böser bekannt, daß die Stadt Hungen den Antrag um llÜberlassung des Molkereibrunnens zur Wasserversorgung der Stadt gestellt habe. Die Stadt habe bereits in der Nähe des Brunnens eine Mühle zu 13000 Mk. angekauft und will das Brunnenwasser nach der Stadt pumpen, lieber diesen Antraa kam es zu einer sehr lebhaften Debatte. Man einigte sich schließlich dahin, daß von jeder zur Molkereigenossenschaft gehörigen Gemeinde zwei Herren in eine Kommission gewählt werden sollen, welche mit der Stadt weiter verhandeln und das Resultat der nächsten Generalversammlung rur Genehmigung vorlegen soll. Es soll zunächst auf Kosten der Stadt Hungen eine Probe gemacht werden, ob das Wasser für Stadt und Molkerei ausreicht. Der Molkereibrunnen ist sehr wasserreich, hat eine Tiefe von 50 Meter und wurde mit einem Kostenaufwand von rund 6000 Mk. errichtet.
§ Ober-Seemen, 24. März. Nunmehr erhält unser Dorf, das schon einige Zeit mit Gedern telephonisch verbunden war, eine Fernsprech-Leitung nach dem preußischen Dorfe Kirchbracht über Nieder-Seemen—Illnhausen.
-l. Schotten, 24. März. Unser Herbftmarkt findet nicht, wie irrtümlich in vielen Kalendern angegeben ist, am 13., sondern am 20. Oktober statt.
Q Darmstadt, 25. März. Einen seltenen Kunst- aenuß bot unter der Flut von «enterten, die jetzt noch säst täglich das musikliebenbe Publicum auf den Deinen halten, der gestern abend zum Besten der Pensionsanstalt Deutscher Journalisten und Schriftsteller im großen Saal zur Traube arrangierte Solistcnabend. Unter dem zahlreich versammelten Publikum bemerkte man auch Se. Exz. Herrn Staatsminister Rothe mit Gemahlin und Ihre Durchlaucht Frau Gräfin Marie von Erbach-Schönberg mit Tochter. Den Hauptanziehungspunkt des Abends bildete der bekannte Wagnerdarsteller und Heldentcnor des Wiesbadener Hoftheaters, Herrn Siegismund Krauß, ein gebotener Hesse, der unter begeistertem Beifall mehrere Gesangsstücke von Hugo Wolff, Richard Strauß und Robert Schumann zum Vortrag brachte; ferner erfreute die kvnzerlsängerin Fräulein Gertraud Wertschitzky aus Leipzig mit einer italienisch gesungenen Arie aus Händels ,^Lerxes" und mehreren Liedern für Alt, während die beliebte Hofschauspielerin Frl. Paula Müller, die uns leider mit dem Schluß der Thcatersaison verlassen und an das Deutsche Theater in Berlin übersiedeln wird, sich mit einer Anzahl Rezitationen heiteren Inhalts aujs köstlichste amüsierte. Mehrere Violinpiscen des reichtalentierten Großh. Hofkonzertmeisters H. Bo bell von hier und Klaviervorträge des Herrn Paul Ruppli aus Wiesbaden vervollständigten das Programm des Abends, der hoffentlich ein recht reiches Ergebnis für den schönen Wohltätigkeitszweck ergeben wird. — Nach dem Konzert fand zu Ehren der mitwirkenden Künstler ein Abendessen statt, an dem sich die hiesigen Schriftsteller und Vertreter der Presse mit ihren Damen beteiligten.________________________________________
Vermischtes.
* Berlin, 24. März. Heute nachmittag gegen 4 Uhr brach in der Bücherei der französischen Kirche auf dem Gendarmenmarkt ein Brand aus, der bald lokalisiert werden konnte und keinen erheblichen Schaden verursachte.
♦ Berlin, 24. März. Infolge von Nahrungssorgen hat der Kaufmann Haberland gemeinsam mit seiner Ehefrau Selb st mord begangen. Durch Rückgang seines Geschäfts war er in finanzielle Schwierigkeiten geraten und da er mit der Miete rückständig blieb, hatte ihn der Hauswirt, ohne mit Exmission zu drohen, aufgefordert.
sich eine andere Wohnung zu suchen. Heute fanden Hausbewohner das Ehepaar in ihrer Wohnung erhängt vor. Die Verzweiflung, einen heute fälligen Wechsel nicht bezahlen zu können, dürfte die Eheleute zum Selbstmord veranlaßt haben.
* Magdeburg, 24. März. Der Lokomotivführer des gestern abend kurz nach 6 Uhr auf dem Borstadtbahnhofe Neustadt von Berlin eingetrvffenen Personenzuges bemerkte mehrere hundert Meter vor der Station auf dem andern Geleise große Felsstücke, die den um dieselbe Zeit vom Hauptbahnhofe abgehenden Schnellzug Magdeburg-Berlin zum Entgleisen bringen mußten. Der Lokomotivführer des Personenzuges fuhr dem Schnellzuge mit Volldampf entgegen und konnte demselben auf freier Strecke das Haltesignal geben. Nach Beseitigung des Hindernisses setzte der Schnellzug mit einiaer Verspätung seine Fahrt fort. — Heute früh stürzte sich eine junge Dame von der Kvniasbrücke in die Elbe, deren Persönlichkeit bisher nicht festgestellt werden tonnte. Die Leiche ist noch nicht gefunden. Sie dürfte infolge des starken Stromes abwärts getrieben sein.
♦ Hoyerswerda, 24. März. Heute mittag entstand durch eine Kesselexplosion auf der Grube „Saxonia" ein Brand im Verwaltungsgebäude unb VorratSschuppcn. Mehrere Personen sind verunglückt, die Feuerwehren der umliegenden Orte sind rur Hilfeleistung herbeigerufen.
♦ Mannheim, 24. März. In Käferthal bei Mannheim ist heute vormittag ein Arbeiter beim Entleeren einer Düngergrube erstickt, ein zweiter, der ihm zu Hilfe eilte, fand den gleichen Tod, ebenso zwei weitere Arbeiter.
* München, 24. März. Wie die Blätter aus Innsbruck melden, wurden von den am Sonntag an der Reitherspitze verunglückten jungen Leuten zwei tot, der dritte schwer verletzt aufgefunden.
* London, 24. März. Nach einem Telegramm aus Matlock Bath (Derbyshire) wurden dort heute 1 Uhr 30 Min. nachmittags drei leichte Erderschütterungen verspürt, welche 30 Sekunden dauerten. Die Erderschütterungen riefen unter der Bevölkerung Beunruhigung hervor.
♦ Brüssel, 24. März. Eine Feuersbrunst zerstörte in der letzten Nacht mehrere Nebengebäude der Guiden-Kaserne. Der Schaden ist sehr beträchtlich.
♦ Paris, 24. März. Wie aus LangreS berichtet wird, wurden daselbst gestern abend acht Gebäude durch Feuersbrunst zerstört. Der Brand dauert noch fort. Ein Bataillon Füsiliere ist an den Rettungsarbeiten beteiligt.
* Wien, 24. März. Bei dem nachts von Prag nach Wien abaelassenen Personenzuge der Franz Iosefsbahn ist bei der Einfahrt in die Station So bi es lau ein Personenwagen entgleist. Drei Personen erlitten leichte Verletzungen.
* Bozen, 24. März. Das Alpen Hotel Fontane Fredde ist samt Nebengebäuden vollständig nie der - gebrannt.
* Bozen, 24. März. Die Dörfer Dovena und Meano sind nacheinander niedergebrannt. Es liegt wahrscheinlich Brandstiftung vor.
* Newyork, 23. März. Der frühere kgl. sächsische Hofzahnarzt O'Brian stellte in Unterredungen mit Berichterstattern in Abrede, aus Sachsen ausgewresen zu fein. O'Brian erklärte, Prinzessin Luise fei seine Patientin unb auch eine persönliche Freundin seiner Frau gewesen. Ihre Besuche bei ihn. hätten zu Redereien Anlaß gegeben, unb daher habe er Maßregeln ergriffen, um dem ein Ende zu machen. Das sei vor sechs Jahren gewesen, seitdem sei er mit der Prinzessin nicht wieder zusammengetroffen, außer einmal 14 Tage vor ihrer Abreise von
Dresden in Ausübung seines Berufes. Er bezeichnet eZ aö unwahr, daß er der Prinzessin Unterricht tm Radfahren erteilt habe, er habe die Prinzessin niemals allein gesehen und niemals einen Bries von ihr erhalten. Ebenso unwahr fei, daß seine Frau jemals beabsichtigt habe, sich von ihm scheiden zu lassen. Frau O'Brian bekräftigte diese Mitteilung ihre? Gatten, wobei sie freilich bemerkte: ,^Zch glaube, die Kronprinzessin ist in meinen Mann verliebt."
(ßfridjtsfnaL
Altona, 24 März. Heute begann vor der ersten Strafkammer des hiesigen Landgerichts der Prozeß gegen den Kapitän und den erst.'« Steuermann des Dampfers „Hansa", Hermann Sachs und Adolf Wahlen, wegen fahrlässiger Tötung. Die Angeklagten sind beschuldigt, den Untergang des Dampfers „Primus" v e r s ch u l d e t zu haben, infolgedessen 102 Passagiere ertrunken sind. Die Angeklagten bestreiten die schuld. Sachs bemerkt, er habe, als er etwa 150 Meter vom „Primus" entfernt war, kommandiert „Ruder halb rechts." „PrimuS" war verpflichtet gewesen, Links-Oiuder zu geben. Wahlen schließt sich den Ausführungen Sachs im Wesentlichen an und bemerkt, er habe nur dessen Befehle weitergegeben. CS wurden der Kapitän dieses Schiffes, PelerS. und der Steuermann desselben unter Aussetzung der Verewigung vernommen. Kapitän Peters sagte aus, er habe, als er die „Hansa" sah, keine Wendung gemacht, sondern gerabeburd) gehalten und sich im nord- lichen Fahrwasser bewegt, weil er zum Aussetzen von $aflogieren mehrfach anlegen mußte. Der Steuermann äußerte sich in ähnlicher Weise. Kapitän Luzatti vom Dampfer „Delphin" bekundet, es sei wohl allgemein üblich, im nördlichen Fahrwasser zu fahren, aber nur am Tage, wenn man sich vergewissert habe, daß das Fahrwas.er vollständig frei ist; andernfalls sei es zu gefährlich. Rach Vernehmung weiterer Zeugen wurde die Verhandlung auf Mittwoch vormittag vertagt. Morgen abend soll eine örtlich Inaugenscheinnahme stattfinben.
ikiirlte lilflouiim'H.
Originalbrahtmeldungcu des Siebener Anzeigers.
Montreux, 25. März. Tie Verschlimmerung bes Expräsidenten Steijn besteht in dem Rückfall in eine alte Gelenklähmung. Die Aerzte hoffen indessen auf völlige Wiederhersteltung. Tas Befinden KrügerS gibt, wie aus San Remo gemeldet wird, zu ernsten Besorgnissen Anlaß.
Konstantinopel, 24. März. Der Generalinspektor Hilmi Pascha meldet: Im Dorfe Czapc, Dilajet Monastir, wurde der Türke Natabar getötet und dessen Mutter gespießt.
Xaflfmä«ni$(h« Verein unb Ort$-GewerbeVerein Gienen. Der für heute ««gesetzte VIII. Vortrag muß wegen Erkrankung des AezitatorS Otto Veck ausfallen.
2557 Die Vorstände.
Gießener Stadtthcaler.
Liebelei.
Schauspiel in drei Akten von Arthur Schnitzler.
Ter Wiener Student Fritz Lobheimer hat eine Liebschaft mit einer vornehmen Tarne, die ihn zu einem Duell zwingt. Gerade da die Katastrophe herannaht, fängt er eine Liebelei mit einem kleinen Mädchen an, mit Christine Deiring, der Tochter eines kleinen Musikers. Der Student lmrd im Duell erschossen und Christine, darüber verzweifelt, giebt sich selbst den Tob.
Diese einfadje Geschichte, wie sie des öfteren sich nicht nur in Wien ereignet, nicht erst aus dem Gestern geboren unb sich immer ziemlich gleich, ist die Fabel der Liebesdichtung „Liebele i".
Den Inhalt des breiartigen Stückes fasse ich absichtlich so kurz zusammen; denn je einfacher, schlichter und alltäglicher der Stoff ist, um so größere Anerkennung gebührt seinem Gestalter für eine der feinsinnigsten und lebenswärmsten Dichtungen unserer neueren Literatur.
Die Handlung — dieser Begriff läßt sich kaum auf das Werk von Arthur Schnitzler anwenden. Jeder der Akte ist ein abgeschlofsenes Bild für sich, die einzelnen Bilder selbst aber sind stabile Zuftandsschilderungen ohne Pointen. Als markantestes Moment tritt die scharfe Beobachtung hervor und die echt künstlerische Gabe, das Körnchen Poesie, das auch dem nüchternsten Tinge efgeti, zu erfassen und anderen mit den Sinnen wahrnehmbar zu machen. Tic nicht erhebliche Bühnenwirksamkeit des Stückes beruht zum größeren Teil auf dem zweiten Pärchen, das mit seiner Liebelei lustige Amoreltcntotlen um den Ernst schlingt. ,Liebelei" aber ist eine feine, eine lyrische Tichtung. Das zeigt sich in tausend liebevoll durch- zeführten Einzelheiten, denen kein unniitz wirkendes Rank- oerk anhängt.
Auch in der Charakterzeichnung finden wir fast immer die sichere Hand eines gereiften Künstlers.
Tie Charaktere sind so einfach als wahr. Christine Weiring in der schlichten Schwermut der ersten tiefen jungfräulichen Liebe, mit dem am Weltlauf verblutenden Herzen; Mizi daS frohlebige en tout eas-Mädel, mii gutem herzen unb gereiftem Weltsinn: der alte Weiring, einer der vielen Abkömmlinge von Schillers Srabtpfeifer Äiiller, vielleicht ein wenig zu sehr jenseits von gut und böse, lebenS- erfahren, mit einem .Herzen von einfadjer Größe, wie er es nur von einem Poeten geschenkt erhalten konnte, der seine eigene, die Anschauung einer KünsUcrseele, vom Leben hat unb seiner Tochter das bischen Liebelei in ihren kurzen Blütentagen gönnt; Theodor, der witzige Plauderer frivoler Feuilletons: — nur Fritz Lvbheimers Charakterisierung sagt nicht recht zu. Ter Dichter aber hat ihn sicher so gewollt, keinen Helden, aber auch keinen Lumpen, unb das Stück wäre verändert, wenn Fritz, der wie Theodor an allen Süßigkeiten gern nascht, die ihm erreichbar sind, etwas älter wäre, wenn er mehr lieber* legenheit, (Ä-fahrung unb Willensstärke besäße, mehr oaust, mehr Egmont wäre.
Theodor ärgert sich über die Liede von Freund Fritz zu
einem reifen Weibe. Laß ab davon, sie ist dir nicht gesund — meint er. Es ist überhaupt töricht, sich in eine „inter- effante' Frau, in ein .dämonisches Weib" zu verlieben. Eine Frau soll weder intereffant noch dämonisch sein, sie soll nichts tragisches an sich haben, sie soll vor allem gemütlich, frohlaunig, unbedeutend fein und zu leben verstehen. Und bann — überhaupt die Liebe! DaS ist nichts für einen jungen Mann; eine ernste Liebe ist eine drückende Fcsiel, eine Aufregung ohne Ende. Dagegen aber so eine Liebelei mit einem fügen kleinen Mädel, daS einen so des abends um 8 oder 9 Uhr regelmäßig an einer bestimmten Straßenecke trifft, wenn eS von, Nähen oder vom Bügeln oder aris dem Putz- .laden kommt, ein Mädchen, daS die Sache nicht emft nimmt, sondern wie er nur als em kleines reizendes Spiel, daS man heute anfängt und nach einigen Wochen schmerzlos, ohne jede Aufregung beiderseits abschließt, — ja, daS ist das Rechte. Aber selbst bann, wenn man ernstlich liebt, ist eine kleine Liebelei baneben auch ganz nett. ES ist Erholung von ben geistigen Strapazen ber ernsten, ber „großen” Liebe.....
DaS ist gemeiniglich der männlichen Jugend „WeiS- heit* von der Liebe und der Liebelei. Und
der jungen Putzkünsllerin schlauer Wellinstinkt faßt
ihre ganze Lebensauslegung in den Satz zusammen: „Kein Mann ist wert, daß man sich um ihn eine einzige vSse Stunde macht*. Darum flattert sie vergnügt von Tanz zil Tanz, von Freund zu Freund ....
Zu Beginn deS JahreS 1895 war die Berliner Premiere bet „Liebelei*. Arthur Schnitzler, der jetzt von ben Anti* femiten Wie,iS Besehbele, stellte sich dem Publikum beS Deutschen Theater? tn seiner blonden Locken wohlgeordneter Fülle vor. Seme „Liebelei* war die erste Anknüpfung eines l literarischen Verhältnisses zwischen Oesterreich und dem deutschen Reiche. Er brachte den Reichsdeutschen den zarten HuldigungSgruß einer Generation, die, in der Zeit der Degeneration ihrer Heimat aufgewachsen, mit Erstaunen die starke Regenerierung reichSdeutscher Kunst ansah und sich bemühte, den verlorenen Vorsprung wieder emzuholen. Liebe zur Heimat drückte Jung-Wien die Feder tn die Hand, Hochachtung vor der neu erstehenden reichsdeutschen Kunst ließ sie sich an imfcre Muster anlehnen. Schnitzler zahlte seine Schulb mit der That, und indem er nach leichSbeulschcm Vorbild Wiener Wesen frei und schlicht zu schildern suchte, vereinigte er Hochachtung und Heimatsliebe in anerkennenswerter Synthese. Er ist ein Wiener von heute, der unS daS alte Wien schildert, das ehemalige, daS aiich daS gegenwärtige ist und das künftige fein wird; jenes liebenswürdige Sich- und Andere gehen laßen ....
Tie Christine gab damals die Sorina und ich erinnere mich ihres großen Erfolges. (Sine fast weihevolle Stimmung herrschte den Abend über in dem Theater an der Schumann- Üraße .... Bei uns hat man wohl zum Teil die Zartheit der Tichtung mißverstanden und mancher mokierte sich über dieses Jugend-Milieu, zumal über diese empfindsame
Christine, die Dr. Gustav Wethly in seinem unlängst erschienenen Buche „Tramen der Gegenwart* *) mit Recht „nächst Hauptmanns Hannele die poetischste Mädchengestalt der deutschen Modernen* nennt. Und doch war unsere gestrige Aufführung, nehmt alles in allem, wohlgelungen. Der Preis gebührt Frl. Würtemberg, der Benefiziantm, durch die die dramatische Elegie Schnitzler« Gestalt erhielt. Frl. W. schöpfte aus tiefer Empfindung und in schöner Natürlichkeit verkörperte sie daS Schicksal Christinens, die so Diel Seele und Anmut mit so viel Gretchennaioität, kindlicher Hingebung und tragischer Tiefe vereinigen soll. Die liebliche Erscheinung der jungen Künstlerin entspricht im Aussehen schon unserer Vorstellung von der zarten Christine, und ihr inniges, wahres, zuweilen auch von Leidenschaft beseeltes Spiel tat das übrige zum echten künstlerischen Erfolge. In ihrem allzu heißen Bemühen, Gutes zu leisten, ohne jedoch die volle innere Sicherheit zu besitzen von ihrer Leistungsfähigkeit, schien diese oder jene Bewegung, dieser oder jener Ton einmal verfehlt, mehr gemacht als empfunden, und die großen tragijchen 3)loniente dcS letzten Alles brachten nicht ganz die rechte Steigerung und erschütternde Wirkung. Aber die naive Ursprünglichkeit und LebenSwärrne, die die tragende Rolle der „Liebelei* als Wesentliches erheischt, sind Fräulein W.'s Kunst in vollem Umfange eigen.
Ter alte Weiring deS Herrn Ramsey er hatte schon in der äußeren Erscheinung unb Haltung etwas RührenbeS. Ergrclfenb war die väterliche Angst bet der mild zuredenden Vorbereitung des hier vielleicht allzu ahnungsvollen Kindes auf den entsetzlichen Schlag. Mit verhaltenem Atem und der vorn Dichter gewollten sentimentalen Schwäche spielte Herr v. Stahl den Fritz; keck, fesch unb resolut, rote es ebenfalls der Dichter oorfchneb, Frau v. Stahl-Bünau das fest auf die Stiefeletten gestellte Wiener Madel. Ter Theodor des Herrn Gerlach war so leich'lebig und humorvoll als er sein sollte, nur hätte er noch etwas verliebter unb etwas selbstbewußter, von ber leicht überlegenen Ironie eines eleganten FlaneurS fern können. Die alte Binder ist wohl noch immer «was kokelt, trotz der ehrbaren MaSke, die sie trägt. Frau Jenny zeigte nichts davon, dafür aber um so mehr von ihrem immer erfreulichen Humor. „Em Herr* hat nut eine einzige kurze Szene und kaum ein Dutzend Worte zu sprechen, und doch erfordert diese Rolle einen ersten Darsteller, weil sie daS Stück an dcm Rande deS Abgrundes vorüber- führen muß. Seme Worte sollten rote Tonnerschläge wirken. Herr Heypcry ut noch fern erster Darsteller, er platzte in daS Licdesniahl als allzu fictnemcr Gast.
Tic Regie leistete ganz Erfreuliches unb brachte auch bie intimen Reize beS full deiche,benen Musikerheims in an- prechenber Wei<e zur Geltung. P. W.
•) Verlag von Ludolf Beust in Straßburg i. E.


