Nr. 255 Erstes Blatt. 153. Jahrgang Freitag 30. Oktober 1003
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Kekanntmachung.
Die Schiller st raße, zwischen Asterweg und Nordanlage, wird wegen Vornahnw von Kanalisationsarbeiten von heute an bis auf weiteres für den Fuhrwerks- und Fahrradverkehr gesperrt.
Gießen, den* 30. Oktober 1903.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Zur Wiesbadener Wonarchenzusamrmnkunll.
Tie russische Presse ist gegenüber Deutschland seit kurzem von ausgesuchter Liebenswürdigkeit des Tones. Tie Tage von Darmstadt scheinen also von heilsamstem Einflüsse in Rußland zu fein. Bemerkenswert ist aber auch, daß in russischen Zeitungen die Ausfassung auftaucht, die Kais er b e g e gn u n g in Wiesbaden sei als ein „Warnungszeichen'gegen Japan" zu betrachten. Deutschland wird trotzdem aber doch wohl nicht den Standpunkt unbedingter Neutralität in Oftasien verlassen. Die Betonung dieses Standpunktes durch deutsche offiziöse Organe scheint uns darauf berechnet, falschen Annahmen an bestimmter Stelle den Boden zu entziehen.
Won „besonderer" Seite wird dem „Franks. Gen.-Anz." geschrieben: Die Wiesbadener Zwei-Kaiser-Begegnung entspringt dem freundschaftlichen Empfinden, das den Zaren und unseren Kaiser seit Jahren mit einander verbindet. Sie ist gewissermaßen eine Fortsetzung der Zusammenkünfte von Danzig und Reval, zuglerch aber auch eine wertvolle Bürgschaft für die guten diplomatischen Beziehungen, die zwischen Deutschland und Rußland bestehen und erprobt worden sind. Gerade in den letzten Tagen ist von selten interessierter Nationen darauf hingewiesen worden, daß Deutschtano in der Mandschureifrage seinen: östlichen Nachbar gute Dienste erwiesen habe. Das ist tatsächlich richtig. Mcht darin liegt aber das wichtigste Moment in dieser ganzen Frage, daß Deutschland eine neutrale Haltung einnahme, sondern daß es eine sogenannte Desinteressements-Erklärung ausdrücklich abgab und zwar zu einen: Zeitpunkte, an dem diese Erklärung nichl ohne Wirkung bleiben konnte. Als durch die öffentliche Kundgebung des deutschen Desinteressements bekannt wurde, daß auf eine Unterstützung Teutschlands nicht zu rechnen sei, veränderte sich mit einem Schlage die Sachlage für Rußland; die internationale Bewegung wurde ausgegeben und die ostasiatische Frage wurde dadurch sür Rußland in einem gewissen Sinne lokalisiert. Entspricht sonach die neutrale Haltung Deutschlands den natürlichen Verhältnissen, so war die öfsent- liche Erklärung doch immerhin ein realer Akt sreundnacybar- licher Gesinnung, die durch den Freundschaftsbund zwischen den beiden Kaisern nicht bloß symbolisiert, sondern zugleich auch getragen wird. Unsere Auslandspolitik bewegt sich also ganz in den Bahnen der wilhelmmischen Traditionen; der Draht zwischen Berlin und Petersburg ist Dank der sreundschastlichen Gesinnung der beiden Monarchen und des diplomatischen Geschickes ihrer Berater.fester als je. 'M kann — namentlich in der jetzigen mit internationalen Problemen reich erfüllten Zeit — kaum daran gezweifelt werden, daß in Wiesbaden auch politische Fragen zur Er-
örterung kommen; insbesondere wird mit einer gewissen Geslissentlichkeit auf die schwebende Handelsvertrags- frage hingewiesen. Indes möchten wir glauben, daß diese wohl grade am wenigsten erörtert werden dürfte, nicht etwa weil sie von untergeordneter Bedeutung ist, sondern vielmehr deshalb, weil an der grundsätzlichen Bereitwilligkeit zur Fortsetzung des Handelsverkehrs kein Zweifel besteht.
Viel Neues bringt uns diese ziemlich prätentiös zu- gestutzte Zuschrift eines Berliner Journalisten an das genannte Frankfurter Blatt allerdings nicht.
Kölnische Wirtschaft.
Vor dem Schwurgericht in Berlin wird seit einigen Tagen ein Prozeß wegen Kindesunter Schiebung verhandelt. Solche Prozesse sind nicht ganz selten. Was in diesem Falle das Interesse des Publikums so mächtig angelockt hat, daß, wie man uns aus Berlin schreibt, lange vor Beginn der Sitzungen keine Einlaßkarte mehr erhältlich war, ist das Besondere, daß ein gräfliches Ehepaar, von altem polnischen Adel, sich gegen die Anklage verantworten Muß, das Majorat durch Vortäuschung eines Sohnes der auf dies einstige Erbe Anspruch besitzenden Seitenlinie entzogen zu haben. Der Prozeß hat eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung. Insofern, als die Aussagen ein Bild von dem Leben und Treiben der heutigen polnischen Aristokratie entwerfen, von sittlichen und sozialen Anschauungen, wie sie in diesen Kreisen gang und gäbe sind, und dies Bild seltsam genau dem längst in: Volk feststehenden Begriff von „polnischer Wirtschaft" entspricht. In Grandseigneur-Manier, mit Schulden überladen, doch mit vollen Händen verschwendend, unbekümmert um den morgigen Tag, leben auch heute noch polnische Edelleute, wie sie anno 1848 Mich. Jordan in der Frankfurter Nationalversammlung schilderte. Der Ton, den sie untereinander im Verkehr an schlagen, ist noch heute derselbe, vor keiner Derbheit zurückschreckende. Tie polnischen Eigentümlichkeiten, von denen Geschichte und Ueberlieferung zahllose Beispiele aufbewahrt haben, erhielten sich „frisch ivie am jüngsten Tag". Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Im allgemeinen aber ist der Prozeß geeignet, die Romantik, die hier und da noch mit dem Polentum und besonders mit der polnischen Aristokratie verknüpft schien, gründlich zu zerstören. In der harten, scharfen Beleuchtung des Gerichtssaales verschwindet der Zauber des Standesunterschiedes. Daß die gräflichen Angeklagten eine viel bessere Figur machen, als etwa ein bürgerliches Paar aus mittleren Kreisen in der gleichen Situation machen würde, daß sie eleganter, distinguierter sich benähmen, als andere Sterbliche, läßt sich nur dann behaupten, wenn man die Phantasie zur Hilfe nimmt. Personen aus der Verbrecherwelt, die sich als Hochstapler den Freiherrn- oder Grafentitel beigelegt haben, spielen oft noch auf der Anklagebank einen Kavalier von voll- eudeter Echtheit. '
Ueber 2U0 Zeugen aus den verschiedensten Schichten der polnischen Bevölkerung erscheinen, wie man uns aus Berlin schreibt, vor den Schranken des Gerichts. Eine Galerie von Charakterköpfen präsentiert sich in den Warteräumen und Korridoren des Justizgebäudes. Verschlagenheit und Gutmütigkeit, Beschränktheit und List, National-
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stolz im ärmlichen Gewände und sklavische Ergebenheit, Aberglaube, ein hervorstechender Mangel an Sauberkeit und Ordnungsliebe, Lebhaftigkeit der Sprache, des Mienenspiels, der Handbewegungen, das alles p betrochsten, findet sich für den Physivgnomiker reiche Gelegenheit. Zeichner uni) Schriftsteller sind geschäftig, die Stud:en fest- zuhalten. Im Brennpunkt des Interesses steht der kleine, nicht mit ganz unberechneter Koketterie gekleidete Knabe, um dessen Sein oder Nichtsein als Gras Kwilecki und einstiger Majoratserbe dieser gewaltige Apparat aufgeboten werden muß. Wenn man die bunte Gesellschaft von Volkstypen eine Weile betrachtet hat, dann begre:ft man doch einigermaßen, daß es sür die Deutschen in den Ostmarken nicht gerade eine „Lust" ist, mit der polnischen Bevölkerung zu leben. Das sind harte, schwer zu behandelnde Köpfe; das ausgeprägte Bewußtsein, einer bevorzugten „Nation" anzugehören, erleichtert auch nicht das friedliche Auskommen. Dieser Prozeß dürfte ähnlich wirken wie ein Blick hinter die Kulissen. Er wird die Polendebatten, die im Reichstag und im preußischen Landtag an der Tagesordnung bleiben, dem Verständnis näher rücken. Die wortgewandten Verteidiger des Polentums haben stets sehr geschickt die Seite der Poesie anzuschlagen verstanden, ein Ton, der in deutschen Herzen so leicht ein Echo findet. Jetzt kommt die Wirklichkeit, die Prosa zu ihrem Recht.
Uoütische Tagesschau.
Tabaksteuer.
Herr v. Thielmanu, so schreibt die „Köln. Bolks- z t g.", hatte zwei Saiten auf seiner Violine: Bier und Tabak. Wenn man beides in Angriff nahm, so konnte man vielleicht hoffen, beiden Artikeln nicht allzu. wehe zu tun, und somit durchzukommen. Herr v. Stengel aber hat nur eine Saite auf seiner Finanzgeige: den Tabak! Als geborener Bayer durfte es niemals wagen, eine Erhöhung der Einnahnlen des Reiches aus dem Bier vorzuschlagen; das ist doch «ganz klar. Tut er auch nicht! Bleibt also nur der Tabak. Es ist zudem bekannt, daß Herr v. Stengel, so lange er noch bayerischer Bundesratsbevollmächtigter war, immer nur für die Einführung einer Tabaksteuer Stimmung zu machten suchte. So fehU aber eine Erhöhungj der Biersteuer in Bayern verhaßt ist, so sehr ist eine Erhöhung der Tabaksteuer in Norddeutschland, verhaßt, zumal wenn das Bier freigelassen und dem Tabak alles aufgebürdet werden soll. Diese eine Saite auf der Finanzgeige des Herrn v. Stengel reißt also, sobald man sie zum Tönen bringen will. Man soll bei Berufung des Herrn v. Stengel geglaubt haben, durch sie die bayerischen Mitglieder des Zentrums den Finanzplänen tder bayerischen Regierung geneigter zu machen. Dann hat man übersehen, daß man dadurch alle norddeutschen Abgeordneten in demselben Maße noch vorsichtiger machen mußte, als sie schon waren. Die Besserung der Stimmung der Bayern ist augenscheinlich ausgeblieben; aber die Vermehrung der Bedenklichkeit der Norddeutschen Ist trotzdem eingetreten.
Der „Vorwärts" behauptet, nach bestimmten Informationen soll in der Tat der Pban bestehen, die Tabaksteuer allmählich so zu erhöhen, daß Konsumenten und
Vivisektion und Knmaniiätsduselei.
Von ärztlich erSeitewirdnus ge s ch rieben :
Im „Gieß. Anz." lese idjt daß im Wiener Ge- /neinberat und niederösterreichischen Landtag eine Agitation gegen die Vivisektion in den Instituten der Wiener medizinischen Fakultät zu behördlichen Maßnahmen aegen Experimentieren an Versuchstieren geführt hat und daß die medizinische Fakultät hiergegen Protest erheben mußte. So ist denn der Streit um diese Lebensfrage der meoizinischien Wissenschaften, nachdem man den ^r an f für ter Antivivis ektions- Kongr eß mit seinen faden Witzen ärztlicherseits nicht ernst hatte nehmen kömien, in ein akutes Stadium getreten.
Es besteht ja kein Zweifel, daß die physikalisckMätetische Heilweise, die Wasser-, Licht-, elektrische, Bewegungs- und Massagetherapie gegenüber der medikamentösen an Boden bedeutend gewonnen und eine voraussichtlich noch größere Zukunft hat. Mer nicht nur um die Einrichtungen von Arzneimitteln zu erproben, ist ja der Tierversuch unumgänglich nötig. Auch um die Wiriungswerse der verschiedenen Arten des Lichts, um die Krancheitserschernungen, welche die vielen ihrem Wesen nach erforschten Krankheitserreger verursachen und die W-irksamkeit der zu ihrer Bekämpfung hergestellten Sera zu studieren, kann die medizinische Wissenschaft seiner nicht entraten.
Alle diese Experimente kommen aber in letzter Linie dem Menschen zu gute. Ich erinnere nur an die Herstellung Schutzpockenlymphe, bereu Zubereitung, um die Gesundheit des ZwisckMträgers feststellen zu können, alljährlich einer großen Menge von Kälbern das Leben Lostet, an die Herstellung des Diphtherieheilserums, das P f c r b e in ihrem Leib bereiten helfen, an bie verschiedenartigen Versuche, ein Tuber kuloseschutz- unb -Heilserum zu finben, welche jetzt Be hrin g in großem Maßstabe betreibt, worüber ber „Gieß. Anz." ja bes öfteren berichtete. t x
Alle biese Prozeduren müßte mau zu verbieten trachten, wenn mau als Gegner der Vivisektion konsequent sein wollte. Denn eine wirtliche Vivisektion, ein Zerschneiden von Tieren bei lebendigem Leibe, gibt es ja nur in ganz verschwind end er Zahl, die ist aber
in manchen Fällen, in der Physiologie, also derjenigen Wissenschaft, welche die Lsbensvorgänge erforscht, unentbehrlich. Selbstverständlich werden Die hierzu verwendeten Kaninchen, Katzen und Fixköter meist chloroformiert, wo nicht die Anwendung des Chloroforms u. dgl. Bedingungen schafft, welche Veränderungen in den zu beobachtenden Organen Hervorrufen würden.
Tas Antivivisektionsgeschrei ist nur geeignet, das große Publikum, welches von diesen Dingen keine Ahnung hat, zu erregen. "Vivisektion, Grausamkeit, Roheit, Martern sind die Schilagworte, welche geeignet sind, in unserem nervösen Zeitalter ohne weiteres Gruseln und Gänsehaut zu erzeugen. .
ES ist eben selbstverständlich, daß die Wirksamkeit und Wirkungsweise von neuen Arzneimitteln re. erfordert werden muß. Da dies an Menschen ja mit Recht nicht geschehen darf, so bleiben eben nur die Tiere. Jeder verständige Mensch muß begreifen, daß, wenn das Tierexperiment verboten würde, die Möglichkeit, in der medizinischen Forschung fortzuschreiten, einfach undenkbar wäre. Daß man darüber ein Wort verlieren muß, ist nur durch die herrschende Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse erklärlich.
Bei alledem ist ber Tierversuch ja nur ein sehr mangelhafter Ersatz für ben eigentlichen Zweck, bie Erforschung ber Wirkung am Menschen. Da er aber zum Besten bes Herrn ber Schöpfung bestimmt ist, so kann man bie ganze Antivivisektionsbewegung nur als zwecklose Humanitäts- bufelei bezeichnen, so lange bie Herren Vivisettionsgegner nicht in ber Lage s:nb, einen Ausweg anzugeben, wie man bie Wirkung neuentbeckter Bazillen, ' neuer Arzneimittel, neuer Lichtstrahlen, neuer Impfstoffe auf den tierischen Organismus ohne Vivisektion im weiteren <&inne erproben kann.
Ein Ausweg läge ja für die Vivisektionsgegner, welche sich so warm ber armen Tiere annehmen, daß sie bar üb er das Wohl ihrer Mitmenschen vergessen, sehr nahe, ist aber m. W. noch nicht von ihnen vorgeschlagen worben. Vielleicht halten bie Herren mit mir Die Vollstreckung des Todesurteils für eine ziemlich rasch verlaufende Vivisektion. Wenn man den zum Tode verurteilten Verbrechern freistellte, ob sie lieber geköpft oder zu Versuchen für medizinische Zwecke sich her-
geben und damit vielleicht am Leben bleiben wollen» so glaube ich nicht fehlzugehen in der Annahme, daß sie das letztere wählen würden. Und ich glaube, daß der Forscher, welcher an einem so wertvollen Versuchstier experimentiert, es so lang wie möglich am Leben erhalten dürfte.
Damit wären verschiedene Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einmal wäre dami: die Todesstrafe bis zu einem gewissen Grade abgeschafft. Zweitens könnte die Vivisektion wesentlich eingeschränkt und drittens die Beobachtung direkt am Menschen gemacht werden. <
Wenn die Vivisektionsgegner diese Parole auf ihre, Fahnen schreiben wollen, so würden sie damit ihre bisher wohl ziemlich zwecklose Agitation in praktische Bahnen lenken, ihre Ideale würden verwirklicht, ohne die sonst unvermeidlichen Nachteile für bie leidende Menschheit und nicht nur ich, sondern die Nlehrzahl der Aerzte, wir würden uns ihnen anschließen. Bis dahin aber ist dies für unH von einem Gesichtspunkt aus, welchem das Leben ein«1 Menschen über das eines Kaninchens geht, unmöglich.*)
*) Es ist bemerkenswert, daß der östr. Unterrichts» m in ist er v. Härtel dem Dekan der med. Fakultät zu Wien nach neuesten Meldungen erklärt hat, er werde jede Störung der medizinischen Forschungen und jede Behinderung notwendiger Dier-Experi- mente unterdrücken. Das Professorenkollegium der Wiener medizinischen Fa kultät veröffentlicht folgende Erklärung: Das medizinische Pro- fessorentollegium verwahrt sich entschiedenst dagegen, daß die Frage der Tierversuche (Vivisektionen) von untunbigen Personen in einer dazu nicht berufenen Körperschaft (Landtag) zum Gegenstand der Erörterung und Beschlußfassung gemacht werde, ferner dagegen, daß reine Unterrichtsangelegenheiten, wie die Beftellnng von Assistenten, die Tätigkeit von Professoren an Kliniken und medizinischen Instituten, endlich die amtlichen Gutachten von Professoren in leichtfertiger und gehässiger Weise besprochen werden. Es sieht darin eine fchwere Schädigung wichtiger, für das allgemeine Wohl bestimmter und für dasselbe ununterbrochen tätiger Institutionen. D. Red. d. „Gieß. Ai:z."


