Ausgabe 
23.7.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 170

Erscheint tSgltch außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem KeMschen Landwirt die Gießener FamUien» blätter viermal In der Woche beigelegt.

RotattonSdruck u. Ver­lag der Brühllchen Ünivers.-Buch-U.S1ÄN- druckeret (Pieqch Erben) Kedattton. <toebtoxm und Druckerei:

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Zweites Blatt.

153. Jahrgang

Donnerstag 23. Juli 1903

Siehener Anzeiger

** Seneral-Alyeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

VezngSprerOr rnonaluch7bPi., oterteU jährlich Mk. 2.20; durch Aohole- u. Zweigstellen monatltd) 65 Pf.; durch die Post Alk. 2. vierteb

jährt ausschl. Bestellg.

Annahme von Anzeigen ür die Tagesnummer Jtd vormittags 10 Uhr.

ZetlenpreiS: lokal 12 Pi, auswärts 20 Psg.

Verantworrlich für den poltt und allgem. Teil: P. Wittko- für »Stadt und Land^ und »GerichtsfaalE: Auaust Götz; für den An­zeigenteil: Hans Beck.

Die Heutige Wummer umfaßt 8 Seite«.

Uslitische Tagesschau.

^Vorbereitete" Gesetzentwürfe.

Marr schreibt uns aus BerL'ru., 22. JuK:

Bei den nnmcherckei Meldungen Werin Vorbervttmrg -befindliche" Gesetzentwürfe für den Reichstag ist wohl zu beachten, daß solche Arbeiten in den verschiedenen Rrnchs- ärutern keineswegs immer das Erscheinen der Vorlagen verbürgen. Es fällt auch hier manches Projekt der Gesetz- gebung unter den Tisch; andere Entwürfe werden ge­wissermaßen auf Vorrat gearbeitet, für den Fall, daß ein­mal' eine Notwendigkeit sich ergibt, darauf zurückzukommen. Das letztere gilt insbesondere von Steuerplänen. Es ist schon richtig, wenn gelegentlich die Mitteillmg durch die Presse geht, diese und jene neue Reichssteuer sei fix und fertig. Aber man braucht in dem Gewerbe, das da ,Muten" soll, nicht gleich zu erschrecken. Denn es gibt wohl kaum ein ertragsfähiges Objekt, das in dieser vor­bereitenden Art nicht aufs Korn genommen ist. Aber eine andere Frage ist, ob uno wann der Fall praktisch wird.

Die Verordnung über die Tabakiudustrie, die 1888 geschaffen wurde, ist 1893 im wesentlichen unver­ändert erneuert worden und hat bis zum Jahre 1905 ihre Geltung. Sie würde auch vermutlich kaum eine Abänder­ung erfahren haben, wenn nicht durch höchstgerichjtliche Ent­scheidung im Jahre 1895 festgestellt worden wäre, daß diese Bestimmungen über den Arbeitsraum, die Größe des Luft­raumes für jeden Arbeiter, die Lagerung der Vorräte, die Lüftung und Reinigung nur für die Zigarrenindustrie gelten. Das war der Anstoß zu Erhebungen, die die Regier­ungen von Baden, Bremen, Hamburg und Preußen ge­pflogen haben. Diese Erhebungen haben sich, wie die,^art Ztg." hört, gegenwärtig zu zwei Entwürfen verdichtet, die nun dem Bundesrat vorliegeu. Der erste ist von geringerer Bedeutung; diese neue Verordnung des Bundesrates er­weitert nämlich im wesentlichen nur die Vorschriften für die Zigarrenindustrie auch auf die anderen Gebiete der Dabak-- industrie und enthält nur hier und da eine Ausdehnung des Arbeitepschutzes. Der zweite Entwurf ist prinzipieller Natur, er ist ein Gesetz zum Schutze dex Heim­arbeiter und Hausindustriellen, auch wenn sie zur Familie des Unternehmers gehören. Die erste Bresche in die Unberührtheit der Familienarbeit von polizeilicher Beaufsichtigung hat das Kinderschutzgesetz gelegt. Dieser Gesetzentwurf legt die zweite Bresche hinein. Der Entwurf soll die Arbeitsverhältnisse in der eigenen Wohn­ung der Hausindustriellen, des Tabakarbeiters, regeln, auch wenn er nur Familienmitglieder beschäftigt, und Äese Vvr- schriften gleichen im wesentlichen denen, die für die Fabriken erlassen sind. Sie liegen gegenwärtig der Begutachfirug der einzelnen Regierungen vor.

Deutschland und Kanada.

Man schreibt uns aus Berlin, 22. IM5

Zu den Zollstreitigkeiten mit Kanada erfahren wir, baß die Verhandlungen mit England ungefähr auf dem alten Fleck stehen. Äe englische Regierung hält starr an chrer Auffassung fest, daß Kanada mit der Anwendung des deutschen General'tarifs Unrecht geschehe, und auf deutscher Seite sieht man keinen Grund, sich um die Erschütterung dieser Meinung weiter zu bemühen, nachdem die ausführ­liche Darlegung des Falles in der deutschen Note vom 27. Juni gegeben worden ist. Es muß nun der Zeit über- lassen blechen, eine bessere Würdigung der deutschen Argw-

mente bei der englischen Regierung herbeizuführen. Sollte Kanada, was keineswegs gänzlich ausgeschlossen ist, seinen Kampftzollmaßregeln gegen Deutschlano neue hinzufügen, io würde naÄrAch die bisher unterbliebene Revanche mit oen Waffen, die der neue Zolltarif unserer Regierung für solche Fälle gewährt, alsbald nachgeholt werden.

Abg. Rosuke -J-.

Tas unerwartete Hins ch ei den des Reichstagsabgeord­neten Richard Rösicke wird weit Wer die Grenzen seiner Parteizugehörigkeit hinaus innerhalb aller Kreise tief be­klagt werden, die dem liberalen und zugleich dem sozialen Gedanken aufrichtig anhängen. Denn gerade die Verbind­ung dieser beiden Ideen ist es, um die sich der infolge einer' Operation jäh Dcchingeschiedene unauslöschliche Verdienste erworben hat. Ein Gewerbetreibender großen Stils, der seinen Betrieb zu dem ersten Deutschlands zu erheben ver­stand, ein werktätiger und ideenreicher Vorkämpfer des' Bürgertums, verstand er es, durch die intime Fühlung mit seiner Arbeiterschaft wie kein zweiter unserer großen Unternehmer in Schrift und Rede, in Anregung und Tat zum Bahnbrecher einer liberalen Sozialpolitik zu< werden, ohne sich den Mackstgelüsten der Sozialdemokratie zu fügen, mit der er im Berliner Bierkrieg einen harten Strauß ausgefochteu hat. 1845 in Berlin geboren (ein Bruder des bekannten Agrarierführers), übernahm er, erst neunzehn­jährig, die Leitung der feinem Vater und ihm gehörenden Schultheiß-Brauerei, die 1871 in eine Aktiengesellschaft um- gewandell wurde. 1877 erwarb er die Walds chlößchen- Brauerei in Dessau, die 1883 ebenfalls eine Aktiengesell­schaft wurde, und vereinigte später die Betriebe mit der Brauereigesellschaft T-ivoli. Von 1879 bis 1886 war er, Handelsrichter, von 1886 bis 1893 stellvertretendes, nicht­ständiges Mitglied des Reichsversicherungsamtes, von 1890 bis 1898 Vorsitzender des Verbandes der deutschen Berufs- genosseuschaften; er gehörte zu dem Steuer ausschuß des deutschen Brauerbundes, gründete die Versuchs- und Lehr­anstalt für Brauerei, leitete 1889 die Deutsche Ausstellung für Unfallverhütung, war Vorstandsmitglied einer Reihe wirtschaftlicher Verbände; auch die Potsdamer Handels­kammer zählte ihn zu ihren Mitgliedern. Im Reichstage vertrat Rösicke seit 13 Jahren den ersten >anhattischen Wahl­kreis Dessau, der nun vor einer Nachwahl steht. ' Der Ver­storbene hospitierte bei der fteisinnigen Vereinigung, der er erst kurz vor den Neuwahlen als Mitglied beigetreten ist. Der Wahlkreis wird nun wohr"Dr. Barth angetragen werden.

Die Parteien nach den Reichstagswahleu.

TieMitteilungen für die Vertrauensmänner der nationalliöeralen Partei" gruppieren die Parteien in sechs Hauptgruppen: 1) Aeußerste Rechte (Antisemiten, Christ­lich-Soziale, Bund der Landwirte, Bayerischer Bauernbund) mit 18 Mitgliedern; 2) Konservative (Deutschkonservative, Freikonservative und konservativeWilde") mit 76 Mit­gliedern; 3) Klerikale Mitte (Zentrum, Polen, Welfen und (Äsaß-Lothringer) mit 132; 4) Liberale Mitte (National- liberale und gemäßigt liberaleWilde") mit 52; 5) Frei­sinnig-demokratische Linke mit 37 und 6) die Sozialdemo­kraten mit 81 Mitgliedern. Hierzu gesellt sich als die ein­sam ragende Säule ein Däne.

Zum Schluß des vorigen Reichstages zählte, wenn man dieselbe Gruppierung gellen lassen will, die äußerste Rechte 2 Mitglieder, die Konservativen 3, dre klerikale Mllte 2, die liberale Mitte 1 und die freisinnig-demokratische Linke 15 mehr als jetzt. Diesem Verlust von 23 Mitgliedern aller fünf bürgerlichen Parteigruppen steht die gleiche Ge­winnzahl bei den Sozialdemokraten gegenüber.

Die nationalliberale Partei bezw. die Liberale Mitte"

hat 19 Wahlkreise gewonnen und 20 verloren, llnd zwar gewonnen von den Sozialdemokraten die fünf Streife Sorau, Hanau, Offenbach (wildliberal), Holzminden (wild- liberal), Bernburg; von der fr eifinnigen Volkspartei die fünf torfe Schleswig, Wiesbaden, Eisenach, Koburg und Bückeburg (wlldiibera!); vom Zentrum den Kreis Limburg; von den Welsen die Kreise Verden und Lüneburg; von den Antisemiten die Kreise Gießen und Lauterbach und vom Bund der Landwirte die Kreise Geestemünde und Sinsheim Verloren gingen an die Sozialdemokraten die acht Kreise Aschersleben, Bochum, Dortmund, Leipzig, Mitt­weida, Annaberg, Göppingen, Rudolstadt; an die Demo­kraten der Kreis Oberndorf a. N.; an die Freisinnige Volls- partei der Kreis Tondern; an die Freisinnige Vereinigung der Kreis Dithmarschen; an das Zentrum der Kreis Ott­weiler; an die Welfen zwei Kreise: Melle, Celle; an die Polen der Kreis Thorn; an die Deutsch-Konservativen zwei Kreise: Herford, Schwerin; an die Antisemiten der Kreis Kassel; an die Christlich-Sozialen der Kreis Dillen­burg; an den Bund der Landwirte der Kreis Homburg (Pfalz).

Zu den 49 Fraktionsmllglledem der nationalliberalen Partei im Reichstage, deren Namen wir wiederholt ge­nannt haben, kommen noch, außerhalb der Fraktion stehend, die dreiWildliberalen": Dr. Becker-Offenbach, v. Damm-Wolfenbüttel und Deppe-Bückeburg.

Kirche und Schule.

Gießen, 23. Juli. In dem neuesten Heft der Mit» teilungen der Großh. Zentralstelle für die Landesstatistik befindet sich eine Uebersicht der Frequ enz der höhe­ren Lehranstalten rm Schuljahr 19021903. Nach dieser Uebersicht wurden die höheren Lehranstalten in diesem Zeiträume von 8838 Schülern, darunter 2007 Katholiken, besucht. In Hessen wohnen indes 30,6 Prozent Katholiken. Die Anzahl der katholischen Schüler betrug Wer nur 22,7 Prozent. Dies bedeutet zudem seit demj Schuljahre 1901 bis 1902, in welchem die katholische Schülerzahl 23 Pro­zent betrug, einen kleinen Rückgang. Am zahlreich st e n waren die Katholiken vertreten an den Oberreal- schulen (26 Prozent); an den Gymnasien betrugen sie 25,7 Prozent (unter 2980 Schülern 764 Katholiken; an den Realschulen und Progymnasien 18,9 Prozent (2540:481); an den Realgymnasien nur 17,6 Prozent (1192 :209). Wäh­rend bei den Gymnasien der katholische Prozentsatz um 0,5 gestiegen ist, ging er cm allen übrigen Anstalten zurück, am meisten an den Oberreälschulen (2,8 Prozent).

Nach'einem Telegramm aus Wien haben in Asch un­mittelbar nach dem Schulschluß 47 Abiturienten der dortigen Gymnasiasten ihren Austritt aus der katholischen Kirche angemeldet und sind zum Pr vt e st a n ti s m ü s übe r getr e ten.

Mit jedem Jahre gewinnt das d e n tfcf) e wesen eine größere Bedeutung. Im Vordergrund des In­teresses stehen zur Zell die technischen Fachschulen, ins­besondere die des Maschinenbaues und der'Elektrotechnik. Bei weitem die größte Zahl dieser Schulen fällt auf Reu­ßen. Mit der nächstgroßen Zahl folgen das Königreich Sachsen, das Großherzogtum Sachsen-Weimar und das Großherzogtum Hessen. Auch in Bezug auf die Fachschulen für Textilindustrie marschiert Preußen mit so­viel Anstalten voran, wie im ganzen übrigen Deutschland nicht bestehen. Nach Preußen rangiert Reuß, dann erst das Körcigreich Württemberg und das Königreich Lxrchsen. Im nächstjährigen preußischen Etat werden Mittel zur Be­förderung der Zwecke des gewerblichen Fachschulwesens wieder in einem Maße gefordert werden, das der An­sprucherhebung des größten deutschen Einzelstaates ent-

Feuilletsn.

Goethe U'Nd der öfrrerchische General. Der Historiker Heinrich Luden gibr in seiner Schxift Rückblicke in mein Leben (Jena 1847) interessante Mitteilungen über seinen Umgang mit Goethe. Er erzählt u. a. auch folgende Geschichte mit Goethes eigenen Worten: In meiner Art aus- und abwandelnd, war ich seit einigen Tagen an einem alten Mann von etwa siebzig bis achtzig Jahren häufig vorübergekommen, der, auf fern Rohr mit goldenem Knopf gestützt, dieselbe Straße ging, kommend und gehend. Ich erfuhr, er sei ein hochverdienter östreichischer General aus einem allen, sehr vornehmen Geschlecht. CinigemW hatte ich bemerkt, daß der Alte mich sehr scharf anblickte, auch, wohl, wenn ich vorüber war, stehen blieb und mir nacf^ schaute; indes war mir das nicht auffallend, weil mir dergleichen wohl schon begegnet ist. Nun Wer trat ich, einmal auf einem Spaziergang etwas zur Selle, um, ich werß nicht was, genauer anzuseherr. Da kam der Alte freundlich auf mich zu, entblößte das Haupt ein wenig, was ich natürlich anständig enuiberte, und redete mich folgerldermaßen an:Nicht wahr, Sie nennen sich Herr v. Goethe?"Schon recht."Aus Weimar?" Schon recht."Nicht wahr, Sie haben Bücher ge­schrieben?"O ja."Und Verse gemacht ?"Ach" Cs soll sehr schön fein."Hm." HW en Sie denn viel geschrieben?"Hm, cs mag so angehen."Ist vaS Versemachen schwer?"Soso."Es kommt wohl Halter auf die Laune an und ob man gut gegessen und fictruntan hat?"Es tft mir fast so vorgetommen." ,/Na schsuu's, da sollten Sie nicht in Weimar sitzen bleiben, sondern halt nach Wien fommen."Hab' auch schon dran gedacht."Na jchaun's, in Wien ist's gut, da wird gut gegessen und getarnten!" ,^Hm."Und man hält

was auf Leute, die Verse machen können."Hm!" Ja, dergleichen Leute finden wohl gar, wenn's sich gut hallen, schaun's, und zu leben wissen, in den ersten und vornehmsten Häusern Aufnahme."Hm!"Kommen's nur, melden's sich bei mir; ich hab' Bekanntschaft, Einfluß. Schreiben's nur: Goethe aus Weimar, Bekanntschaft aus Karlsbad." ,Hm!"Das letzte ist notwendig in meiner Erinnerung, well ich hWt' viel im Kopf hab'."Werde nicht verfehlen."Aber sagen's mir doch- was HWen's denn geschrieben?" ,^Nancherlei von Adam bis Napoleon, vom Ararat bis zum Blocksberg, von der Ceder bis zum Brombeerstrauch!"Es soll halt berühmt fein?" ,&m, leidlich!"Schad', daß ich nichts von Ihnen ge­lesen und auch früher nichts von Ihnen gehört hab'. Srnd schon neue verbesserte Auslagen von Ihren Sck),risten er­schienen?"O ja, wohl auch"Und es werden wohl noch mehr erscheinen?" --Das wollen - wir hoffen." Ja schaun's, da kauf' ich Ihre Werke nicht: ich kauf' hall nur Ausgaben der letzten Hand, sonst hat man immer den Aerger, ein schlechtes Buch zu besitzen, oder man muß das­selbe Buch zunr zwellenmale kaufen. Drum wart' ick-, nm sicher zu gehen, immer den Tod der Autoren ab, ehe ich xljrc Werke rauf, und von dem Grundsatz kann ich auch halt ßei Ihnen nicht abgehen."Hm." Damit war das Gespräch zu Ende. Die sieachforschungen Wer in der Kurliste nach dem ^Namen dieses wackeren Generals haben sich leider als fruchtlos erwiesen; denn diese sonst so zu­verlässige Kurliste verweigert diesmal beharrlich jede Aus­kunft über einen berühmten östreichischen Generalsnametl aus der Zell vom 2. Juli bis zum 4. August 1806, iri der Goethe zum erftenmale rm Hause Zu den drei Mohren in Karlsbad verweilte.

<D e m Dichter Zettel) v. Lili e nerv n ist nach derNordd. Allg. Ztg." neben feiner Offizierspension eine königliche G n a d e n b ewi lli gu n g von jährlich

2000 Mark überwiesen worden. Liliencron, insbesondere als Lyriker voller Kraft und Eigenart, ein echter Sohn der Nordmark, ist dieser äußeren Anerkennung seiner dichte­rischen Thätigkeit würdig. Seinen JdeWen ist er unbe­kümmert um leibliches Wohl und Wehe stets treu geblieben. Es ist bekannt, daß Detlev v. Liliencron sich in reckst wenig befriedigenden finanziellen Verhältnissen befindet. Bereits in den neunziger Jahren wurde zu feinen Gunsten eine Sammlung veranstaltet, die Wer ein klägliches Ergebnis hatte. Dasselbe Volk, das kurz vorher für einen CH ar la lau wie Rudolf Falb eine Summe auf brachte, die an die 80000 Mark heranging, hatte für einen Detlev v. Lllieneron nur ein paar tausend Mark übrig. Zudem wurde auch noch die Art, wie das mühsam gesammelte Geld zur Verwendung gelangte, vielfach bemängelt. Zur Zeit der Ueberbrettl-Aera sah Liliencron sich in feiner finanziellen Bedrängnis ge­nötigt, um schnöden Erwerbes willen seinen Namen und sogar seine Person einem Berliner Ueberbrettl zur Verfüg­ung zu stellen. Hoffentlich bleibt fortan der holsteinische Dichter von den kleinlichen Sorgen des Ällltags wenigstens in etwas befreit. Detlev Frhr. v. Liliencron wurde 1844 in Kiel geboren, trar in die preußische Armee ein und nahm an den Feldzügen von 1866 und 1870/71 teil; in beiden wurde er verwundet. Später war er in seinem Heimatlande, nachdem er als Hauptmann den Abschied ge­nommen, Verwallungsbeamter und lebt jetzt in der von Hamburg.

D a s neue 2 f) e a t c v in Bern ist fast fertig. Das Theater, das drei große Galerien bat, wird genau 105 0 Per­sonen au inel)men können. Die Preise der Plätze sollen so niedrig bemessen sein, daß auch die minderbemittelten Klassen der Bevölkerung sich nicht allzu selten einen Theaterbesuch leisten können. Die Saison dürfte am 2u. September eröffnet werden; es ist bereits eine Opern» und eine Schauspieltruppe engagiert worden.