Ausgabe 
31.10.1903 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Erstes Blatt

Samstag 31. Oktober 1903

Schulstraße 7.

Adrefje für Depeschenr Anzeiger Gtetzeu.

Kerniprrchanschluß Nr. 51.

153. Jahrgang

Nr. Z56

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Familien» blätter viermal In der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brü h t'scheu Untvers.-Buch-u. Stein­drucke ret (Pietsch Erben) Redaktton, Erpedttton

Gietzener Anzeiger

rj7 General-Anzeiger 67

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

BezngspretSi monatlich 7b otertel-

iährlich Mk. 2L0; durch Aohole- u. Zweigstellei- monatlich 65 Ps.; durch die Post Mk.2. viertel- jährl. auLschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen ür die TageSnummer Dt5 vormittags 10 Uhr. ^eilenpreiS: lokal 12 Ps^ auSwürtS 20 Pfg.

Veraalwortttch für den poltt and aÜgern. Teil- P. Ötttfo: für »Stadt and fcontr und .GenchtSsaal*. Auoust Götz; für den An- -eigentetl: HanS Beck.

Zum Meformationsfest.

Luther der größte deutsche Mann, und die Reformation das größte weltgeschichtliche Ereignis", so hat unser Kaiser am 4. September zu festlicher Stunde in Merseburg be­kannt. Dieses Bekenntnis flog mit Windeseile durch die deutfchen Gaue, und wo innnxr evangelische Herzen schlagen, da vernahmen sie es mit dankbarer Freude. Nun eines fiel dabei treuen deutschen Herzen schwer aufs Gemüt: daß über 13 Millionen deutscher Mitbürger dies Bekenntnis nicht teilen, daß ihre Empfindungen in scharfem Widerspruch damit stehen, und zwar heute mehr, als je. Kann man sich doch heute auf katholischer Seite unter Führung von Rom nicht genugtun in schärfster Verurteilung der Refor­mation, in der Herabwürdigung Luth-ers. Cs müßte nicht so sein. Es hat Zeiten gegeben, noch oor 100 Jahren, da waren fromme Katholiken mit den Evangelischen eins in der Hochachtung Luthers und in der Erkenntnis, daß die Reformation unserem deutschen Volke, und auch der kathio- lischen Kirche viel Gutes gebracht habe. Wie unbefangen man aus evangelischer Seite das Große und Gute, das sich in der katholischen Kirche findet, zu würdigen weiß, beweist die hohe Verehrung, die unser Kaiser tvotzseiner Begeisterung für Luther, dem Papst Leo XIII. entgegengebracht hat. Die großen Helden der katholischen Kirche, ein Augustin, ein Franz von Assisi, ein Vincenz de Paula, haben aus protestantischer Sette volles Verständnis und liebevolle Schilderung gefunden. Selbst einem so wenig sympathischen Manne, wie einem Ignatius von Loyola, sucht man im weitesten Maße gerecht zu werden, auch wenn man seine Schöpfung, die Jesuiten, bekämpfen muß. Man verschließt sich auch nicht der Tatsache, daß der deutsche Katholizismus 'heute auf "einer ganz anderen geistigen Höhe steht, als noch vor fünfzig Jahren, daß sein Eintreten für die Arbeiter­bewegung und für die politische Freiheit, wenn auch zu­nächst aus dem Interesse der Kirche und ihrer Macht er­wachsen ist und daran seine sehr bestimmte Grenze findet, ihn doch dem Protestantismus auf diesen Gebieten näher gebracht bat, wie z. B. der höchst erfreuliche Arbeiter­kongreß, oer in dieser Wocbe in Frankfurt die katholischen und evangelischen Arbeiterorganisationen zusammenge­schlossen hat, beweist. Umso bedauerlicher ist es, daß, von solchen erfreulichen Erscheinungen abgesehen, sich auf katho­lischer Seite immer stärker das Bestreben geltend macht, den Riß zwischen beiden Konfessionen zu vertiefen, auf allen Gebieten katholische Sonderorganisationen und Ein­richtungen ins Leben zu rufen, die Katholiken von der ge­meinsamen deutschen Geisteskultur nach Möglichkeit abzu­schließen, wie es in grellster Weise aus dem bekannten Vorgehen des Bischofs Korum in Trier hervortrat. Das alles ist nur aus einem Grunde verständlich: man spürt auf katholischer Seite, so wenig man es auch meist ein­gestehen will, auf allen Gebieten des geistigen, des so­zialen und politischen Lebens den Pulsschlag des Protestan­tismus, die Fortwirkungen der Reformation. Und mit Recht. Das tiefste, das Luther seinem Volke fiir alle Zeiten zu sagen hatte, faßt sich zusammen in jenes köstliche Wort, das er in dem BüchleinVon der Freiheit des Ehristen- menschen" geschrieben hat:Ein Christ ist durchs den Glauben ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan, aber durch die Liebe ist er jedermann Knecht". Damit "hat er das Leitmotiv angeschlagen, das bald stärker, bald schwächer, bald bewußt, bald unbewußt, durch die ganze Entwicklung unseres Volkslebens seit der Reformation hindurchklingt. Das können auch die katholischen Deutschen, ob sie wollen oder nicht, nicht verleugnen. Wer sie können dessen nicht froh werden, weil dies Motiv bei ihnen durchkreuzt wird

durch das andere: Der Sirene untertan und dem Manne in Rom, der sich den Stellvertreter Gottes nennt. So findet uns jedes Reformationsfest leider in Streit und Kampf. Mögen sich die Evangelischen durch die Erinnerung an Luther daran mahnen lassen, daß in diesem Widerstreit für sie kein Sieg zu holen ist nach katholischer Methode, o. h. durch alle die Mittel, die auf unsere Macht hinzielen. Damit sind freilich äußere Erfolge zu erzielen, wie die innere Politik des deutschen Reiches eben beweist. Wer dauernd Sieger bleibt nur, wer die größten innerlichen geistigen Wirkungen übt. Wenn der Streit der Konfessionen zum edlen Wettstreit würde: wer am besten die Erziehung unseres Volkes zu charaktervoller geistiger Freiheit und' Selbständigkeit und zugleich zur dienenden brüderlichen Liebe fördert, dann würde daraus trotz allem ein Segen für unser Volk erwachsen. Die Kirche der Reformation würde ihren Ursprung und ihr Wesen verleugnen, wenn sie fick) von dieser großen Aufgabe je ablenken ließe.

Pm.

Keer und Klotte.

Die kaiserliche Verordnung über die Behandlung Be­trunkener durch die militärisch en Borg e setzt en, über den Gebrauch der Waffe in dringender Not und äußerster Gefahr hat nunmehr aus Anlaß des Falles H ü s s en e r eine Ergänzung sowie genauere Feststellung erhalten. Die neuen Bestimmungen besagen nach einer Mitteilung derKöln. Ztg.", daß eine unabsichtliche Berührung eines Vorgesetzten durch einen angetrunkenen Untergebenen nicht als tätlicher Angriff aufzusassen ist. Erst, wenn die Person des Vor­gesetzten tatsächlich gefährdet ist, darf die Waffe gebraucht werden. Der Vorgesetzte soll vermeiden, betrunkenen Unter­gebenen Befehle zu erteilen, und deren Entfernung, wenn er­forderlich, durch Kameraden bewirken lassend Die Schiffs­kommandanten sowie die Kompagnieführer hüben die neuen Bestimmungen alle vier Monate vorzutragen. '

Aus Stad! und Saud.

Gießen, 31. Oktober 1903.

'* Privatdozent Dr. Kißkalt. Der 1. Assistent am hygienischen Institut, Dr. med. Karl Kißkalt, der sich in der medizinischen Fakultät der Universität als Prioatdozent für Hygiene habilitiert hat, wurde geboren 1875 zu Würzburg, studierte von 18941899 in Würzburg, München und Berlin und promovierte 1898 in Würzburg mitBeiträgen zur Kenntnis der Ursachen des Notwerdens des Fleisches beim Kochen". 1899 erlangte er in Würzburg die Approbation. 1899 bis 1901 wirkte er am Würzburger hygienischen Uni­versitäts-Institut unter Professor Dr. K. B. Lehmann. Am hiesigen hygienischen Institut ist Kißkalt seit dem 1. Oktober 1901. Von seinen Schriften nennen wir:Ueber lokale Dis­position, Erkältung und Abhärtung" (Münch, med. Wochen­schrift 1900),Die Erkältung als krankheitsdisponierendes Moment" (Archiv für Hygiene Bd. 39),Ueber die Ab­sorption von Gasen durch Kleidungsstoffe" (Archiv f. Hygiene Bd. 41) undEine Modifikation der Grane'schen Färbung" (Zentralblatt für Bakteriologie Bd. 30).

** Personalien. Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Neustadt i. O. Michael Pil­ger, Leonhard Thierolf, Georg Fritz und Heinrich

Pilger L In den Ruhestand wurde versetzt der Haus­beschließer am Justizgebäude in Gießen Heinrich Keller auf fein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste und Verleihung des Allgemeinen Ehren­zeichens mit der Inschrift:Für langjährige treue Dienste. Ernannt wurde der Gefangenwärter am Gefängnis in Darmstadt Martin Weyrich zum Gefangenausseher an dieser Anstalt.

** Gemäldeausstellung im Turmhaus am Brand. Durch eine Anzahl Gemälde, welche die Aus­stellung im Turmhaus am Brand vorige Woche bereicher­ten, wurden die Mitglieder und Freunde des Kunstvereins aufs neue zu ihrem Besuche veranlaßt. Unter den neu aus­gestellten Werken befinden sich viele, welche einen Besuch reichlich lohnen und dem prüfenden Auge einen befriedigen­den Anblick bieten. Wir nennen von den 100 ausgestellten Gemälden besondersBauernhof in Arndsee" von Hoch- he imer-Berlin, mit vorzüglicher Perspektive und erfolg­reichstem Studium von Licht und Luft;Commersee bei Canoenabbia" von H Hacker-München,Motive vom Gardasee" von N e t t i ch - Aiünchen, denAlexanderplatz in Berlin", der besonders alle, die schon einmal in Berlin gewesen sind, interessieren wird, von W. Geißler -Berlin. Ein dankbares Motiv hat sich auch Kle e h aas-München zu seinem Bilde:Schulausflug" gewählt.Walpurgis-- morgen" von H arlfin g er-Wien zeigt gute Studien der Bewegung des menschlichen Körpers. Mit drei originellen Bildchen hat F. I ü tt n er-Berlin die Ausstellung be­schickt.Idyll" undMärchen" von K. Heilig-München, Bei der Toilette" von R. Epp-München, undJunge römische blutter" von L. v. ffts-München vervoll­ständigen die Sammlung der Genrebilder. Auch die Land­schaft ist gut vertreten; wir nennen nur:Herbstnachmiltag" von F. Kallmorgen - Berlin. Auch Frucht- und Blumen- stücke sind nicht ausgeblieben; wir Heven hervorLöwen­zahn" von Dora C o mpt o n-London,Stllllebeu" von Kaw er au -Berlin und einFruchtstück" von Marie Felchner-Gießen. Einige flott gemalte Aquarelle auÄ Nachbarstädten Marburg, Limburg sowie von Schiffenberg und Badenburg hat G. Gehrhardt -Gießen ausgestellt, die ein besonderes Interesse verdienen. Der Besuch der Ausstellung kann nach vorstehendem bestens empfohlen wer­den. Wir bemerken noch, daß in den Kunstverein neu ein­tretende Mitglieder noch teilnehmen dürfen an der im De­zember stattftndenden Verlosung.

** Vier Jahreszeiten. Morgen, den 1. Novbr., finden in genanntem Lokale zwei große Spezialitäten-Vor- stellungen statt, worauf wir an dieser Stelle nochmals auf­merksam machen.

S. Friedberg, 30. Okt. Gestern tagte hier unter dem Vorsitz des Kreisrats Fey eine Generalversammlung für die bisherige SparkasseMathildenftift Friedberg- Butzbach", wobei die Orte des Bezirkes Butzbach abgetrennt und die selbständige SparkasseMat hild en stift Butz­bach" definitiv gegründet wurde. Zu dieser gehören u. a. die Orte: Gambach, Ober-Hörgern, Nieder- und Hoch-Weisel, Rockenberg, Griedel, Kirch- und Pohl-Göns, Münzenberg, Ostheim, Fauerbach und Hausen. Im benachbarten Ober- Erlenbach fand heute unter großer Beteiligung der Ge­meinde die Beerdigung des fiüheren Bürgermeisters I. Möglich statt. Er war 84 Jahre alt.

R. B. Darmstadt, 30. Okt. Der Finanzausschuß und der P e t iti o n s au s sch u ß traten heute vormittag wieder zu längeren Sitzungen zusammen. Der erstere hatte namentlich wieder eingehende Besprechungen mit den Re­gierungsvertretern. Die wichtigeren befinitiöen Beschlüsse wurden jedoch für eine der späteren Sitzungen Vorbehalten.

Gießener Stadttyenrer.

Die berühmte Frau, von Schönthan und Kadelburg.

Mehr als anderthalb Jahrzehnte ist es her, als den Herren Franz v. Schönthan und Gust. Kadelburg in den letzten Jahren hieß die literarische Kompagnon-Firma Franz v. Schönthan u. Franz Koppel-Ellfeld der gute Einfall kam, um die Idee von Schillers bekanntem GedichteDie berühmte Frau" einen modernen Schwank herumzuschreiben, nicht etwa ä la MoliöresGelehrte Frauen", behüte, so hoch verstiegen sich die Verfasser nicht, nein; ganz nach Art ihrer bekannten anderen Scherze, derGoldfische" 2C., die ihnen so viel eingebracht haben, daß Herr von Schönthan eine prächtige Villa in Blasewitz bei Dresden beziehen und Herr Kadelburg dem anstrengenden schauspielerischen Berufe als gemachter Mann Valet sagen konnte, schufen sie diesen Schwank. Mit der ganzen Schwankliteratur von Hans Sachs bis auf Oskar Blumenthal waren sie schon im Jahre 1887 aufs engste vertraut und ihreFliegenden Blätter"-Studien waren damals schon phänomenal zu nennen. Darum (oder trotz dem?) macht sich der Schönthan-Kadelburgsche SchwankDie ^berühmte Frau" ganz nett, und es ist nicht zu leugnen, daß in dem ganzen Stücklein ein frischer munterer, Ton herrscht, daß die Sprache gewandt und liebenswürdig ist und einzelne Szenen einer originellen, echten Komik nicht ermangeln.

Gespielt wurde gestern bei gut besetztem Hause recht flott. Den Wildfang Herma spielte Frl. Hell berg. Das war wirklich einpatentes" Mädel! Das lose Baroneßchen mit demGardedeutsch" verlangt eine Darstellerin, die das hat, was manNace" nennt. Ob Frl. H. im Grunde das Temperament des Schelmes Herma hat, das hat sie bei ihren bisherigen Talentproben zu zeigen noch keine rechte Gelegen­heit gehabt. Nach ihrer entzückenden Marianne in den , Ge­

schwistern" wissen wir, daß sie nicht sowohl der Kunst der Schönthan und Konsorten, als vielmehr der eines Goethe ge­wachsen und für sie reif ist, und ihre gestrige Leistung schien das trotz allem wieder zu bestätigen. Ist aber Frl. H. selbst so wenig Wildling wie Goethes Marianne, dann war sie gestern um so bewundernswerter. Keinen der zahlreichen Pointen der Nolle mit ihren Knallbonboneffekten ließ Frl. H. unbeachtet. Sie kamen freilich mitunter um eine Idee anders heraus, als die Verfasser es sich gedacht haben mochten, weniger burschikos, mädchenhafter, darum aber anmutiger, lieblicher, liebenswürdiger, allerdings freilich auch ein ganz klein wenig angelernt. Die Figur ist etwas unwahrscheinlich, allein dafür ist sie eine echte und rechte Theaternaive, die immer das Wohlgefallen der Zuschauer hat, und das errang sich gestern Frl. H. wieder in vollstem Maße durch das frische fröhliche Leben und ihr süßes schmeichelndes Sümmchen, mit dem sie alles umstrahlte. Ob wohl Sprachforscher diese Figur später einmal als einen wertvollen Beitrag zur Geschichte des Werdeganges unserer vergardedeutschten Sprache ansehen werden, so wie man MolißresPrecieuses ridicules auf ihr eigentümliches Französisch untersucht hat? Geeignet dazu wäre sie; doch der Herren v. Schönthan und Kadelburg Berühmte Frau" hat bald das hohe Alter von 20 Jahren erreicht; älter wird ein neuerer deutscher Schwank kaum, und es ist auch nicht gerade schade darum.

Die Bekehrung des reizenden Kobolds gelang dem Onkel Traunstein des Herrn San dorff mit geringeren Schwierig­keiten als man hatte erwarten dürfen. Dieser Onkel Uli braucht doch nicht nur Ruhe und Haltung, sondern auch viel vornehm Gewinnendes und durch weltmännische Abgeschliffen­heit Imponierendes. Unserem ernsten, stimmungsschweren und gediegenen Herrn Sandorff aber fehlt zu dergleichen Rollen die immerhin leichte und gefällige Art eines Lustspiel- Salonkavaliers. Schon sein merkwürdig dunkles Organ paßt

zu keiner Art von Schönthan-Kadelburg'schen Lllädchenherzen- eroberern.

In ganz anderer Weise fesselte Herr Direktor Siein- götter durch sein so elegantes und parkettgewohntes wie temperamentvolles Spiel das Haus. Er hatte sich die etwas schwierige, aber allerdings auch ungemein dankbare Kadelburg- Rolle des bis zu Dachsteins Rand verliebten, das liebeDeitsch" ein wenig kraus gebrauchenden Schwerenöters aus dem Ungar­lande, Grafen Bela Palmay, zugeteilt. Verständigerweise er­schien er nicht, wie es manche andere Darsteller belieben, in ungarischer Nationaltracht, sondern als äußerlich sehr wohl- gebildeter Sohn der Pußta, in elegantem Wmterpelz mit Zylinder. Selbst die Sprache deutete nur wenig auf einen Ungar hin, sondern eigentlich nur der Schnurrbart ä la Mikosch. Sein prächtiges, frisches, natürliches Spiel erschöpfte die humoristischen wie die manchmal auch ein bischen senti­mentalen Seiten dieser echten rechten Schwankfigur. Seine Partnerin, Frl. Hohl, besitzt für eine Ottilie gute Bühnenerscheinung und gute Haltung., Auch kam ihrer Rolle ihre überlegte Sprechweise zu statten. Frl. H. hat aber eine kleine Angewohnheit, die den Zuschauer auf die Dauer irritiert; sie läßt häufig ohne ersichtlichen Grund ihre Augen weg vom Bühnenraum, in den sie eigentlich allein gehören, ins Publi­kum abschweifen. Ihre Absicht dabei ist es wohl, mehr Fühlung mit dem Auditorium zu gewinnen; sie erreicht aber das Gegenteil dcynit, denn ihre Blicke lenken von der Szene, von Milieu und Stimmung ab, statt sie mit aller Jntensivität an sich zu fesseln. Die Tante Paula gab Frau Fischer mit recht sympathischer Charakteristik. Zuletzt diebe­rühmte Frau" selber, die erst im Schlußakte in Aktion tritt, Frl. Kellermann, habe ich nicht mehr gesehen Herr Conradi als verliebter alter Herr, dessen Herz nicht alt werden will, und über die Maßen fürtrefflicher Mädchen­erzieher. Ja, dieser gute Baron Ottokar verlangt doch eigent-