Ausgabe 
26.2.1903 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Donnerstag, 26. Februar 1903

153. Jahrg.

trittfignt mit Ausnahme M Gsmckag».

Di .Elehevc Zamilienblätler- werden dem Luzeiger vierma wöchentlich betgelegt. Der ^rtstlch« Laiidwtrl- erlcheml monatlich einmal.

Gießener Anzeiger

efinwhwrfnA für be» efl^frrwtwe» t*

P. ttiuito; tib den Lni-igenieil: 8e<

RntohonSbrud und Verlag be Brühl Ich«»

Uuuwcfuöieöiudnct (Pietsch iibcxl

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

267. Sitzung vom 25. Februar.

Um 1% Uhr erscheint Präsident Graf Dallestrem am Präsidententische, schaut in den fast leeren Saal hinein und beginnt mit lauter Stimme die anwesenden Ab geordneten zu zählen, wobei er bis zur Zahl 6 gelangt, was er mit den Worten konstatirt: Also 6 Abgeordnete!

Am Bundesrathstisch: Graf PosadowSkh u. A.

Die zweite Berathung des Etats des Reichsamts deS Innern wird beim Kapitel Gesundheitsamt fortgesetzt.

Aüg. Dr. Zwick (freis. Vp.) benutzt die Gelegenheit, um sich Wiederum über das Dorsäurcverbot zu äußern, dessen Berechtigung er nach jeder Richtung anzweifelt. Seit mehr als 30 Jahren wird die Borsäure zur Konservirung von Fleisch benutzt. Die Frage hat daher nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine Wirth- schaftlichc Bedeutung. Das Reichsgesundheitsamt ist für die Auf­rechterhaltung deS Verbots; doch sieht ihm das Gutachten einer ersten Autorität, des Prof. Liebreich, entgegen, in dem nachgewiesen ist, daß von einer Gcsundheitsschädliwteit der Borsäure nicht die Rede sein könne. Redner verliest die Aussprüche einer großen Zahl von Gelehrten, die sich alle für die Unschädlichkeit der Borsäure erklärten. Das Borsäure-Verbot kann unseren Handel nur lähmen, da eS den ganzen Fleischexport unmöglich macht. Wenn man durchaus eine Kontrole haben will, dann führe man den Deklarationszlvang für daS Fleisch und die Wurstwaare ein, aber das Borsäure-Verbot muß schon im Interesse der Volksernährung aufgehoben werden. Ich schätze das Reichsgesundheitsamt sehr hoch, aber man kann seine Untersuchungen doch nicht zur Grundlage von Gesetzen machen, wenn die Richtigkeit dieser Untersuchungen von Autoritäten bestritten wird. ES giebt doch noch keine anerkannte Rcichsgcsundheits-Wissenschast.

Abg. Dr. Dcrtel (kons): Der Vorredner hat die Sache der Borsäure zwar mit Begeisterung, aber doch mit maßvoller Besonnen­heit geführt. Dafür bin ich ihm dankbar. ES ist dem ReichSgesund- heitsamt nie eingefallen, sich allein als Autorität hinzustellen und so gewissermaßen eine Reiclzsgesundheitsamts-Wissenschaft zu Ion» ftruiren. Professor Liebreich, auf den sich Herr Zwick beruft, hat sich noch 1895 in seinem Lehrbuch der Therapie dahin ausgesprochen, daß DorsäurcvergifUlngen Vorkommen können. Die Naturen sind ja verschieden. Manche mögen die Borsäure vertragen. Ich habe in meinem Magen schlimme Erfahrungen mit der Borsäure gemacht. ES liegt mir fern, irgend Jemand Voreingenommenheit vorzuwerfen; daS wäre unbillig. Professor Liebreich war jedenfalls nie ein­genommen für die Nahrungsinittclmaßrcgeln des ReichsgesundheitS- omtS. Die Art, wie Herr Dr. Gerlach seine Polemik gegen daS Reichsgesundheitsamt geführt hat, ist jedenfalls unschön und un­sympathisch. Wir müssen uns auf die wissenschaftlichen Autoritäten verlassen; wir selber sind keine Autoriiäten, weder Herr Dr. Zwick noch ich bilden unS ein, cs zu sein. (Heiterkeit.) Und die wissen­schaftlichen Kapazitäten, vor Allem Professor Hofmann, haben sich dahin ausgesprochen, daß die Borsäure unmöglich ganz unschädlich sein könne. Der Dundcsrath mußte das Verbot erlassen als Prä- vcntivmaßregel, selbst wenn noch einzelne Wissenschaftler dissen- tiren. Der ganze Rummel gegen das Borsäurevcrbot ist nur geführt von den Flcischimporteuren und zu meinem Bedauern mich von den Echlächtervcrbändcn. Es ist gesagt worden, daß z. B. Frankfurter Würstchen ohne Borsäure nicht hergestellt und konscrvirt werden können. Mir hat aber ein Fachmann, Herr Stachelhaus, gesagt, daß die Frankfurter Würstchen keineswegs der Borsäure bedürfen. Er habe selber vor 14 Jahren solche Würstchen fabrizirt, die noch heute gut und genießbar seien. (Große Heiterkeit.) Gerade im Interesse des armen Mannes müssen wir an dem Dorsäurcverbot fcst- haltcn; denn dieses verhindert, daß ihm für sein Geld minderwcrthige Waare geboten wird. Man muß die Borsäure bekämpfen vom Standpunkt der Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs. Herr Manasse dessen Namen ja bei Ihnen (nach links) einen guten SUang haben muß hat gesagt, daß die Borsäure nur dazu diene, um minderwcrthigeS Fleisch als frisch und tadellos erscheinen zu lassen. Sie soll die Phantasie des guten Zustandes Hervorrufen, ist also zweifellos ein Mittel des unlauteren Wettbewerbs. Wir er­leben es freilich immer wieder, daß, so oft wir gegen die Surrogate auftreten, immer auf der linken Seite des Hmises dem Surogat ein Vertheidigcr ersteht, der sich mit liebreicher Begeisterung (Heiter­keit) schützend vor dasselbe stellt. Wir wollen bei der Wurst zwischen den beiden Enden schönes, gutes Fleisch haben, und nicht ein prä- parirtes, boracirtes, mumificirtes, undefinirbares und manchmal auch ungenießbares Gemenge. (Heiterkeit.) Wer aber ein unüber­windliches Bedürfniß nach Borsäure hat, der mag in die Apotheke gehen und seiner Wurst so viel hinzuthun, als er mag! Und guten Appetit! (Heiterkeit.)

Abg. Dr. Teinhard (nat.-lib.): Wissenschaftliche Korporationen haben offen ausgesprochen, daß die Frage der Schädlichkeit oder Un­schädlichkeit der Borsäure zwar noch nicht ganz geklärt sei, daß aber doch schon so viel Thatsachen festständen, daß das Verbot der Bor­säure gerechtfertigt sei. Ich richte deshalb an den Reichskanzler die Bitte, das Borsäureverbot aufrecht zu erhalten.

Staatssekretär Graf Posadowöky: Irgend eine autoritative Stelle muß für die Regierungen schließlich vorhanden sein. Wir können nicht lediglich ein kontradiktorisches Verfahren zwischen den einzelnen Gelehrten eröffnen, sondern müssen schließlich durch das Reichsgesundheitsamt entscl;eiden lassen, und diese Entscheidung muß so lange maßgebend sein, bis der Beweis geliefert ist, daß sie auf falscher wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut war. Eine ganze Reihe von Autoritäten hat sich für das Reichsgesundheitsamt aus­gesprochen, so Hofmann, Hernack, Boehm u. Ä. Wir können doch nicht so hilflos wie Pilatus stehen bleiben und fragen: Was ist Wahrheit? Wir müssen eine Entscheidung treffen. Auch in einigen Staaten von Auterika gilt das Borsäure-Verbot, nicht nur für

Fleisch, sondern auch für andere Daaren. Tod Repräsentanten­haus hat vor Kurzem ein Gesetz angenommen, das jede Einfuhr von Nahrungsmitteln, die mit gefälschten oder nachteiligen Zu­sätzen versehen sind, verbietet. Die Waaren, die mit Borsäure ver­setzt sind, sollen nach Zeitungsnachrichten auch unter dieses Gesetz fallen. Ob der Antrag angenommen ist, kann ich noch nicht sagen, Doch zeigt schon die Stellung des Antrages, daß im Repräsentanten­haus auch die Ansichten über das Bor mindestens auseinander gehen. Die amerikanischen Regierungen haben jedenfalls niemals gegen unser Borsäure-Verbot remonstrirt. Daß eine scharfe Kon- trole bei uns besteht, bezeigt fdjon die Thatsache, daß in Hantburg Beschlagnahmen von Fleisch mti Bor vorgekommen sind. Solche Verbote pflegen ja immer in Jnteresscnkreisen zuerst Widerspruch zu finden, bis ein unschädliches anderes Mittel gefunden ist. So war es auch zuerst bei dem Verbot von zinkhaltigen Aepfelswcibtzn. Wir werden jedenfalls das Dorsäurcverbot nicht eher aufheben, bis uns nicht nachgewiesen ist, daß die Unterlagen deS Rcichsgcsund- heitsamts falsch sind. Dies ist aber bis jetzt noch nicht geschehen.

Abg. Dr. LangerhanS (freis. Volksp.) bestreitet, daß der Zusatz von Dorsäure irgendwie schädlich sei. Cs gebe doch viel gemein­schädlichere Genußmittel, wie Alkohol und Tabak, uni) doch wolle Nie­mand dieselben verbieten.

Abg. Dr. Certri (kons.) vertheidigt nochmals daS Verbot. Beim Alkohol und Tabak vergifte sich Jeder fteiwillig: man kenne ja die Schäden, und wem eS Spaß mache, trotzdem zu viel Alkohol oder Tabak zu sich zu nehmen, Der habe sich die Folgen selber zuzu­schreiben. Dagegen sich ohne Wissen und Wollen verboten zu lassen (Heiterkeit), das habe man nicht nöthig.

Abg. Dr. Müller.Meiningen (freis. VolkSp.) bringt die Gchcirn- mittelftage zur Sprache, über deren schablonenhafte Bcha.iDlung die chemische Jndusttie mit Recht Klage führe. Es sei ja selbstver­ständlich, daß man gegen schädliche Mittel vorgehe. Tas brauche man doch aber nicht gegen unschädliche, harmlose Mittel zu thun, die sich der Sympathien weiter Kreise der Bevölkerung erfreuen. Weshalb habe man z. B. Dr. Gustav Richters Pain-Expeller auf die Liste der Gehcimmittel gesetzt, das doch ein beliebtes Mittel sei? Redner bemängelt ferner den Erlaß des preußischen Kultusministers, daß Kurpfuscher, die ihr Gewerbe ausüben wollen, sich beim Kreis­arzt anmelden müssen. Tas sei so recht eine bureaukratische Aus­geburt. Man schaffe dadurch nur ein konzessionirtes Kucvfuscher- thum. Ein Kurpfuscher in Flensburg bezeichne sich jetzt alsbeim Kreisarzt angemeldcter Heilkundiger". (Heiterkeit.) Tas komme von der am grünen Tisch ausgearbeiteten Schablone. Durch daS Geheimmittelverbot sei die Presse sehr schwer betroffen: eS werde schließlich dahin kommen, daß sich jeder Jnseratenredakteur einen Chemiker und einen Mediziner zur Seite halten müsse. Die Materie müsse in einheitlicher Weise reichsgesetzlich geordnet werden.

Staatssekretär Graf Posadowöky: Gegen die Veröffentlichung der Gehciminittelliste haben sich Bedenken erhoben, so daß davon zunächst abgesehen ist. Doch wird jedem Interessenten mikgeiheilt, ob sein Mittel auf die Liste kommt, so daß schon Widersprüche er­folgt sind. Die Sache unterliegt noch der Berathung in einem engeren Gremium. Ist die Liste erst veröffentlicht, so werden auch die Unannehmlichkeiten für die Presse aufhören, da sich dann jeder Redakteur durch einen Blick auf Die Liste überzeugen könne, ivas er empfehlen darf oder nicht. Wir werden nicht allzu scharf vor- gcljen., Tie Leute, die bekanntlich nicht alle werden, wird man auch urch solche Listen nicht schützen können. Doch gegen den gemein­gefährlichen Unfug muß eingeschrillen werden.

Abg. Dr. Derlei (lonjj stimmt den Ausführungen deS Abg. Dr. Müller-Mciningen in Bezug auf die Belästigungen der Presse bei: ein vorsichtiger Annoncenredakteur müßte jetzt immer eine Hand am Portemonnaie haben; man könne den Bundesrathsverordnungcn gar nicht Folge leisten, da man oft die Ausdrücke gar nicht verstehe. Die Veröffentlichung der Liste werde da hoffentlich Wandel schassen. In Bezug auf die Zusammensetzung der Liste habe er volles Ver- ttauen zum Reichsgesundheitsamt.

Abg. Dr. Müller-Meiningen (freis. Volksp.) legt sich nochmals für Richters Pain-Expeller ins Zeug.

Dbg. von Waldow Reihenstein (kons.) spricht seine Genugthuung über die Thätigkeit der neu eingerichteten biologischen Abtheilung für Land- und Forstwirthschaft im Reichsgesundheitsamt aus, die für Pflanzenschutz bereits jetzt Tüchtiges geleistet habe. Gute Er­folge seien schon bei der Bekämpfung der Kartosfelfäule und einer Kieferkrankheit erzielt worden.

Abg. Dr. Müller Sagan (freis. Vp.) zollt gleichfalls der Thätig­keit dieser Abtheilung vollen Beifall, kann sich aber des Gefühles nicht entheben, daß es besser wäre, wenn sie nicht so vielerlei, dafür aber etwas Großes leistete, wenn sie weniger auf Spezialien, als auf große Gesichtspunkte Werth legte. Er selber habe Den Fall erlebt, daß ein Nachbar sich durch Berühren einer Zimmerpflanze eine Ver- aiftungserscheinung zugezogen habe. Die Pflanze habe zu den Primeln gehört, und er habe nachher in der Unterhaltungsbeilage einer Zeitung gelesen, daß durch eine Primelart, die vielfach als Zierpflanze im Zimmer benutzt werde, eine Hautkrankheit hervor- gerufen werde. Derartiges müsse von der biologischen Abtheilung näher erforscht werden; eventuell müsse diese beim Reichsgesund­heitsamt ein Verbot des Handels mit derartigen Pflanzen bewirken.

Abg. Schmidt Frankfurt (Soz.) tritt für die Schaffung eines Reichswohnungsamtes und einer Reichswohnungs-Jnspektion ein.

Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert, daß bereits ein Aus­schuß gebildet sei zur Prüfung der Wohnungsfragen. Wenn dieser Ausschuß noch nichts Praktisches geleistet habe, so liege das an Der Ueberbürdung des Reichsgesundheitsamtes, das u. A. auch die wich­tige Frage Der Verunreinigung der Flüsse zu bearbeiten habe. Ver­gessen sei die Sache aber nicht.

Hierauf wird das Kapitel »Reichsgesundheitsamt" bewilligt.

Die dazu gestellten Resolutionen werden in der dritten Lesung zur Abstimmung gebracht werden.

Beim KapitelPatentamt" wünscht

Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.) eine Vermehrung der Stellen beim Patentamt. 13 Beamte seien in Den Etat neu eingestellt, doch würde dies wohl nicht genügen, um die Geschäfte schneller als bisher zu er­ledigen. Vor Allem fehle eS an höheren Stellen, bei 108 Räthen gebe eS nur 5 Direktorstellcn und einen Präsidenten. Die Möglich­keit, vorwärts zu kommen, sei also ganz minimal.

Direktor im Reichsschatzamt Timlc erwidert, daß mich im nächsten Jahre voraussichtlich eine Vermehrung der Stellen cintrctcn würde. Eine Vermehrung der höheren Stellen bezw. Besserstellung der Beamten könne er jedoch nicht in Aussicht stellen.

Abg. Dr. Paasche bittet im Interesse Der Weiterentwickelung unsere- Patentamtes Die Rcichöschatzverwaltung, ihren Wiocrstand gegen die Besserstellung der Beamten aufzugebcn.

Abg. Dr. Müller-Meiningen beklagt eS, daß das Verhältniß bei Patentamts zu den Patent-Anwälten noch kein günstiges fei. DaS Patentamt dürfte die Patcnt-Atuvälte nicht als jüiie Untergebenen ansehen.

Abg. Eickhoff (freif. Vp.) wünscht eine größere Beschleunigung bei den Eintragungen in das Waarcnregcster und eine größere Spezialisirung dieses Verzeichnisses.

Staatssekretär Graf PosadowSky erwidert, daß er sich deswegen mit dem Patentamt in Verbindung setzen werde.

Beim KapitelReichsversicherungsamt" bittet

Präsident Graf Voll es! rem die Redner, sich in der Debatte nut mit solchen Fragen zu beschäftigen, die wirklich mit dem Versiche­rungsamt in Verbindung ständen. Man habe acht Tage bei dem TitelGehalt des Staatssekretärs" über die Sozialpolitik dcbattrrt und müsse doch endlich mit dem Etat fertig werden.

Abg. Schmidt-Warburg (Centr.) beklagt sich Darüber, daß man in schlesischen Heilanstalten abgclehrst habe, katholische Kranken- schwestern anzustcllcn. Tie Versicherungsanstalten gäben außerdem von ihren Geldern viele Millionen als Darlehen, aber zu ganz ver­schiedenem Zinsfuß. Auffallend sei es, daß man Den katholischen Korporationen stets den höchsten Zinssi ß berechne. Hier dürfte man doch nicht nach konfessionellen Rücksichten Vorgehen.

Staatssekretär Graf Posadowsky bestreitet eS auf5 Entschie» denste, daß in den Heilanstalten die Konfessionen ungleich behan­delt würden. In den Heilanstalten würde sowohl katholischer alS evangelischer Gottesdienst abgehalten. Er sei aber auch entschieden dagegen, daß Jemand gezwungen würde, an einem Gottesdienst einer anderen Konfession theilznnehmen. Bezüglich der Anlegung von Kapitalien habe er schon verfügt, daß jcyt ein besonderer Nach­weis über die einzelnen Darlehen veröffentlicht werde. Tie Gründe deS differentiellen Zinsfußes seien ihm unbekamst, doch dürfe man bei der Anlage von Geldern nur die Sicherheit der Anlagen be­rücksichtigen, konfessionelle Gesichtspunkte dürften nicht in Frage kommen.

Abg. Roesscke Dessau (freif. Vgg): Ich glaube nicht, daß von den Versicherungsanstalten ein Unterschied zwischen evangelischer In­validität und katholischer Invalidität gemacht wird. (Lachen im Gentium.) Dagegen stimme ich dem Kollegen Schmidt-Warburg darin bei, daß Der Krankeusaal kein passender Ort für Andachts- Übungen ist, aber für Andachtsübungen überhaupt, nicht nur für evangelische. Es können ja auch Bekenner anderer Konfessionen oder auch Konfessionslose im Krankenhause fein. Will man durch­aus Andachtsübungen, so veranstalte man sie in einem von dem Krankensaale abgetrennten Raum. (Zustimmung links.)

Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um gegen eine Behaup­tung derKreuzzeitung' Verwahrung einzulegen, daß man die ' ganze sozialpolitische Gesetzgebung den konservativen Parteien zu daiiken habe. Turch solckze Behauptungen, wenn sie unwidersprochen bleiben, bilden sich leicht Legenden, da nur wenige in der Lage finD, fie auf ihre Richtigkeit nachzuprüfen. Allerdings haben die frei­sinnigen Parteien und Mich die sozialdemokratische gegen manche der Arbcsterversicherungsgesctze gestimmt, doch waren chre Motive nicht arbeiterfeindliche, sondern ergaben sich entweder aus speziellen Punkten der Gesetze oder daraus, daß diese Gesetze nicht weit genug gingen. Redner sucht dies nachzuweisen, indem er Die einzelnen G«.sehe durchgeht und die Stellungnahme der einzelnen Parteien zu derselben dargelegt, besonders hebt er hervor, daß auch zahlreiche Mitglieder der Rechten und des Centrums gegen diese Ge ehe ge­stimmt haben. Sodann geht Redner auf die Reden Der Abga Gamp und Hilbck beim TitelGehalt des Staatssekretärs" ein, und führt eine Reihe von Zahlen zum Beweise dafür an, daß die von den Untemehmerii gezahlten Beiträge zu den VersüchcrungS-Ge- setzen nur sehr niedrig seien. In jüngster Zeit ist eS vo>gekommen, daß Berufsgenossenschaften sich dem Centralverband deutscher In­dustrieller angeschlosscn und Beiträge für ihn g-zahlt haben. DaS ist nach dem Gesetz entschieden unzulässig. Die Beschwerde deS Abg. v. Salisch, daß viele Heilanstalten, z. B. Die in Beelitz, zu luxuriös gebaut sind, ist unbegründet. Man hat diese Anstalten nur nach dem berechtigten Grundsatz gebaut, daß für Kranke gerade daS Beste gut genug fei. Hoffentlich wird die Rechte eS sich in Zukunft überlegen, ehe sie von der Tribüne deS Reichstags solche Angriffe erhebt.

Abg. Molkenbuhr (Soz.) klagt Darüber, daß bei so vielen Un­fällen keine Rente bezahlt würde, weil die Unfälle auf dem Wege von und zur Arbest geschehen seien.

Dbg. Schmidt-Warburg führt aus, er habe nicht verlangt, daß katholische Kranke nur von katholischen Schwestern gepflegt werden sollten. Er habe sich nur darüber beschwert, daß in einer üben wiegend katholischen Gegend Katholiken nur von evangelischen Dia­konissen gepflegt würden.

Hierauf vertagt!aS Hang Die weitere Berathung auf Dan» nerstag 1 Uhr. Vorher stehen Petitionen und an letzter Stelle die K r a n k e n - N o v e l l e auf Der Tagesordnung.

Schluß 6/i Uhr.

Macetouien.

Ter russischeRegierungsbote" veröffentlicht folgendes Kommunique über die Reformaktion für Ma- ceoo n i e n :

Tas politische Leben glaubensverwandter Völkerschaf­ten unermüdlich verfolgend, hat die Kaisers. Regierung, durch ihre Gesandten über die wahre Sachlage rechtzeitig benachrichtigt, nicht aufgehört, die ernsteste Aufmerksam­keit der Pforte auf die unaufschiebbare Notwendigkeit der Verbesserung der Lage der Christen in den Vilajets Salo­niki, Kvssowo und Vronastir zu richten. Dem im Oktober 1902 nach Jalta berufenen Botschafter in Konstantinopel wurde die Ausarbeitung eines Projektes der wesentlichsten Reformen aufgegeben, mit der Anweisung, die Pforte auf das dringende Bedürfnis der schnellsten Anwendung der­selben hinzuweifen zur grünbhdjen Beseitigung der Ur­

sachen der Unzufriedenheit der Unterthanen. Eine Mitteil­ung gleichen Inhalts erhielt auch der türkische G.sandle Turkhan Pascha, der den Kaiser in Lwadia begrüßt. Tie türkische Regierung erklärte sich bereit, freundschaftliche Ratschläge zu befolgen. Tas im November 1902 veröffent­lichte Reform-Jrade enthält aber keine genügende Ga­rantie für die Verbesserung der Lage der Christen, dient daher auch nicht zur vollständigen Beruhigung. Trotz der erteilten Ratschläge dauert die Agitation der Revolu­tionskomitees zur Aufhetzung der Bevölkerung gegen die Pforte fort Angesichts der äußerst beunruhigenden Lage beauftragte der Kaiser den Minister des ueubereit anfangs Dezember Belgrad und Sofia zu besuchen und dort im Namen des Kaisers eine Mitteilung folgenden Inhalts zu machen:

Nach wie vor sind Rußlands Bestrebungen darauf ge­richtet, die Pforte zu den schnellsten Reformen in den

drei ,eu.c,.., -.l . . _ y ; .....,s n. i,c dal>.

un;rLLu.> |ü. l f. ..-,.n S.-a.^n, die lichj.cn Maßnahmen zur ^-ahrung der Ruhe auf dem Balkan zu treffen und den revolutionären Absichten L.-ioerstand ent» gegenzujetzen. Nur so kann sie auf Rußland rechnen.

Ter König von Serbien und der Fürst von Bulgarien beeilten sich, oem Grafen Lamsoors zu versichern, daß ihre Regierungen bemüht sein werden, die fernere Agitation zu unterdrüarn. Dtachvem dies Drr.prrchen ersül.t war, sprach die Käisrrl. Regierung der bu.gaUso,cn R.g.erung für die in der letzten Zeit ergriffenen >jiaMiia^meu u,re oorle Be­friedigung aus. Graf Lamsdorf reiste von Belgrad nach Wien, wo zwischen den bewen Ministern des Aeußeren gemäß dem Avkommen von lo9< besondere Beratungen pattfanden. Tieselben endeten mit der Feststellung der Hauptgrundlagen der Reformen in den drei Vilajets. An» sangs Januar wurde das v-v- amm den Botschafter»