'g einer, wie Bennigsen sie nannte, ''eminent populären Forderung" lassen sich auch Opfer bringen. Tie Erhöhung der Friedenspräsenzstärke um rund zehntausend Mann gehört nicht zu den Gegenleistungen, die als be­schwerlich empfunden werden. Man hatte selbst in Parla­mentarischen Kreisen eine erheblichere Heeresverstärkilug er­wartet, sodap die Mäßigung ein angenehmes Erstaunen hervorries. Mehr Sorge verursacht der gesteigerte Geldbedarf. Es wird sicherlich der Versuch, gemacht werden, von diesen Kosten etwas abzuhandeln. Die Rechen­künstler des Zentrums sind besonders gewandt darin, Er­sparnismöglichkeiten zu entdecken. Aber nach dem, was wir von unterrichteter Seite vernommen haben, scheint solchen Bemühungen wenig Erfolg zu winken. Die Heeresleitung stehe auf' dem Standpunkt, so wurde uns gesagt, daß die Forderungen zum Ausgleich der zweijährigen.Dienstzeit, Vermehrung des Ausbildungspersonals usw., im großen und ganzen unabänderlich sind. Im anderen Falle sei bei der Ueberlastung des Ausbildungspersonals die Dienstver- kürzung nicht auf die Dauer durchführbar. Von konserva­tiver Seite wird die unveränderte Annahme der Militär­vorlage empfohlen werden. DieKreuzztg." bereitet auf diese Stellungnahme vor. Zugleich aber läßt das führende konservative Organ erfeitnen, daß gegen die zweijährige Tienstzeit weiterer Widerstand nicht geleistet werden soll. Tie zweijährige Dienstzeit gehört zu den politischen Er­rungenschaften, nicht zu den militärischen Reformen. Nach Lage der Sache können wir ihr aber selbtt heute nicht mehr widerstehen." Das ist eine praktische Auffassung der Situation, immer die angemessene und verständigste in der Politik. Früher hatte es den Anschein, daß die Rechte dem Prinzip der dreijährigen Tienstzeit zuliebe Anträge auf Rückkehr zu dieser stellen und bei Ablehnung der Anträge gegen die Militärvorlage stimmen wolle. Eine derartige Demonstration wäre ganz zwecklos gewesen. Ta zu den entschiedenen Gegnern der Heeresver- stärkuna einstweilen die Sozialdemokraten, die freisinnige Volksparkei, die deutsch eVolks- Partei und die Polen gerechnet werden, so ist einss Mehr­heit für die Vorlage als gesichert zu betrachten.

®erlhtet Mieten im Etat.

R. Berlin, 1. Dez.

Eine Wirkung der eigenartigen Mietsverhältnisse Berlins zeigt sich auch im vorliegenden Reichsetat. Es ist nicht möglich gewesen, imMinisterviertel", um die histo­rische Wilhelmstraße herum, für einen vortragenden Rat des Reichskanzlers eine Wohnung ausfindig zu machen, deren Mietpreis auch nur entfernt im Verhältnis steht zu dem diesem Beamten zukonrmenden Mietsgeld­zuschuß von 1500 Mk. Unter 12 000 Mk. nur wenig mehr beträgt das ganze Einkommen des Geheimrats ist kein Quartier erhältlich. Da aber d5r Kanzler den Vortragenden Rat jederzeit in seiner Nähe wissen muß, bleibt nichts übrig, als diesem Beamten auf Reichskosten eine Wohnung für 12 0 0 0 M k. zu mieten und diese Summe im Etat anzufordern. Die Hochflut des geschäftlicyen Lebens macht eben nicht Halt vor den Mauern der fiskalischen Tradition. Eine bekannte Warenbausfirma kaufte der Ma-

Gießener Theaternerem.

Ein bunter Abend.

Frau Gisela Schneider-Nissen vom neuen Lustspiel- Hause in Berlin gastierte am Montag bei uns. Als ich sie vor ein paar Jahren in Berlin int Deutschen Theater, bekannt!») damals der künstlcrich bedeutendsten deutschen Bühne, in irgend einer' kleinen Rolle sah, da gefiel mir das Gesunde, Urwüchsige ihrer derben Munterkeit. Heute aber bin ich tn einiger Ver­legenheit, was ich von ihr sagen soll. Jedenfalls war^s em toller Einfall von ihr, daß sic aus dem überreichen Schatze der deutschen Einakterlitteratur mit merkwürdigem Mißver­ständnis ihrer Eigenart für ihr hiesiges K°stsp>el !»st zwe, Stückchen erwählte, di- für ste in keiner Weise paffen Frau Gisela Schneider ist viel zu fesch, um eine Dame derSlristokratie, viel zu robust, um das süße kleme Wiener Madel emes Gourmants vom Schlage des Schmtzlerschcn Anatol scm zu können. Dennoch, obwohl sic sichtlich auf alles das pfeift, was die Autoren als Bedingung voraussetzen, zeigt ste, daß sie eine echte Künstlerin ist. Witz imb Klugheit, eine verwe gene Lust am Derben, ja Frechen lassen sie zwar ganz andere Menschen gestalten als die sind, die die Dichter schufen, aber doch Menschen von fettem Fleisch und frischem, warm pulsieren­den Blut Sicherlich ist ihr alle Form, alles Konven wnelle ein Greuel, sind ihr sog. korrekte Menschen unausstehUch, ist ibr jede Gene verhaßt. Das strenge Gesetz, gesellschaft­lichen Gebräuchen sich unterzuordnen, kommt ihr zweifellos ^^^Darum ist sie in dem erfolgreichsten Einakter einer nun schon vergangenen Zeit viel mehrSchulreiterin" als Baronin, viel mehr ein toller Strick, der eS faustdick hinter den Ohren hat, als die Weltdame von unnahbarer Vornehm­heit selbstsicherer Gewandtheit und feiner Ueberlegenheit. Fhr fehlt auch der kindlich naive Ueberrnnt des in eine seltsame Situation geratenen, sonst wohl behüteten jungen Mädchens. Daß sich aus ihrem Munde das hübsche GedichtchenKann ich dafür?" wie Musik anhörte, sei indes fettgestellt. Mügllcher- meife war die es kleine Poem allein die Ursache, daß sie diesen E'uakter in ihren Spielplan ausgenommen hat. Emlang­weiliger Früh.'ingsnachmittag mit etwas Nebel" war ste ganz gewiß nicht, imb gefoppt hat sie gründlich den famosen

rineverwnltung ein prächtiges Domizil vor der Nase weg, und für das preußische Herrenhaus mußte in Rücksicht auf das gegenüberliegende imposante Geschäftshaus der­selben Firma ein die Bedeutung dieses Parlaments über­ragender Monumentalbau geschaffen werden. Ein T>il der Reichs- und Staatsverwaltungen fft denn auch bereits nach dem billiaeren ..neuen Wetten" i'beraesiedelt._______________

Warlaulfntarisch s.

Berlin, 1. Dez. (Börsenkommission desReichs- tages.) Nach Annahme der 51 und 52 spricht Bur'lage (Ztr.) gegen die Vorlage: er will die Gebühren beim Terminreaister nicht herabgesetzt haben. Handelsminister Möller vertüdigte den Vorschlag der Regierung. Nachdem sied bie Abgg. Singer, Dove, Kämpf und Graf Schwerin-Löwitz ftir die Herabsetzung der Gebühren bei dem Terminregister geäußert haben, wird diese tn der vorgcschlagenen Weise angenommen. Zu § 66 liegt ein Abänderungsantrag Reventlow vor, nach welchem, Börsm- termingeschäfte in einem Geschäftsmeige, für welchen nicht beide Parteien zurzeit des Geschäftsabschlusses in das Börsenregister eingetragen waren, untersagt werden sollen. Geh. Rat Wendelstadt und Abg. Semler bekämpfen diesen Antrag. Auch Handelsminister Möller bittet, an der Vorlage festzuhalten. Nach längerer De­batte wird die Absstmmung über § 66 ausgesetzt, bis über § 68 a, b, c entschieden ist.

Kanalkommission. Zweite Lesung des Gesetzentwurfs 6eh*, den Rhein-Hannover-Ka n a l. Hierzu liegt ein An­trag Schmieding (nntL'i vor, nach welchem die Garantieverbände am Schlepvbetrieb beteiligt sein sollen, Privaten aber die mechanische Schlepperei untersagt werde. Fernev wünscht der Antrag, daß nur die Betriebskosten durch die tzlebühren gedeckt werden sollen. Minister v. Budde hält es nicht für zweckmäßig, auf dem Groß­schiffahrtswege Berlin-Stettin das Schleppnionovol anulwenden. Auch Schädigungen der Kleinjchiffahrt seien durch das Schlepp­monopol zu befürchten, die unter allen Umständen vermieden werden müssen. Völlig anders liege die Sache auf neu herzu­stellenden Kanälen. Tie Einführung des Schlevvmonopols auf dem Großschiffahrtswege Berlin-Stettin sei also nicht zu empfehlen, v. Budde erklärt weiter, er sei bereit, die Garantieverbände au den Einnahmen teilnehmen zu lassen. Tie Gebühren würden nicht unmäßig hoch angesetzt werden, da eine genügende Benutzung zur Entlastung der Eisenbahnen zu erwarten sei. Tie Einzelheiten des Schleppmonopols bedürften der gesetzlichen Regelung. Die Kommission nimmt zu dem § 9 h (Schleppmonopol) einen redaktio­nellen Antrag der Konservativen an, lehnt jedoch mit 20 gegen 7 Stimmen den Antrag Schmieding ab. Es folgt die Beratung des § 9 i (Abgaben auf Flüssen). Schmieding lnatl.) begründet den Nation al liberal en Antrag, wonach die Abgabeueiuführung lediglich auf diejenigen Verbesserungen zu beschränken sei, welche, künftig vorgenommen werden. Den Zusatzantrag, die Gebühren für jeden Fluß in eine besondere Kasse zu stlhren, deren Bestände nur st'ir Verbesserungen der Flüsse verwendet werden, begründet er mit dem Hinweis, daß die Gebühren keine Einnahmequelle des Staates im allgemeinen sein sollen.

Z>ie Lösung der Saalöauf'age.

Gießen, 2. Dezember 1904.

Der Plan der Errichtung eines Saalbaues ist der Ver­wirklichung nahe. In das Staatsbudget für 1905 ist, wie wir aus bester Quelle hören, eine Summe von 72 000 Mk. eingestellt für den Erweiterungsbau unseres Uni- versitätsgebäudes. Das Budget für 1906 soll einen weiteren Betrag von 20 000 Mk. bringen zur inneren Aus­schmückung des zu errichtenden großen Universitäts- saaleS. Dieser Saal, der solche Dimensionen erhalten soll, daß alle offiziellen Universitätsfeierlichkeiten sich bequem und in würdiger Form, ohne qualvoll fürchterliche Enge in ihm abspielen können, wird sich dann auch in her-

vorragender Weise eignen für die Abhaltung der großen Künstlerkonzerte und mancherlei anderer glänzender Festlichkeiten. Der Bau macht sich dringend notwendig für die im Jahre 1907 uns bevorstehenden großartigen Festlichkeiten aus An­laß des 300. Jubeltages unserer Universität. Er soll seinen Platz erhalten nach dem physikalischen Institut zu.

Diese hocherfreulichen Mitteilungen erledigen einen großen Teil aller bisherigen Erörterungen über die Saal­baufrage. Wir dürfen erwarten, daß die Kammern dieser Etatsposttion ihre Zustimmung nicht versagen werden. Liegt doch der Ausbau unserer Universität, die Erweiterung aller ihrer Teile, die zeitgemäßige und durch die Umstände, den erfreulichen dauernden Anstieg ihrer Frequenz, gebotene Vergrößerung ihrer wesentlichen Räumlichkeiten im Interesse des ganzen Landes. Die allermeisten in der Zahl der streb­samsten und intelligentesten Söhne unserer drei Provinzen reifen hier zu Männern heran, schöpfen hier aus dem Borne der Weisheit und des Wissens. Und das Beste ist für die Jugend gerade gut genug. Die so oft beklagte drückende Enge in der Aula, die z. B. am Philippsfeste dazu zwang, eine nur äußerst bescheidene Zahl von Einladungen ergehen zu lassen, anstatt daß an ihr möglichst weite Kreise erfreut und erhoben würden, wird dann überwunden sein, und die berechtigten Forderungen unserer Universität nach Raum und Weite werden dauernd befriedigt sein.

Damit aber erübrigt sich, wie gesagt, fürs nächste auch jede weitere Erörterung der Saalbaufrage, die vielmehr hierdurch für uns erledigt wäre. Es steht ja außer allem Zweifel, daß die Universitättzbehörde ihren Saal zu ernsten künitlerischen Zwecken stets zur Verfügung halten wird. Ist doch die Kunst eine der hehrsten und schönsten unter allen Lehr- meitterinnen und dient sie doch in gleichem Maße wie die Wissenschaft zur Förderung der geistigen Bildung. Der neue Universitätssaal würde also erst vollkommen seinen Zweck er­füllen, wenn er sich der Kunst dienstbar macht. Er wird das Seine zur Vergrößerung unserer Universität beitragen. Denn es werden sicherlich viele unter den jungen Musensöhnen, die heute den Winter des Gießener Mißvergnügens fliehen, fortan auch im Winter an Gießen gefesselt bleiben, wenn ihnen hier das an hoher Kunst geboten wird, wa8 sie heute in anderen, größeren Universitätsstädten suchen müssen.

Dies aber ist ein sehr wejentliches Moment, das unsere parlamentarischen Vertreter bei Beratung dieses Budgetpostens nicht übersehen werden.

Wir stehen demnach also heute eigentlich nur noch vor der Lösung der Theaterfrage, der wir nun mit aller Energie entgegengehen können.

Kisenöahn-Z(i1ung.

Berlin, 30. Nov. DerRe'chsanz." veröffentlicht in einer Sonderbeilage die Tenksckirift über die Entwickelung der Wütertarife der preußisch-hessischen Staats- c i s e n b a h n e n. ______________________

Bewälrrte Toilett-Ärtikel und Damen stets willkommene Geschenksgegenstände. Es dürfte daher wohl­angebracht fein, wenn wir alle Jene, die den Einkauf von Weih­nachts-Geschenken zu besorgen haben, auf Doering'S hübsche Weihnachts-Cartons au-merksam machen. Diese Cartons enthalten 6 Stück der berühmten in Damenkreisen so hochgeschätzten Doering's Vnlen-Seife und sind überall ohne Preisausschlag erhältlich. hv®/8

Natur- und ehemaligen Heidelberger Korpsstudenten von kaum glaublicher musterhafter Keuschheit, den Baumpfleger und Gemüsejunker von Meiningshausen, den übrigens Herr Andreas natürlich und frisch darstellte. Herr de Giorgi dagegen hatte sich als der lasterhafte Lebemann und Damen­freund Cäsar arg vergriffen. Statt eines eleganten, ge­schmeidigen Don Juans von tadellos weltmännischen 91 Huren gab er einen klapperbeinigen öden Gecken, dem jede Kammer­zofe auf die Finger klopfen würde, wollte er etwa sich er­lauben zärtlich zu werden. Ein so trister Tropf ist dieser Baron Wedding wahrlich nicht, im Gegenteil, ein weltkluger Rous und Frauenherzensieger.

DasAbschiedssouper", das bühnenwirksamste Stück aus dem lieben Anatolcyelus Schnitzlers, kannte man hier von dem Wiehe-Gastspiel her. Die schöne Dänin, deren vollendete choreographische Kunst die darstellerische Wahr­scheinlichkeit beeinträchtigte, deren raffinierter Außenkunst der BegriffSeelenanalyse" völlig fremd ist, hatte auch hierin einen blendenden Toilettenluxus gezeigt, so daß man sich fragen mußte, rote kann man, so gekleidet, solchen plebejischen Hunger haben. Frau Gisela Schneider kam auf die Bühne gerannt mit lose über den Gürtel herabhängender Bluse, mit der Wildheit eines schlecht gezähmten Tieres, mit barbarischen Muskelbewegungen. Man erschrak nicht allein ob dieses Kon­trastes. Wo mar die amüsante Grazie und bestrickende Liebenswürdigkeit des Wiener Poeten geblieben? Das war ja gewöhnlichste Galanterieware, statt feiner Salonkunst. Wo waren die echten, zarten, gewinnenden Töne, die einem den Dichter so lieb machen! Diese Annie ist doch, wenn auch eine leichte, so doch immerhin eine Dame aus der Kulissenwelt, ein Mädchen, das ein so eleganter junger Mann wie Anatol in­timen Umganges für wert erachtet. Das toll Ausgelasfene, das Freche in" dieser Rolle brachte Frau Gisela Schneider ja mit verblüffender Echtheit heraus, aber was sie da bot, war weniger pikant als elementar gemein, daS hohle Plappern eines Vogelhirns von nichts weniger als ansprechender Naturalistik. Viel besser traf Herr Andreas den Anatol- typ, Herr de Giorgi aber versagte cnich hier. Das Parkett des Salons ist eben nun und nimmer fein Feld.

In ihrem Element war Frau Gisela Schneider nur in denChansons". Daß |ic nii ungewöhnlich be­

gabter weiblicher Komiker von ebenso viel natürlichem Temperament als reifer Bühnentechnik ist, lehrten ja auch, trotz allem, die beiden Einakter. Als Soubrette aber, ober sagen wir, weil's besser klingen soll,Diseuse", riß sie! durch ihre drollige Urwüchsigkeit alles zu lauter Heiter­keit hin. .Hier zeigte sie einen prächtigen frischen, bei aller nötigen Derbheit und Chargierung niemals übertrie­benen 5MMor. Zu pointieren versteht sie meisterhaft. Das Lustigste und zugleich am komischsten Vorgetragene waren die freche Ratte" von Meyer-Hellmund und eines der Roseggerschen Bauernlieder:Die Verseymähte". Frauj Gisela Schneider ist auch eine treffliche Meisterin des Gesang­vortrags im komischen Volkston, eine Darstellerin von echtem Soubrettenblut, von übermütig sprudelnder Laune, von! bei Frauen äußerst seltenem, darum um so staunenswerteren, komischen Charakterisierungstalent, von urwüchsiger Un­geniertheit und Naturwüchsigkeit. Ihre Mimik ist ungemein' lebendig und von der packenden Kraft einer starken Indi­vidualität. Und sie hat gute Chansonsdichter, neben Hein­rich Heine uub Rosegger den Traumulus-Poeten Arno Holz-^ den witzigen Ernst Eckstein, Csteßens berühmten Sohn, icv deren geschriebenen starren Worten sie indes erst durch ihr selbsteigenes kiinstlerisches Verfahren leuchtendes Leben leibt. Ihre Technik ist verblüffend. Die Nüancen in der Mimik und in der Färbung des Tones sind zahllos.. Ob­wohl sie die Mätzchen sehr liebt, lote es scheint, ist sie doch dem Schablonisieren nicht verfallen. Was sie vorträgt, nimmt vor dcm Augen des Zuhörers plastische Gestalt an, bewegt sich, lebt ein lustiges, ein rastloses, quecksilbriges Leben, daß man selber mit fortgerissen wird, sei's nunj mit den das alte Mütterchen weckeitden Husaren, ober mit den Heinzelmännchen ober mit der frechen Ratte.

Frait Gisela Schneider ist keine glänzende Schönheit. Aber ihre Angen sprühen von Lebhaftigkeit, ihr Stmnpf- näschen ist recht kokett und pikant und besonders schon sind die Zähne. Und bann merkwürdig wie appetitlich der gestrige Abend war. Die Schulreiterin schlemmt ebenso üppig wie die Ballettratte des SchlußeinokierS. Heines Lied be­ginnt:Sie saßen und tranken am Teetisch". Dann verdarb sich Herr Meyer an 13 harten Eiern und der Attache an 6 Tellern russischen Salates den Magen. Und die Heinzel- inannchen verzehrten allen !^eiltachtsmarzipait. Bei derartiger geistiger Kost muß man ja rundlich werden! P. W*