Parlamentarisches.
Berlin, 28. April. Im Abgeordnetenhause «Harte der Minister des Innern, daß er die Jnterpella- tion Gotchein betreffend Sturmschaden nicht beantworten könne, ba. ihm die Berichte über die durch den letzten Sturm verursachten Schäden noch nicht vorliegen. Jedenfalls werde aber die Regierung bet einem Notslande der Bevölkerung helfend eingreifen. Zur konservativen Interpellation über die Benachteiligung der Militär-Anwärter erklärte der Finanzrninrster, daß die Regierung nach wie vor den .Verhältnissen chre besondere Aufmerksamkeit zuwenden wolle. Weiter wurde eine Reihe von Petitionen erledigt.
— Im Reichstage wird die Session, wie nunmehr bestimmt feststeht, am Dounerstagabend geschlossen werden.
Berlin, 28. ApriL Dem preuß. Abgeordnetenhause ging ein von der gesamten konservativen Fraktion unterzeichneter Antrag Riepenhausen zu, die Staatsregierung aufzufordern, dem Notstand entgegenzuwirken, der durch die letzten Stürme die Bevölkerung, vorzugsweise die Fischer in den Küstenbezirken, betroffen hat.
Wahlbeweguug.
Friedberg, 28. April. Aus allen Teilen unseres Wahlkreises Friedberg-Büdingen fanden sich dieser Tage die Vertrauensmänner der natümaUiberalen Partei zusammen und beschlossen unter dem Vorsitze des Rechtsanwalts Win- beder einstimmig, als Kandidaten für den Reichstag den bisherigen Abg. Grafen Or io la wieder aufzustellen.
Aus Stadt und Saud.
** Personalnachricht. S. K. H. der Gvoßherzog en Allergnädigst geruht, am 25. d. Mts. die Ernennung Oberlehrers an der Realschule und dem Progymnasium zu Bingen Professor Gottfried Erckrnann zum Ober
lehrer an der Augustiner schule (Gymnasium und Realschule) zu Friedberg zurückzunehmen und denselben an seiner seitherigen Stelle zu blassen.
** Besitzwechsel. Die Hosraite des Schmiedes Thomas, Neuen Weg 18, welche an das vorn Dachdecker- meister Carlo für 110000 Mk. erworbene Luft'sche Besitztum (Löwen) unmittelbar angrenzt, wurde ebenfalls, und zwar für 36 000 Mk., von Dachdeckermeister Carls gekauft.
** Nationalsozialer Verein. 2ttn 27. d. M. sprach in zahlreich besuchter Versammlung des national- sozialen Ortsvereins Dr. Strecker aus Butzbach über „Kartelle, Syndikate und Trusts'". Eine unaufhaltsame Entwickelungsreihe führe von Kartell zum Syndikat und vom Syndikat zum Trust. Diese letzte Stufe der Entwickelung werde zweifellos auch in Deutschland erreicht werden. Weite Bevölkerungskreise stehen, so führte der Redner aus, allen drei dieser Formen, in denen sich das Kapital zusammen- zuschliehen sucht, mit Mißtrauen und Furcht gegenüber. Aber zu Unrecht. Wohl habe die Entwickelung zürn Trust hin ihre Kinderkrankheiten durchzumachen, doch im Grunde sei sie gesund, berechtigt und notwendig. Nicht hemmen und bekämpfen solle sie der Staat, sondern sie unter verständnisvoller Förderung, aber auch kraftvoller Beseitigung aller schädlich^nAuswüchse dienstbar machen dem allgemeinen Wohl und der großen und glücklichen Zukunft des Vaterlandes. — Dem überaus lehrreichen Vortrag folgte eine ausgedehnte und anregende Debatte. Allerlei Mittel- standsfrageu wurden in Ihrem Verhältnis zu Kartell, Syndikat und Trust gemeinsam erörtert, und eine Reihe von Bedenken gegenüber den Trusts geäußert, die der Referent in einem längeren Schlußwort wirttcngsvoll zu widerlegen wußte. — In einer geschlossenen Nachoersammlung endlich wurde die von den Nationalsozialen bei der bevorstehenden Reichstagswahl einzunehmende Stellung besprochen und vvr- läuftge Beschlüsse darüber gefaßt.
m. Friedberg, 28. April. In baä Steuerkom- Miss ariat wurde eingebrochen Außer einigen Flaschen Wein ist den Dieben nichts in die Hände gefallen Tie Täter sind anscheinend durch ein Fenster des ersten Stocks eingedrungen und gelangten mittels Nachschlüssel in den Keller. Trotz sofort eingeleiteter Recherchen gelang es noch nicht, die (Änbrecher zu ermitteln. — Der Stadtvorstand hat die soforttge Ausschreibung von zwei tocVeren Schutzmann stellen mit einem Anfangsgehalt von 1200 Mk. beschlossen; damit steigt die Zahl der Schutzleute aus sechs.
r. Eberstadt, 28. April. Gestern mittag, nach dem
Brand der fürstlichen Scheunen, war der Untersuchungsrichter von Lich hier, und es wurde ein junger Mensch bald darauf verhaftet und geschlossen nach Lich gebracht. Derselbe ist aus Worms gebürtig und diente hier feit kurzer Zeit als Knecht. Man vermutet in ihm mit ziemlicher Sicherheit den Brandstifter, da er selbst vorher einige -invorsichtige Aeußerungen getan bat
t Ni eoer-B es singen, 29. April. Ter schon feit Jahren projektierte Neubau einer Kreisstraße von hier nach Langsdorf kommt jetzt zur Ausführung. Die Gesamtkosten betragen ungefähr 63000 Mk.
-h- Michelbach, 28. April. Gestern wurde der erste Spatenstich zur hiesigen Quellwasserleitung getan. Tie Quellen liegen am „Gackerstein", wo unsere Gemeinde größere Hutweiden besitzt Von einem Anschluß des „Lehrerheim" an unsere Leitung ist nichts bekannt, vielmehr sucht man zurzeit nach Quellen oberhalb unseres Torfes, um das Wasser in das Bassin der Lehrerheimsleitung, die vor mehreren Jahren erbaut, aber im Hochsommer an Wassermangel leidet, zu bringen.
sd. Darmstadt, 29. April. (Privat-Tet des „Gieß. Anz.") Obermedizinalrat Dr. K r a u ß e r, vorttagender Rat in der Minifterialabteilung für öffentliche Gesundheitspflege, ist heute nacht infolge eines Unfalles, den er am vergangenen Mittwoch beim Herabsteigen von der elektrischen Straßenbahn erlitt, gestorben.
Wiesbaden, 28. April. Heute sind der König und und die Königin von Württemberg nach mehrwöchentlichem Aufenihatte nach Stuttgart zurückgekehrt.
() Gustavsburg, 27. April. In der heutigen Generalversammlung des hiesigen Bürgervereins wurde auch über die Hebung der Wobnungsverhältnisse der minderbemittelten Klassen verhandelt. Aus diesem Grunde nahm der Landeswohnungsinspettor Gretz- schel aus Darmstadt an der Versammlung teil und erläuterte in ausführlichem Vortrage das hessische Wohn- ungsgesetz und wie die darin vorgesehene Wohnungsfürsorge am besten praktisch durchgeführt werden tönne. Die Versammlung beschloß hierauf nahezu einsttrnmig die Gründung einer gemeinnützigen Baugenossenschaft und wählte eine Kommission, welche in Gemeinschaft mit dem Vorstand des Bürgeroereius die weiteren Schritte (Feststellung des Statuts pp.) veranlassen soll. Da von dem hessischen Zentralverein für Errichtung billiger Wohnungen die erforderlichen Grundlagen für die Beratungen geliefert werden und der Landeswohnungsinspektor seine Teilnahme daran zugesagt hat, so wird die Genossenschaft in nicht ferner Zett konstituiert werden können.
Gcrichtssaal.
W. Gießen, 29. April. (Strafkammer.) Ter noch jugendliche Arbeiter W. H. von Gießen hat sich ttn März aus seinem eUerHcC.en Hause entfernt und sich ca. 14 Tage obdachlos umhergetrieben. Er enlleerte in einer Frühe die Weckebeutel, stahl sich dazu von Mllchwagen auch in mehreren Fällen ganze Kannen Mllch und suchte so seinen Hunger zu sttllen. In das etterliche Haus ging H. nicht zurück aus Furcht vor Schläge, die er erwartete, wett er die ©einigen über den Verbleib seines letzten Wochenlohnes, das er vertrunken, angelogen hatte. Wegen der Eigentumsvergehen hat das Schöffengericht den H„ der übrigens bereits einmal vorbesttaft war, zu vier Wochen Gefängnis verurteilt. Gestern nun stand W. H. wegen begangenen schweren Diebstahls vor der Strafkammer. Er will nur um sich auszuruhen und um die an jenem Morgen geftobienen Wecke in Ruhe verzehren zu können am Sonntag den 12. Dllirz durch Einsteigen zum Fenster in die Bauhütte an der katholischen Kirche gekommen fein, wo er einen alten Rock und einen Arbettsktttel mttgenom- men hat Die Strafkammer glaubte dem Angeklagten, daß er in den Raum eingestiegen sei nicht um zu stehlen und nahm dagegen an, daß er auf den Gedanken erst gekommen sei, als er längere Zett in der Bauhütte ver- wettt hatte. H. wurde wegen einfachen Diebstahls zu 14 Tage Gefängnis Verurteilt, die als Zusatzstrafe zu den bereits erkannten vier Wochen, die nod) nicht ganz verbüßt sind, zu einer gesamten fünfwöchigen Gefängnisstrafe zusammengezogen wurden. — Der bisher unbestrafte 19 Jahre alte Gewerbeschüler H. H. von Ober-Sorg hat geständigerweise in zwei Fällen seinen Mttschülern aus den verschlossenen Schubkästen mittels falschen Schlüssels und mittels Sperrhakens zwei Reißzeuge im Werte von ca. 50—60 Mark entwendet Die Strafkammer billigte dem jungen Menschen mildernde Umstände zu, da sonst gegen ihn hätte auf Zuchthaus erkannt werden müssen. Der Gerichtshof verurteilte den H. für jeden der beiden
Fälle $n der Minimalstrafe von je drei Monate Gefängnis und reduzierte die Gesamtstrafe auf fünf Monate. Der Verurteilte ist der Sohn wohlhabender Ettern.
Vermischtes.
• San Remo, 28. April. Frau Wessel teilt in einem Briefe mit, daß ihr Gatte an der Verfolgung und Derutteilung Dreyfuß nicht beteiligt gewesen sei, daß aber andere Komplizen vorhanden feien, deren hohe Stellungen sie verhindere, Aussagen zu machen. Eie erklärte sich in* dessen bereit, vor einem Untersuchungsausschuß die Wahrheit zu sagen und verlangt, daß die Untersuchung in Paris im Ministerium stattsinde, da sich dott sämtliche im Jahre 1900 beschlagnahmten Schriften des Hauptmanns Frttsch befänden. Sie werde dann Beweise liefern und Enthüllungen machen.
• Budapest, 28. April. Bei dem Steueramt in Oravicha wurden große Unterschlagungen entdeckt Der Staffierer und' ein Kontrolleur wurden verhaftet
• Großfeuer. Wie aus Leipzig telegraphiert wird» brannte in dem Vororte Stötteritz ein großes Fabriketadliste- ment bis auf die Umfassungsmauern nieder. Der Schaden wird auf mehrere hunderttausend Mark geschätzt ist aber durch Versicherungen gedeckt
* Vom Feldmarschall Grafen Häseler, der jetzt sein 50 jähriges Dienstjubiläum feierte, er^ihtt man sich folgende hübsche Geschichte: Graf Häseler war als Hauptmann im Stabe des Prinzen Friedrich Start Als der Prinz nach Beendigung des siebentägigen Krieges in dem noch von preußischen Truppen besetzten Böhmen bleiben mußte, residierte er in Prag. Es war am 18. August also am Geburtstage des Kaisers von Oesterreich. Prinz Friedrich Karl fuhr mit einigen Herren des Gefolges nach dem Baumgarten, den herrlichen Gartenanlagen bei Prag, hinaus, wo alltäglich viel Spaziergänger lustwandeln, an diesem Festtage aber besonders zahlreiche sich eingefunden hatten, die festlich geschmückt waren. Am Restaurationsgebäude prangten nationale Jarben, und im Musikpavillon konzertierte die Kapelle des preußischen Garde-Regiments. Da kam dem Grafen Häseler ein glücklicher Gedanke, den er sofort dem Prinzen gegenüber äußerte. Der Prinz stimmte freubia ju, der Wagen hielt auf Befehl des hohen Herrn, schnell stieg Graf Häseler ab, schritt durch die au filiert) am werdende Menge dem Musikpavillon zu, und überbrachte dem in respektvoll dienstlicher Haltung dastehenden Kapellmeister den Befehl des Prinzen. Noch ehe Gras Häseler wieder den Wagen erreichen konnte, intonierte bereits die Kapelle die so lange nid)! dort erklungene, an diesem Tage aber besonders gern gehörte Nationalhymne „Gott erhalte Franz den Kaiser". Tas war ein Jubel der erstaunt aufhorchenden Menge, die zum Teil nun erst den Prinzen erkannte, und laute Beifallsrufe tönten dem schnell davon fahrenden Wagen nach. Das war ein Zug vornehmsten Taktgefühls, der es erklärlich macht, weshalb Graf Häseler gerade dazu ausersehen ward, später im neueroberten Lothringen eine milttättjch bedeutsame Rolle zu spielen.
Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.
— 3«/,pro-. Gießener Stadtanleihe »in» 1908. Bon der Mitteldeutschen Rrebitban! und der Deutschen Genossenschaftsbank von Soergel, Parrisius u. Co., Kornm.-Ges. a. Aktie»» in Frankfurt a. ist der Antrag auf Zulassung von l‘/t Millionen diese» 3'/, pro-. Anleihe zur Frankfurter Börse gestellt worden.
Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.
Gegen Schnupfen: Korman-Aether-Watte (Dose 30 Pfg.f.
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Höchste Temperatur Niedrigste ,
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am 27.-28. April 14
27.-28.
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Wetter
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April 1903.
Bed. Himmel Heller Himm. Bed. Himmel
55 S eo
w. S8W.
740,7
742,3
739,3
7,4
7,9
6,7
c
S
+ 14,0
+ 8,6
+ 64
28.
28.
29.
62
95
96
Gießener Ktadttyeater.
Das süße Mädel.
Operette von Heinrich Reinhardt.
In unserem Stadttheater gab e8 am Dienstag wieder einmal einen großen und ehrlichen Erfolg, lieber die wohl ziemlich neue dreiaktige Operette .Das süße Mädel- von Reinhardt, zu der die Firma Mexander Landesberg und Leo Stein den Text geliefert hat, amüsierte man sich ausgezeichnet bei uns, in auffallendem Gegensatz zu Frankfutt, wo vor etwa Jahresfrist das Publikum des Opernhauses sich fast ablehnend ihr gegenüber verhielt. Tas Libretto, das die genannten Herren zu stände gebracht haben, ist gar nicht übel für eine Operette, mit einer recht merklichen Dosis Witz und Pikanterie versehen, dabei frei von allzu gewagten Wortspielen und Laszivitäten. Die Handlung — sogar von diesem bei Operetten so überaus raren Artikel wurde etwas geboten — ist lange nicht so übertrieben dumm wie die der .Geisha-, des ,Vogelhändlers- rc. rc. Die umständliche Geschichte, die reich ist an höchst verwickelten Fanulienoerhältnisfen, wiederzuerzählen werde ich zu vermeiden wiffen. Rur angedeutet fei hier einiges. Graf Liebenburg jnv. techtelmechtett mit einer Chansonette. Dies ,füf?e Mädel- wird dem offiziell anti- alkoholistischen, in Wahrheit aber recht madelrafreundlichen, aus Siebenbürgen oder da fo wo im Wiener Junggesellen- heim des jungen Grafen plötzlich ailftauchenden Erdonkel als Gattin eines Barons vorgeslellt, als der wieder ein fideler Kumpan des jungen Grafen, ein Maler, herhalten muß. Dieses pseudofreiherrliche Ehepaar wird von bcni guten alten Erbonkel nach seinem Gute eingeladen, unb da spielt sich nun eine Karnevalskomödie ab, die an Tollheit nichts zu wünschen übrig läßt, zumal dort noch das Liebchen des Malers, eine handfeste Masseuse, erscheint, die ihr Hand- .werk an Dlann und Niaus mu Wonne ausübt. Der
junge Graf soll nach dem Plane des Erbonkels unter den unerwünschten Pantoffel feiner Cousine Lizzie schlüpfen, diese aber hat ihre Haube in absolut blinder Liebe aufgespatt für einen „jederzeit- trottelhaften Tschechen, den Sekretär des alten Grafen. Daneben spielen noch die Aliwen- tationsfolgen einer uralten Liaison des Erbonkels eine rührende Nebenrolle, und nachdem der naive Zuschauer steif und fest eins von den beiden süßen Mädeln für das mutterlose Kindlein gehalten hat, wird er schließlich überrumpelt durch den guten Einfall, daß das vermeintliche Töchterlein des alten Grafen — der verrückte böhmische Sekretär ist. Wie jedes alten Schwankes gutes Ende ist auch hier die Zahl der Schlußoerlobungen drei.
Die Reinhardt'sche Musik gefiel noch erheblich bester als der Text und sie kann gefallen, sogar sehr gelobt werden, wenn man sich bei der Beurteilung auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellt. Die neue Operettenkomposition hat in gewisser Weise eine Ähnlichkeit mit bet Hardenberg'schen Bodenreform vor einem Jahrhundert. Wie zahlreiche Gutsherren jener Tage ihrem „Obereigentum- imterstehende, tatsächlich aber durchaus selbständige Bauerngüter m ihren Besitz nehmen konnten, so betrachten die Herren Operettenkomponisten unserer Tage nicht nur die einmal vorhandenen Akkorde, sondern auch eine große Zahl von Melodien, die ihnen gefallen haben, einfach als ihr (Eigentum, das sie durch kleine Veränderungen als ihren Privatbesitz ausgeben. Es kommt nur darauf an, daß sie es mit Geschick und Geschmack tun. Fügen sie dann noch einige eigene Gedanken hinzu, charakterisieren sie sogar hier und da und nehmen Anläufe zur musikalischen Parodie a la Offenbach, daun ist auch der Anspruchsvollere durchaus zufrieden. Reinhardt erfüllt alle diese Bedingungen. Mehr noch als die Textdichter hält er sich von aufdringlicheren Banalitäten frei, seine Walzer haben Schwung, sind wohlklingend und bringen hübsche, sich leicht ms Ohr schnieichelnde Melodien. Ein kleiner Fehler ist nur, daß sie ihm selbst zu gut gefallen haben, und er fic darum gar oft wiederholt. Das Publikum
aber war damit ganz einverstanden und bellatschte sie unt*1 fröhlichem Lachen nach Herzenslust.
Wesentlich beigetragen hat zu der überaus warmen Auf» nähme der Novität die Aufführung, die als vortrefflich bezeichnet werden kann. Die Herrschaften auf der Bühne waren gestern allesamt bester Laune und zeigten ihr Talent und ihre Routine ausnahmslos im leuchtendstenLichte. Es herrschte die auS- gelaffenfte Stimmung, hcuiptsächlich wohl bewirkt durch die Aufgelegtheit unserer beidenHauptdarstellerinnen, derDamen Stöger und Bartl, die mit einander in übermütiger Keckheit wetteifetten und taten, als ob sie im Flirten und Frou-Frou- machen um die Siegespalme zu ringen hätten. Die undankbare Rolle des PariS mit dem EriSapfel werde ich mich wohl hüten zu spielen, denn beide Damen sind mir zu temperamentvoll. Herrn Sommers junger Graf hätte ja ttwaS vornehmer sein können. Seine Stimme aber würde für die doppelte Größe unseres TheatersaaleS auSreichen. Er hat die 'Angewohnheit, den Ton in der Höhe besonders zu forcieren und macht weniger durch glanzvolle, als durch sprödere, härtere hohe Töne Eindruck. Geschmackvoller singt m. E. Herr Nolte, aber besten Stimme ist in der Mittellage nicht nur nicht klangvoll, sondern geradezu unverständlich. Im ganzen war die Vorstellung, um die sich noch die Herren Bruck (dieser darstellerisch wie als umsichtiger und aufs Dekorative diesmal hübsch bedachter Regisseur) Ganzert und Kapellmeister Schatz sehr verdient machten, eine der besten und animierteften, die uns bisher von dem Ensemble geboten wurde. ES gab diesmal fein verspätetes Erscheinen, alle Requistten waren, der Abwechselung halber, stets hübsch zur Stelle, und fo wickelte sich denn das ganze tolle Spiel auf baS luftigste und flotteste ab. P. W.
— Die General-Versammlung be5 Deutschen Bühnen -Vereins, die auf Wu nsch S. K. H. des Großherzogs in diesem Jahre in Darmstadt abgehalten wird, findet am 25., 26. und 27. Mai statt.


