Ausgabe 
28.4.1903 Drittes Blatt
 
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Dienstag, 28. April 1903

153. Jahrs.

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Giehener Anzeiger

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j Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den ttreis Eiehen.

Parlamentarische Verhandlungen

»em daS Ge-

r?ht,n9 ßUnlnftnnhhf'r TaaeZordnuna' bilden sollte, vorge- man den Vorständen der Ortskrankenkassen den Vorwurf mache, daß 0 f! 208 3 ' fu «efdjärtifoiialiiten zLcht-n. fo bujuly a-ücht. wie di. ütotu.

ien die sozial- standekommenL

stecktem Wege zu erreichen, $n seiner Wirkung ist Beides dasselbe.

rtM. ti_v vi. r. ' ~'0%t Gebäude

6 C n 9ufmAntrag des Abg. Dr Spahn wird nunmehr die drttte Lesung des Gesetzes 6ctr. PhoSohorz u nd w a ar e n die

gebet, die doch da mitzureden hätten, dem zustimmen könnten. Schon diese Erwägung allein widerlege jenes Gerede, das lediglich von Aerzten aufgebracht sei, die ihren Rollegen, die nebenbei So­zialdemokraten sind, ihre gute Kastenprari» nicht gönnen. Da» ganze Vorgehen der Aerzte gegen die Kassen sei überhaupt mehr als sonderbar. AIS ob d,e Kassen an der schlechten wirthschastlichen Lage der Aerzte schuld seien! Er müsse entschieden bestreiten, das, die von der Kaste gezahlten Honorare der Aerzte heruntergingen. ES ginge den Kassenärzten nicht schlechter, al» den Bahnarzten, Polizciärztcn, Armenärzten ufro. Einseitig die Lage der Kaisen­ärzte heben, würde bedeuten, die große Krankenversicherung lahm- legen, um den Aerztestand zu heben und den Aerzten eine stände», gemäße Existenz zu verschaffen. Natürlich sei auch er für eine Bcstcrung der Lage der Aerzte. Doch müstc die Regierung, wenn sie in dieser Beziehung etwa» thun wolle, auch allgemein für die Aerztcschaft, und nicht gerade für die Kastenärzte sorgen und ent- spreäiend die beabsichtigte (Enquete veranstalten. Er Molkenbuhr sei früher Anhänger der freien Aerztewahl gewesen. Durch die Agitation der Aerzte sei er indesten zum Gegcntheil bekehrt worden. Er habe eingesehen, daß die Frage von den Aerzten nicht vom idealen Standpunkt, sondern lediglich von der Erwägung au8 behandelt werde, wie am meisten Honorar au» den Kasten herauSzuschlagen fei. Die Kassenärzte werden in Wirklichkeit nicht so schlecht bezahlt, wie eS den Anschein habe. Die Aerzte könnten bei dieser Honori- rung schon ganz nette Einnahmen haben und könnten ganz aus­reichend davon leben.

Abg. Lenzmann (freit Vp) ist der Meinung, daß eS eine dringende Aufgabe sei, die Acrztefrage zu lösen, und zwar nicht nur im Interesse der Aerzte, sondern auch der Kranken. Er könne sich im Wesentlichen dem Abg. Trimborn anschließen. Bei den Bahn- ärzten benutze die Regierung ihre Macht, um politisch auf die Aerzte emznwirken. Eo sei einem Bahnarzt gedroht, er werde seine Stelle verlieren, wenn er nicht die Agitation für den fortschrittlichen Kandidaten laste. So bald alö möglich müste man die freie Aerzte-

^aatssekretar Gras PosadowSkp erwidert, man könne mit der fflearinbuna wohl einverstanden sein, aber dennoch Bedenken gegen die Form de» Antrags haben. Die einzelnen Restart» hatten selbst­ständig über die ihnen bewilligten Gelder zu verfügen und tragen dem Rechnungshof gegenüber auch die Verantwortung. Vielleicht sei aber eine Mitwirkung dcS Rcichsschatzamt» erwünscht und noth- wendig, um auf eine gleichmäßige Durchführung allgemeiner Finanzgrundsätze hinzuwrrken. Die Frage fet aber von so ffroBcr staatsrechtlicher Bedeutung, daß sie nicht so einfach durch diesen Antrag gelöst werden könnte. _ . .

Abg. Hug (Eentt.) tritt für den Antrag Sattler em, wahrend

Aba Dr. Spahn(Centt.) bemerkt, daß er prinzipiell zwar nicht gegen den Antrag, aber doch dagegen sei, daß eine so wichtige tirag«! m dem jetzigen Stadium der Vcrhaiidlungen so ohne Weiteres erledigt werde. Redner beantragt schließlich d,e Ueberweisung der Materie an die um 7 Mitglieder zu verstärkende Geschaftsordnungskom. m^,Uabg. Dr. Sattler (nat.-lib.) betont, daß durch seinen Anwag erst der verfastungsmäßig richtige Zustand hersestellt werde. Der Reichskanzler sei allein verantwortlich. Allerdin^ hcttten die Ressorts über die ihnen zur Verfügung gestellten tfonb» zu ent= scheiden. Aber die Ueberschreitungen seien ihnen eben nicht zur Verfügung gestellt, fallen also ausschließlich m den Verantwort- lichkeilsbereich des Reichskanzlers. Er bitte, seinem Antrag hier im Plenum stattzugcben. . . w

Präsident Graf Ballestrem betont, daß der Antrag ferner An­sicht nach eine Abänderung bezw. Ergänzung ^rGeschaNsordnung dmstclle, da bis jetzt dem Plenum keinerlei Einfluß auf Handlungen der Immission zuftehe. Daher sei der Vorschlag ®lQ6torDÄtoI(nat.4i6.) gi-bt sich, bet MM*. nicht dem eigenen Triebe, mit dem Antrag Spahü zufrieden.

Der Antrag Spahn wird hierauf angenommen.

Die Ueberficht der Einnahmen und Ausgaben für 1900 wird

Abg. Trimborn ((Eentr.) bestreitet auf» Entschiedenste, daß der qu. Zusoch einen Eingriff in die Selbstverwaltung der Kasten be­deute. Auch unsere Gemeinden, die doch SelbstverwaltungSkörper seien, hätten dieselbe Bestimmung zu refneftiren.

Abg. Stadthagen (Soz.) suchr nachzuweisen, daß diese De- sttmmung die Selbstverwaltung in sehr schwerer Weise beeinträchtige. Für die Nothwendigkeit der Selbstverwaltung beruft er sich u. A. auf einen Ausspruch des Fürsten Bismarck in seinen »Gedanken und Erinnerungen".

Abg. Roesicke ist für den sozialdemokratischen Antrag auf Streichung der neu eingcfügten Bestimmung im § 35. Die Ver­hältnisse der Jnvalidttätsanstalten könne man nicht auf das Kranken- kastengesetz übertragen, denn dort handle c3 sich um staatüche An­stalten und große Objekte, hier aber um Kasten-Vorstände und oft ganz geringfügige Sachen.

Abg. Trimborn polemisirt gegen den Abg. Stadthagen. Eine unberechtigte Beschränkung der Selbstverwaltung könne man nicht in dem Zusatz erkennen.

Nach weiteren Bemerkungen des Abg. Molkenbuhr bemerkt

Staatssekretär Gras Posadowsky, eS sei absolut keine Rede davon gewesen, das Selbstverwaltungsrecht zu beschrälcken. Alle öffentliche Macht komme vom Staate, die Krankenkassen seien keine originären Institutionen, besäßen aber trotzdem weitgehende Rechte. Viel wichtigere Institutionen, B. die Provinzialverwaltungen, müßten sich ein viel schärferes Aufsichtsrecht gefallen lasten, der Oberpräsident hätte sogar dort das Recht, alle Beschlüsse au suSpen- diren, von denen er annehme, daß sie dem Staat schädlich seien. Dort sei es ein Außenstehender, während hier dem Vorsitzenden der Kaste das gu. Recht gegeben werden solle. Von diesem sei doch eine chikanöse Handhabung des Gesetzes nicht zu erwarten.

Nach weiteren Bemerkungen des

Abg. Stadthagen (Soz.) schließt die Debatte.

Der sozialdemokratische Anttag wird abgelehnd, § 35 in der Kommifsionsfastung angenommen.

Bei § 38, der von der verhältnißmäßigen Berttetung bet Arbeitgeber handelt, erflärt auf Anregung des Abg. Trimborn (Centr.)

Gehennrath Dr. Gucken Addenhausen, daß die Entscheidung dcS Oberverwaltungsgerichts in Bezug auf die Anwendung deS Proporrionalwahlsvstems bei den Krankenkassenwahlen nach Ansicht der Regierung nicht zutreffend fet* Das Proportionalwahlver­fahren ließe sich vielmehr in einer Weise auSbilden, daß es den gesetzlichen Anforderungen an die Art der Wahl durchaus genüge. Redner beruft sich auch hierbei auf den bekannten SIzialpolttiker Stadttath Flesch.

Nachdem noch Abg. Stadthagen (Soz.) gesprochen, werden die §§ 38 bis 41 angenommen. Sodann wird die Weiterberathung auf Dienstag 11 Uhr vertont. (Vorher: Interpellation Kohl ((Eentr.), betreffend Fleischbeschau, und Rechnungssachen.)

Schluß 6K Uhr.

Sklaven, die ärztliche DrariS zu einer Marttwaare geworden. Herr Molkenbuhr sagte in Der ersten Lesung, daS sei statisttsch nachgewiesen, daß die Aerzte jetzt bester gestellt wären. Ja, mit der Stattstik ist e» eine eigene Sache. In einem kleinen Ort z. B. starb ein Kind und ein reicher Mannerhing" sich. (Heiter­keit.) FlugS rechnete ein Statistiker auS: In dem Orte starben 50 Prozent durch Selbstmord. (Große Heiterkeit.) Die Aerzte, die mit den Kasten Verträge abschließen, sind ja beinahe dem Hungertode preisgegeben. Die Kassenvorstände bestehen viel zu sehr auf ihrem Schein, ein Kastenvorstand hat sogar einmal ge­sagt:£ie Aerzte müssen unter der Knute der Arbeiter stehen!" (Zuruf bei den Soz.: Namen nennen, wenigsten» den Ortl) Den Namen sage ich nicht. (Zuruf bei den Soz.: Niederträchtig!) Den ZurufNiederträchtig" beziehe ich selbstverständlich nicht auf mich, sondern auf das Verhalten der bett. Kaste! (Unruhe bei den Soz. Vicepräsident Büsing erklärt, den Zuruf nicht gehört zu haben.) Redner geht ausführlich auf die Kassenarztfrage ein und verliest eine große Reihe von Mittheilungen über Kontrakte, die die Kasten

Wahl einführen.

Abg. Frhr. v. Richthofen skonf.) spricht sich geg« demokratischen Anttäge auS. Im Jntereste deS Hust des Gesetzes dürfte man die Aerzteftage nicht mit dieser Novelle verquicken, denn die Aerztefrage fei so kompliztrt, daß man sie nicht

Deutscher Reichstag.

297. Sitzung vom 27. April,

11 Uhr. Ta» Hauö ist schwach besetzt.

Am BundesrathSttfche: Graf PosadowVkh, Frhr. von lthielmann, v. Ttrpih u. A

Rach debatteloser Erledigung einiger RecknungAfachen tritt ba» Hau» in die zweite Berarhung dc» NachtragS-EtatS (Forderung für den Neubau für daS ReichSmarine-Amt).

Berichterstatter Abg. Prinz e. Urenberg referirt über die Kam« mifsionSberathung. Die Kauf Preisfrage gab in der Kommission An­laß zu einer langen und gründlichen Diskussion. Die Grundstücke in der Bellevuesttaße hätten, so wurde bemerkt, keinerlei Konjunktur- Werth, deshalb sei auch der geforderte Preis nach Ansicht von Sach­kennern viel zu hoch. So sei eine» dieser Grundstücke vor 10 Jahren mit 590 000 Mk. bezahlt worden, und jetzt fordere der Verkäufer auch nach der stattgehabten Ermäßigung noch 800 000 Mk. Die Vertreter de» Reichs Marineamt» erwiderten, gerade nach Ansicht der Sachkenner fei diese» Geschäft ein gute» zu nennen. E» sei vom Polizei-Präsidium eine offizielle Taxe eingefordert worden über den Werth aller Grundstücke an der Bellevuesttaße, es sei diese Taxe aber um 400 000 Mark noch höher als der jetzt verlangte Preis. Bei dem einen als Beispiel für die behauptete Forderung angeführten Grundstück lägen die Verhältnisse folgendermaßen: Der jetzige Kontrahent habe daS Grundstück vor 10 Jahren in der Subhaslation für 590 000 Mark erworben, und dabei seien 100 000 Mark Hypotheken ausgefallen. Da nun da» Grundstück bisher er» tragSloS dagelegen batte, wäre e» durchaus leine unmäßige For­derung, wenn unter Anrechnung der ausgefallenen 100 000 Mark Hypotheken und der inzwischen aufgelaufenen Zinsen 800 000 Mark verlangt werden. Man könne ja die Differenz zwischen der ersten Vorlage und dem jetzigen NachttagSetat verschieden berechnen; wenn man aber Kapital gegen Kapital berLcksichtige, fo betrüge die Differenz 802 000 Mark. Die große Mehrzahl der Kommtssion verblieb bei der Ansicht, daß die für da» Marineyrundstück gemachte Offerte zwar recht günstig, die Forderung für bte Terrains in der Bellevuesttaße Dagegen titel zu hoch fei. Die Marineverwaltuna könne ja thr jetzige» Gebäude zu hohem Preise verkaufen und sich Dann ein billigere» Terrain auSsuchen. Die Vertteter Der ReichS- MarinevsNr.iliiing erklärten zunächst e» für unDenkdar, DaS jetzige Grundstück zu verkaufen, ohne ein anDere» Heim gefunben zu haben. Die Untergrundbahn fei keineswegs allein auf Da» Marineamt an» Sc wiesen, könne vielmehr auch durch da» Nachbargrundstück von

Bertbeim Den Tunnel legen. ES feien eine große Anzahl von Grundstücksofferten bei Dem Marineamt etngeaangen, von Denen die bis zur Dritten Lesung De» Etat» vorliegenden sämmtlich ein­gehend geprüft toorDcn feten. Keine habe den zu stellenden An­forderungen entsprochen. Die Gärten in der Königgrätzerstraße, welche in der Diskussion ebenfalls erwähnt worden, könnten ntdjt in Bettacht kommen, weil im Garten DcS Auswärtigen Amt» die Dienstwohnung DeS Staatssekretärs sich befinde. Deren Neubau sehr erhebliche Kosten verursachen würbe, und Die beiden letzten nach dem Brandenburger Thor zu gelegenen Gärten dem Kronfideikommiß gehörten. Nachdem dte Vorlage somit in der eingehendsten Weise nach allen Richtungen hin besprochen und geprüft worden, erfolgte die Abstimmung, welche mit 20 gegen 6 Stimmen die Ablehnung derselben ergab. _ ,,, ,

Da» HauS stimmte ohne jede Debatte dem KommissionSbeschluh zu. Da die Vorlage in allen Theilen abgelehnt ist, findet eine dritte Berathung nicht statt.

Es folgt die Fortsetzung der zweiten Berathung der lieber» sicht Der ReichSauSgaben und -Einnahmen für 1900

Hierzu liegt ein Anttag de» Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.) vor: »Alle Anfragen der Rechnungs-Kommission zur weiteren Auf­klärung der in Den Uebersichten und Rechnungen der ReichSauSgaben und -Einnahmen gegebenen Erläuterungen sind an den Reichs­kanzler zu richten." . ,

Der Berichterstatter Schwarze ((Str.) refenrt über die Ver­handlung der Kommission und ersucht um Sblehung dieses Anttag», da er auch in der Kommission abgelehnt fet.

0bg. Dr. Sattler lnat.-lib.s'befürwortet feinen Anttag, der- felbe fei nur mit 2 Stimmen Mehrheit abgelehnt toorben. Der Antrag sei von großer Wichtigkeit für unsere ganze Finanzverwal­tung. Bei ber EtatSaufstellung spiele freilich ba» Reichsschatzamt eine große Rolle, in ber Rechnungs-Kommission habe der Reich»,chatz- fefretar aber erklärt, baß er über Etatsüberschreitungen und anbere Rechnungsfragen keine Auskunft geben könne, alle Anfragen feten an die einzelnen Restarts zu richten. Die» fei doch em unhalt-

Da» Gesetz ttrfrb fast einstimmig en bloc angenommen. Nur Abg. Dr. Pichler und einige andere Lenttumbabgeordnete stimmen Dagegen.

Hierauf wird die zweite Berathung de» Krankeu-Ber- sicherungS-Gefetze» fortgesetzt.

Die Berathung beginnt beim § 26 a De» bestehenden Gesetzes. Dieser Paragraph fetzt die Leistungen fest, die Die Ortskrankenkassen ihren Mitgliedern zu gewähren haben, ferner setzt er die Kürzungen fest, die durch Ortsstatut beschlosten werden können. Außerdem giebt er den Kasten daS Recht, Verttäge mit bestimmten Aerzten und Apotheken abzuschliehen.

Die Novelle deschräntt sich darauf, nur die Konsequenzen früherer Paragraphen (26wöchentliche rttankengeldzahlung. Kran- kengeldzahlung für Geschlechtskrankheiten u. f. w.) zu ziehen. Die Aerztefrage wird nicht darin berührt.

Abg. Trimborn (tttr.) bemerkt, » werde über da» Abhängig- keitSverhältnih ber Aerzte zu ben Kasten geklagt. Die Kasten sollen sogar zuweilen einen Druck auf die politische Ueberzeugung der Aerzte auSüben. Da müste endlich Wandel geschaffen werden. Redner schlägt vor, baß eine Kommission gebildet werbe au» den legitimen Vertretern ber Aerzteschaft, bie Die Bedingungen fest- seht, unter denen ein Arzt bie Vertretung einer Kaste übernehmen Dürfe. Jeder Arzt, der sich diesen Bedingungen unterworfen, solle zugelaffen werden. Zugleich könne diese Kommission bei vor kom­menden Streitigkeiten al» Schiedsgericht fungiren. Jetzt sei es sogar zu Sttike» ber Aerzte gekommen: gewiß eine widerwärtige Erscheinung! Die Kommiffion habe eine Resolution beschlosten, bie sich mit dieser Materie befdjäftigt Hoffentlich werde auch die Regierung ihr Augenmerk darauf richten.

Abg. Münch-Ferber (nat.»Iib.): T» giebt Wohl kaum fo viel Aufopferungsfähigkeit und Jbealisirung, wie e» im Aerztestand zum Durchbruch gekommen ist. Deshalb sind bie Aerzte auch seiner Zett bei der Krankenversicherung so schlecht weggekommen. Bei un» in Deutschland ist eS nun einmal so: Wer etwa» erreichen will, muß schreien! (Zuruf bei den Soz.: Sie schreien genug!) DaS ist nicht richtig. DaS thun sie erst jetzt. Damals, wie daS Gesetz zu Stande kam, haben Die Aerzte sich nicht zusammengethan. Jetzt haben sich ganz unleidliche Zustände herausgebildet. Da» jetzige Verhältniß der Aerzte zu ben Kastenvorständen ist ein un­würdiges. ES verleitet die Aerzte geradezu, GeschäftSsosialisten zu werden. WeShalb hat die» Gesetz nicht schon bie freie Arztwahl eingeführt? Die Aerzte erhalten jetzt für Konsultationen lächerliche Honorirung, in Berlin 3085 Pfg., für einen Besuch 60 bi» 70 Pfg. Auf dem Lande ist e» noch schlimmer. In manchen ländlichen Bezirken erhalten die Aerzte 6, 7, 8 Pfg. für eine Konsultatton. für einen Besuch 20 Pfg.l Wo soll das hinführen? Die Münchener Aerzte gebrauchen jetzt das Koalitionsrecht, sie kündigen alle Verttäge mit ben Kasten. Al» Kampfmittel empfehlen sie den Sttike. Tm Sttike von Akademikern ist aber eine äußerst traurige Erscheinung! Und schließlich hat doch die Sache selbst nur, haben die Patienten darunter zu leiben. Man muß endlich dieser tieftraurigen wichtigen Sache näher treten und sie einer befriedigenden Losung entgegenbringen. (Lebh. Beifall.)

Abg. Hoffmann-Hall (fübb. Vp.) bedauert es, daß die Regie­rung den Entwurf emgebracht hat, ohne bie Aerzte zu fragen. Die Zustände, bie jetzt bestehen, sind gänzlich unhaltbar. Wenn man heute nicht für die Aerzte sorge, würden wir bester thun, etwas Andere» zu thun. Die Lösung der Aerzteftage ist weit wichtiger als alle anderen Puntte, Denn jetzt sind bie Aerzte beinahe zu

kurzerhand erledigen könne.

Nach weiteren Bemerkungen ber Abgg. Beckh-Kobury (freif. Vp.) und Albrecht (Soz.), ber bemerkt, daß er den Zuruf Niederträchtig" gemacht, weil der Abg. Hoffmann keine Namen nennen wollte, sowie Pohl (freif. Vp.) schließt die Diskussion.

§ 26a wird, unter Ablehnung der sozialdemokratischen Anttäge. in der Fassung ber Kommission angenommen.

§ 35 legt dem Vorsitzenden bc5 Vorstände» bie Pflicht auf, Be­schlüste der Kastenorgane, welche gegen die gesetzlichen oder statutari­schen Vorschriften verstoßen, unter Angabe der Gründe mit auf­schiebender Wirkung zu beanstanden. Dte Beanstandung soll mittels Bericht an die Aufsichtsbehörde erfolgen.

Die Sozialdemokraten beantragen, diese neue Be­stimmung zu streichen.

Abg. Molkenbuhr (Soz.) begründet diesen Anttag. Der Zu­satz bedeutet einen Angriff auf bie Selbstverwaltung ber Arbeiter, bie gewissen Kreisen längst ein Dorn im Auge ist. Sonberbar ist nut, baß bie Regierung in dieser versteckten Weise vorgeht. Im Grunde ist es ja Der Hoffrnannsche Plan, ber kurz vor ber Novelle veröffentlicht würbe unb bamals einen Sturm ber Entrüstung in ben Arbeiterkreisen, weit über bie sozialdemokratischen hinau-, erregt hat. Was dieser offen wollte, daS sucht die Regierung auf ver-

mtt ben Aerzten geschlossen haben.

Vicepräfibent Büfmg ersucht den Redner, im Jnttreste der Verhandlungen nicht fo viel vorzulefen.

Abg. Hoffmann (fortfahrend): Ich habe mir daS Beste bis zu­letzt auf gespart (Große Hetterkeit) und möchte deshalb noch ein bischen vorlesen. Redner berlieit wettete Artikel aus dem Aerzte- Äorrespondenzblatt und anderen ärztlichen Zeitschriften. Ein Ar­tikel trägt bie Uebetschrist:Schamlosigkeit emeS Kastenvotstandes", in allen Artikeln wird über brutale Behandlung ber Letzte geklagt.

Ein Kastenvorstanb hat sich sogar Remunerationen von bem Arzt auSgcbeten, bann würde er auch stets für ihn eintreten. Man müßte eS auch ben Kasten verbieten, mit ben Kurpfuschern, diesen BolkS- betrügem, Verttäge abzuschließen. Man sollte bie Kurpfuscherei überhaupt unter Strafe stellen.

Abg. Spöthmann (freif. Vp.): Man sollte die Lasten nicht auf die Schultern eine» Standes abladen. Man hat aber unzweifelhaft in dem Gesetz ben Aerzten schweren Schaden gethan. Die Gefahr besteht, daß der Aerztestand immer mehr proletarisirt wird. Viel­fach sind Die Aerzte selbst schuld, sie buhlen um bie Gunst bet Kaffem Dem kann man durch die Einführung der freien Aerztewahl ab­helfen. Die Aerztefrage ist längst spruchreif. Bei der jetzigen Be­zahlung ber Kassenärzte ist eine gründliche Behandlung überhaupt nicht möglich, wie können die Kranken da Vertrauen zu ben Aerzten haben. Deshalb muß man balbmöglichft bie freie Aerztewahl unb ein Marimalgehalt einführen.

Abg. Rösicke (freif. Vgg.): Durch die Art und Weife, tote die verschiedenen Aerzte-Vereine und einer der Vorredner die Aerzte vertreten, dient man den Aerzten nicht. Die angeführten Fälle sind, wenn man die große Zahl der nach Tausenden zählenden Krankenkaffen in Bettacht ?iebt, doch immerhin nur vereinzelt I Man braucht da nicht gleich nach Gesetz und Staat zu schreien! Ein po­litischer Druck auf bie Aerzte seitens der Kanenverwaltungen, wenn ein solcher hier und ba vorkommt, ist natürlich unter allen Um­ständen zu verdammen. Man darf da aber auch nicht pharisäisch urtheilenl Jede Partei faste sich an ihre eigene Brust! Wer beein­flusse beim nicht, wo er cs könne? Die Aerzte sollten nicht Hilfe vom Staat erwarten, sondern vielmehr den Weg der Selbsthilfe be- schretten. Gartz verfehlt wäre es. Die freie Aerztewahl gesetzlich festlegen zu wollen. Diese fei in vielen Fällen, namentlich aber für das Land, gänzlich unbrauchbar. Durch bie freie Aerztewahl fei bie Krankenkontrole auch sehr erschwert.

Abg. Molkenbuhr (Soz.) wendet sich acgen die Ausführungen der Abgg. Tttmborn unb Hoffman-Hall^in Der Aerzteftage. Wenn

In einem kleinen Ort | Die Arbeiter finb bie Baumelster gewesen, bie baß gri ' ..... -ber Krankenversicherung errichtet haben. Jetzt, nad)bi

i [ bäubc vollendet und solide und fest dasteht, soll der Baumeister zur Thür herauskomplimentirt werden!

Vicepräsident Büsing ruft nachttäglich den Dbg. Albrecht zur Ordnung, weil er dem Abg. Hoffmann-Hall gegenüber ben Ausdruck ^niederttächtig" gebraucht habe.