Nr. 250
Erscheint täglich außer SonntagL.
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Drittes Blatt.
153. Jahrgang Samstag 24. Oktober 1903
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MGZ
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Politische Tagesschau.
Sozialpolitische Entwürfe.
Daß dem Reichstage auch üt seiner nächsten Tägung einige sozialpolitische Entwürfe zugehen werden, dürste ziemlich sicher sein. Hefter den Gesetzentwurf betreffend die kaufmännischen Schiedsgerichte wird noch verhandelt. Die Krankenversicherungsnovelle, die am L Januar 1904 ihrem vollen Umfange nach in Kraft tritt, dürste noch eine Konsequenz bezüglich der Seemannsordnung haben. Lon einer Anzahl auf dem Verwaltungswege getroffener sozialpolitischer Maßnahmen wird dem Reichstage Kenntnis gegeben werden. Die wichtigste sozialpolitische Aufgabe jedoch, deren Lösung die Regierungskreise in den nächsten Jahren beschäftigen wird, ist die Witw en- und Waisenversicherung der Arbeiter. Bekanntlich ist im neuen Zolltarif, dessen Inkraftsetzung allerdings nod) aus steht, bestimmt worden, daß gewisse voraussichtliche Hollmehreinnahmen zur Witwen- und Waisenver- ftcherung der Ärfteiter verwendet werden sollen, wenn diese bis zu einem bestimmten Zeitpunkte gesetzlich ein- aejührt ist, andernfalls sollen die betreffenden Summen oen Versicherungsanstalten zu dem gleichen Zwecke überwiesen werden. In irgend einer Weise muß demnach, von der Regierungsserte die betreffende Angelegenheit erledigt werden, wenn das neue Zolltarifgesetz in Kraft getreten und namentlich, wenn zu übersehen sein wird, welche Summen infolge der betreffenden Mehreinnahmen für die Witwen- und Waisenversicherung der Arbeiter aus der Reichstasse zu verwenden sein werden. In nicht allzu- langer Zeit dürfte aber wohl die Inkraftsetzung des neuen Zolltarifs erfolgen. Jedenfalls wird die Sozialpolitik der nächsten Jahre im Deutschen Reiche von der Frage der Witwen- und Waisenvarsicherung der Arbeiter beherrscht werden.
Die Professoren der neuen katholisch-theologifche« Fakultät in Straßburg
wurden am 21. d. M. durch den Kurator der Hniversität, Staatssekretär v. Köller, feierlich in ihr Lehramt eingeführt. Der Kurator gab in seiner Begrüßungsrede der Hoffnung Ausdruck, daß es der Fakultät gelingen werde, einen Klerus heranzubilden, der echt vaterländische Gesinnung mit den für die Erfüllung der schweren Pflichten des priesterlichen Amtes erforderlichen Eigenschaften zu vereinigen wisse. Nach einer Ansprache des Rektors nahm der Dekan der neugegründeteil Fakultät, Professor Dr. Schaefer, das Wort, um zunächst für den freundlichen Wrll- komnien zu danken, dann aber dem ehrerbietigsten Dank gegen den Kaiser Worte zu leihen für das Vertrauen, in welchem die Berufung der Professoren der Fakultät erfolgt ist. „Indem sie in unverbrüchlicher Treue dieses Vertrauen zu rechtfertigen mit allen Kräften trachten, werden sie beitragen, nm den ihnen anvertrauten Studierenden treue vaterländische Gesinnung zu pflegen und einen wahrhaft priesterlichen Geist heranzubilden." Hebergehend zu den Worten des Rektors führte der Dekan aus, daß gewiß die Tätigkeit der bisherigen Lcheologiepvofessoren der Diözese Straßburg, von derien ja mehrere in die neue Fakultät eingetreten seien, einen Klerus erzogen habe, der an Bildung und Pflichteifer keinen Vergleich zu scheuen brauche, daß aber dennoch die Eingliederung der neuen Fakultät in den Universitätsorganismus auf das dankbarste aufzunehmen sei. Es stünden ihr für ihre Lehraufgabe wie für ihre wissenschaftliche Tätigkeit, für das Bewahren und üeberliefern des Alten in theologischer Geistesarbeit wie für das Forschen und Ausgestalten des Neuen, wobei nur die Wahrheit die Schranke der Freiheit sei, reichere Mittel und Anregungen zu Gebote; sie finde ein weiteres Feld ihrer Tätigkeit, das nicht mehr auf eine Diözese und auch nur auf Studierende der Theologie eingeschränkt sei, da auch beabsichtigt sei, in den' die Gegenwart besonders bewegenden religiösen Fragen den Studierenden aller Fakultäten Erweiterung und Vertiefung ihrer religiösen Kenntnisse zu bieten. Hierbei aber werden die Mitglieder der Fakultät ebenfalls das Allerhöchste Vertrauen zu rechtfertigen trachten, welches erwartet, daß sie die Pflichten der übernommenen Aemter „nach Maßgabe der Statuten und Ordnung der Universität in ihrem ganzen Umfange mit stets regem Eifer" erfüllen werden, um so als Glied der Kaiser-Wilhelms-Universitüt auch das Ihrige beizutragen, damit erfüllt werde, was über dem Eingang zum llni- versitätsgebäude zu lesen steht: litteris et patriae.
Zü AskarSogtunS der Aaü Aippold.
Einer der meist genannten Sachverständigen in dem Prozeß Dippold, der Nervenarzt und Leiter des Neurobio- logischeu Laboratoriums an der Berliner Universität, Dr. Oskar Bogt, dessen Verhalten in dieser traurigen Angelegenheit eine wenig 'günstige Beurteilung erfahren hat, nimmt in der Deutschen medizinischen Wochenschrift das Wort zu einer „Klarstellung" der ihn betreffenden £at* fachen. c ,
Danach hat Dr. Vogt die Mutter des M Tode geprügelten Knaben zum ersten Male im Januar d. I. gesehen; die Dame kam am 30. Januar und am 1. Februar zu ihm, erzählte ihm von den „Verfehlungen" ihrer beiden Söhne und der Tüchtigkei»' des Hauslehrers Dippold und bat um Information, ob nicht die körperlichen Züchtigungen, die den Knaben zuteil würden, durch eine von Dr. Vogt einzuleitende Suggestivbehandlung ergänzt werden könnten. Dr. Vogts Vorgehen sollte — so wurde ausdrücklich betont keinen Anlaß bieten, die Autorität Dippolds bei den Knaben herabzusetzen, oder ihn, der ,ehr ewpftuolich sei und bei jeder Gelegenhell mit seiner Kündigung drohe, irgendwie zu verletzen, lieber den Gesundheitszustand der Knaben seren
ihm — so hebt Dr. Vogt hervor — günstige Angaben gemacht worden; von Mißhandlungen sei bei diesen Besprechungen mit Frau Direllor Koch mit keinem Wort die Rede gewesen.
Am 2. Februar 1903 reiste dann Dr. Vogt nach Ballenstedt, beobachtete die Knaben auf dem Gute Ziegenberg etwa fünf Stunden beim Hnterricht, Turnen, Spaziergang und bei den Mahlzeiten und unterhielt sich mit ihnen in Abwesenheit des Dippold, ohne daß die Knaben irgend welche Beschwerden vorbrachten. Ihr Aussehen und ihr Verhalten konnten keinerlei Verdacht eines körperlichen Leidens begründen. Anlaß zu einer eingehenden körperlichen Untersuchung hatte Dr. Vogt nach seiner Ansicht weder nach dem allgemeinen Eindruck noch nach dem subjektiven Befinden der Kinder; auch seine Auffassung von dem Wesen und den körperlichen Folgen der angeblichen Verfehlungen machte ihm eine solche Untersuchung nicht zur dringenden Pflickft; trotzdem habe er, entgegen seiner Gepflogenheit, nur oeshalb davon Abstand genommen, weil Dtppold es als unverträglich mit der Wahrung seiner Autorität erklärte. Immerhin habe er gefordert, daß von nun ab etwa alle vier Wochen ein Nervenarzt zu Rate gezogen werden solle, und Dippold habe dieses Verlangen auch zur Kenntnis der Frau Koch gebracht. „Daß ich Frau Koch nicht persönlich dieses Erlangen kundgab, geschaht — so rechtfertigt sich Dr. Vogt — „aus einer Zurückhaltung, für die jeder Arzt Verständnis haben wird."
Anderseits habe er Dippold ans Herz gelegt, an die Stelle der körperlichen Züchtigungen eine rein seelische Beeinflussung treten zu> lassen. Einen Auftrag, den Lehrer selbst ärztlich zu prüfen, habe ihm Frau Koch nicht erteilt; im Gegentell sei ihm die äußerste Reserve und Schonung auserlegt worden. Bei alledem habe er während des kurzen Zusammenseins nichts Abnormes an Dippold beobachten können.
Nach seiner Rückkehr habe er Frau Koch in einer kurzen Besprechung mitgeteill, daß das ganze Befinden der Knaben keine schweren Schädigungen durch Verfehlungen erkennen lasse, und daß daher eine Unterbrechung der Erziehung durch eine ärztliche Kur nicht angezeigt sei. Er habe dabei dem Dippold weder ein „glänzendes Zeugnis" ausgestellt, noch ihn einen „idealen Menschen" genannt. Auch bei dieser Gelegenheit habe er noch nichts von einem Argwohn der Mutter erfahren, daß Dippvld die Gesundheit der Kinder durch körperliche Züchtigungen schädige. Acht Tage später habe er von diesem einen Brief des Inhalts empfangen, daß die Knaben weitere Fortschritte in ihrer Besserung gemacht haben. In: übrigen habe er nichts mehr von der ganzen Angelegenheit gehört, bis ihm etwa fünf Wochen später Dippold in einer Depesche den Tod des älteren Knaben mitgetellt habe. „Meine Tätigkeit in der Affäre Dippold" — so schließt Dr. Vogt seine Auslassungen — „beschränkte sich auf ein einmaliges mehrstündiges Zusammensein mit den Knaben Koch und dem Dippold, sowie auf eine dreimalige kurze Unterredung mit Frau Direktor Koch. Dabei habe ich die mir zutell gewordene „spezielle" ärztliche Aufgabe pflichtgemäß erfüllt."
Vermischtes.
* Wie viele Denkmäler besitzt Berlin? Diese Frage wird sich schon mancher vorgelegt haben, der dre Denkmalsenthüllungen der letzten Jahre in Berlin an sich vorüberziehen läßt. In der vierter Zeit" sind die Berliner Denkmäler zusammengezählt und eine respektable Summe ist herausgekommen, die nocy gar nicht einmal vollständig ist; denn das Haydn-Mozart-Beet hoven-Denkmal am Goldfischteiche des Tiergartens und das Jugenddenkmal Wilhelms,!, sind nicht mitgerechnet. Ob die verschiedenen Viktorien und sonstigen Platz- und Straßenplastiken aus Erz oder Stein alle mitgezählt sind, bleibe dahingestellt. Jedenfalls besaß, nach der „Zeit", Berlin, bevor die vom Kaiser bestellten und von ihm bezahlten Denkmalgruppen in der Siegesallee geschaffen wurden, 64 Denkmäler; zwei davon stellten Frauen, die Königin Luise und die Kaiserin Augusta, dar. Von den übrigen 62 kommen 32 auf Zivilisten und 30 auf Militärs; der in Uniform dar- gestellle Bismarck ist dabei unter die Militärs gerechnet. Zu den 64 Denkmälern kommen nun die Denkmalsgruppen in der Siegesallee. Die Zahl dieser Gruppen beträgt 32, und jede Gruppe umfaßt drei Persönlichkeiten. Rechnet man jede Gruppe nur als ein Denkmal, so macht das 96 Denkmäler; hierzu das Wagner-Denkmal, das macht 97, ferner die beiden Denkmäler vor dem Brandenburger Tor, das gibt 99. In nicht ferner Zeit werden weiter ausgestellt werden: die Denkmäler fürMoltke und Rov n. Dann sind geplant: ein Denkmal für Hardenberg, ein Denkmal für Treitschke und ein Denkmal für Virchow. Mit diesen wird Berlin 104 Denkmäler zählen. Den Schluß dieser Statistik mag die Feststellung bilden, daß Kaiser WilhelmI. in Deutschland schon 80 Denkmäler und Bis- marck deren 38 besitzt. Kaiser Friedrich muß, das neueste Standbild eingerechnet, vorläufig mit 17 und Friedrich der Große mit 11 sürlieb nehmen.
* Wie ein Anatom unfreiwilligen Unterricht im Selbstmord erteilte, erzählt Adolf Kußmaul in seinem nachgelassenen Werk „Aus meiner Dozentenzeit in Heidelberg". In den 50 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, an deren Ausgang diese Geschichte sich zutrug, lebte in Heidelberg ein wohlhabender Bankier, der allgemein als hochmütig und abstoßend verschrieen roar. Um so mehr wunderte sich der Professor der Anatomie Nuhn, alö eines Tages aus der Bahnfahrt zwischen Heidelberg und. Mannheim der Bankier sich zwanglos zu ihm setzte und zu ferner besonderen Freude eine große Wiß
begier auf anatomischem Gebiet an den Dag legte. Jns- besonders war es das Herz, seine Größe und seine Lage im Brustkorb, die seine Wißbegier reizte. Nuhn gab dem stolzen Herrn bereitwillig Auskunft, und lud ihn aus den folgenden Tag in die Anatomie ein, um ihm die Lage des Herzens am Leichnam selbst zu demonstrieren. Der Bankier erschien zur festgesetzten Stunde und ließ es sich nicht verdrießen, den gründlichen Demonstrationen bis ins kleinste zu folgen. Er führte selbst seine Finger zwischen den Rippen hindurch, um das Herz an seiner Stelle zu betasten, auch zeigte ihm der hochbeftiedigte Professor an seiner eigenen Brust den betreffenden Platz. Der Bankier dankte befriedigt, ging nach Hauie, und gleich hernach ging wie ein Lauffeuer die Nachricht ourch die Stadt, er habe sich eben entleibt und das Herz merkwürdig geschickt mit der Waffe getroffen. Zugleich wurde bekannt, daß die Verhältnisse des Bankiers )eit einigen Wochen seinen Bankerott unvermeidlich machten.
*WieGänse ihre „Ehre" wied er f) er {teilen, darüber schreibt man aus einem Dorse bei Eberswalde eine nette Geschichte: Eine Bäuerin trieb auf der Dorfstraße eine Heine Herde von Gänsen vor sich her, als aus einem Hause heraus ein kläffender Rattenfänger sich aus die Schar stürzte. Im ersten Schreck stob Oie Herde laut schreiend auseinander. Dieser leichte Sieg mochte den Köter ermutigen; in schnellen Sätzen verfolgte er die geflügelte Schar. Da, eben hatte er eine der Gänse beim Flügel gepackt, drehte sich diese schwerfällig herum und hieb mit dem Schnabel nach dem Hunöe. Einen Augenblick stand dieser wie erstarrt da, bann wollte er sich auf den Gegner stürzen. Da aber wirbelten ihm auch schon die Flügel der Gans um die Ohren; sichtlich war dem Rattenfänger Hören und Sehen vergangen, er drehte sich blos noch um seine eigene Achse. Angesichts der Tapferkeit ihrer Genossin mochten sich die übrigen Ganse chres angstmeierischen Betragens schämen. In wirrem Knäuel stürzten sie mit weitgeöfsneten Schnäbeln zischend heran; wie auf Befehl schlossen sie einen engen Kreis um den frechen Angreifer, und nun regnete es auf den kläglich heulenden Hund von allen Seiten Schnäbelhiebe und Flügelschläge. Inzwischen hatte sich ein Häuflern Neugieriger um die kämpfende Gesellschaft gebildet. Mit Staunen verfolgten sie den Verlauf des Kampfes, als sich durch die Menge ein junger Bursche Bahn brach, um den Hund, sein Eigentum, dem Verderben zu entziehen. Kurz entschlossen aber wendete sich die eine Hälfte der Gänse mit drohend auf- gerissenen Schnäbeln gegen den Jüngling, der unter lautem Gelächter der Zuschauer zurückwich, während die andere Hälfte den Kampf mit dem heulenden Hund sortsetzte. Es war kaum noch ein Kampf zu nennen, richtiger war es ein regelrechtes Standrecht, das die schnatternden Vögel über den Friedensstörer abhielten. Der Rattenfänger wurde sichtlich matter unter den Schlagen, schon torkelte er wie ein Betrunkener hin und her, und nun legte er sich gar mit heraushängender Zunge auf die Seite. Die Rachsucht der geflügelten Schar war aber noch nicht befriedigt, und sicher ijätte der Hund den kühnen Angriff auf Die Ruhe der Gänse mit dem Leben bezahlen müssen, wenn nicht jetzt die Bäuerin, die Eigentümerin der Gänse, dazwischen getreten wäre. Sie zwang mit kräftigen Schlägen ihre Schützlinge, die Züchtigung des Hundes einzustellen. Als dieser sah, daß er Luft bekommen hatte, erhob er sich mühsam und schlich mit eingeklemmten Schwänze lautlos davon. Wie auf Befehl wendeten jetzt sämtliche Gänse ihre langen Hälse nach der Richtung, in der der Besiegte verschwand und brachen in ein oetäubendes Schreien aus — ein ohrenzerreißendes Siegesgeschmetter!
Schlsssnachrichten.
Hamburg-Amerika Linie.
Vertreter in Gießen S. Elsoffer, Marktstraße.
Hamburg, 17. Oktober. Der Hamburger Schnell-Post- Dampfer »Auguste Victoria", Kapitän Kaempff, ist am 16. Okt., 6 Uhr nachmittags, wohlbehalten von Hamburg via Somhampton und Eherburg in Newyork angekommen.
Warnung!
Die meisten Nachahmungen von Dr. Bommel« Haematogen werden, um das D. K. P. No. 81,391 zu umgehen, mit Zuhilfenahme von Aether bereitet, ein Zusatz, der insbesondere für Kinder und Nervöse direkt schädlich ist Um sicher zu sein, das aetherfreie Original-Präparat zu erhalten, verlange man stets ausdrücklich Dr. Hommel’s Haematogen und achte auf die Schutzmarke „Säugende Löwin. “ 92
Unübertroffen^


