Ausgabe 
25.9.1903 Erstes Blatt
 
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Arn Ankauf der Grundstücke Neuen Wea 2 nnt> 4 bot die Stadt insofern ein Interesse, als das Hinterland dieser Grundstücke zur Vornahme einer Ver- brciteninq des Seltersweges in Betracht kommen kann. Beide Grundstücke werden mit Genehmigung der Versamm­lung erworben, s)tr. 2 fiir 38 000 Mark, Provision ein­gerechnet, Nr. 4 für 23 500 Niark, beide also für zusammen 61500 Mark.

Das Gesuch der Firma Gebr.Pletz um Ab­tretung städtischen Geländes an der Klinik- oder Crednerstraße wurde von der Tagesordnung abgesetzt.

Im Sommer schon war die R e p a r a t u r d e r Ei n - fahrt zum Gaswerk beantragt aber nicht genehmigt worden. Der Zustand dort ist inzwischen so schlecht ge­worden, daß für diese Herstellung von der Baudeputation neuerdings ein Kredit von 130 Mark beantragt worden ist, den die Versammlung gewährte.

Vom Vorstand der Fr e i e n Turn er s ch a fL Gi e ß en ist ein Gesuch um lleb erlassun g einer städti­schen Turnhalle für deren Turnzwecke eingelaufen, in welchem bemerkt wird, daß kein anderer geeigneter Saal für diese Zwecke zur Verfügung stände, daß die Freie Turnerschaft eigene Geräte besitze und somit kein Bedenken bestände, daß das fremde Eigentum geschädigt würde. Rektor Hahn hat sich geäußert, die städtische Knabenschule könne dafür zu bestimmten Zeiten zur Verfügung gestellt werden unter verschiedenen Bedingungen, so daß Labakrauchen und Schädigungen der Geräte verboten seien und dem Schul­diener für die Inanspruchnahme seiner Dienste etwas ver­gütet werden müßte. Der Schulvorstand befürwortete die lleberlassung dieser Turnhalle. Es entsteht in der Versamm­lung eine Debatte darüber, ob man eine Pauschalsumme festsetzen solle, die der Verein zu leisten habe, oder ob es sich empfehle, Diiete, Heilung und Licht noch, dem Verbrauch besonders auszuschlagen. Stadtv. Löber schlägt der Ein­fachheit halber die Festsetzung einer Pauschalsumme vor, Heichelheim versuchsweise die lleberlassung für 120 Mk. und den Gaspreis; Stadw. Orbig wirst bei der Gegen­überstellung der lleberlassung der Turnhalle der Realschule an den Männerturnverein den Gesichtspunkt auf, daß man nicht dieselbe Forderung, die man au jenen stelle, festhalten könne, da es ein Unterschied sei, ob man die Turnhalle an 2, 3 oder 4 Abenden in Anspruch nehme. Stadtv. I a n n sprach für eine Pauschalsumme, die Stadtv. Brück und Heichelheim ebenfalls mit Berücksichtigung der Zeit der Inanspruchnahme der Turnhalle. Schließlich macht Ober­bürgermeister Mecum den Vorschlag, man möge für den Abend 50 Pfg. für Miete, 1,20 Mk. für Heizung und 60 Psg. für Licht berechnen; übersteige diese Berechnung indessen den Betrag, den jetzt der Mrännerturnverein bezahlt (120Mk. und die Kosten für Gas), so möge mein an diesem Betrag von 120 Mk. und den Kosten für Gas festhalten. Nach ver­schiedenen Aeußerungmr hier^i wurde der Antrag ange­nommen.

Das Baugesuch des Ludwig Huhu für die Goethesttaße wurde genehmigt, ebenso das des Prof. Dr. Pfeiffer für die Liebigsrraße. Auch das erneute Gesuch von Karl Becker für den Schiffenbergerweg wird nach Abänderung des von diesem geplanten Fachwerkes an seinem Hause nun befürwortet und genehmigt.

Nachdem Oberbgm. Mecum bei dem Gesuch von Heppeler u. Meyer für ihr Haus an der Goethestraße die Befürwortung des erforderlichen Dispenses ausge­sprochen hatte, stellte er auf eine Anregung aus der Ver­sammlung anheim, diese Befürwortung nur zu gewähren unter der Voraussetzung, daß der Nachbar des Grundstückes mit der geplanten Fensteranlage einverstanden sei. Darauf entgegnet Stadw. Petri, dann werde jedenfalls der Nach­bar sein Einverständnis nicht gewähren, und die Gewähr- ung des Dispenses werde so unmöglich gemacht. Oberbgm. Mecum antwortet, die Äadwerordneten würden in der Frage nur gehört, die Entscheidung stunde dem Ministerium zu, und der Dispens könne doch erteilt werden. Stadtv. Schmoll meinte, es hätten doch in erster Linie die Stadt­verordneten das Recht, zu befürworten, nicht aber der Nach­bar des Grundstückes. Bei der Abstimmung wurde die Befürwortung des Gesuches ohne Klausel mit großer Ma­jorität ausgesprochen.

Ein erneures Gesuchdes Rechtsanwalts Jung für die Bahnhofstraße, wobei es sich eines Erkers und Balkons wegen um Genehmigung eines Dispenses handelt, wird befürwortet. Auch mit dem Baugesuch von Jul. Puckstuhl für den großen Steinweg war man einver­standen.

Das Gesuch von Karl Loos für den Kirchenplatz wurde von der Tagesordnung ausgesetzt.

Bauerlaubnis wird Dr. Caesar für den Markt­platz 11 erteilt, und auf Antrag der Baudeputation von der Durchführung der Fluchtlinie dort Abstano genommen.

Eine längere Aussprache rief die Verhandlung über die Feststellung des Fluchtliuienpl anes für die Neuen Bäue hervor. Gegen die Verbreiterung der Straße nach der, wenn man von der Bürgermeisterei aus- geht, linken Seite hin, sind verschiedene Proteste ein­gegangen. So von Ferdinand Weber, Besitzer der Krachenburg", für I. Gg. Weber Erben. Oberbm. Mecum verlas ein Schreiben, unterzeichnet von H. Bourgeois Wwe., Jak. Krämer, Ludw. Keil, Direktor Geb­hard (für den Gesellschaftsverein) undH ch. Gengnagel, in welchem gegen die einseitige Verbreitung der Straße nach der genannten Seite hin Widerspruch erhoben und dafür eingetreten wird, daß eventuell beide Seiten der Straßo zur Verbreiterung herangezogen würden. Es liegt auch, ein Einspruch von Justizrat Re atz vor, wozu das Ties- bauamt und die Baudeputatwn beantragte, ihn abzulehnen. Stadw. Löb er sieht nicht ein, warum man auf der einen Seite 2 Meter fordere, auf der anderen nichts. Man könne doch auf jeder Seite um einen Meter die Straße verbreitern. Nach der Ansicht des Stadw. Schmal! sollte der finan­zielle Vorteil der Stadt nicht zu sehr hervorgekehrt werden und die eine Seite nicht ganz leer ausgehen. Stadtv. Wallenfels spricht für den Antrag der Baudeputation, die Verbreiterung auf derlinken" Seite vorzunehmen. Stadw. Petri ist auch dieser Meinung und äußert, es gebe bedeutende Kosten, wenn man auf beiden Seiten mit der Verbreiterung beginnen würde. Außerdem handle es sich nicht, wie Herr Löber gesagt habe, um 2 Meter, sondern nur um iy2 Meter. Stadtv. Pirr stellt zunächst fest, daß er kein persönliches Interesse an der Angelegenheit habe, da er und seine nächsten Nachkommen an seinem Besitztum nichts zu ändern gedächten. Er wolle aber feststellen, daß, wenn man die Besitzer darum angehe, einen Meter abzu­treten, man im ganzen finanziell vorteilhafter abschließe, als wenn man 2 Meter fordere. 2luherdem Hütten alle Besitzer mit einer Ausnahme auf der rechten Seile immer von der Bürgermeisterei aus gedacht genügend Gelände, um zurückzuweten. Stadtv. Löber tritt dieser Ansicht bei und wäscht event. eine Berechnung der Kosten.

Stadw. Petri meint, wenn man auf beiden Seiten ab­schneide, tue man zweimal weh, und eine Berechnung der Kosten sei wohl vorderhand gar nicht möglich Stadw. Huhn erklärt, eine Berechnung der Kosten sei vielleicht doch möglich, und die nordöstliche Seite der Straße, auf der ziemlich viel baufällige Häuser ständen, sei zur Verbreiterung der Straße wohl geeigneter als die andere. Stadtv. Schaff st aedt will einen Vermittlungsvorschlag machen und empfiehlt, auf der südwestlichen Seite 1 Meter zu for­dern, auf der anderen 1/2 Meter. Oberbgm. Mecum spricht dagegen, daß man auf zwei Seiten die Verbreiterung vor­nehmen könne und widerlegt die Meinung, es sei eine Be­rechnung der Kosten möglich Man könne gar nicht ab seh en, was für die Gelände gefordert werde. Es sei auch nicht richtig, daß man von den Eigentümern auf derlinken" Seite" bie Abtretung von V/2 Dieter fordere, sondern die Stadt sei ja in der Lage, hinter den Häuserreihen von ihrem Gebiete den Besitzern einen Meter breites Gelände vom Flutgraben zu überweisen, sodaß es sich also nur um die Abtretung von Va Meter handele. Schließlich könne man auf der linken Seite auch eher mit der Verbreiterung vor- gehen.

Tie Mstimmung über diesen Punkt ergibt, daß die Majorität für den Antrag der Baudeputatwn ist, wonach man auf der linken Seite, von der Bürgermeisterei gedacht, die Fluchtlinie sestlegen solle.

Tie Kündigung eines Darlehens aus der Landeskulturrentenkasse und Uebernahme auf die Landeshypothekenbank, wobei 12 Mark Zinsen weniger zu zahlen sind, wird durch ein Schreiben des Großh. Ministe­riums veranlaßt und von der Stadwerordnetenversamm- lung genehmigt.

Die Baugenossenschaft des Evangelischen Arbeitervereins hat für ihre Zwecke ein Darlehen nötig. Sie ersucht die Stadt entweder um Gewährung der Garantie, die sie braucht, um bei der Landeshypothekerrbant ein Darlehen aufzunehmen, oder um lleberlassung eines Darlehens von der Stadt selbst Das letzte wird von Oberbgm. Mecum vorgeschlagen, aber die Fincmzkommifsion hat sich diesem Vorschlag nicht angeschlossen, da sie dies nicht für die Aufgabe der Stadt erachtet, und beantragt nur, die gewünschte Garantie zu übernehmen. Stadtv. Löber ist auch dieser Meinung, während Stadw. Petri, der übrigens Vorstand der Baugenossenschaft ist, sich dem Vorschlag des Oberbürgermeisters anschließt Stadtv. Schm all erklärt, die Stadt habe andere Aufgaben, als solche finanziellen Pläne durchzuführen. Stadtv. Heichel­heim verweist darauf, daß die Stabt nicht, wohl aber die Hypothekenbank einen Fonds für solche Zwecke besitze. Auch Stadtv. Wallenfels will von der Gewährung eines Darlehens nichts wissen, und Stadtv. Hanau fragt Herrn Petri als Vorstand der Baugenossenschaft, ob es erlaubt sei, daß Häuser der Baugenossenschaft an Dritte verkauft werden könnten, worauf Stadw. Petri erwwert, ein der­artiger Handel an Dritte sei ausgeschlossen. Darauf wird nach dem Antrag der Finanzkommisswn nur die Bürgschaft, um die die Genossenschaft ersuchte, gewährt.

Auch die vom Evangelischen Arbeiterverein geplante Errichtung einer Kleinkinde rbewahran st alt, wofür der Verein die Unterstützung der Stadt in Anspruch nehmen will, ruft eine kleine Debatte hervor. Zunächst verlas Oberbgm. Mecum ein Gutachten von Pfarrer Nau­mann, in dem dieser die Notwendigkeit einer zweiten Kleinkinderbewahranstalt bestreitet. Es gebe Außenteile der Stadt, die für die Beschickung einer solchen Anstalt am Watzlarerweg garnichl in Bewacht fämen._ Die jetzt bestehende Anstalt liege im Mittelpunkt der Stadt, nehme von allen Stadtteilen Kinder auf und sei keineswegs über­füllt. Diese Anstalt sei für die Armen bestimmt, während die geplante neue Anstalt offenbar andere Zwecke ver­folge. Die Finanzwmmisfion hat sich, wie Oberbgm. Mecum mitteilte, dieser Ansicht angeschlossen und befürwortet eine Unterstützung nicht. Stadtv. Petri betont den humanen Gedanken der Anstalt; allerdings solle sie zunächst nicht unter die Aussicht der Geistlichkeit gestellt werden. Stadtv. Löber ist nicht für die von dem Verein geforderte Unter­stützung; vorerst sei die Anstalt kein Bedürfnis. Auch Stadw. 3 an n meint, man solle in der Bewilligung von Geldern vorsichtig sein und lieber warten bis sich zeige, ob die neue Anstalt als lebens- und leistungsfähig sich erweise. Stadtv. Gaffky meint, die Frage sei ausschlag­gebend, ob es sich bei der Errichtung der neuen Anstalt um arme Kinder handele. In diesem Falle würde er unbedenklich für eine Unterstützung stimmen. Als über das Gesuch des Vereins abgestimmt wurde, ergab sich seine Ab­lehnung.

Zum Verkehr der Radfahrer auf den öffent­lichen Wegen wiro nach dem Anwag der Baudeputation ein Kredit von 150 Mark für Aufstellung von Warnungs­tafeln bewilligt.

Zwischen Krofdorf und der alten Kaserne in Gießen wird für das Dr 0 schkensuh r w esen ein neuer Taris eingeführt; bis zum Friedhof ani Rodberg soll die gleiche Taxe gelten wie nach Textors Hardt.

Der Unterricht an der Fortbildungsschule, der seither am 15.'Oktober begann, soll fortan mit dem 1. Oktober beginnen und ein ytachwagskredit von 260 Mark dafür bereit gestellt werden.

Tas Gesuch des Reichskomitees zugusten der durch Hochwasser Geschädigten um Unterstützung wurde einstweilen zurückgestellt.

Zum Verein für Hessen-Nassau zur Be­schäftigung Arbeitsloser ist die Stadt beigetreten.

Es folgen Wirtschaftsgesuche. Die Erlaubnis zum Wirtschaftsbewieb wurde erteilt W. Louis Schäfer für Schanzenswaße 18; August Wallenfels für Markt­platz 15; Phil. Rupp für Schützenswaße 1. Die Gesuche von Georg Kraft für Hildebrandswaße 2, Wilhelm Schröder für Vrandplatz 13, Jak. Muth für Frank­furter swaße 36 wurden abgelehnt.

Zum Schluß der Sitzung wurde beschlossen, derSchutz- Mannschaft für ihr 25'jähriges I u b i l ä u m am nächsten Donnerstag als Fe st lokal die Turnhalle der höheren Mädchenschule zur Verfügung zu stellen,

und ferner, das Kabel für die elektrische Be­leuchtung des Gießener Volksbades auf städtische Kosten zu übernehmen.

Danach trat die Versammlung in die geheime Sitz­ung ein. Darin wurden Personalangelegenheiten erledigt. Die Stelle des städtischen Vollziehungs­beamten (Pfandmeisters) ist dem Steueraufieher G e r - ^mann ans Groß-Gerau übertragen worden. An der Volksschule wurde als weitere H a n d a r b e i t s l e h r e- r i n Frl. Ella Müller von fyter, die bisher als Volontärin tätig war, ernannt.

Die Versammlung deutscher Yaturforscher und Aerzte.

in.

Kassel, 24. Sept.

In der Abteilung für Neurologie sprach Dr. Rolf Wich­mann aus Harzburg über die Ner vosität derLehrer und Lehrerinnen. Der Vorwag stützt sich auf die Ergebnisse einer Umfrage, welche der Referent vor zwei Jahren bei den Lehrern und Lehrerinnen ganz Deutsch- lands anstellte. Zu dem Zweck versandte er 10 000 Frage­bogen an die Lehrerinnen und veröffentlichte Fragebogen in den Fachschriften der Volksschullehrer. Bon 780 Lehre« rinnen und 305 Lehrern sind ihm beantwortete Fragebogen zugesandt worden. Es waren unter den Einsendern 259 wanke Lehrer und 540 wanke Lehrerinnen. Ein größerer Teil war erblich nervös belastet. Nervenwankheiten kamen bei den wanken Lehrern und Lehrerinnen zu 68 v. H. vor, ferner bei den Lehrerinnen Bleichsucht zu 42 v. H. Orga­nische Herzwankheiten sanden sich bei Lehrern zu 3 v. H., bei Lehrerinnen zu 0,9 v. H. Das Vorwiegen der Herz­wankheiten bei den Lehrern erklärte' sich wohl aus dem größeren Alkoholgenuß bei ihnen. Dr. Wichmanns Statistir ergab, daß sämtliche Lehrer und Lehrerinnen, loelche wäh­rend ihres Examens an nervösen Beschwerden gelitten haben, später dauernd nervenwank geworden sind. Sehr oft leidet der Unterricht durch die Nervosität der Lehrer und Lehrerinnen. 54 v. H. der nervenwanten Lehrer haben ihre Ferien verlängert, 41 v. H. der Lehrerinnen desgl. Es setzen nach dieser StatisM die nervenwanken Lehrer den Unterricht öfter aus als nervenwanke Lehrerinnen. Dr. Wichmann fand ferner, daß die Gefahr, an Nervosität zu er Wanken, in den ersten fünf Jahren nach dem Examen besonders groß ist. Die Sorge für die Angehörigen spielt bei den Lehrern, weil sie meist verheiratet sind, eine größere Rolle als bei den ledigen Lehrerinnen. Interessant ist, daß die nervösen Lehrer etwas schneller abgenützt werden, als die nervösen Lehrerinnen. So unterrichteten z. B. die nervösen Lehrer einer Gruppe im Durchschnitt 13,8, die nervösen Lehrerinnen der entsprechenden Gruppe 14,8 Jahre. Dagegen sind nervöse^ Lehrer doch tagsüber geistig etwas leistungsfähiger als nervöse Lehrerinnen, denn die nervösen Lehrer vermögen täglich einige Stunden mehr zu unterrichten ohne zu ermüden als nervöse Lehre­rinnen.

Der Kongreß nahm nach einem mit Beifall aufgenom­menen Vorwag Professors Conwentz-Breslau einstimmig eine Resolution an, in der die Besttebungen des preuß. Kultusministers zur Erhaltung der Naturdenk­mäler freudig und dankbar begrüßt werden und die Hoffnung ausgesprochen wird, daß die vorgeschlagenen Maßregeln zu baldiger Durchführung gelangen.

Heber Deutsch - Südwest - Asrika als klima­tischer Kurort'für Lungenkranke erstattete Dr. Katz, Berlin, ein sehr interessantes Referat. Er enUvickelle ein Programm, welches mehr für die wohlhabenden Klassen berechnet ist. In unserer Kolonie herrscht eine sehr gleich­mäßige Jahrestemperatur, die Tages- und Nachtschwanr­ungen sind bewächtlich, so daß dort die Nachtluft kühl und erquickend ist. Während des Winters kann man den ganzen Tag im Freien sitzen. Die Luft ist rein und trocken, der Himmel ewig heiter und blau wie in Griechenland; kurz unsere Kolonien sind das geeignetste Land für Lungen­kranke. Besonders wäre die Ansiedlung schwächlich ge­bauter junger Leute mit Tuberwilose-Disposition anzu­raten. Die Kolonisten kaufen sich dort eine Farm, die zum Preise von 4050000 Mark erworben werden kann. Tie Zahlung des Kapitals kann ratenweise erfolgen. Weni­ger kapitalwästige Leute können als Verwalter, Beamte, Arbeiter in solche Farmen eintreten. Wie Ihr Bericht­erstatter von zuverlässiger Seite erfährt, hat sich hier heute vormiwag ein Komitee von hervorragenden Aerzten und Professoren gebildet, um die Anregungen des Vor­wagenden in die Praxis umzusetzen.

Heute vormittag fand im Sitzungssaale der hygieni­schen Abteilung dieJahresversammlungdesdeut- jchen Vereins sür Bolkshygiene statt, die von sehr zahlreichen Mitgliedern, insbesondere auch Damen, besucht war. Den ersten Vorwag hielt Herr Äiedizinalrat Pros. Dr. Breitung aus Koburg über das Thema:Tic sozialpolitische B e b eu t u n g der Volks- Hygiene". Mehrfach von Beifall unterbrochen führte der Redner ungefähr folgendes aus: Jede hygienische Frage ist zugleich eine moralische und soziale. Schon das alte Testament sagt: Auf daß es Dir wohl ergehe und Tu lange lebest. Das Wohlbefinden des Einzelnen ist aber die Vorbedingung für das Wohlbefinden des ganzen Volkes. Aus minderwertigen Individuen kann sich kein vollwertiger Staat zusammenfetzen. Vian muß unter­scheiden zwischen der sozialen und der s 0 zi a l i st i - sch en Bewegung. Letztere ist zerstörend, revolutionär; erstere aufbauend und erhaltend. Die soziale Reform Der trägt sich mit jeder Regierungsform, von der Republik bis zur Despotie. Auch unsere Könige und Fürsten sind von sozialem Geiste durchdrungen. Am weitesten sind wir in dieser Beziehung in Deutschland! wir werden von der ganzen Welt um unsere soziale Gesetzgebung beneidet. Toch bleibt noch aus diesem Gebiete viel zu tun. Eine der wichtigsten Fragen, die wir noch zu lösen haben, ist die Wohnungsfrage. Ferner muß eine G ast wirt- schastsrefiorm herbeigeführt werden. Cs ist ein un­würdiger Zustand, daß freie Männer, die sich sonst gegen jeden Zwang aufbäumen würden, gezwungen werden, alko­holische Getränke zu sich zu nehmen, sobald sie in einer Wirtschaft essen wollen. Redner befürwortet keine Zwangs­gesetzgebung gegen die Gastwirte, wie sie manche erstreben, aber die Gastwirte sollen uns ebenfalls nicht zwingen, Bier oder Wein zu winken, wenn wir nicht winken wollen. Zum Schlüsse befürwortet Redner die Abtrennung der Medizinal-Angelegenheiteu vom preuß. Kultusministerium und die Schaffung eines eigenen Ministeriums der V 01 k s g e s u n d h e i t mit einem hervorragenden Arzt und Hygieniker an der Spitze.

Ten zweiten Vortrag hielt Dr. K. Beerwald aus Berlin, Generalsekretär des Deutschen Vereins für Volks­hygiene über:Die Verbreitung der Volks­hygiene, das wirksamste Mittel im K a m p f e gegen die Kurpfuscherei." Er führte aus, daß der eigentliche Kampf gegen die Kurpfuscher dem Staate ob­liege, der seine Angehörigen, wie gegen jeden Betrug und Schwindel, auch gegen die Schädigung und Ausbeut­ung durch die Kurpsu)cher zu schützen habe. Den Aerzten könne man nicht zumuten, in die Volksversammlungen zu gehen und nut den gänzlich ungebildeten Kurpfuschern über wissenschaftliche Fragen zu diskutieren, luic man dem Kunstmaler nicht zumuten werde, sich mit einem Anstreicher über die Prinzipien der Malerei auseinanderzusetzen. Aber Durch die weiteste Verbreitung von hygienischen Kenntnillen

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