Anblick ernes Menschen, der sich im höchsten Maße unbehaglich fühlt. Als Kläger tritt ein kokett und stu4)erhaft gekleideter Herr mit etwas verlebten Gesichtszügen aus. Vorsitzender: „Beklagter Hammer, Sie machen doch den Eindruck eines durchaus harmlosen un^ ehrbaren Mannes, was veranlaßte Sie nur, den Kläger ZiMer in dieser Weise auf offener Straße zu insultieren?" — Beklagter: „Ach, Herr Präsident, ick jede ja zu, det ick vielleicht een bisken zu weit jejangen bin, aber Sie müssen det milde ansehn ; ick, der ick keene Flieje wat zuleide due und vollkommen zufrieden bin, wenn mir jeder in Rühe laßt, ick habe mir in eene schwache Stunde eene Last uffgebürdet, die det Jemüte voii eenen Lämmchen in Uffrejung und det Blut von eenen Tintenfisch uff den Siedepunkt bringen kann. Ich habe nämlich zum zweeten Male, und noch dazu „eene scheene Frau" jeheiratet." — Vorsitzender: „Wie meinen Sie das?" — Beklagter: „Ach Sie wissen nid), wat det Heeßen dut? Na, paffen Sie man uff, ick werde Sie't mal m kurze Züche ausnanderpolken: der ältere Mann von eene scheene Frau hat keene ruhige Stunde, weder wenn er alleene is, noch wenn er besuchte scheene Frau mit hat. Fs er aUcene, da beunruhigt er sich, dat det holde Wesen in moralische Jefahren je- raten könnte, wat hier zu Lande doch nid) unmöglich is, und hat er die scheene Frau mit, denn errejt er überall Üffsehen. Uff die Straße, in die Elektrische, int Restaurant, überall siebt et sonne Courschneider, die ihrer Nächsten Weib mit die Dogen verschlingen und vor lauter Koketterie und Falantheet nid) wissen, wie se treten sollen. Wre schwer et da for eenen rechtschaffen denkenden Ehemann manchmal is, feine Ruhe zu behalten — davon kann ick een Lied fingen . . ." Bors.: „Hören Sie damit auf und fomnien Sie zu dem Vorfall, wegen dessen Sie sich zu verantworten haben." — Beklagter: „An den kritischen Dage fahre ick mit meine bessere Hälfte irr die Straßenbahn, et war feen Sitzplatz mehr frei, wie wir instiejen, so det wir beede stehen mußten. Meine Jattin stand een Ende von mir ab, so det et aussah, als ob wir beede jar nid) zusammen jehörten. Plötzlich steht mein jeehrter Jejner Ziejler, der rm Wagen faß, uff, und bietet meiner Jattin seinen Platz an. Da meine Frau 20 Jahre jünger is wie td und außerdem bloß die Hälfte von meinem Körperjewicht hat, so war't janz natürlich, det ick mir uff dem Platz setze. Kaum habe ick michs aber bequem jemacht, da stürzt der Mann wie een Wüterich uff mir los und schreit: Sie unverschämter Flejel, ick habe meinen Platz diese junge Dame aujeboten, oogenblicklich stehen Sie uff, oder et jiebt een Donnerwetter über Ihrem dicken Koppe, wie Sie't noch nicht erlebt haben. Natürlich schwiej ick nich stille, sondern wurde um so gröber, je mehr er meine Frau jejen mir in Schutz nahm. Schließlich wurden wir alle drei von'n Wagen abjesetzt und von eenen Schutzmann notiert. Det is det janze Verbrechen, wat ick bejangen habe/' — Der Kläger Ziegler bemerkt, daß er nicht so heftig geworden sein würde, wenn er gewußt hätte, daß die Dame, der er seinen Platz an bot, die Frau des Beklagten war. Da auch dieser im Anfang seiner Aussage erklärt hat, daß er bedauere, so weit gegangen zu fein, so gelingt es dem Vorsitzenden, einen Vergleich äu stände zu bringen, bei dem jeder der beiden Gegner die Hälfte der Kosten trägt. Herr Hammer empfiehlt fid) mit den Worten: „Der war nun schon der dritte derartig Prozeß. Wenn meine Frau des Profil von eene Brockenhexe hatte, denn lebte ick jlück- licher, als wie mit die „scheene Frau".
Handel und Verkehr. Uoikümirtschasi.
Berlin, 22. Juli. Der Ueberschuß der Bochumer Bergwerks-Aktiengesellschaft für Juli beträgt 10200 Mark gegen 15 380 Mk. im Vormonat.
Berlin, 22. Juli. In der gestrigen dritten Sitzung der in Berlin unter Vorsitz des Reichsbankpräsidenten Koch tagenden Währungskommission, der, wie schon Samstag, der chi- nesische Geschäftsträger Kinginthai als Vertreter der chinesischen Regierung beiwohnte, wurden zunächst die Beratungen über Einführung einer einheitlichen Währung fortgesetzt und als Ergebnis der Verhandlungen folgende Resolution angenommen: 1. Die Einführung eines einheitlichen Geldumlaufs in China, bestehend aus Silbermünzen mit voller gesetzlicher Zahlungskraft ist dringend erwünscht. Die .Vorteile einer solchen Reform für China wie auch für die Goldwährungsländer würden außerordentlich gesteigert, wenn es gelänge, den Kurs der Silbermünzen im Verhältnis zum Gold zu fixieren. Für die Erreid)ung des letzteren Zweckes er-
fd)emt geboten, daß die Prägung der neuen Silbermünzen nicht freigegeben wird und die chinesische Regierung zu Beginn der Reform alle diejenigen Maßnahmen ergreift, die ihr die Einwirkung auf die ausländischen/Wechselkurse ermöglichen. 2. Wenn auch in Ländern mit Silberumlauf der Kurs der Silbermünzen vom Stande der nationalen Volkswirtschaft von ihren Beziehungen zu anderen Nationen abhängig sein wird, so ist doch wünschenswert, daß ein einheitliches Ausmünzungsverhättnis von Gold- und Silbermünzen in solcheii Ländern bestehe, die künftig Goldvaluta annehmen, ferner daß dieses Verhältnis auf etwa 32 zu 1 festgesetzt wird, falls keine weiteren ernstlichen Veränderungen im Silberpreis eintreten. — Seitens des Delegierten der mexikanischen Regierung wurden alsdann ausführliche Mitteilungen gemacht über Erzeugung und Verbrauch von Silber in der Welt, sowie über die Möglichkeit, eine größere Stetigkeit des Silberpreises herbeizuführen durd) Beobachtung einer gewissen Regelmäßigkeit in den für Münzzwecke vorzunehmenden Silberkäufen der einzelnen Nationen.
Märkte.
Limbrrrg a. d. L., 16. Juni. Fruchtmarkt. Durch- schnittspreise pr. Malter. Roter Weizen 13.80 Mk., Weißer Weizen 00.00 Mk., Korn 00.00 Mk., Gerste 0.00 Mk., Hafer 6.74 Mk., Erbsen 0.00 Mk., Kartoffeln 0.00 Mk.
Submissions-Kalender.
1. August. Mainz. Kgl. preuß. uud Großh. Hess. Eisenbahn- Direktion, Vergebung der Tifd)ler-, Schloffer- und Glaserarbeiten zum Neubau des Empfangsgebäudes auf Bahnhof Worms. Bedingungen für 5 Mk. — 1. August. Fürth i. Ö. Großh. Amtsgericht, Lieferung und Anfuhr von 300 Zentner prima gewaschene Ruhr-Fettnußkohlen und 150 Zentner Anthracitkohlen für das hiesige Amtsgericht und von 250 Zentner Ruhr-Fettnußkohlen für das hiesige Haftlokal. Bedingungen daselbst.
Landwirtschaft.
Der Wert einer guten Schulbildung für das Gedeihen de r Landwirtschaft ist von der Landwirtschaftskammer des Herzogtums Anhalt anerkannt worden. In einer jüngst in Dessau stattgehabten Sitzung wurde auf die Notwendigkeit einer rationellen Ausnützung des Bodens hingewiesen unb. betont, daß hierzu eine vollkommene Kenntnis der Gesetze des Wachstums, der Pflanzenernährung sowie ein Vertrautseiii mit den Vorgängen, die sich im Boden, in der Pflanze und im Tiertörper abspielen, erforderlich seien. Tie Versammlung mad)te sich schließlich folgende Grundsätze zu eigen: Um den Forderungen, die in der Gegenwart der Landwirtschaftsbetrieb an den einzelnen stellt, gered)t zu werden, ist es nötig, daß jederLandwirt sich nach Möglichkeit mit den Errungenschaften der Wissenschaft und Praxis unseres Gewerbes vertraut mack)t. Den anderen Landwirten ist im Vereinsleben, durch den Besuch größerer Ausstellungen, durck) das Lesen von Fachzeitschriften genügend Gelegenheit dazu geboten. Die jüngere Generation aber sollte nicht versäumen, je nach Vorbildung und Mitteln, die landwirtschaftlichen ober eine ber höheren landwirtschaftlichen Bild- ungsstätten zu besuchen, and) wenn unter ben Arbeitsverhältnissen in ber bäuerlichen Wirtschaft ber Sohn sck)wer auf einige Winter zu entbehren sein sollte. Wir bürfen uns nicht verhehlen, baß bte Frage der Gesundung der landwirtschaftlichen Verhältnisse zum nicht geringen Teil auch eine B i ldun g s f r a g e ist. — Sehr richtig 1 Man denke nur an Professor Backhaus, ber auf feinem ostpreußischem Gute Quednau, wie einst Liebig in Gießen, aller Welt zeigt, was mit ber Wissenschaft in ber Lanbwirtschaft zu machen ist, *
Schiffsnachrichten.
Nordbeut sch er Lloyd.
In Gießen vertreten durch Carl Loos, Kirchenplatz.
Bremen, 22. Juli. (Per transatlcmtisd)en Telegraph.) Ter Doppelschrauben - Postdampfer „Friedrich ber Große", Kapitän M. Eichel, vorn Norbbeutschen Lloyb in Bremen, ist gestern 1 Uhr nachmittags wohlbehalten in New-Port angekommen.
AUSM aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Getraute. Matthäusgemeinde. Den 11. Juli. Wilhelm Theodor Loh, Finanzaspirant bahier, mit Hebwig Helene Christiane Köhler, Tochter des Sd)reinermeisters Karl Köhler II. ßu Gießen. — Markusgemeinbe. Ten 11. Juli. Friebrich Menz, Taglöhner bahier, ein Witwer, mit Alwine Schneiber, geb. Limber, Witwe bes Taglöhners Heinrid) Schneiber. Den 12. Georg Rieß, Schneider und Turmwart dahier, und Marie Josepha Katharine Grämlich, Tochter des verstorbenen Schaffners Friedrich Grämlich zu Gießen.
Getaufte. Matihä usgemeinde. Den 12. Juli. Dem Weißbindermeister Wilhelm Emil Euler eine Tochter, Luise Käthe Albertine, geboren den 9. Juni. — M a r k u s g e m e i n d e. Den 11. Juli. Eine uneheliche Tock)ter, Elise, geboren den 30. Juni.
Beerdigte. Matthäusgemeinde. Den 11. Juli. Christine Kreiling, Tod)ter des verstorbenen Schlossermeisters Justus Kreiling, 50 Jahre alt, starb den 8. Juli. — Markusgemeinbe. Den 12. Juli. Ernst Adolf Theodor Teutscher, Händler zu Gießen, 32 Jahre alt, starb ben j.0. Juli. Den 13. Juli. Friebrich Klotz, Gemüfehänbler bahier, Sohn bes Gemüsehänblers Heinrich Klotz, 20 Jahre alt, starb ben 11. Juli.
Miefkasten der Redaktion.
(Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.) I. M. Ostern 1879 fiel auf den 13. und 14. April.
Monatliche Kebersicht der Todesfälle in Gießen.
Monat Juni 1903.
(Einwohnerzahl: angenommen zu 26 900 (inkl. 1600 Mann Militär) Sterblichkeitsziffer: 22,30, nach Abzug von 24 Ortsfremden: 11,60 '7C0.
Kinder
Es starben an: Zusammen: Erwachsene:
im
vom
Keuchhusten
1
1. Lebensjahr:
— 1
2.—15. Jahr
Tuberkulose der Lungen
7(2)
7(2)
__
Tuberkulose anderer Organe
4(2)
3(2)
—-
1
Lungenentzündung
3
3
—
—
Lungenkatarrhen
4(2)
2
2(1)
J-Q)
Apoplexie
2(1,
2(1)
Herzleiden
5 (5)
5(5)
—
—
Atrophie
1
i
—
Lebenssd)wäche
4(2)
—
_4(2)
—
Alterssck)wäche
1
1
—
Neubildungen
5(4)
5(4)
—
—
Sonst. Krankheiten
11 (4)
7 (3)
2
2(1)
Verrmglückung
2(2)
2(2)
—
—
Summe 50 (24) 37 (19) 9 (3) 4 (2)
Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach' Gießen gebrachte Kranke kommen.
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