Ausgabe 
24.11.1903 Zweites Blatt
 
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Tie Rede ist besonders bedeutsam nichit nur durch

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Kurzsichtigen empfehle ich den deutschen Professoren zur Handlung.

Mit einem Hoch auf die Universität Bonn schloß v. Rottenburg.

Hine Rkde gegen die L-nsesstsnelle Schute.

Bonn, 23. Nov.

Bei dem R e k t o r a L s e s s e n , dem Prinz Eitel Friedrich, der Herzog von Koburg-Gotha, Erbprinz Georg und Prinz Moritz von Schaumburg-Lippe beiwohnten, hielt Kurator v. Rottenburg eine Rede, anknüpfend an das Wort des Kaisers, daß die Wissenschaft in der Forschung frei sein müsse. Rach derBonner Ztg." sagte er:

Der kaiserliche Wille habe seine Wirkung nicht verfehlt. Heute sei es allseitig anerkannt, daß die Freiheit der Wissenschaft eine unerläßliche Bedingung für deren Ge­deihen sei. Von verschiedenen Seiten wurde die Forderung erhoben, daß die Volksschule streng konfessionell gestaltet werde. Zur Begründung dessen weist man darauf hin, daß bei uns der Materialismus den Idealismus ver­dränge, und knüpft daran die Behauptung, nur die Religion vermöge diesem Prozeß moralischer Degeneration Einhalt zu gebieten. Wenn das richtig sein soll, muß der Katholik weiter behaupten, daß dasjenige Element in der christlichen Religion, welches erzieherich in der Richtung des Idealismus wirkt, in dem spezifisch katholischen Dogma enthalten sei. Der Protestant muß dasselbe von den spezisisch protestan­tischen Dogmen aussagen. Die Wissenschaft aber wird diese Argumentation verwerfen. Das st ä r k st e e r z i e h e - rische Moment unserer Religion liegt m deren erhabener Moral. Diese ist gleich für die Katholiken und Prote­stanten Die ko n f e s s i o n e l l e E r z i e h u n g muß gerade das Gegenteil dessen bewirken, was sie zu bewirken sucht.

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Bekanntmachung.

Anläßlich des Geburtstages Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs fällt

Mittwoch, den 25. November 190L

der Amtstag aus.

Gießen, den 23. November 1903.

Großh. Amtsgericht Gießen.

Gebhardt.

Bekanntmachung.

Betr.: Gesuch des Wilhelm Watz von Großen-Linden um Genehmigung zur Errichtung einer Dampfkesselanlage.

Wilhelm Watz zu Großen-Linden beabsichtigt auf dem Grundstück Flur XII Nr. 880 der Gemarkung Großen- Linden eine Dampskesielanlage zu errichten. Pläne und Be­schreibung hierüber liegen 14 Tage lang, vom Erscheinen dieses im Kreisblatt für den Kreis Gießen an gerechnet, zur Einsicht der Interessenten offen. Etwaige Einwendungen sind binnen dieser Frist bei Meidung des Ausschlußes bei Groß- herzogl. Bürgermeisterei Großen-Linden vorzubringen.

Gießen, den 23. November 1903.

Großberzogtiches Kreisamt Gießen-

I. V.: Dr. Wagner.

Bekanntmachung.

Die am 30. Juli l. I. angeordnete Sperre der Nord­anlage, zwischen Walltor- und Schottstraße, wird hiermit aufgehoben.

Gießen, den 23. November 1903.

GroßtzerzogtMies pouzemmr Gießen.

Hechler.

Bekanntmachung.

Die am 30. Oktober l. Js. angeordnete Sperre der Schill erstraße, zwischen Asterweg und Nordanlage, wird hiermit aufgehoben.

Gießen, den 23. November 1903.

Großüerzognwes ^uu^cLamL Gießen.

Hechler.

Bekanntmachung.

Die B r a u g a s s e wird wegen Vornahme von Kanalisations- arbeiten von heute an bis auf Weiteres für den Fuhrwerks­und Fahrradverkehr gesperrt.

Gießen, den 24. November 1903.

Großherzogtiches pouzeiamt Gießen.

Hechler.

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Inhalt, sondern auch durch den Zeitpunkt. Dr. v. Rotten­burg, der vormalige Unterstaatssekretär im Reichsamt dcs Innern, wird darüber unterrichtet sein, daß die Bestreb­ungen, die Volksschule streng konfessionell zu gestalten, seit einiger Zeit innerhalb der preußischen Regierung einen Halt finden. Was bei dem Zedlitzschcn Schulgesetzentwurf nicht gelang, das soll, wie verlautet, bei der in der kom­menden Session des preußischen Landtages zu erwartenden Neuregelung der Schftlunterhaltungspf licht nochmals ver­sucht werden und zwar durch gesetzliche Festlegung des konfessionellen Charakters der Volksschule. Konservative und Zentrum ziehen dabei an einem Strang; eine sehr große Mehrheit würde also für solche Bestimmungen vor­handen sein. Konservative Kreise halten sogar das Schul- unterhaltungs-Gesetz für unannehmbar ohne die Festlegung des konfessionellen Charakters der .Volksschule. Wenn, so lautet eine Begründung dieser Forderung, die christliche Religion den Äern und Kern des Unterrichts bilden soll, dann erscheine die Konfessionsschule als gebieterische Not­wendigkeit; denn die Religion existiere eben für den Ein­zelnen nur in konfessioneller Ausprägung. Vergewaltig­ung, ja Aufsaugung konfesseoneller Minderheiten. Das Ideal des liberalen Radikalismus sei im Grunde nicht die konfessionslose, sondern die religionslose Schule. Mit diesem letzten Satz wäre man denn glücklich wieder ange­langt bei dem enrphatischen Ausruf Caprivis im preußi­schen Abgeordnetenhaus:Im Grunde handele es sich um die Frage C h r i st e nt um oder Atheismus ?" Daß eine andere Auffassung ihre Berechtigung hat, beweist Dr. v.on Rottenburg, wenn er in seiner Rede als das stärkste erziehe­rische Moment der Religion die Moral bezeichnet. Diese sei gleich für Katholiken und Protestanten. Nur in der Simultanschule lasse sich: Gehorsam gegen das idealste Gebot der 9tächstenliebe anerziehen, nur dort sei das Vorurteil zu bekämpfen, als wären Protestanten und Katholiken aus verschiedenem Teige gebacken. Ist in alledem auch nur eine Svur von atheistischer Gesinnung zu entdecken? Kann nicfo

Sperrt man ein katholisches Kind von seinem protestantischen Genoffen ab, so erzeugt man in ihm notwendig die Vor­stellung, als ob die Protestanten aus einem anderen Stoffe gemacht seien, von dessen Berührung man sich zur Ver­meidung einer gefährlichen Infektion hüten müsse. Stur in der S i m u l t a n s ch u l e läßt sich der Gehorsam gegen das idealistische Gebot der Nächstenliebe anerziehen, nur dort isl das Vorurteil zu bekämpfen, als wären die Protestanten und Katholiken aus verschiedenem Teig gebacken. Darum isl auch die Absonderung in den konfessionellen Schulen, Konvikten, Seminaren usw. zu verwerfen.

Daß wir seit 1876 materialistischer geworden sind, ist nichts abnormes, dafür ist Blsmarck nicht verantwortlich zu machen. Zur Charakterisierung seiner Politik teilte Redner folgendes mit: Vor vielen Jahren erfuhr Deutschland eine schwere Beleidigung. Wir empfanden sie um so peinlicher, als die Nation, von der die Beleidigung ausging, sich durch ihre Ritterlichkeit vor vielen anderen auszeichnet. Es entstand die Frage, ob die Beleidigung nicht mit den Waffen zurückzuweisen sei, und der damalige Chef des Reichs- marlneamts, v. Caprivi, wurde zu einer gutachtlichen Aeußer- rung über die Chancen eines etwaigen Krieges aufgefor­dert. Seine Antwort ging dahin, daß wir einen tapferen Gegner vor uns haben würden, aber daß das Kriegsmaterial des Gegners viel zu minderwertig sei, als daß er emen ernst­lichen Widerstand zu leisten vermöchte. Wenn dem so ist, entschied Bismarck, dann darf ich Seiner Majestät nicht den Appell ans Schwert empfehlen, dann müssen wir den Weg des Schiedsgerichts einschlagen, den:A vaincre saus peril un triomphe sans gloire. Bezüglich der Bekämpfung der Sozialdemokratie berufen sich die Freunde des Polizeiknüppels mit Unrecht auf Bismarck, der über diese Formeln in der Behandlung des Menschen verfügte und für die Knüttelformel eine Vorliebe hatte. Redner führte dann aus, die heilte zunächst anwendbare Formel ist die Ab­hilfe von Schäden und die Erhöhiing der Bildung. Die besitzlosen Klassen müssen zum Verständnis der Grundlagen unserer wirtschaftlichen Ordnung erzogen werden. Nach- ahinenswert für uns ist in dieser Beziehung das Beispiel Frankreichs mit seinen volkswirtschaftlichen Vortrags­zyklen und Kursen und den socißtes dGconomie populaire. Die Besitzenden müssen belehrt werden, daß unsere wirtschaft­lichen Institutionen in den Fluß der Zeiten gestellt sind und daß die Strömung in diesem Fluß dahin geht, die Besitzenden zu Gunsten der Besitzlosen noch höher zu belasten, als es heute geschieht.

Wir, die wir Reformen vertreten, sind die über­zeugtesten Anhänger des Königtums. Das sitzt nicht nur in dem Herzen, sondern auch im Kopf, denn wir erkennen die Möglichkeit der Durchführung von Reformen als dadurch be­dingt an, daß es im Staate eine Macht giebt, die über den sich scheinbar kreuzenden und einander widerstrebenden In­teressen der Gesellschaft stehend dieselben dem gegenseitigen Verständnisse entgegenzusühren vermag. Wenn heute noch so viele Besitzende uns anfechten, so erklärt sich das daraus, daß sie eben jede ihnen vorteilhafte Institution für eine In­stitution von absolutem Werte ausgeben möchten. Diese

jeder religiös Denkeirde diesen Anschauungen beipflichten? Tie Einführung der konfessionellen Volksschule ist vornehm­liche darurn so bedenklich- weil sie in der künstlichen Absperr­ung der beiden großen christlichen Bekenntnisse die kom­menden Generationen wieder in den Kulturkampf hin ein treibt, in die unselige Zerrissenheit, die noch jetzt, uach den langen, beide Teile schädigenden Kämpfen, kaum ganz überwunden ist. Tas religiöse Sichvertragen, das friedliche Nebeneinanderleben wird zur Gewohnheit, wenn man von Jugend auf darin erzogen ist. Daß in der Simul­tan; chule die konfessionelle Minderheit nicht zu kurz kommt, daß ihre berechtigten Interessen gewahrt werden, dafür sorgt der Religionsunterricht, sorgt die Kirche. Wir Haven aus einem Gymnasium, das vorwiegend Schüler evangeli­schen Bekenntnisses hatte, stets die Beobachtung jeglicher Rücksichtnahme auf die katholischen Schüler wahrgenom­men, beispielsweise auch im Geschichtsunterricht, wo bet dem KapitelReformation" die Letzteren dem Unterricht fernblieben. Dr. v. Rottenburg hat ein Wort zur rechten Zeit gesprochen. Nur ist es leider mehr als zweifelhaft, daß es den Erfolg haben wird, die Einfügung des kon­fessionellen Grundsatzes in den neuen preußischen Schul­unterhaltungsentwurf zu verhindern.

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trfd)etnt täglich nutzer Sonntags.

Dem Gletzener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamillen» blätter viermal in der Woche beigelegt.

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UtUlamentarisches aus Kessen.

Eine Vorstellung des Allgemeinen Deutschen Vereins für Schulgesundheitspslege trat für die Anstellung von Schulärzten ein. Dieser Antrag kommt in Hessen in gewissem Sinne zu spät, indem für die fünf größeren Städte des Landes die Schularztfrage als gelöst anzusehen ist. Auch in Be^ug auf die Bestellung von Schulärzten ans dem Lande ist die Regierung vorgegangen. In einzelnen Kreisen sind bereits sämtliche Schulen unter die Fürsorge von Schulärzten gestellt, in anderen erst einzelne Orte. Ein guter Anfang ist gesichert und ein steter Fortgang steht zu hoffen. Die Unterweisung der Seminaristen in den Seminarien und der Lehrer durch hygienische Vorträge der Großh. Kreisärzte in den Bezirkslehrerkonferenzen ist seit einigen Jahren eingeführt und hat sich anscheinend bewährt. In den Lehrplänen der höheren Lehranstalten und der Volksschulen ist Vorkehrung getroffen, in dem naturkundlichen Unterricht eine dem Lebensalter, dem Bild­ungsstande und dem Geschlecht der Schüler angemessene hygienische Belehrung zu gewähren. Hierzu werden für die Heizung, Lüftung und Belichtung, die Kleidung, Nahr­ung usw. die Lehrstunden in oer Naturlehre benutzt, das Meiste aber wird.in dem naturgeschichtlichen Unterricht mitgeteilt, ganz besonders in der Anthropologie, der Lehre von dem Bau, dem Leben und der Pflege des menschlichen Körpers. Der Erfolg der Belehrung hängt einmal von der richtigen Auswahl und Verteilung und dann von der praktischen Behandlung des Lehrstoffes ab. Tie Auswahl und Anordnung des Stoffs fällt wesentlich den die Lehrpläne entwerfenden Schulbehörden zu, die praktische Behandlung aber ist ausschließlich Sache der Lehrer, die deswegen eine tüchtige hygienische Vorbildung empfangen müssen. Die Abteilungen für Schulangelegen­heiten und für öffentliche Gesundheitspflege halten es für ihre Aufgabe, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen und demnächst in gemeinsamer Arbeit folgende zum Teil schon vorher erwähnte Ziele zu erstreben: 1. Einführung eines von hygienischen Fachmännern zu erteilenden Hy- gieneunterrichts an den Lehrerbildungs - An­stalten und in den Seminarien. 2. Herstellung von Lehrplänen für diesen Unterricht durch gemeinsame Arbeit von Aerzten und Schulmännern. 3. Beschaffung geeig­neter Lehr- und Anschauungsmittel. 4. Durchsicht der natur­kundlichen Lehrpläne aller Schulgattungen mit dem Ziele, der hygienischen Belehrung einen breiteren Raum und die zweckmäßigste Anlehnung an geeignete Abschnitte der Na­turlehre und Naturgeschichte zu gewähren. 5. Fortsetzung der hygienischen Vorträge in den Bezirkskonserenzen. Weit er gehende Ziele glaubt das Ministerium zunächst ins Auge fassen zu sollen. Namentlich wird eine Verwendung der Aerzre als Lehrer der Hygiene in den anderen Schulen als den Seminarien und eine Belehrung über sexuelle Tinge nicht empfohlen. Zu diesen Ausführungen des Ministeriums bemerkt der vierte Ausschuß:Unsere mo­derne wirtschaftliche Entwicklung hat auf sozialem Ge­biete Zustande gezeitigt, die nicht zum wenigsten in der Schule widerspiegeln. Besonders in den Volksschulen der Jndustriebezirke läßt das Aussehen vieler Schulkinder keinen Aveisel, daß neben erblicher Belastung ungesunde und unnatürliche Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse ein frühzeitiges Siechtum verschuldet haben. Aber auch in den höheren Lehranstalten muß die einseitige geistige Ueberanstrengung infolge des fortwährend höher gesteckten Lehrzieles die körperliche Widerstandsfähigkeit und Gesund­heit verringern und beinträchtigen. Jeder Menschen­freund kann ohne besondere anthropologische und medizi­nische Kenntnisse diese Schaden erkennen. Ta deshalb die Tätigkeit der Schulärzte nur eine beschränkte fein kann, hält "der Ausschuß sowohl die bis jetzt ergriffenen als auch die in Aussicht genommenen Maßnahmen unserer Regierung für vollständig ausreichend (offenbar im Einverständnis mit allen Verständigen int Lande) und beantragt, die Kammer wolle die Vorstellung des Allgemeinen Deutschen Vereins für Schulgesundheits­pflege für erledigt er Mr en.

Dem Anträge der Abgg. Ko re kl und Genossen, die Einrichtung genossenschaftlicher H e n g st h a l t- ungen betreffend, kann nach Ausführungen der Regier­ung staatlicherfeits nur in Form von Unterstützungen und nur dann näher getreten werden, wenn durch Bildung von 5^engsthaltmtgsgenojsenschaftett der Beweis erbracht sein wird, daß die P, erdezuchttreiben.de Bevölkerung in dieser Einrichtung ein wirksames Mittel zur Förderung der Lau-

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Bekanntmachung.

Die Auslosung der Reihenfolge der Hauptschöffen zu den Sitzungen 1904 soll: Samstag, 5. Dezember 1903, nachmittags 4 Uhr, Zimmer Nr. 5 des Amtsgerichts, in öffentlicher Sitzung stattfinden.

Gießen, den 21. November 1903.

Großherzogliches Amtsgericht.

Bekanntmachung.

Wegen Vornahme von Kanalisationsarbeiten wird die Katharinengasse von heute an bis aus Weiteres für den Fuhrwerks- und Fahrrad verkehr gesperrt.

Gießen, den 23. November 1903.

Großherzogliches Polrzeiamt Gießen.

Hechler.

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