Ausgabe 
1.12.1904 Zweites Blatt
 
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Nr. 283

Rotationsdruck und Verlag der VrÜhlflchae Unwersttalsdruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion. Expedition n. Druckerei: Schulstr.A, Tel. Nr. 5L Telegr^Adr.» Anzeiger Hletzen»

Zweites Blatt. 154. Jahrgang Donnerstag 1. Dezember 1904

scheint UgNch mit Ausnahme de» Sonntag».

Die ^Siebener Kamllienblatter'* werden dem U DMA DD lOl W "^T

^Anzeiger Diennal wöchentlich beigelegt. Der MM jy U f] UM. fe M kS fej H W H b LI

«Hesfilchr Laa-Wtrt" erscheint monaUich einmal. V V DD B Sr 'V' 's/ «a d'W v V* irt®

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis- Gießen.

Mlilische Tagesschau.

Zu den deutsch-österreichischen Handelsvertragsverhandlungen.

lieber die Abreise des Grafen Posadowsky wird auS Wien folgendes gemeldet:

Graf Posadowsky reifte am Mittwoch 'vormittag mit ben deutschen Delegierten von Wien ab. Auf dem Nordwcst- bahnhofe war nur der Botschafter Graf Wedel anwesend, der mit Posadowsky noch 'ein längeres Gespräch hatte. Es mußte auffallen, daß keiner der österreichisch-ungarischen höheren Beamten, die an den Verhandlungen teilgenommen hatten, und kein Beamter des Auswärtigen Amtes zur Verabschiedung erschienen waren. Offiziell waren nur der Stationschef. und der Polizeikommissar anwesend.

Tie Wiener Zeitungen sind sehr verstimmt. Es sei kein Zweifel, daß die Mittel einer regelmäßigen Verhandlung erschöpft und die Grenzen der Nachgiebigkeit erreicht seien, über die hinaus der Vertrag nur mit sehr großen Nach­teilen geschlossen werden könne. TieN. Fr. Pr." schreibt:

Das Resultat der Verhandlungen ist umsomehr zu beklagen, als die handelspolitische Krise säst ausschließlich durch die Ueber- treibungen der deutschen Zollpolitik entstanden ist. Gesteigert wurden jedoch 'die Schwierigkeiten durch die Tatsache, daß in dem neuen Vertrage zwischen Deutschland und Rußland sich einige Positionen befinden, die den österreichisch-ungarischen Verkehr direkt zu schädigen geeignet sind. Ein klarer Beweis dafür, daß beinahe ausschließlich die agrarischen Forderungen der deutschen Regierung das Schei­tern der Verhandlungen herbeiführten, liegt in der charak­teristischen Tatsache, daß über die Regelung der Industrie- rolle nahezu vollständiges Einpemehmen erzi'lt wurde.

Ein Teilnehmer an den Wiener Ministerkonferenzen spricht sich in folgender Weise aus: Die Verhandlungen sind nicht formell abgebrochen, sondern zu einem Stillstand gekommen. Von einem gänzlichen Abbruch könne man keinesfalls reden. Es werden vielmehr die Fäden weiter gesponnen werden und es wird sich ohne Zweifel die Gelegenheit ergeben, auf die Ver­handlungen z-urüätznkommen.

Auch dieNat.-Ztg." schreibt: Die Rückkehr des Grafen Posadowsky und der anderen deutschen Unterhändler nach Berlin ist in sensationeller Weise in dem Sinne gedacht worden, als ob die Handelsvertragsverhandlungen zwischen Deutschland und Oesterreich bereits endgiltig gescheitert seien. Von einem endgiltigen Scheitern könne indessen erst dann die Rede sein, wenn es nicht bis zum 31. Dezember d. I. gelingen sollte, eine bezügliche Vereinbarung zu treffen. Tie Tatsache, daß Graf Goluchowsky noch zuletzt mit Posa- dowskv konferiert hat, gestatte den Schluß, daß nicht alle Brücken abgebrochen sind, sodaß die Verhandlungen in letzter Stunde in Berlin wieder cttifgenommeu werden können. Allem Anscheine nach handle es sich bei den Diffe­renzen nicht blos um agrarische Forderungen, sondern auch um industrielle Tarifsätze.

Von mehreren Seiten wird bestätigt, daß auch nach der Abreise die Handelsvertrags-Verhand­lungen fortgesetzt werden. Nach derTägl. Nundsch." sind nicht nur agrarische, sondern auch in­dustrielle Forderungen Oesterreichs an dem negativen Ergebnis schuld. Mit Spott schreibt die agrarischeTages- zta.":Die deutsche Regierung muß nun endlich einge­sehen haben, daß sie mit ihrer übertriebenen Konzilianz wenig, ja nichts erreicht." Ein seltsamer Vorwurf. Die deutsche Regierung ist doch fest geblieben gegenüber den Ansprüchen! Graf Posadowsky hat für die unermüdliche Arbeit, die er an erster Stelle leistete, eine andere Aner­kennung verdient, zumal von den Landbündlern, denn die Hauptschwierigkeiten liegen auf dem Gebiet der deutschen landwirtschaftlichen Zölle. Das wird durch die Auslassungen der Wiener Blätter konstatiert. Kühl und kurz meldet die neuesteNordid. Mg. Zig.":Die Unterhandlungen hüben ein positives Ergebnis nicht erzielt." Ob wohl an unseren amtlichen Stellen der oben mitgeteilte ausfällige Umstand bei der Abreise einigermaßen befremdet haben mag?

Sozaldemokratische Bürgermeister.

Die Frage, ob und in welchem Falle ein Sozialdemokrat M Orts vor st eh er bestätigt werden könnte, führte in der württembergischen Kammer der Abgeordneten zu einer interessanten Auseinandersetzung. Minister v. Pischeck und Staatsrat v. Fleischhauer sprachen sich übereinstimmend dahin aus, daß zwar nicht die politische Gesinnung als solche, wohl aber die Art ihrer Betätigung für die Negierung ausschlaggebend sein müsse. Habe beispielsweise ein Sozial­demokrat vor seiner Wahl versprochen, sein Amt in sozialdemokratischem Sinne zu führen, oder bekenne er sich zu dem Satz, daß jeder Sozialdemokrat ein Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft sein mässe, so könne man der Regierung die Bestätigung eines solchen Mannes nicht zumuten. Anders liegt die Sache, wenn ein Kandidat sich auf den Boden der bestehenden staatlichen Ordnung stelle und die wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie in der wirtschaftlichen, geistigen und sozialen Hebung der unteren Klassen erblicke. Der Bestätigung eines solchen Mannes stände nichts im Wege, wenn ihn auch die Negierung sich vor seiner Bestätigung noch genauer ansehen würde.

Bekanntlich hat* sich in Oldenburg die Negierung kürzlich in einem ähnlichen Fall grundsätzlich ablehnend gegen dte Bestätigung von Sozialdemokraten ausgesprochen.

Deutschland und England.

N. Berlin, 30. 9?ob.

Warum nur Graf B ülow seine Aeußerungeir über die neutsch-englischen Beziehungen nicht im Reichstag getan haben mag warum er sie in der Form einer Unterredung allerdings gerade zurzeit des Neichstagsbegiuns in die Oeffentlichkeit brachte? So fragt mancher und fügt wohl auch hinzu, daß vom Parlament aus eine solche Rede, schon durch die Unmittelbarkeit de^ Wortes, einen stärkeren Wüu-rhall gefunden haben mürbe. W i r erhalten von einer Seite, die mir für wohlunter- riditet über die in Betracht kommenden Absichten halten dürfen, hierauf die. Antwort, daß dem Reichskanzler daran lag, von einem Engländer näheres über bic' eigentümlichen Stimmungen

Das englische Wespennest.

Don anderer Seite wird uns geschrieben:

Graf Bülow pstegt den Zeitpunkt für seine Unterredungen mit Vertretern der Presse sorgsam auszuwählen. Solche Aus­sprache ist ihm deshalb Mittel auch zu dem Zweck, für eine in sicherer Aussicht stehende parlamentarische Erörterung derselben Angelegenheit auf seine frühere Erklärung sich beziehen zu können. Für die Etatsdebatte im Reichstag ist eine Anfrage an die Ne­gierung über Deutschland und England in erster Linie zu er­warten. In der Volksvertretung freilich wie im deutschen Volke dürfte es niemanden geben, der nicht wüßte, daß Graf Bülow sich noch immer vergeblich bemüht hat und bemühen wird, einen gewissen Teil der englischen Presse von der Unhaltbarkeit der Darstellung zu überzeugen, Deutschland habe feindselige Absichten gegen England. Wer sich nicht überzeugen lassen will, der ist nicht zu überzeugen. Es ist anzunehmen, daß im Reichstag namentlich der den Rekord der Bösartigkeit erreichende Hebartikel zur Sprache gebracht werden wird, ben die den englischen Militar- kreisen nahestehendeArmy anb Nawy Gazette" sich unlängst gegen Deutschland leistete. Der Artikel bietet bas stärkste an An­maßung unb herausforbernber Nichtachtung. Es tvirb barin die Kriegsflotte Deutschlands, bas spezielle Rüstzeug seiner auswärtigen Politik, als das alleinige Element der Be­drohung für den europäischen Frieden bezeichnet, und die Forderung erhoben, daß Deutschland seine Marine nicht mehr solle vergrößern dürfen. Graf Bülow überging diese fanatische Verhetzung in feinen Erklärungen gegenüber Herrn Bashford. Vielleicht behält er sich für die Etats­debatte die gebührende Antwort vor.

zu erfahren, die mehr ober minder klar und ausgesprochen Deutsch­land gegenüber herrschen, um auf demselben Wege, wieder durch dre Vermittelung eines englischen Journalisten, die absolute » al tlof i greif des Mißtrauens darzutun. Graf Bülow wendet sich an die öffentliche Meinung in England, an deren denkenden unb nicht ganz vernünftiger Vorstellung unzugänglichen Teil dem deutschen Publikum würde er nichts neues mit seinen Ausführungen gesagt haben, nichts, was nicht längst bei uns der Billigung weiter Kreise gewiß wäre. Außerdem aber bot die Form einer Unterredung Gelegenheit, die deutsch-englischen Beziehungen in mehr intimer, mehr die persönliche Auffassung kenn zeichn enber Weise zu erörtern, als dies in einer Reichstags­rede möglich war. Im Reichstag spricht Graf Bülow namens der verbündeten Negierungen: in diesem Falle konnte er vor allem seine eigene Meinung zirr Geltung bringen und dadurch hoffen, die Wirkung des Eindruckes zu verstärken. Es ist ge­wissermaßen ein Privatissimum, das Graf Bülow den Engländern liest. Er sucht ihnen mit ben Beweisgründen bes gesunden Menschenverstandes beizukommen, ihnen zu zeigen, daß 'es Ge­spenster sehen heißt, von bem Ausbau unserer Flotte die Vorbereitung eines deutschen Angriffs zu er- Irarten. Ein großes Unglück nennt Graf Bülow einen Krieg zwischen Deutschland unb Englanb, eine unverzeihliche Tat bes- jenigen Staatsmannes, der einen solchen Krieg absichtlich ober durch Mangel an Klugheit unb Mäßigung Hervorrufen würbe. Kann man aufrichtiger und ehrlicher sprechen? Kann man mit treffenderen Worten einen törichten, nachgerade lächerlichen Arg­wohn wenn es sich nicht etwa um eine bekanntlich schwer heil­barefixe Idee" handelt in den Bereich des Absurden ver­weisen? Es scheint, baß die Engländer mit Unrecht den Ruf genossen haben, kühle Politiker zu sein, die nur auf Tatsachen etwas geben und sich nicht von Selbsttäuschung gefangen nehmen lassen. Niemals in den letzten Jahren ist von autoritativer Seite aus die geringste Drohung gegen England laut geworden, nirgends im deutschen Volke würde ein Krieg gegen England als populär empfunden werden. Und doch herrscht diese mißtrauische Meinung in England, die beinahe an Furcht grenzt. Daneben freilich eine Eifersucht auf unsere wa chsenden Erfolge auf dem Weltmarkt ,bie beinahe an schäbigen Krämer- n e ib grenzt. Als bie Russen, bie englischen Fischerboote bom­bardierten, war die beutsche Presse einmütig mit ber Oeffentlichkeit, die Untaten des baltischen Geschwaders zu verurteilen, einmütig auch in Sympathiebezeugungen. Der Dank dafür ist gewesen, daß die englische Presse sich 'die von französischer Seite aus­gehenden Verdächtigungen zu eigen machte, wonach Deutschland durch Warnung an Rußland ben Zusammenstoß mitverschulbet haben sollte. Alles in allem: bie englische Nation würbe vielleicht zu einer besseren Meinung zu bringen fein, bei ber englischen Presse scheint ber Bckehrungsversiich vergeblich. In dieser Presse sind notorisch ehemalige Deutsche tätig, bie aus mancherlei Gründen einen unüberwindlichen Groll gegen ihr Vater­land haben.

parlamentarisches.

23 e r n n, 30. Nov. Die Kan al kom missi o n begann die zweite Lesung der Kanalvorlage mit dem Großschiff­fahrtsweg Berlin-Stettin. Hierzu liegt ein Antrag des Grafen Strackwitz vor, einen neuen Paragraphen ein­zuschalten, wonach- wenn durch die Inbetriebnahme des Großschisfahrtsweges die Wettbewerbsverhältnisse der schlesischen Rentenindustrie gegenüber anderen Montan­erzeugnissen, inländischen und ausländischeu, ungünstig ver­schoben werden, alsbald diejenigen weiteren Maßnahmen zutreffend sind, welche geeignet sind, die vorher vorhanden gewesene Frachtsponnung im Schnittpunkte Berlin zwischen den schlesischen Revieren einerseits und den konkurrieren­den Revieren andererseits aufrechtzuerhalten. Der Antrag wurde angenommen. Nach weiterer Debatte wurde § 31 Nr. 2 (für Herstellung des Großschiffahrtsweges Berlin- Stettin 4 3 Millionen) angenommen. Sodann wurde ohne Diskussion die Kanalisierung der Odex von der Mündung der Glaher Neisse bis Breslau und Fürsten? berg angenommen. Es folgte die Beratung der Vorlage betr. Verbesserung der Wasserstraße zwischen Oder und Weichsel sowie der Schisfahrtsstraße der Warthe von der Mündung der Netze bis Posen. Hierzu wurde die Resolution Waldow-Merenttn, welche die Negierung ersucht, zu erwägen, oko nicht an Stelle der Regulierung der Kana­lisierung der freien Netze ersorderlich sei, angenommen. Ferner wird die Resolution Blencheuburg, welche die Re­gierung ersucht, für Verbesserung der Hochwasserdeichver­hältnisse bei und oberhalb Schwerin? die ersorderlichen $dbmittel baldmöglichst unter Heranziehung ber Betei­ligten im Etat zur Verfü-gung zu stellen, angenommen. Tie in erster Lesung beschlossenen Resolutionen betreffend die Kuddow und die zlveite Schleuse und die Hafenanlagen bei Kosel sowie den Sicherheitshafen bei Oppeln-Sacrau wurden auch in Weiter Lesung angenommen.

Berlin, 30. Nov. Seitens der freisinnig en Par­teien ging dem Reicy.s tage zu dem §ecrc.dc Lat eine Resolution Tr. Müller-Meininyeu und Payer zu, för­dernd, der Reichskanzler möge dasür sorgen, erstens, daß

gleichzeitig mit der begonnenen Staatsgesetzresorm eilte durchgreifende, den modernen Rechtsanschauungen ent­sprechende allgemeine Reform des Militär straf- g e s e tz b u ch e s angebahnt werde, zweitens noch vor dieser die größten Härten des bestehenden Militärstrafgesetzes durch ein Spezialgesetz beseitigt werden, welche nament­lich im Mißverhältnis der Strafen für die Ver­fehlungen Untergebener gegen ihre Borge- setzten zu denjenigen für Delikte" der Vorgesetzten gegen; die Untergebenen bestehen, drittens, daß dem Reichstag bal­digst eine Statistik über die 5)andhabung der Mtlitär- ftrafgerichtsordnung vorgelegt werde; viertens, daß nicht durch Maßregeln der Militärverwalttmg (WahldesRau- m e s ic.) die Bestimmungen über die Oeffentlichkeit der Verhandlungen illusorisch aemacht werden._________

Der Prozeß

wegen der Gelsenkirchener Typhus-Epidemie, ber am 14. v. Mts. vor dem Essener Lanbqericht in neuer Auflage begonnen hatte, ist am letzten Tage bes November endlich zum Schlcisse gekommen. Der Direktor Schmidt hat während der Ver­handlung zugeben müssen, daß die Steinbepackung einer Stich­rohres des Wasserwerkes nie gereinigt worden ist. Jedenfalls ist die Steinbepackung nur vorgenommen worden, um da§ Stichrohr zu verbergen.

Der Schmutz, den der Sachverständige, Proieflor Dr. Emmerich-München, im Gelsenkirchener Epi­demie-Gebiete, besonders in Schalke, gefunden habe, sei, so hat dieser selber vor Gericht ausgeführt, größer gewesen, a l s i n den schmutzig st en Städten des Orients. Der Kehricht werde in den Hoken ausgesammelt und dadurch werde den Bazillen der beste Nährboden bereitet. Ich habe den Boden des Epidemie- Gebietes untersucht und in diesem Millionen von Bazillen gefunden. Die Zustände im Epiderniegebiet, insbesondere in Schalke, sind derartig, baß ich es mit Donnerstimme in bie Welt hinausruken mochte, bannt es im Reichstage unb auch an ben Stufen deS Thrones gehört unb Abhilfe geschaffen wird, damit die vielen Tausende von Arbeitern, die hier aus aller Welt des lieben Mammons wegen zusammenströmen, nicht weiter unter der Erde von der Wurmkrankheit und oberhalb der Erodoberfläche vom Typhus und der Ruhr dezimiert werden.

Medizinalrot Tr. B l i e s n e r erflärte Wasser für eht unentbehrlichesNahrungsmittel. Weiter meinte Prof. Emmerich, am meisten werde ber Boben burch bie Schweinezucht verunreinigt. Diese Schweinezucht sei im Gelsenkirchener Revier so stark, daß sie sich fast bis in die mensch­lichen Wohnungen erstrecke. Der Professor erklärte den Milch­genuß für nicht ungefährlich, dagegen den Wassergenuß für unschädlich und behauptete, die Bazillen sterbe-n im Wasser nach drttviettel Stunden. Es wurde ihm aber nachgewiesen, vaß der Wassergemcß in bedeutend kürzerer Zeit erfolgt. Prof. Dr. Emmerich erwidette darauf: Wenn man lebende Bazillen in ge­nügender Menge beim Wasfertrinken genießt, bann kann auch der Typhus erzeugt werden. Regierungs-Med.-Rat Tr. Springfeld bemerkte, burch die Literatur sei nachgewiesen, daß 2)azillen sich brei bis vier Wochen im Wasser halten.

Stabsarzt Dr. v. D r b g a 13 f i * Saarbrücken widersprach ter Hypothese von Professor Emmerich. Tie Typhusbazillen bedürfen, nicht einer gewissen Temperatur. Er habe bie Beobachtung ge­macht, daß Bazillen Luft »ertragen, aber auch ohne Lust leben können. Sie wachsen im Eisschrank, in dem 6 bis 8 Grad Tem­peratur herrscht, ganz unendlich. Er halte die Versuche bc5 Professors Emmerich für falsch. Bazillen gedeihen in feuchtem Boden bedeutend besser als im trockenen. ES sei jedenfalls nicht abzuleugnen, daß nur in denjenigen Ortschaften die Seuche epi­demisch aufgetreten sei, die an das Gelsenkirchener Wasserwerk angeschlossen waren. Im übrigen habe er mehrere Fälle erlebt, wo der Typhus explosionsartig im Winter aus­getreten sei, weil die Leute Eis gegessen hatten.

Der Erste Staatsanwalt bezog sich in seinem Plaidoyer auf die Angabe der Sachverständigen, daß Waffer ein Nahrunas- mittel sei, und wies nach, baß bfe Angeklagten Hegeler, Pfuvel unb Schmitt sich ber fahrlässigen Verfälschung von Nahrungsmitteln schulbig gemacht hätten. Die Anklage wegen fahrlässiger Tötung unb fahrlässiger Körpewerletzung ließ er fallen, ba bie entfernte Möglichkeit vorliege, baß zwischen dem Stichwasser und der Epidemie kein ursächlicher Zusammenhang bestand. Der Angeklagte Kiesendahl habe sich der Beihilfe zur NahrungSmittelfalschung schuldig gemacht. Schließlich beantragte ber Staatsanwalt gegen Hegeler zwei Monate, gegen Pfubel und Schmitt je drei Monate GesängniS, gegen Kiesendahl 500 Mk. Geldstrafe, im llnvermögensfalle 50 Tage Gefängnis.

Am gestrigen Mittwoch eckannte der Gerichtshof wegen Nahrungsmittel-Verfälschung gegen Hegeler auf Mk. 1200 Geld­strafe eoent. 120 Tage Gefäugnis, gegen Pfubel unb Schmidt auf je Mk. 1500 Geldstrafe event. 150 Tage Gefängnis und wegen Beihilfe gegen Kiesenbahl auf Mk. 200 event. 20 Tage Gefängnis.

Sämtliche Anacklaate meldeten Revision an.

Bücher-Tisch.

Verlag von I. Engelhorn in Stuttgart. Ein ernstes Buch Soeben ist erschienen: Irr Harmonie mit derrr Unendlichen.

lieb. Elegant gebunbcn M. 8.50. Motto: In dir selbst liegt die Ursache von allem, rvas in deinem Leben geschieht. Wenn du zur vollen Erkenntnis deiner inneren Kräfte erwachst, so bist du im staube, bem Leben völlig nach beinern Willen zu gestalten. Aus einem Briefe an den Verfasser. TaS Buch hat mir mehr Freude, mehr Frieden und Liebe, kurz alles, was gut ist, gebracht, als irgend ein Buch, das ich bisher gelesen habe, und wenn ich dies sage, so nehme ich nicht einmal die Bibel aus. A. S. F. Aus den Urteilen der Presse. Wie sein früheres Buch für Tausende eine Quelle der Erhebung und Freude geiveseu ist, so wird zweifellos auch dieser neue Baud eine Quelle vou Erhebung tmb Freude für Tausende infb Abertausende werden. Christian Advocate. Dl/t1

Hervorragendes Weihnachtöbuch Ql oft off itritli

für jung und alt. Soeben ist erschienen :

Von Kate DouglaS Wiggin.

Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von N. Rümelin. Elegant gebunden M. 4.. Eine ZeitunciSstimme von vielen. Gleichviel ob Kiild oder junges Mädchen, Rebekka ist köstlich. . . . Das Einleitlmgskavitel, worin bic Unterhaltung» zwischen bem Kutscher Cobb uud Rebekka erzählt wirb, ist in seinem feinen Humor imb seiner Schlichtheit jeder der­artigen Schilderung von Dickens ebenbürtig. Rebekka ist maljv- hast herzerfrischend. Punch. Seitenstück zum Kleinen Lord. __Bcrlag ben I. Sugellwrn-Dtnttgart.

Zictzung 1. Klasse der 5. Hessisch'rhüriugtschcn Staats- lotterte ft« ü nr mittelbar bevor; sie beginnt am 6. Dez. CtlUegnng und Mischung der Lose uuh Gewinne erfolgen öffentlich am 5. Dez. NachmU azs 3 tthr im ZiehttngSsaalc zu Darmstadt Bismarckstraße 10. 88w>/11