Nv. 256
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Zweites Blatt«
153 Jahrgang
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Samstag 31. Oktober 1903
BezngSpretS, monatuch75Pf^ viertel- iährlich URL 2.20; durch
Iie heutige Yummer umfaßt 16 Seiten.
SeKanntmachung.
Betr.: Die Unterrichtskurse für die Fteischbeschauer.
Wir bringen hiermit zur Kenntnis der Beteiligten, daß die Unterrichtskurse für Flerschbeschcmer in der Provinz Ober- Hessen am Montag dem 23. November 1903 im Städtischen Schlachthof zu Gießen ihren Anfang nehmen werden. Jeder Kursus wird einen Zeitraum von zusammen vier Wochen in Anspruch nehmen. Die Unterrichtsstunden werden tunlichst so gelegt werden, daß die vorhandene Eisenbahngelegenheit in möglichst großem Umfange zur Hin- und Rückfahrt benutze werden kann.
Die bei uns bereits eingegangenen Meldungen werden an die Großh. Bürgermeisterei Gießen weitergegeben. Im übrigen sind die Meldungen zur Teilnahme an die Großh-. Bürgermeisterei Gießen zu richten. Hierbei empfehlen wir tunlichste Beschleunigung. Meldungen, die nach dem 12. November eintreffen, können nicht berücksichtigt werden.
Gießen, den 30. Oktober 1903.
. ___ Grohherzoglichcs Kreisamt Gießen.
I. 23.: Dr. Heinrichs.
Gießen, den 30. Oktober 1903. Betr.: Wie oben.
Das Großheysgliche Krersamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Unter Bezugnahme auf die vorstehende Bekanntmachung empfehlen wir Ihnen, soweit dies noch nicht geschehen sein sollte, die Namhaftmachung der in Aussicht genommenen Fleischbeschauer, und zwar unmittelbar bei der Großherzogl. Bürgermeisterei Gießen. Da in den Gemeinden vielfach der Wunsch besteht, hinsichtlich der Fleischbeschauer unabhängig von den Nachbargemeinden gestellt zu werden, empfehlen wir, die Meldungen ohne Rücksicht auf die getroffene Einteilung in Bezirke vorzunehmen. Die Einberufung kann indessen selbstverständlich nur nach Maßgabe der räumlichen Verhältnisse des Gießener Schlachthofes erfolgen. Die Frist bis zum 12. November ist unbedingt zu wahren.
I. 23.: Dr. Heinrichs.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Stuttgarter Mit- und Rückversicherungs- Aktiengesellschaft.
Der Stuttgarter Mit- und Rückversicherungs-Aktiengesellschaft ist durch Entscheidung des Kaiserlichen Aussichtsamtes für Privatverstcherung in Berlin vom 29. Mai 1903 die Zulassung zum Geschäftsbetrieb im Deutschen Reich erteilt worden.
Gießen, 29. Oktober 1903.
Großherzogliches Krersamt Gießen.
___________I. B.: Dr. Kranzbühler.____________
Amtliche Nachrichten über Viehseuchen.
Bei einem Schweine des Metzgers Otto Unkel in Biedenkopf ist die Rotlaufseuche in Form von Backsteinblattern festgestellt worden. Es ist Stallsperre angeordnet.
Dte Rotlaufseuche in Bottenhorn, Kreis Biedenkopf, ist erloschen. Weitere Krankheitserscheinungen sind nicht vorgekommen. ____________________________________
Kekanntmachung.
In der Zeit vom 24. bis 31. Oktober 1903 wurden in diesiger Stadt
gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 goldener Siegelring, 1 Brosche, 1 Rosenkranz, 1 Paar braune Glacehandschuhe, 1 Damengürtel, 1 Buch und 1 Packet mit Wäsche;
verloren: 1 roter, gestrickter Geldbeutel mit 50 Mark Inhalt, 1 goldene Brosche, 1 Emailbrosche mit Perlen und 1 Weinzipfel.
Entlaufen ist: 1 gelber Dachshund.
Der Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben chre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.
Gießen, den 31. Oktober 1903.
.Großherzogliches Polizeicunt Gießen. Hechler.
Die Lösung der ungarischen Krise.
Das ungar. Korr.-Bur. melbet: Die Bildung des ,Kabinetts ist zum Abschlüsse gediehen; dasselbe setzt sich wie folgt zusammen: Graf Tisza Präsidium und Inneres, Lukacs Finanzen, Hieronymi Handel, Tallinn Ackerbau, Berzeviczy Kultus, Generalmajor Nyiry Honved- ,Minister, Plosz Justiz, Cseh Minister für Kroatien. Die .Mitglieder des neuen Kabinetts werden am Dienstag den Kid leisten und sich am Mittwoch im Abgoordnetenhause vorstellen. Graf Tisza wird vorläufig auch den Posten a latere leiten. Es heißt, daß Fejervary für dieses Portefeuille ausersehen sei. c
D. B. Ho. meldet uns aus Budapest vom 30. d. M.: In der heutigen Konferenz der liberalen Partei gab Graf Apponyi die Erklärung ab, daß er sich, entschlossen
habe, das Programm des Grasen Tisza an zu n e h m e n und im Verbände der liberalen Partei zu verbleiben. Hierauf wurde das Programm des Neuner-Komitees mit dem Amendement des Grafen Tisza von der liberalen Partei angenommen. Wie ferner aus Budapest gemeldet wird, haben die Anhänger Szederkenyi's sowie parteilose Oppositionelle und einzelne Mitglieder oer Volkspartei in gemeinsamer Konferenz beschlossen, die Obstruktion im Abgeordnetenhause fortzusetzen.
So scheint denn diese endliche Lösung der Krisis nach zahlreichen Konferenzen mit wechselvollem Ausgang einige Aussicht auf Bestand zu haben. Was am meisten Dauer dem Ausgleich verspricht, ist das Verbleiben des Grafen Apponyi und der meisten seiner Anhänger in der liberalen Partei sowie die Zusage des Grasen, Tisza zu unterstützen. Es war das Klügste, was die liberale Partei tun konnte, daß sie die Brücke zum Rückzug aus einer unhaltbaren Situation benützte. Die Festigkeit des Kaisers FranzJoses hat den Sieg davongetragen, die Hoheitsrechte der Krone, die Heeresinteressen sind trotz der Zugeständnisse von mehr formaler als praktischer Bedeutung voll gewahrt worden. In diesem Sinne schreibt man der „Kreuzztg." aus Wien: „Von Interesse ist es, die UrteÜe zu verzeichnen, die an zuständigen Stellen über das nun mit seiner Abänderung gutgeheißene ungarische Programm gefällt worden. Vor allem wird Gewicht darauf gelegt, daß nach der abgeänderten Bestimmung dieses Programm alles auf die Kommando- und Dienstsprache (im Heere) Bezügliche zu den Hoheitsrechten der Krone gehört und bleibt". Es könne daher von keiner der beiden Reichshälften einseitig ein Beschluß über die Kommando- und Dienstsprache gefaßt werden, sie bleiben unverändert' dieselben wie bisher, wie die Hoheitsrechte der Krone, betreffend die Armee, unangetastet bleiben." Die Grenze der Zugeständnisse an Ungarn ist, nach der Ansicht der beteiligten maßgebenden Kreise, fest und genau gezogen.
Anders klingt es natürlich aus Budapest. Dort will man begreiflicherweise nicht zugeben, daß man auch nur einen Schritt zurückgewichen ist. Der Budapester Korrespondent des „Berl. Tagebl." erblickt in dem vom Kaiser genehmigten militärischen Programm Tisza's eine vollkommene Verleugnung des bekannten Chlopyer Armeebefehls. „Waren dorr die militärischen Hoheitsrechte des Monarchen als ererbt, also gleichsam als absolutistische, hingestellt, so wird nun in einer jeden Zweifel aus- jchließenden Weise festgestellt, daß dieselben nur verfassungsmäßig anerkannte Rechte sind, auf welche sich ebenfalls die Verantwortlichkeit des Ministeriums erstreckt." . . . Aus diesen Aeußerungen hüben und drüben läßt sich der Schluß ziehen, daß beide Teile von dem Erfolg ihrer Sache überzeugt sind; derartige Kompromisse werden mit Recht als am meisten gelungen angesehen. Noch wird zwar Graf Tisza manchen Strauß durchzufechten haben, indessen sind die ärgsten Schwierigkeiten überwunden. Auch Deutschland ist an der Beendigung der ungarischen Krisis interessiert: es darf erwartet werden, daß die dringende Frage des neuen Handelsvertrags mit 0est erreich - Ungarn nunmehr in rascheren Fluß kommt.
Volitische Tagesschau.
Besuch aus Mexiko.
Ein Berliner Mitarbeiter schreibt uns unterm 30. Oktober:
Ter mexikanische Minister des Auswärtigen ist dieser Tage vom Kaiser und vom Reichskanzler empfangen worden. Ueber den Zweck des Berliner Besuches lautet eine Darlegung von wohlunterrich^ teter Seite u. a. dahin, daß eine größereBeteiligung der deutschen Finanzweltin Mexiko durch Unternehmungen gewünscht wird. Gelegenheit zu gewinnbringender Kapitalanlage biete sich dort genug. Der Mexikaner behandele alles, was Deutschjland betreffe, mit der höchsten Achtung. Wie man deutschen Erzeugnissen den Vorzug giebt, so würde man die Beteiligung deutschen Kapitals drüben freudiger begrüßen, als d-ies bisher Amerika und England gegenüber der Fall ist, die mit Hunderten von Millionen in Mexiko engagiert sind. Für deutsche Fabrikant en und Exporteure dürste es interessant sein, zu erfahren, daß alle von Mexiko aufgegebenen Bestellungen baar bezahlt werden, entweder durch direkte Rimessen, oder durch Kommissäre in Europa. Allerdings erwartet man auch eine prompte und muster giftige Ausführung der Ordres! » ,
Zur Frage der Vivisektiou.
Der niederösterreichische Landtag verhandelte am Freitag über den Dringlichkeitsan trag Lueger, in welchem Verwahrung gegen die Er klärung des Professorenkollegiums der Wiener Univerität eingelegt wird, die in der Frage der Vivisektion gegen das Eingreifen unkundiger Personen in den dazu berufenen Körperschaften Stellung nimmt. Im Antrag heißt es weiter, der Landtag möge beschließen, diese Erklärung zurückzuweisen und den Landmarschall zu ersuchen, beim Unterrichtsminister dahin zu wirken, daß das Professorenkollegium über die Rechte und Pflichten des Landtages ent- prechend belehrt werde. (Lebhafter Beifall.) Lueger begründet die Dringlichkeit und weist den Vorwurf zurück, als ob im allgemeinen gegen den Aerztestand gesprochen werde. Es wurden nur die Uebelstände, dte nicht geduldet werden können, vorgebracht. Der Landtag brauche sich nicht von den Professoren belehren zu lassen. Es müsse endlich einmal, wenn schon gegen die Vivisektion an Tieren aus wissenschaftlichen Gründen nichts eingewandt werden solle, ganz entschieden gegen die .Vivisektion an Menschen Protest
erhoben werden. (Lebhafter Beifall.) Die Dringlichkeit wurde darauf angenommen. Bei der Beratung des Antrages selbst beantragen Schneider und Cattai einen Zusatz, dahingehend, der Landtag möge anregen, daß Mißbräuche in der Vivisektion aus gesetzlichem Wege beseitigt werden. Nach einem Schlußwort Luegers, welcher betont, es sei Pflicht, die Armen und Kranken vor verbrecherisch enExper im enten zu schützen, wird der Antrag dahin ergänzt, es sollten sämtliche zur Frage gestellten Anträge und Jnterepellationen sowie die Debatte über den Gegenstand selbst vervielfältigt und unter die Bevölkerung verteilt werden. Der Antrag Lueger wurde mit allen Zusatzanträgen angenommen.
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Deutsches Keich.
Berlin, 30. Oft. Der Kaiser hörte heute im Neuen Palais den Vortrag des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes. — Morgen begibt sich das Kaiserpaar in Begleitung des Reichskanzlers Grafen Bülow nach Stettin.
— Tie „Nordd. Allg. Ztg." widmet dem 40jährigen Regierungsjubiläum des Königs von Griechenland einen sympathischen Artikel.
— General der Kavallerie, v. Massow, kommandierender General des 9. Armeekorps, unter Versetzung zu Offizieren ä la suite, ist zum Präsidentendes Reichsmilitärgerichts ernannt. Generalleutnant v. Bock- Pol ach, Kommandeur der 1. Division mit der Führung des 9. Armeekorps beauftragt, Generalmajor Gronau, Kommandeur der 2. Feldartilleriebrigade, unter Beförderung zum Generalleutnant zum Kommandeur der 1. Division ernannt.
— Minister Bud d e erklärte den Vertretern des Komitees für den masurischen Schiffahrtskanal seine Sympathie für das Projekt. Für die nächste Session sei die Sache freilich noch nicht reif, er wolle sie aber nach Möglichkeit beschleunigen.
— Die „Berk. Pol. Nachr." schreiben: Es sei sicher, daß den neuen Reichstage neben dem Reichshaushaltsetat auch eine Militärvorlage beschäftigen werde.
— Die „Neue Pol. Korr." teilt auf Grund einer Information an maßgebender Stelle mit, daß demnächst ein Gesetzentwurf betreffend Reform desNeichsgerichts dem Bundesrat zugehen wird, dessen Ausarbeitung in den Händen des Reichsgerichtspräsidenten Dr. Gutbrod gelegen habe.
— Bier- oder Tabak st euer sollen doch den Kern der ganzen Verhandlungen der Finanzministerkonserenz gebildet haben. Einstweilen soll aber der Gedanke der Tier- und Tabaksteuer vertagt sein; wenn aber alle andern Mittel, das Reich vor weiterer Verschuldung zu bewahren, scheitern sollten, dann wird der jetzt noch nach reiflicher Erwägung vollständig zurückgestellte Gedanke aufs neue auftauchen.
Halle, 30. Oft. Auf ein Flugblatt der bürgerlichen Parteien zu den Stadtverordnetenwahlen hat ein hiesiger „Genosse" an einen zur Wiederwahl stehenden Stadtverordneten folgende Karte geschrieben:
„Sie müssen doch ein großes Riesenrindvieh sein, daß Sie in Ihrem Flugblatt uns auffordern. Sie als Stadtverordneten zu wählen. Wenn Sie und Ihre kommunalen Vereinsbrüder nur noch einen Rest von Scham- und Ehrgefühl hätten, so blieben Sie mit Ihrer Einladung bei Ihresgleichen. Also merken ©ie hübsch auf: Lassen Sie Ihre Aufforderung bei uns hübsch beiseite! Ein zweitesmal schreibe ich Ihnen keine'Karte wieder; denn das sind ©ie und Ihre Konsorten nicht wert, sondern da schlage ich Ihnen ganz eklig das Fell voll; das ist das einzige, was bei Ihnen noch hilft."
Karlsruhe, 31. Oft. Bei den Wahlmännerwahlen zum badischen Landtage erhielten die Mehrheit im Bezirk, Stadt Bruchsal die Demokraten, Stadt Pforzheim die Nationalliberalen, Schwetzingen-Mannheim die Demokraten, Stadt Mannheim die Sozialdemokraten, Weinheim-Bend- heim die Nationalliberalen, Stadt Heidelberg die Nationalliberalen, Amtsbezirk Sinsheim die Nationalliberalen, Stadt Konstanz die Demokraten, Waldshut-Säckingen das Zentrum, Stadt Freiburg das Zentrum, Stadt Lahr die Nationalliberalen, .Kehl die 9cationalläberalen, Stadt Rastatt die Nationalliberalen, Ettlingen-Rastatt das Zentrum, Bretten-Bruchsal die Nationalllberalen, Karlsruhe- Land die Konservativen, Durlach die Sozialdemokraten, Emmendingen die Nationalliberalen und Tauberbischoss- heim das Zentrum.
Ausland.
Brüssel, 30. Okt. Dem „Amtsblatt" zufolge ist die belgische mit der deutschen Reichsregierung in Verhandlungen getreten, welche eine Abänderung des am 6. Dezember 1891 abgeschlossenen deutsch!-belgischen Handelsvertrages bezwecken.
— Die letzten aus Luzern eingetroffenen Nachrichten bezeichnen das Biefindenl der Gräfin^onyah nahezu als hoffnungslos.
P aris, 30. Oft. Das Handschr eiben des Zaren an den Präsidenten Loubet beginnt folgendermaßen: „Ter Zar erneuert zunächst dem Präsidenten der Republik die Versicherung seiner herzlichen Zuneigung und gibt sodann der Genugtuung Ausdruck, die ihm selbst alles Glückliche bereite, was Frankreich begegne. In diesem Sinne hat der Zar mit der lebhaftesten Genugtuung das längste Abkommen mit England und die bewirkte Annäherung mit Italien entgegengenommen. In diesen Ereignissen erblickt der Zar ein neues Unterpfand des Friedens".
— Ueber den Aufenthalt des Grafen Lamsdorff


