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28.8.1903 Erstes Blatt
 
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Wr. 201 Erstes Blatt. ISS. Jahrgang Freitag 28.Aagnft lSOS

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££5r Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen MW

FernlprechanschtußNr.S1 ** zetgentetl: HanS Beck.

Bekanntmachung.

Betr.: Gefechtsschießen 1903.

In der Zeit vom 29. August bis 2. September l. Js. findet im Gelände von Groß-Rechtenbach von vormittags 6 Uhr bis nachmittags 6 Uhr gefechtsmäßiges Schießen der 49. Jnfanteriebrigade statt.

Das in Betracht kommende Gelände wird von den Ort­schaften Groß-Rechtenbach, Münchholzhausen, Mendorf und Lützellinden begrenzt.

Vor dem Betreten desselben während der Schießübungen wird gewarnt.

Gießen, den 15. August 1903.

Großherzogliches Kreisanrt Gießen.

Dr. Breidert.

Yeue Schreckenstaten im Orient.

Den Dynamitarden der m a c e d o n i s ch e n Bewegung ist es wieder einmal gelungen, Tod und Verderben über unschuldige Reisende und Bahnbeamte zu bringen. Der Schauplatz ihres neuesten Bubenstücks ist eine Bahnstation des Wilajets Adrianopel. In der Station Kuleli-Burgas, dem Abzweigungspunkt der Bahn nach Dedeagatsch wurde aus den Svsianer Postzug, in dem ein Schlafwagen und zwei Personenwagen mitliefen, ein Dynamitanschlag ausgeführt. Sechs Personen wurden getötet, 15 verwundet. Der Anschlag wurde ausgeübt von einem In­dividuum, das den Zug angeblich verpaßt hatte, so daß er den folgenden Zug abwarten mußte. Von den verun­glückten Personen gehören drei dem Bahnpersonal an.

Gs ist nicht ausgeschlossen, daß sich unter den Opfern dieses verbrecherischen Anschlages auch Europäer befinden, denn nach Wiener Meldungen handelt es sich um einen von dort ab gegangenen Zug mit Konstantinopel als Be­stimmungsort.

Ausdrücklich- ist zu bemerken, daß der verunglückte Zug nicht der Orientexpreß-« sondern der srPerrarurte Kon- ventionalzug ift. Der Konventionalzug ist jener Zug, den die Direktion der Orientbahnen durch chre Konzesflon ver- verpflichtet ist, unter allen Umständen unbedingt ver­kehren ' zu lassen, während der Orientexpreß, wie bereits gemeldet wurde, wegen geringer Zahl der Reisenden näch­ster Tqge eingestellt wird. Der Konventionalzug geht von Men ab, doch hatte der verunglückte Zug nur wenige Reisende aus Wien.

Ein derAgence Havas" aus Konstantinopel zuge- gangenes Telegramm besagt, daß der Anschlag von Bul­garen verübt wurde. Amy die türkische Botschaft teilt ein Telegramm aus Konstantinopel mit, nach dem das Verbrechen den bulgarischen Komitees zugeschoben wird. Tas Attentat wurde verübt, als der Zug in Kuleli-Burgas hielt. Unter den Verwundeten trugen 5 schwere Verletze ungeu davon. Es wurden drei Wagen zertrümmert. Ein Individuum ist bereits verhaftet worden. Der Eisen­bahnzug bestand aus Maschine, Gepäckwagen, Postwagen, Schlafwagen, einem ZWgen erster und zweiter und einem Wagen dritter Klasse. Die Personen, welche ihren Tod sanden, waren sämtlich Passagiere dritter, Klasse. Von Rei­senden wurden zwei Frauen und ein Kind, vom Bahn­personal ein Kondukteur, ein Bahnwächter und em Küchen- kellner getötet. Die Bombe wurde von einem Unbekann­ten, der entkam, unter einen Wagen geworfen.

Am gestrigen Donnerstag abend waren bei Ankunft des Orientexpreßzuges in Konstantinopel mit den, bei dem Anschlag auf den Konventionalzug Verwundeten, auf dem Bahnhose Sirkedschi Iskelessi viele Mohamedaner versam­melt; es ereignete sich kein Zwischenfall.

Ferner liegt heute noch eine zw eite Schr eckens- nachricht aus dem Orient vor. Londoner Blätter, melden aus Washington: Der amerikanische Gesandte in Konstantinopel benachrichtigte das Staatsdepartement, daß der amerikanische Vizekonsul in der syrischen 5) äsen stad t Beirutermordet worden ist. Der Gesandte teilte weiter mit, daß die Ermordung bereits am Sonn­tag stattgefunden habe und daß die Vereinigt en Staa­ten strenge Bestrafung der Schuldigen ver­langen.

Präsident Roosevelt hat sofort Befehl gegeben, daß sich das europäische Geschwader der Vereinigten Staaten unverzüglich nach Beirut begeben soll. (SS stehen also erhebliche Verwicklungen bevor.

Politische Tagesschau.

Staatssekretär v. Stengel über seine Fiuauzpläne.

Der neuer ReickMchatzsekretär Freiherr v. Stengel em­pfing in seiner Sommerfrische int Allgäu einen Mitarbeiter derMünch N. N." und äußerte sich ihnr gegenüber in inter­essanter Weise über die Aufgaben, welche ihn in seinem neuen Amte erwarten. lieber seine Zukunftsabsichten als Reichssäckelmeister befragt, sagte Freiherr v. Stertgel zu­nächst, er müsse sich dagegen verwahren, daß die Reden, die er als Bundesrats-Mitglied im Reichstage hielt, jetzt als sein künftiges Programm hin gestellt würden. Er habe damals als Vertreter Bayerns, nicht aber der Reichsleitung, gesprochen, betreff der Reichsfinanzreform gebe man sich anscheinend zu großenErwartungen Yin. Es sei ihm sticht erwünscht, wenn die Ansicht um si.ch greife, er sei gleichsam im Be­sitze einer Wünschelrute, mit der über Nacht glanzende Fi­nanzen hervorgezaubert werden könnten. Man mutzte die Sachlage möglichst nüchtern auffassen. Er glaube, daß

man sehr Lnfrieden sein könne, wenn es d^em-» nächst gelange, ein EiuverstLnduiA unter den gesetzgebenden Faktoren über die Beseitigung der schlimmsten Uebelstande herbeizufuhren, Sie im Laufe der Jahre allmählich hervorgetreten seien, insbesondere die verwickelten finanziellen Beziehungen zwischen dem Reich und den Einzelstaaten klarer zu ordnen, und im Reichshaushalt die sehr erwünschte größere Ste­tigkeit herbeizuführen. Es müßte auch bald der Anfang mit einer planmäßigen Schuldentilgung gemacht werden. Zunächst bedürfe es aber einer Sanierung des Reichsinvalidenfonds, der im Augenblick sehr im argen liege. Von der Eröffnung neuer dauernder Steuerquelleu im Reiche er wisse nicht, wie der Reichskanzler darüber denke lasse sich schwer etwas sagen, bevor nicht sicher stehe, welche Mehrerträge der neue Zo l l- tarif bringen und wie die künftigen Handelsver­träge die wirtschaftlichen Verhältnisse beeinflussen werden. An der Anschauung halte er wie früher fest: das Reich sollte jederzeit für die Deckung seiner Ausgaben tunlichst aus seiner eigenen Steuerkraft a ruf - kommen, der Rückgriff au, die E i n z e l st a a t e n jederr- sells nur eine Ausnahme bilden. Die Einzelstaaten seien infolge der außerordentlichen Steigerung chrerKultur- ausgaben nicht im stand e, in dieser Richtung größere Lasten zu tragen, sie seien großenteils jetzt schon finan­ziell in einer ziemlich bedrückten Lage. Kein billig Denkender werde die Hergabe von direkten Steuerquelleu, die chnen noch geblleben seien, von ihnen verlangen. Befremdet habe es ihn, wenn er schon im voraus alsMinister der neuen Steuern" gleich­sam diskreditiert werde. Man solle doch wenigstens mit solchen Titulaturen warten, bis er sein neues Amt ange­treten habe. Er trete mit den besten Absichten und dem besten Willen an. Finde er bei allen beteiligten Faktoren die entsprechende Unterstützung, dann hoffe er, auch, über die großen Schwierigkeiten, die er nicht verkenne, hinweg- zukommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Aug. An der gestrigen Abendtafel auf Schloß Wilhelmshöhe bei dem Kaiserpa ar nahmen außer den Herren und Damen der Umgebung Prinz Eitel Friedrich und der Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha teil. Heute vormittag machten beide Majestäten mit den an­wesenden Prinzen mit dem Herzog- von Sachsen-Koburg einen Spazierritt. Später hörte der Kaiser den.Vortrag des Kriegsministers und des Chefs des Militärkabinetts. Der Kaiser und die Kaiserin begäben sich am Abend nach Cassel. Im Residenzschloß sand sodann ein Festmahl für das 11. Armeekorps statt. Der Kaiser hielt bei der Tafel folgenden Trinkspruch:

Mein Glas gilt dem Wohle des 11. Armeekorps, zw- sammengesetzt aus thüringischen und kurhessischen Regi­mentern. Es liegt mir am Herzen, dem Armeekorps meinen Glückwunsch auszusprechen, daß es seine Wurzeln wieder weit hinausge tragen hat in die Anfänge der alten Geschichte der land gräflichen und kurhessischen Regimenter. Mein Wunsch für das Armeekorps geht dahin, daß es sich stets, im Kriege wie im Frieden, der hervorragenden Ge- schich-tte dieser Regimenter erinnern möge und daß es siich auch der neuen Ehrung würdig zeigen möge, daß ich ihm gesta ttet habe, seine Traditionen zurückzuführen auf die glorreichen und tap­feren Streiter der früheren kurhessischen Truppen. Mein Glas> gilt dem Wohl, dem Gedeihen uud> dem Blühen des 11. Korps. Hurra! Hurra! Hurra!"

Ter Kaiser verlieh dem Oberpräsidenteu von Schle­sien, Grasen Zedlitz, das Großkreuz zum Roten Adler­orden 1. Klasse mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe.

Wegen dep Schjließung der in ^Altenburg, Neutra l- Moresnet, errichteten Spielbank sind> seitens Preu­ßens bereits die erforderlichen Schritte getan, und es steht zu hoffen, daß dieselben trotz der eigentümlichen Rechts­lage in Neutral-Moresnet bald^ den erwünschten Erfolg haben werden, zumal die belgische Regierung dasselbe In­teresse an einer baldigen Beseitigung der Spielbank haben dürfte. Tie Nachricht, woua^ch- hie endgiltige Regelung der politischen Zugehörigkeit von Neutral-Moresnet auf der Grundlage erfolgen solle, daß das ganze Gebiet nebst seinen Einwohnern Belgien zufällt und Preußen für die Preis­gabe seiner Ansprüche eine entsprechende Geldsumme er­hält, ist nach der ministeriellenBerl. Korr." völlig unzu­treffend.

Nachrichten zufolge, die aus Peking hier eingettoffen sind, ist das Befinden des verwundeten MissionarsHo- meyer zufried en stellend. Bei dem Uebersall wurde auch ein erheblicher sachlicher Schaden ange­richtet, dessen Vergütungvon den chinesischen Be­hörden gefordert wird.

Wild werden will nach der Fusion der zweite Vor­sitzende des nationalsozialen Hauptveveins, Damaschke, der zugleich erster Vorsitzender des Bundes der Boden­reform er ist. Er wird die Fusion nicht mitmachen, son­dern will neutral bleiben und sich in Zukunft ganz der Bodenreform widmen.

Ein vaterländischer Ar beiterkongreß soll Mitte Oktober in Cassel oder in Frankfurt a. M. ab­gehalten werden. Nicht Sozialdemokraten, sondern die vater­ländische und christliche Arbeiterschaft, christliche Gewerk­schaften, evangelische und katholische Arbeitervereine und deutsch-nationale Vereine werden an dieser Kundgebung teilnehmen, die einer freiheitlicheren Gestaltung des Ver­eins- und Versammlungsrechtes, einer Sicherstellung des Köalitionsrechites, der Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und der Errichtung von Arbeitskammeru diente

Kolouialpost.

Nach einer Meldung aus Iota hat die Kommission für die Fesfietzung der deutsch-englischen Grenze im Südmi des Tsadsees die Messungen beendet und ist nach Jola zurückgekehrt längs der abgesteckten Grenzlinie. Nur ein Stamm zeigte sich^ feindlich. Im Alanticagebirge machten Eingeborene mehrmals unerhebliche Angriffe auf die deutsche Kommission. Einige Träger und mehrere Eingeborene wurden getötet. Das durchquerte Land ist wertvoll für Ackerbau und Viehzucht. Die britische Kommission wollte Mitte August nach dem Tsadsee a'ufbrechen. __

Ausland.

Basel, 27. Aug. Vom 6. Zionistenkongretz. Heute referierte Sotolow-Odessa überZionismus und Woltätigkeitsanstalten im Osten." Auch er gelangt zu dem Schluß: Die Gesundung des jüdischen Volkes sei nur durch den Zionismus möglich Kremenetzky-Wien erstattet Bericht über den jüdischen Nationalfonds. Das Ge­samtvermögen beträgt Ende Augwst 1903 18 668 Pfd. Sterl. Imgoldenen Buch^ der Spender von mehr als 10 Pfd. sind 7418 Pfd. eingetragen. Der Fonds für Landankäufe in Syrien und Palästina soll auf 200 000 Pfd. gebracht werden. Dr. Lewan-JekaterinoÄaw reicht namens der gestern unterlegenen Minderheit der 178 Delegierten' folgende Anträge ein: 1. Die Kosten der Ostaftika-Expe- oitton dürfen nicht ans Schekelgeldern besttitten werden. 2. Die Zusammensetzung, Ausrüstung und Entsendung der Kommission wird dem Aktionskomitee überlasfen. 3. Das Aktionskomitee soll einen Kongreß einberufen, der über die Besiedelung Ostafrikas definitiv zu entscheiden hat. Zn der Nachmittagssitzung erstattete Dr.)lffohn-Köln Bericht über dieKolonialbank". Anfang des letzten Jahres begann die Dank ihre Tätigkeit. Als Prinzip gill, Gelder stets flüssig zu halten und nur Geschäfte zu be­sorgen, die rasch abgewickelt werden könnem Die Bank hat einen Gewinn von 6000 Pfund Sterling erzielt und in Palästina eine Filiale. Von der russischen Regierung wird die Bank voraussichtlich die Erlaubnis erhalten, auch in Rußland eine Filiale zu errichten. Auf Antrag der deutschen Landsmannschaft wird beschlossen, eine dreiglie­drige Palästin a-Ko mmissio n zu ernennen, die jid) mit der wissenschaftlichen und praktischen Erforschung von Palästina zu befassen hat. Die Kommission führt die Aufgabe selbständig durch und hat bei Beschlußfassungen des Aktionskomitees, sowie bei der Jahreskonferenz (lleiner Kongreß) eine beratende Stimme. Sie erhält vom Aktions­komitee eine jährliche Subvention von 15 ÖOO Frs. Ebenso wurde der Anttag der Ostaftika-Minorität, daß die Organi­sation der Ostafrika-Expedition, sowie deren Ent­sendung von einem weiteren Aktionskomitee zu geso^hen habe, angenommen. Für die Ostasrika-Expedition sind 1500 Frs. gezeichnet.

Wien, 28. Aug. Der Kaiser trifft hier am Samstag abend von Budapest ein, und begibt sich am 3. September, nach! der Abreise des Königs Eduard, zu den Korps- manövern in Süd-Ungarn. Am 16. September, nach^ Be­endigung der Kavalleriemanöver in Galizien, wird der Kaiser nach Wien zurückkehren, um den am 18. September hier ankommenden Kaiser Wilhelm zu begrüßen.

DerMorgenpost" wird aus Belgrad gemeldet: Dort wurde in der Nähe des Konaks ein 50 Meter langer Minengang entdeckt, der offenbar für die Auf­nahme von Dynamit besttmmt ist. Die Polizei ver­heimlicht die Entdeckung, Für die nächsttägige Rück- ke hr des Fürsten Ferdi n an5 nach Ä)fia wird große Besorgnis gehegt. Beide Bahnlinien werden scharf bewacht.

Aus Stud! und Kund.

Gießen, den 28. August 1903.

Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog haben Allergnädigst geruht, am 19. August d. I. dem Vorstand der Badedirektion und des Tiefbauamts Bad Nau­heim, Baurat Dr. Es er zu Bad Nauheim die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen des ihm von dem Fürsten zu Reuß j. L. Heinrich XIV. verliehenen Ehrenkreuzes 2 Klasse zu erteilen.

** Ein Ausbildungskursus für Fleischbe* schauer findet im Oktober im hiesigen Schlachthaus statt.

** Von der landwirtschaftlichen Ausstellung. Landrat v. Heimburg aus Biedenkopf und Kreisrat Dr. Wallau aus Lauterbach überbrachten am Mittwoch bei einer Audienz S. K. H. dem Großherzog eine Einladung zu der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Gießen. Der Großherzog stellte sein Erscheinen zur Er­öffnung der Ausstellung am 16. September in Aussicht.

** Die Parzellenvermessung und Feldberei­nigung in unserer Gemarkung rechts der Lahn wird bis zum 1. Oktober vollendet. Zwischen der Stadt und der Gemeinde Heuchelheim kam es zu einem Geländeaus­tausch. Die Gemeinde Heuchelheim reichte nämlich mit einem Zipfel weit in die Gemarkung Gießens, während um­gekehrt letztere bis an die ersten Häuser Heuchelheims ging, wodurch die Ausdehnung dieses Dorfes nach Gießen zu ge­hemmt war, ja der Bahnhof Heuchelheim au der Biebcrtal- bahn lag sogar in Gießener Gemarkung.

Das Ministerium des Innern, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat, wie ims aus Darmstadt drahtlich