Ausgabe 
29.8.1903 Erstes Blatt
 
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Revol

mem hervorgezogen, unter ihnen Operst Bona. Ein zweiter Hifiszug kam 2 Uhr nachts an. DerMessagero" ver­öffentlicht in einer Extraausgabe folgertbe Einzelheiten: Ter ZufammeustoP fand abends 10 Uhr zwischen den Zügen 2460 und 2468 statt. Zug 2465 kam von Udine, völlig mit Soldaten besetzt. Bei Beano sal^ der Lokomotivführer den

Aus Stadt und Kund.

Gießen, 29. August 1903.

* * Mlitärdienst Nachrichten. Völker, Garnison- Verwalt.-Kontrolleur in Gießen als Verwaltungs-Inspektor nach Lager Hagenau. Müller, Garnison-Verwalt.-Kon- trolleur in Lager Senne, nach Gießen versetzt.

"Vom Manöver. Die Regimentsbesichtigung der 118er sand am Freitag vormittag von 7 bis 10% Uhr auf dem Uebungsplatz bei Rechtenbach und Lützellinden statt. Anwesend waren der Korpskommandeur Excellenz von L i n - dequist, der Divisionskommandeur Frhr. v. Gall und der Brigadekommandeur Frhr. v. Ledebur. Letzterer hatte be­reits am Donnerstag die Scheiben- und Deckungsarbeiten inspiziert. Heute beginnt das Gefechtsschießen der 50 Bri­gade, es dauert bis 3. September. Das Regiment 117 traf gestern Mittag in zwei Exttazügen in Gießen ein und mar­schierte durch Klein-Linden nach den Orten Dutenhofen, Münchholzhausen, Rechtenbach, Lützellinden und Hörnsheim ins Quartier. Der Stab liegt in Hörnsheim. Das Brigade- Exerzieren beginnt am 3. September bei Rechtenbach. Die 25. Feldart.-Brigade ist am Donnerstag ebenfalls in ihrem Uebungsgelände bei Ehringshausen, Braunfels und Werdorf eingctroffen. Die 49. Jnfant.-Brigade ist z. Z. in Griesheim, wo ihre Schieß- und Exerzierübungen stattfinden. Sie wird um den 10. September über Friedberg ins Manövergelände rücken.

* * Tas Großh. Ministerium öes Innern und der Justiz hat nach einer Notiz derFrks. Ztg." ein Gesuch um Veröffentlichung einer Liste derjenigen Personen, welche den Manifestationseid geleistet haben, abschlägig be- schieden.

* Kanalisation. Die Arbeiten in dem inneren Teil der Stadt sind in der Schanzenstraße bis an die Westanlage, in der Marktstraße, auf dem Marktplatz, Kirchenplatz und Lindenplatz soweit sertiggestellt. Augenblicklich sind die Straßen Wolkengasie, Kaplansgasse und Nordanlage (bis Röhrle's Brauerei) im Bau begriffen. Die nunmehr für die nächsten Wochen bevorstehenden Arbeiten werden sich in der Hauptsache auf den Kreuzplatz, bie Sonnenstraße, Kanzlei­berg und Brandplatz bis zur alten Kaserne erstrecken. Diese Strecke mit Kaplansgasse bildet einen Sammler für sich, während die anderen soeben im Bau begriffenen Kanäle, z. B. Wolkengasse, Schanzenstraße u. s. w., Nebenkanäle des Hauptsieles sind. Auch die Strecke MarktplatzKirchcnplatz ^mdenplatz bildet einen Sammler für sich und zu weiteren großen Sammelkanälen werden die West-, Ost-, Nord- und Südanlage herangezogen. Löwengasse und Westanlage werden ebenfalls voraussichtlich m nächster Zeit m Angriff genommen.

Vermischtes.

* Berlin, 28. Aug. Hier bildete sich ein Verein ür gemeinnützige Abfallverwertung. Das Müll soll sortiert, Speisereste zur Schweinemast und ge­werbliche Abfälle sollen verkauft, Asche und Kehricht für die Landwirtschaft verwertet werden. Der Erlös soll zu wohltätigen und gemeinnützigen Zwecken benutzt werden.

* Berlin, 28. Aug. Der bei der Explosion in der Artilleriestraße schwer verwundete Heizer ist seinen Verletzungen erlegen.

Görlitz, 28. Aug. In Hahr au wurde das Dienst­mädchen &aufe erwürgt im Mühlgraben aufgefunden. Der Mörder ist noch unermittelt.

* Hamburg, 27. August. Heute ist der Ra ub m örd er Speck, welcher in Altona die Witwe Backhaus und in Dresden den ihn verhaftenden Kriminalbeamten Marcus ötete, hingerichtet worden.

* H a m b u r g, 28. Aug. Die Altonaer Polizei verhaftete zwei Falschmünzer, die in der Provinz falsche Zwei­markstücke vertrieben und fand eine große Werkstatt aus.

* Lübeck, 28. August. Ein älterer Unteroffizier erschoß sich aus Furcht vor Strafe, die er wegen Urlaubs­überschreitung zu gewärtigen hatte.

* Bremen, 28. August. Auf dem LloyddampferNeckar" platzte unweit der holländischen Inseln Terschelling das Haupt­dampfrohr. 2 Maschinisten und 5 Heizer wurden stark ver­brüht, 2 andere leichter verletzt. Der Dampfer kehrte mit verminderter Geschwindigkeit nach der Weser zur Reparatur zurück.

* Mailand, 28. August. Die hiesigen Alpenklub­mitglieder D. Casati und der Prokurist Faciti sind seit Dienstag, wo sie den Ausstieg auf den Monte Rosa unter­nahmen, verschollen.

* P o n t r e f i n a, 28. Aug. Am Kraft Aguezza der Ber­ninagruppe stürzten gestern zwei Engländer mit einem Führer nach der italienischen Seite zu ab, gteich-- zeitig stürzte der zweite Führer nach der schweizer Seite ab. Er wurde schwer verletzt, konnte aber trotzdem Nach­richt von dem Unglücksfalle nach Pontresina bringen.

Basel, 28. Aug. Ein Hochstapler, vor dem eine Baseler Zeitung gewarnt hatte, feuerte aus den Red teur Wagner des betreffenden Mattes orei Rev verschüsje ab und verletzte ihn schwer. Der Täter wurde verhaftet.

* Vorn Eisenbahnunglück bei Udine. Der erste Hilsszug traf am dec Stelle, wo sich das Eisenbahnunglück ereignete, um 11 Uhr abends ein. Die Rettungsarbeilen begannen sofort 60Verwundete wurden aus ven Trürn-

Im großen Ganzen gehen die Arbeiten rüstig vorwärts; selbstverständlich bieten sich im Innern der Stadt bei den engen Straßen weit größere Schwierigkeiten, als dies bei den meisten Sttecken des Haupttanals, z. B. in der Bahnhof­straße u. s. der Fall war. In der Kaplansgasse muffen die aufgeworfenen Erdmaffen alle nach der Bahnhofstraße geschafft und dort gelagert werden, ebenso verhall es sich mit dem Mörtel und Baumaterial. Auch mußte in der Bahn­hofstraße, Ecke Kaplansgaffe, abermals zur Bewältigung des Grundwassers eine Dampfmaschine aufgestellt werden. Der offene Stadtringgraben, oder Schorgraben, mündet übrigens nunmehr unterirdisch in den Hauptkanal an der Westanlage, Ecke Bahnhofstraße, und wird sein Wasser von dort mit Be­nutzung dieses Kanals durch die obere Bahnhofstraße bei der Wreseckmündung in die Lahn geführt. Die Strecke West­anlageWieseckmündung ist also gewiffermaßen auf diese Weise schon in Tätigkeit gesetzt.

** Kirchweihfeste finden morgen statt in den Nachbarorten:' Klein-Linden, Rödgen, Großen-Buseck, Stau­fenberg, Kesselbach und Ockstadt bei Friedberg.

** Folgenden hübschen Scherz erzählt die ,FZolkswacht" aus Rheinhessen: Der Herr Bürgermeister vonSchlauheim" feiert seinen 70. Geburtstag. Tas ganze Torf prangt im festlichen Gewände, besonders aber das Gasthaus ,^um dicken Hammel", wo abends das Festessen zu Ehren des Ortsoberhauptes stattsindet. Ter Herr Pfarrer, der Herr Lehrer, der ganze Gemeinderat und' alle hochgestellten Persönlichkeiten von Schlauheim sind an­wesend. Der Herr Pfarrer hält die Festrede und schließt mit den Worten:Unser allverehrter, hochgeehrter Bürger­meister, Herr Johannes Haberbauer, er lebe hoch, hoch, hoch!" Der aber sitzt vor seinem Glase Wein schüttebt das greise Haupt. Ter Lehrer flüsterte ihm ins Ohr:Sie müssen jetzt einige Worte sprechen, Herr Bürgermeister!" Lautlose Stille ringsum; nur auf der Straße hört man den Regen herniederprasseln. Da ruft eine Stimme aus der Mitte der Versammlung:Hannes du muscht ebbes redde!"Steh uff, Borgermaaschter",naa, loßt den alle Mann sitze",er muß aber ebbes redde", so tönt es jetzt von allen Setten. Plötzlich wird es wieder still im Lokale. Der Herr Bürgermeister hat sich erhoben; aller Augen auf chn gerichtet. Und er tat seinen Mund auf und sprach die bedeutungsvollen Worte:Hütt' ich nor mei Geerscht deharn!"

** Ein heiteres Vorkommnis wird in Biugen viel belacht. In einem viel besuchten Hotel hatte dort ein Fremder übernachtet, um sich am anderen Morgen in einem anderen Gasthause mit seinen Freunden zur Rhein- ahrt zu vereinigen. Plötzlich vermißt er etwas, der Pikkolo wttd gerufen, und erhielt Sen Auftrag:Holen Sie mir meinendeker, den ich im L-Hotel auf Nr. 21 liegen gelassen habe; er liegt auf dem Bett." Der Pikkolo eilt, bleibt ziemlich lange, kommt schließlich mit einem umfang­reichen Paket zurück. Darob großes Erstaunen, dann stür­mische Heiterkeit. Anstatt des rotendekers bringt er dem Fremden die glücklich ergatterte rote Bettdecke.

-i- Friedberg, 29. Aug. Das Kriegerdenkmal wird in Kürze eine künstlerische Umfassung erhalten, wor­über der Erbauer des Denkmals, Architekt Hartig aus Aachen, gehört werden soll. Gegenwärtig befindet sich um das Denkmal ein Drahtgeflechte, welches auf den Eindruck des Denkmals sehr nachteilig wirkt und schon oft beanstandet wurde.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Lu st Mörder Weygand, der kürzlich in Mainz verhastet wurde, kam zur Beobachtung eines Geisteszustandes in bie pfälzische Irrenanstalt Klingen­münster.

der ausae fertigt en und voll etti bezahlten Aktien zu einem Pfund ist 241213 Pfund. In der Schlußsitzung referierte Friedernann-Wiesbaoen über die Aenderung des Organi- sationsstatuts. Es wurde beschlossen, daß künftig je Atoev- hundert statt bisher hundert zionisttsche Wähler einen Dele­gierten wählen. Die Nation albibliothek in Jeru­salem soll 2000 Frcs. erhallen. Jeder zionistische Verein soll ihr jährlich drei Stube! zuwenden. Hierauf wurden die Kommissionen und ein großes Aktionskomitee von 50 Mit­gliedern gewählt. Der Ausschuß mit dem Sitz in Wien und Herzl als Präsident wurde Bestätigt. Herzl sagt in seinem Schlußworts der 6. Kongreß habe in keiner Weise das Basler Programm verlassen, obschon man sich für Ost- afrika entschieden habe. Der Kongreß wurde darauf unter Szenen höchster Begeisterung mit Hochrufen auf Herzl und den Zionismus geschlossen.

Beschäftigungsgrad in der Zigarrenindustrie.

Zu den Gewerben, die sich noch immer nicht er­holen wollen, gehört vor allem die Zigarrenindustrie. Der Verbrauch bleibt schwach, obwohsl die Fabri­kanten chn durch billigste Pr ers g e staltung anzu- regen suchen. Die Einschränkung, die große Kreise der Be­völkerung während der letzten Jahre in ihrer Lebens­haltung vornehmen mußten, hat dazu geführt, daß man an Stelle der Zigarre wieder die Pfeife hervorholte oder zu der Zigarette griff, oder auch sich mit Kautabak begnügte. Es geht dies deutlich daraus hervor, daß das Rauchtabak-, Zigaretten- und Kautabakgeschäft ganz erträg­lich geht, jedenfalls viel besser schon als im Vorjahre.

Dem schwachen Verbrauch steht aber noch immer ein sehr großes Angebot gegenüber. Die Fabrikanten ließen zu Anfang der Krise zuureist auf Lager arbeiten, um nicht sofort Arbeitskräfte entlassen zu müssen. Dadurch wurden Vorräte aufgestapelt, die zu einer immer heftigeren Konkurrenz führten. Die Grossisten drücken die Preise tiefer und tiefer. Die gewinnbringende Her­stellung einer Fünfpfennig-Zigarre, die den größten Teil der Fabrikatton ausmacht, wurde dadurch immer schwie­riger. Auch die Grossisten befinden sich aber in einer schwierigen Lage, da die Keinen Fabrikanten und die vielen Konkursausverkäufe ihren Absatz bei den Wirten stark beeinttächtigen. Zu dieser Ungunst der Marktlage kommen nun noch ganz mißliche Kreditverhält­nisse. Ein sechsmonatliches Ziel ist zwar schon lange Handelsbrauch, aber gegenwärtig ist ein doppelt so langes Ziel, das ftüher als Ausnahme galt, zur Regel geworden. Unter diesen Umständen ist die Fabrikation nicht in der Lage, sich zu heben.

Der Rückgang der Erzeugung, der km Jahre 1902 ca. 1015 Prozent betragen hat, dürfte in der gleichen Höhe im allgemeinen auch an galten. Nur ganz große Betriebe, wie in Elbing und Braunsberg, sowie solche mit äußerst niedrigen Löhnen, wie sie sich namentlich in Baden finden, vermögen ihren Umsatz und demgemäß auch ihre Erzeugung zu steigern. Noch immer ist daher der Be­schäftigungsgrad unbefriedigend. Manche Fir­men müssen ihre Filialbetriebe auflösen oder sich aus Bezttken mit höheren Löhnen nach Gegenden mit nied­rigerem Lohnniveau zurückziehen. So hat neuerdings erst eine größere Firma in Bremen Sitz und Fabrik nach Thüringen verlegt. Auf dem Arbeitsmarkt äußert sich die ungünstige Geschäftslage hauptsächlich in der ganz geringen Nachftäge nach Arbettskräften. Entlassungen selbst finden keine mehr statt, da der Arbetterstand schon genug reduziert ist Dagegen vermindert er sich noch vielfach fort­während dadurch, daß abgehende Arbeiter nicht ersetzt werden. Die beschäftigten Arbeiter sind aber heute noch n i ch t v o l l t ä t i g; der V e r d i e n st bleibt daher hinter normalen Jahren wesentlich zu­rück. feine Besserung der ungünstigen Lage ist nur nach einer entschiedenen Belebung der allgemeinen wirt­schaftlichen Konjunktur zu erwarten.

anderen Zug mtt Volldampf entgegentommen und gab sofort Gegendampf. Der Zusammenstoß, der nicht mehr zu ver­hindern war, war furchtbar. Tie Wagen beider Züge stürzten übereinander und wurden zertrüm­mert. Tie Dunkelheit machte den Vorgang noch fürchterlicher, steigerte die Verwirrung und verzögerte dieHilfeleistung. Erst nach zehn Mi­nuten gingen mehrere Meldungen nach Codroipo und Pasian-Schiavonesco mit der Bitte um Hilfeleistung ab. In der Erwartung des Hilfszuges versuchte man, die Ver­wundeten aus den Trümmern zu befreien, was schwierig war wegen der Dunkelheit. Nach Eintreffen des Hilfszuges wurden die Rettungsarbeiten erfolgreich fortgesetzt. Bis­her sind 16 Tote und 60 Verwundete geborgen. Tie Letzteren, von denen 17 lebensgefährlich ver­letzt sind, wurden uacy Udine gebracht. Man glaubt, daß das Unglück dadurch veranlaßt ist, daß der Militärzug 2465 verspätet von Udine abging, um die Verspätung nachzu­holen mit größerer Geschwindigkeit fuhr und mit dem Güterzug 2468 zusammentras, der, von der anderen Seite kommend, die Strecke für frei hielt. Das italienische Königspaar besuchte in einem Automobil die Unglücksstätte. Sodann fuhr es nach Udine, wo die Majestäten in Begleit­ung des Erzbischofs, der Spitzen der Behörden, des Mitttärs und des Zivils das Hospital besuchten, wohin die Ver­letzten geschafft wurden. Nach den letzten Meldungen starben von den Verwundeten weitere vier. Noch weitere Tote wurden unter den ungeheuren Massen der Wagenteile befürchtet. Verwundet sind über 100, darunter mehrere tödlich.Giernale Jtalie" zufolge wur­den der Lokomotivführer des Militärzuges und der Stationschef von Schianevesce wegen Nachlässigkeit verhastet.'

Gistilvchn-Zeitung.

Zur Jr'age der Reform der Eisenbahn- Personentarife erfährt das ,,B. T." aus Fachkreisen: Im Eisenbahnministerium wird gegenwärtig em neuer Plan einer Re­form ausgearbeitet, der bereits am 1. April 1904 in Kraft treten soll. Hiernach soll nur eine Fahrkarten-Kategorie zur Ausgabe ge­langen und zwar nach dem Grundsatz von resp. 6, 4, 2l/2 und IV» Pfg. pro Kilometer für die 1., 2., 3. und 4. Klasse. Für Schnell­züge wird ein Zuschlag von 1 Pfg. pro Kilometer im Zuge selbst erhoben. Militärpersonen erhalten Fahrkarten 3. Klasse zum alten Preis.

Berlin, 20. Aug. Zu den jüngsten Gerüchten vor: der bevorstehenden Refornr des Eisenbahntarifs schreibt die Nat.-Ztg.": Es sei richtig, daß t)ie Eisenbahnverwaltung einen Tarifemheitssatz unter der Abschaffur,g der Rück- und Rundreise­fahrkarten anstrebe, aber dann auf Zuschläge sür Schnellzüge nicht verzichten will. Es sei aber verfrüht, bestimmte Sätze arizugeben, da bisher weder die Generalkonserenz der deutschen Eisenbahnen, noch der Finanzminister dazu Stellung genommen hätten.

Gerichtssaal.

** Gießen, 29. Aug. Strafkammer. ^Verhandlung vom 28. August. Der Küfergeselle Peter Wenk von Sprendlingen, im Juli d. Js. stellen- und mittellos geworden, schlug sein Lager in dem Keller des auf derLiebigshöhe" belegenen Hauses des Wirts Seipp auf. Ungefähr 14 Tage nächtigte er hier und verübte von hrer aus eine Reihe von Diebstählen. So stahl er dem genannten Wirt Nahrungsmittel, bestehend in Würsten, Schinken, Butter u. s. w., rm Werte von ungefähr 40 Alk. aus dessen Küche, ferner die Brödchen, die der Bäcker des Morgens in ein an der Hinteren Haustür hängendes Säckcherr legte. Dem Wirt Schultheiß entwendete er ein Fäßchen Bier und Aepfelwem aus dessen Wirtschastsgarten, dem Flaschenbierhändler Zinn 18 Flaschen Bier und ließ es^.sich gut schmecken. Bald aber ereilte ihn das Verhängnis. Seipp, ourch die sortgesetzten Diebstähle aufmerksam geworden, revidierte seinen Keller und ein herbeigeholter Schutz­mann entdeckte den Angeklagten im Keller. Bei seiner Ver­haftung, die dadurch bewerkstelligt wurde, daß herbeigerufene Soldaten dem Angeklagten einen Strrck um die Beine banden und ihn so aus seinem niedrigen Versteck herausholten, leistete er Widerstand und hat sich daher auch wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu verantworten. Das Urteil lautete gegen den im allgemeinen gesläiidigen Angeklagten auf acht Monate Gefängnis und 14 Tage Haft, welch letztere durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erklärt wurde. Unter der Anklage der schweren Urkundenfälschung in Jdealkonkurrenz mit Betrug stand heute der Arbeiter Franz K o r e ck aus Biskujice, Galizien, vor Gericht. Gelegentlich der Arbeiten der Bahn- untersühruiig in Friedberg fand der Angeklagte Kost und Logis bei dem Wirt Schreitz in Friedberg, nachdem der Betriebsleiter Neuroth für seine Arbeiter gutgesprochen. Auf Grund einer Vereinbarung zwischen dem Angeklagten und dem Betriebsleiter war letzteret besugtz bei der wöchentlichen Lohnauszahlung den vom Koreck dem Schreitz schuldigen Betrag abzuziehen und direkt an Schreitz abzu- führen; zu diesem Zwecke hatte Koreck stets eine von Schreitz aus­zustellende Bescheiliigung über die Höhe seinerForderung vorziilegen. Bei feinem Dlenstaustritt legte nun der Angeklagte eine mit Schreitz" unterschriebene Bescheinigung über 12,75 Mk. vor und erhielt deii Rest ausbezahlt. Die Bescheiliigung unb bic Unterschrift des Schreitz stellte sich aber als gefälscht heraus unb betrug das Guthaben riicht 12,75 sondern 21 Alk. Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen schwerer Urkundenfälschung zu vier Mo­naten Gefängnis, ein Monat erlittene Untersuchungshaft wurde ausgerechnet. Gegen ein verurteilendes Erkenntnis des Gr. Schöffengerichts Friedberg hatte der zu einer Haftstrafe verur­teilte Alitangeklagte Holl Berufung eingelegt. Er soll sich ge­legentlich einer in der Wirtschaft von Rupp in Friedberg entstan­denen Schlägerei des groben Unfugs schiildig gemacht haben. Auf Grund der heutigeli Beweisaufnahme wurde er von Strafe und Kosten freigesprochen. Zwei Beriifungen in Privatklagesachen fanden ihre Erledigung durch Zurücknahme, eine dritte Privatklage­sache wurde zwecks Beiladung von Zeugen auf unbestimmte Zett ausgesetzt.

At a i n z, 28. Aug. In der Privatbeleidigungsklage des iia- tionalliberalen Reichstagskandidaten Dr. P a g e n ft e ch e r gegen den bauernbündlerischen Gegenkandidateri Landlagsabg. Wolff erkannte das Gericht gegen den Beklagten auf eine Geldstrafe von 5 0 Alark und Tragung der entstandenen Kosten.

Eines Diebstahls aus Pietät war die fast 60jähr Näherin Henriette Bugge beschuldigt, die vor der 130 Ab­teilung des Schöffeiigerichts zu Berlin stand. Die gebrechliche Llngeklagte lebt in den ärmlichsten Verhältnissen. An einem ^uli- Nachmittag d. I. besuchte sie das Grab ihres Bruders auf dem Kirchhof. Wie sie vor Gericht unter Tränen erzählte hätte sie so gerne einen Kranz auf das Grab ihres Bruders gelegt dessen Ge­burtstag an diesem Tage war, aber sie hätte die Kosten nicht er­schwingen können. Als sie nun vor dem schmucklosen Grabbüael ae- standcii habe, fei ihr Blick auf beit Nachbarhügel geiallm^ der mit Kränzen beinahe überladen war. Ta habe sie der Versuchung nicht widerstehen können. Sie habe von dem reich geschmückten Grabe einen welken Kranz genommen u.id ihn auf den schmucklosen Hügel rhr'E Briiders gelegt. Ein Kirchhofsauffeher habe sie dabei ertappt. Der Staatsanwalt beantragte gegen die Angeklagte eine Gefangnisftrafe von drei Tagen, der Gerichlshos beließ cs bei dem zulässig niedrigsten Strafmaß - einem Tag Gefänanis

Wegen unanständiger Redensarten die ein Arbeiter aus Goldberg m Schlesien auf einer Ei enbabnfabrt zwischen Lauban und Greiffenberg in Gegeiiwart junger Alädchen führt-, sind dem fchan vorbestraften frechen Bur ch d ; e i M o n a t e G ° f a n g n i s zuerkannt wordeiu Der Vat "r der Mädchen hatte ihil angezelgt (Recht so! Leider läßt sich die deutsche Gut- mutigkett - odert es Feigheit? - auf Eiseiibahnfalm n uiid üi Gasthäusern melzuviel gefallen. Jeder brave deutsche Alaiin sollte es für feine Pflicht hatten, foldxu traurigen Gesellen das Handwett ävi icQcn.)

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