Nr. 177
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Zweites Blatt. 153. Jahrgang
Freitag 31. Juli 1903
Gietzener Anzeiger
** General-Anzeiger w
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen
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Iie Heutige Kummer umfaßt 10 Seiten
an den
Sitzung der Stadtverordneten.
Gießen, 30. Juli 1903.
Anwesend: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Georgi, Heyligenstaedt und Curschmann und folgende Stadtverordnete: Brück, Emmelius, Euler, Dr. Gaffky, Dr. Gut- fleisch, Hanau, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Huhn, Jann, Jughardt, Keller, Kirch, Krumm, Leib, Löber, Loos, Petri, Pirr, Dr. Schäfer, Schmall und Wallenfels.
Vor Eintritt in die Tagesordnung macht Oberbgm. Mecum die Mitteilung, daß Pserdemarkt und Landwirtschaftliche Ausstellung vereinigt werden und daß die neuen BesoldungsVerhältnisse der seminaristisch gebildeten Lehrer an den hiesigen höheren städtischen Schulen vom Ministerium genehmigt worden sind.
Es werden zunächst einige Rechnungen genehmigt, die der Geigerschen Fabrik in Karlsruhe in Höhe von 450 Mk. und die für Kieslieferungen der Gebr. Kahl in Höhe von 602,60 Mk.
Das B a u g e s u ch des L. Huhn für die Wetzsteingasse, der ein Gebäude niederlegen und dafür einen Neubau errichten will, wird genehmigt. Zwei weitere Baugesuche, die auf der Tagesordnung standen, sind inzwischen zurückgezogen worden.
Das B äuge such des Fr. Egly für den Brandplatz 10 wird genehmigt, obwohl eine Fluchtlinie bisher dort noch nicht festgestellt ist. Wolle man aber eine solche dort planen, so könnte sie nur so liegen, wie der Gesuchsteller vauen will.
Gesuch von A. und M. Körner für die West-
Kekanntmachung.
Die Nordanlage, zwischen Walltor- und Schottstraße, wird wegen Vornahme von Kanalisationsarbeiten von heute ab bis auf weiteres für den Fuhrwerks- und Fahrradverkehr gesperrt.
Gießen, den 30. Juli 1903.
Gro ßh erzo glich es Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Der sozialdemokratische Vizepräsident.
In sehr komplizierter Weise nimmt der sozialdemokratische „Vorwärts", im Anschluß an die Ausführungen v. Vollmars, zu der Frage Stellung, ob die Sozialdemokratie sich um einen Sitz im Reichstagsvräsidium bewerben soll. Die Auslassung ist etwa auf die Formel zu bringen: Wir möchten schon, wenn uns keine Beding- ungen gestellt werden. Mit einem „formalen Hof- b e s u ch" scheint auch der „Vorwärts" einverstanden. Aber daß ein sozialdemokratischer Präsident in die Lage kommen könnte, ein Kaiserhoch anszubringen, das macht dem „Vorwärts" Pein, und nicht minder die etwaige Bedingung, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten sich nicht entfernen bei diesem Hoch. Das letztere ist ein Brauch, von dem der Bruch mehr ehrt als die Befolgung. Das hastige Verlassen des Saales bei solchen Gelegenheiten ruft fast immer einen unfreiwillig komischen Eindruck hervor, der den Mitgliedern der äußersten Linken selbst nicht entgeht. Schließlich gehört auch das in das Gebiet des politischen und gesellschaftlichen Taktes, dessen Wahrung durch einen sozialdemokratischen Vizepräsidenten der „Vorwärts" verheißt.
— Die ,^)erl. Korr." meldet: Mit sofortiger Giltigkeit wird den von dem Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz unterstützten Mitkämpfern aus den Feldzügen von 18 6 4, 66 und 70, die, obgleich sie in gedrückten Verhältnissen leben, dennoch nicht von der für mittellose Kranke vorgesehenen tarifmäßigen Fahrpreis- Ermäßigung Gebrauch machen können, zum Besuch von Kurorten auf den preußisch-hessischen Staatseisenbahnen zunächst versuchsweise auf die Dauer dieses Jahres eine Ermäßigung der Fahrpreise in der Weise gewährt, daß sie bei Benützung der 2. oder 3. Wagen- klasse auf halbe Personenzug-Einzelpreise oder halbe Rückfahrkarten befördert werden. Für Schnellzüge ist kein Zuschlag, für D-Züge dagegen die tarifmäßige Platzgebuhr zu entrichten.
— Gegenüber der Blättermeldung von einer für den Herbst bevorstehenden Begegnung des Kaisers mit dem König von Dänemark erfährt die „National- ztg." aus zuverlässiger Quelle, daß an Stellen, welche über die Angelegenheit unterrichtet sein müßten, von einer solchen Zusammenkunft nichts bekannt sei.
— Gestern abend sand eine von dem Zentralausschuß der Komitees der Zentrumspartei für Berlin und den Zentralkomitees der katholischen Vereine Berlins veranstaltete Gedächtnisfeier für den Papst statt, an welcher über 3000 Personen teilnahmen.
Hamburg, 30. Juli. Anläßlich der fünften Wiederkehr des Todestages des Für st en Bismarck wurde heute im Mausoleum zu Friedrichsruh ein Trauergottesdienst abgehalten.
H eilbronn, 30. Juli. Heute am Do d e s t ag e Bis - marcks wurde hier das am Eingänge in die Stadt unmittelbar über dem Neckar gelegene Bismarck-Denkmal in feierlicher Weise enthüllt.
Ausland.
London, 30. Juli. Unterhaus. Bei Besprechung des Kolonialetats ergreift Chamberlain das Wort und führt aus: Bezüglich der Lage in Südafrika seien eine der größten Schwierigkeiten, mit denen England zu rechnen habe, nicht die Beziehungen zwischen den Engländern und Duren, sondern die Beziehungen der Buren untereinander. Er habe sein Bestes getan, die Beziehungen zu bessern, und freue sich, sagen zu können, daß befriedigende Nachrichten über die Angelegenheit eingelaufen seien. Er glaube, es sei noch notwendig, daß der TransvaalregierungeinestarkeGewaltzur Verfügung stehe, und wenn sich Herausstellen sollte, daß die Versöhnungspolitik vergeblich sei, würde man nicht zögern, diese Gewalt zu gebrauchen und die Unruhestifter zu verbannen. Er lege dem Beschwerdebrief Bothas über die Lage in Südafrika keine Bedeutung bei und meine, der Brief verringere den Einfluß Bothas. Infolge der Entdeckung neuer Diamantminen gehe das Bestreben der Regierung dahin, alle Mittel für den Staat zu sichern, ohne die Entwicklung der Minen zu beeinträchtigen. Der Etat wird darauf angenommen.
— Chamberlains Erklärung, daß er willens sei, neben dem Getreide auch Butter, Eier, Käse und Speck zu besteuern, hat einen Sturm der Entrüstung unter den Freinahrungsanhängern erregt.
K o n st a n t i n o p e l, 30. Juli. Der deutscheKatser verlieh dem Direktor der türkischen Museen Hamdi-Bey den Kronenorden 1. Klasse mit Brillanten. Ferner schenkte er dem Vizepräsidenten des Staatsrats Turkhan Pascha einen Stich nach seinem Bilde von Lenbach, dem Oberzeremonienmeister Ibrahim und dem Einführer des diplomatischen Korps, Ghalib, seine große Photographie.
New York, 30. Juli. Die erste Sendung Nahrungsmittel, die unter dem neuen Gesetz hereinkommt, bestehend aus 100 Gebinden bayerischen Bieres, ist hier unbeanstandet durch den Zoll gegangen.
Die ungarische Mestechungs-Affäre.
Budapest, 30. Juli.
Tas Bestechungsgeld, welches der frühere Abg. Lienes dem Abg. Pupp zustellte, bestand ursprünglich in zwei Sparkassenbüchern, welche auf den Namen Emerich Ritter lauteten. Dieser Ritter ist Gutsverwalter des Fiu- maner Gouverneurs GrafLadislausSzapary, leugnet aber, von der Sache etwas zu wissen. Dienes veröffentlicht eine Erklärung, in der er in Llbrede stellt, Geld zum Zwecke der Bestechung übergeben zu haben. Er behält sich vor, vor der parlamentarischen Untersuchungskommission weitere Enthüllungen über Papps Vorgehen und Verhältnisse zu machen. Der Chefredakteur des „Budapester Abendblatt", Arthur Singer, erklärt, die Behauptung, er habe bei der Zeitung „Magyar Orszao" einen Bestechungsversuch gemacht, sei erlogen. Gegen den Administrateur des Blattes erhob er Klage wegen Verleumdung und Beleidigung. Größte Sensation erregte die heute abend erfolgte Demission des Grafen Szapary, der Dienes das Geld zur Bestechung des Abg. Papp gegeben haben soll. Von Szapary befteundeter Seite wird die Sache so dargestellt, daß Szapary den Jntriguen einiger politischer Glücksritter, die ihm vorgespiegelt hätten, man könne der Obstruktion mit Geld beikommen, zum Opfer gefallen sei. Er habe übrigens ohne Vorwissen des Ministerpräsidenten ganz auf eigene Faust gehandelt. In oppositionellen Kreisen wird aber dem kein Glauben beigemessen, sondern viel eher gemeint, daß gewisse Kreise die gutgläubige Naivität Szaparys ausgenützt haben, um ihn im Falle des Mißlingens als Sündenbock zu opfern. Verwickelt wird die Affäre dadurch, daß Szapary mit dem Grafen Khuen sehr befreundet ist, und auch noch ein zweiter hoher Aristokrat, der Obertürsteher, Graf Georg Banffy, wie Graf Szapary, mit den Vermittlern der Bestechungsversuche in den letzten Tagen viel verkehrte. Neben Dienes, welcher, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahre, sich nach Berlin gewendet hat, waren noch mehrere Vermittler bei den Bestechungen beteiligt, die aber bis auf den Redakteur Singer alle flüchtig sind. — Wie verlautet, beschloß die Regierung, das Ab geordnetenh aus trotz des Ex lex- Zustandes aufzulösen. — Heute vormittag fyat zwischen dem Abg. Borbely und Molner infolge der gestrigen Zwischenfälle ein Pistolenduell stattgefunden, welches unblutig vc^aufen ist. Die Gegner schieden unversöhnt.
Die versasiedenen oppositionellen Parteien angehörigen Anhänger der Obstruktion beschlossen in einer Versammlung, einen Adressenentwurf an den Körrig einzubringen, in dem erklärt wird, daß sie die Obstruktion nicht eher einstellen werden, als bis die nach ihrer Auffassung in den Gesehen von 1867 gewährleisteten nationalen Forderungen erfüllt seien. Auch beschlossen sie, morgen abermals im Abgeordnetenhause die Bestechungs-Angelegenheit in schärferer Weise zu erörtern.
Wie verlautet, erklärte der Gouverneur von Fiume, Graf Ladislaus Szapary, daß er von verschiedenen politischen Abenteurern irregeführt und der alleinige Urheber der im Parlament gestern zur Sprache gekommenen Bestechungsversuche sei. (Er sei bereit, vor der parlamentarischen Untersuchungskommission zu erklären, daß der Mini st erpräsident von der ganzen Sache nicht die geringste Kenntnis besaß, und er, Graf Szapary, vollkommen auf eigene Faust handelte.
ning, Frauendienst, v. Gerlach^, Janssen. Dagegen waren: Wenck und Maurenbrecher. Entschuldigt abwesend waren: Damaschke, Traub und Esenwein.
In den Vorschlägen Naumanns für den national- sorialen Parteitag heißt es: „Ein Gesinnungswechsel ist nut diesem Eintritt (in die Freisinnige Vereingung) in eine befreundete Organisation nicht verknüpft, da wesentliche Unterschiede in politischen Hauptfragen heute nicht mehr bestehen." ließet diese Ansicht Naumanns wird in der Presse mehrfach Erstaunen aus gedrückt.
Was wohl Friedrich Naumann, der Pfarrer an der Paulskirche zu Frankfurt a. M., so schreibt die „Tägl. Runsch", „gesagt haben würde, so ihm einer zu der Zeit, da er seine „sozialen Briefe an reiche deute" schriclb, prophezeit hätte: das „Berl. Dagebl." würde noch einmal für ihn zum offiziellen Parteiorgan werden?"
bis Montag früh.
— Der Kai ser richtete folgendes Telegramm Oberpräsidenten der Provinz Posen:
„Ich freue mich, aus der Meldung zu ersehen, daß schwere Schäden nidjt erfolgten. Für die durch Nässe betroffene Bevölkerung habe ich den Finanzminister angewiesen, 270000 Mk. zur Verfügung zu stellen; ebenfalls werde ich persönlich Ihnen eine Summern geh en lassen." W i l h e l m."
Indem der Oberpräsident dies veröffentlicht, fügt er hinzu, daß der Kaiser anläßlich der Ueberschwemmungen in der Provinz Posen eine persönliche Gnadenbeihilfe von 5000 Mk. bewilligte.
— Kaiser Wilh elm lud den Grafen v'on Turin zu den Mitte August stattfindenden Kavallerie-Manövern bei Altengrabow, ferner den Herzog von Aosta und den ital. Generalinspektor Roggier zu dem Mitte September tattsindenden Kaisermanöver bei Erfurt und Merseburg ein. Die Einladungen wurden anaenommen.
Oesterreich und das Hochwasier.
Mit vollem Recht ist anläßlich der Hochwasser-Katastrophe die Forderung nach beschleunigter Flußregulierung 'erhoben worden. Doch die Regulierung der in Betracht kommenden preußischen Flüsse allein vermag nickt vollen Wandel zu schaffen, lieber Schlesien hat sich die verheerende Wasserflut in der Hauptsache von Oesterreich aus ergossen, die Riesengebirgsgewässer waren diesmal an dem Unglück weniger beteiligt. Soll die schwer heimgesuchte Provinz in Zukunft vor Schaden bewahrt bleiben, so ist eine Gewähr hierfür nur gegeben, wenn die östreichische Regierung den im Mährischen Gesenke liegenden Flußbereich einer baldigen Regulierung unterzieht. Dieser Bezirk des Kaiserstaates ist wasserbautechnisch bisher vernachlässigt worden. Was in dieser Hinsicht geschehen ist, bezog sich auf die Donau und deren Nebenflüsse. Bei dem engen Freundschaftsverhältnis zwischen Deutschland und Oesterreich ist anzunehmen, daß entsprechenden Vorstellungen der preußischen Regierung in Wien Folge gegeben wird. Sachliches Material für die Notwendigkeit dieser Regulierung dürften besonders die oberschlesischen Landratsämter beizubringen in der Lage sein.
Wie aus Troppau gemeldet wird, besichtigte der Landespräsident von Oesterr.-Schlesien die Hochwasserschäden an der Opper und dem Petersbachtale. Die Gemeinden bieten ein Bild schrecklicher Verwüstung. Zahlreiche Häuser sind ein gestürzt, die Kulturen verschottert, streckenweise zerstört. Der Schaden beträgt mehrere Millionen Gulden. Das Elend ist sehr groß.
Auch in der Bukowina sind infolge von Wolkenbrüchen zahlreiche Flüsse aus den Ufern getreten. Die Ortschaft Waschhoutz ist gänzlich überschwemmt. 80 Häuser stehen unter Wasser, mehrere sind eingestürzt, viele andere sind dem Einstürze nahe. Die Ernte ist völlig vernichtet, der Schaden ist enorm.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juli. Man meldet aus Drontheim: Der deutsche Kaiser ist kurz nach Mittag hier angekommen und von der Festung mit Salut begrüßt worben. Ter Hafen ist mit Flaggen reich geschmückt.
— Der Kaiser genehmigte, daß der Kronprinz das Protektorat über bas Komitee zum Besten der schlesischen Ueberschwemmten übernimmt. Der Aufenthalt des Kaisers in Drontheim währt voraussichtlich
Vo!«tische Tagesschau.
Die Nationalsoziabfreisinnige Vereinigung.
Als selbs:verständlich bezeichnet Naumann in einer Erklärung in der „Zeit", daß der Anschluß an die Freisinnige Vereinigung von den Nationalsozialen als „endgiltig aufgefaßt wird" und Naß die Nationalsozialen sich „an die Grundsätze und die praktische Politik" der Freisinnigen Ver- nniguug „fest anschließen"- müßten. Aus einem anderen Artikel'der „Zeit" geht hervor, daß diese Vorschläge für den Parteitag anzusehen sind als Anträge des Vorstandes her Nationalsozialen und dgß diese Anträge gefaßt worden sind gegen die Stimmen von Wenck-Marburg und M a u r e'n b r e ch e r. Wenck ist der frühere, Maurenbrecher her gegenwärtige Parteisekretär der Nationalsozialen. Als Referenten über diese Anträge auf dein Parteitag der Na- ionalsozialen in Göttingen sind vorgesehen Naumann und Wenck. Gegenüber Vorwürfen seiner Freunde erklärt Nau- nann in der „Zeit": „Diesen Vorschlägen gegenüber Wersen einige Freunde sagen: Naumann greift dem Parteitag aor! Das ist in gewissem Sinne richtig, nur weiß ich die Lache nicht anders zu machen, wenn kein allgemeines Lhaos entstehen soll/' Jeder Hable natürlich das vollste Recht, „andere Vorschläge zu bringen oder einfach Liquida- ton zu beantragen." , c , r
Wie im Briefkasten der „Hilfe" mitgeteilt wird, haben n der Sitzung des Vorstandes der Nationalsozialen am 80. Juli für die Anfrage an die Freisinnige Vereinigung ge- timmt Naumann, Pohlmann, Tischendörfer, Souchon, Schö


