Nr. 248 erffteittt täglich außer Sonntags.
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KernjprechanschlußNr 5L
Erstes Blatt. 153. Jahrgang Donnerstag 22. Oktober 1903
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW
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Volttische Tagesschau.
Zur Frage der Theologie-Professoren.
Die Preußische Generalsynode hat Anträge zur Frage der theologischen Lehrfreiheit beraten. Die „Evangelische Bereinigung machte den Versuch, das ganze Gebiet sofort in breitester Oeffentlichkeit und Ausführlichkeit zur Verhandlung zu bringen. Die kirchliche Rechte schien aber einer solchen Behandlung aus dem Wege gehen zu wollen und beantragte Ueberweisung an eine Kommission. . Unter Widerstand aus der linken Seite wurde die Kommissionsberatung beschlossen. Der Referent, Professor Haupt-Halle, hatte folgenden Antrag eingebracht:
Hohe Generalsyuode wolle beschließen:
In der Erwägung, daß nach den bestimmten Erklärungen des Evangelischen Oberkirchenrats vertraut werden kann, es werde seitens der bei der Berufung von Professoren der Theologie beteiligten Staats- und Kir- chenbehörden aus die Bedürfnisse nicht nur der Wissenschaft, sondern auch des geistlichen Amts und auf das Bekenntnis der evangelischen Kirche in vollem Maße Rücksicht genommen werdet:; daß daher ein Bedürfnis nicht vorliegt, die so oft behandelte Frage über die angemessene Besetzung der theologischen Professuren erneut zum Gegenstand von Beschlüssen der Generalsynode zu machen; daß in der Mittellung des Evangelischen Oberkirchenrats, daß in dem der Finanzkormnissiou vorliegendem Anträge Nr. 15 der Dienstsachen auf einem praktischen Weg zur Erleichterung der akademischen Laufbahn hingewiesen wird, worüber die General-Synode noch Beschlüsse zu fassen haben wird; geht General-Synode unter dem einmütigen Bekenntnis, daß ihr der Glaube an den Gekreuzigten und auferstanderren Christus als den alleinigen Mittler unseres Heils die unverrückbare Grundlage für die gesamte Kirche wie auch für die theologische Wissenschaft ist und mit ebenso einmütiger Anerkennung der theologischen Lehrfreiheit als eines Erfordernisses der theologischen Wissenschaft zür Einrichtung ihres Dienstes an der Kirche mit Dank für die Mll- teilung des Evangelischen Obertirchienrats unter 9tr. 69 der Drucksachen über die Anträge der pommerschen, schlesischen und westfälischen Provinz-Synode und der Evan- gellsch-lutherischjen Konferenz der Preußischen Landeskirche zur Tagesordnung über."
Der nette Reichsgerichtspräsideut.
Zum zweiten Male seit der Errichtung des Reichsgerichts tritt ein Wechsel in seiner Leitung ein. Der erste Präsident war Eduard Simson. Er trat sein Amt am 1. Oktober 1879 an und verwaltete es bis zum 1. Februar 1891. Simson, von Geburt bekanntlich ein Jude, war eilt ausgezeichneter Richter, bewährt in Theorie und Praxis. Er war jahrelang Professor der Rechte in Königsberg, Rat am ostpreußischen Tribunal, Vizepräsident des Appellationsgerichts in Frankfurt a. O. gewesen. Seit
1869 hatte er als Präsident die Geschäfte dieses Gerichtshofes geführt, lieber die Befähigung Simsans, des „geborenen Präsidenten", zum obersten Reichsrichter herrschte überall kein Zweifel. Ihm folgte Karl Otto Oehl- s ch l ä g e r, gleichfalls ein Ostpreuße von Geburt, der nur kurze Zeit in kleinen ostpreußijchen Landstädten ein Nichter- amt bekleidet hatte und dann zur Staatsanwaltschaft übergegangen war. Er wurde erster Staatsanwalt in Königsberg, vortragender Rat im preuß. Justizministerium, Generalauditeur, Kammergerichtsprasident uud endlich Präsident des Reichsgerichts. Jetzt ist, da Herr von Oehl- schläger seinen Abschied erbeten hat, — er ist 1831 geboren — die Wahl des Nachfolgers erfolgt und auf den Direktor im Reichsjustizamt, Wirllichen Geheimen Rat Dr. Gutbrod, einem geborenen Württemberger, gefallen. In den Kreisen der Juristen waren monatelang Oberreicys- anwalt Olshausen und Oberlandesgerichtspräsident Hamm in Köln als aussichtsvollste Anwärter aus das Aull genannt worden. Es war begreiflich daß man den neuen Präsidenten des Reichsgerichts unter denen suchte, die in der Rechtsprechung standen. Der Bundesrat hat es anders gewollt. Erregte schon die Berufung Oehlschlägers in manchen Kreisen Befremden, weil er überwiegend der Staatsanwallschaft und der Verwaltung angehört hatte, so wird die jetzige Wahl desselben an einzelnen Stellen Verwunderung Hervorrufen, weil Dr. Gutbrod seit langen Jahren der praktischen Rechtsübung völlig entrückt ist. Sell 26 Jahren gehört er dem Reichsjustizamt an. lieber engere parlamentarische Kreise hinaus ist er wenig bekannt. Daß die bureau Irakische Entwicklung die beste Vorbereitung für die höchste Richterstelle sei, deren Inhaber ebenso unabhängig gesinnt sein muß, wie sich der Verwaltungsbeamte notgedrungen abhängig fühlen muß, wlld vielfach bezweifelt werden. Dr. Gutbrod steht im 60. Lebensjahre. Das Amt des Direktors lln Reichsjustizamt ist mit 15000 Mark Gehalt und Wohnungsgeldzuschuß I 2 ausgestattet, das des Präsidenten des Reichsgerichts mit gegenwärtig 30 000 Mark Gehalt, einschließlich 5000 Mark Repräsentationskosten, und außerdem freier Dienstwohnung. Bei der Neubesetzung der Stelle erhält nach einer Bemerkung im Reichshaushalt der Präsident zwar ebenfalls die 30000 Mark, aber davon nur 20000 Mark a!3 peusionsfähiges Gehalt und 10 000 Diark als Repräsentationstösten. Die zehn Senatspräsidenten und der Oberreichsanwall beziehen je 14 000 Mark Gehalt und Wohnungsgeldzuschuß, die 81 Reichsgerichtsräte und vier Reichs anwälte je 12 000 Mark und Wohnungsgeldzuschuß. Die fortdauernden Ausgaben des Reichsgerichts beziffern sich auf insgesamt 2145445 Mark.
Dr. Gutbrod stand ursprünglich im württembergischen Justizdienst, aus dem er im Jahre 1877 bei der Errichtung des Reichsjustizamtes ausschied, um als kaiserlicher Re- gierungsrat ständiger Hilfsarbeiter dieser Behörde zu werden. 1879 wurde er zum Geh. Regierungsrat und Vortragenden Rat und 1885 zum Geh. Oberregierungsrat ernannt. 1888 bis 1891 war er im Nebenamt auch ständiges
Mitglied des Patentamts. Ms Dr. Hanauer 1892 Staatssekretär im Reichsjustizanll wurde, folgte ihm Gutbrod in der Stellung als Direktor mit dem Range eines Rats 1. Klasse. 1895 wurde er stellvertretender Buudesratsbevoll- mächtigter und 1897 für seine Verdienste um die Bearbeitung des Bürgerlichen Gesetzbuchs Ehrendoktor der juristi- schen Fakultät der Universllät Heidelberg. 1902 wurde er zum kaiserlichen Wirllichen Geh. Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt.
Zum Direktor im Reichsjustizamt an stelle des Dr. Gutbrod wurde der bisherige Vortragende Rat im Reichsjustizamt Wirll. Geh. Oberregierungsrat Dr. H o f s m a n n ernannt.
Geheimnisvolle Andeutungen.
Ein Berliner Mitarbeiter schreckt uns uuterm 21. Okt.:
Zur selben Zell, da die Sozialdemokratie das 25jährige „Jubiläum" des verflossenen Sozialistengesetzes feiert — jedenfalls einmal ein originelles Jubiläum — kommen aus Halle a S. mysteriöse Mitteilungen über eine Gegenbewegung. Männer aus allen Kreisen, Männer vom Hofe und von der Regierung,. von der Hochfinanz und von der Großindustrie usw. sollen in geheimen Konferenzen den Zweck verfolgen, Mittel uud Wege zur Einleitung dieses GesmckungsprozesseS ausfindig zu machen. In Halle hätten die Besprechungell begonnen, und in Berlin sollen sie demnächst fortgesetzt toeroen. Also berichtet die „Saaleztg.". Das Blatt macht selbst den Vorbehall: ,F9b und inwiewell die leitenden Kreise in Beziehung stehen, entzieht sich zunächst noch unserer Kenntnis". Gehören aber die „Männer von der Regierung", die ausdrücklich als Teilnehmer der geheimen Konferenzen bezeichnet worden sind, nicht den leitenden Kreisen an? Hier liegt schon ein aufklärungsbedürftiger Widerspruch vor. Skeptisch bemerkt die „Nationalztg." zu den „Enthüllungen": „Wenn es sich über* i^aupt um mehr als aufgebauschte Gerüchte von einer gelegentlichen Versammlung handell, die „in 24 Stunden die soziale Frage lösen" wollte, tut die „Saaleztg." jedenfalls gut, die Beziehungen „lellender Kreise" zu den Geheim- wnserenzen in Frage zu stellen." Beweise für die behaupteten Tatsachen vorbert die „Voss. Ztg.", sie schreibt: /^Hoffentlich ist das Hallenser Blatt demnächst in der Lage, nähere Mllteilungen über seine geheimnisvolle Botschaft zu geben und dadurch dem Vorwurfe vorzubeugen, mystifiziert worden zu sein."
Wir fügen hinzu, daß an den Stellen, die über eine solche Aktion unterrichtet selll können, nichts bekannt ist von der Sache nach Mitteln zur Herbeiführung eines „Gesundungsprozesses". Daß hier und da eine Anzahl Personen den inneren Drang verspüren, die Klinke der Gesetzgebung zu ergreifen, und speziell das Problem der Betamp fung der ^ozialdernokratie zum Anlaß von mehr oder weniger ernsthaften Erörterungen zu nehmen, kcmn selbstverständlich nicht auf das Konto lellender Kreise geschrieben werden. Ein Auftrag der Regierung liegt nicht vor; es wäre'
Feuilleton.
Der berühmte Chemiker A. W. v. Hofmann, bekanntlich geborener Gießener, dessen Andenken in Berlin neuerdings geehrt wurde durch die Anfügung seiner Büste an dem Denkmal der Kaiserlll Friedrich, besaß in hohem Grade die Gabe volkstümlicher Darstellung. Aus der Oältur- forscherversammlung in Bremen hielt Hofmann den ein- lellerlden Vortrag über „einige Ergebnisse der Na- tursorschung seit Begründung der Gesellschaft und schloß mll dem folgenden interessanten Mlde. „Es ist am Ntorgen des 18. September im Jahre 1822. Wir begrüßen einen ankommenden Naturforscher auf dem Posthofe zu Leipzig. Unser Freund kommt von Bremen. Er hat vier Tage und vier 9iächte im Eilwageu gesessen, um euren Weg zurückzulegen, der heute eine mäßige Tagereise in Anspruch nimmt. Für den Abend ist eine Zuf ammen- kunll mll Freunden verabredet. Münchener Bier gibt es in Leipzig überhaupt nory nicht. Desto besser M die Unter* Haltung. Rill Sicherheit laßt sich aber beute nur angeben, um was sich die Unterhaltung nicht gedreht hat. Von der Durchstechung der Landenge von Suez, von der Durchbohrung. des Mont Cenis mrd des Gotthard haben die Herren gewiß nicht gesprochen. Auf Rhein und Elbe sind bereits einige vereinzelte Dampfboote gesehen worden, aber mehr noch, ber erste Dampfer, die Savannahs hat eben den allantischen Ozean durchfurcht. Ja selbst die Dlöglichkeit von Eisenbahnen wird bereits diskutiert. Welche Aussicht für Einen, der eben noch eine halbe Woche im Eilwagen gesessen hat. Wir begleiten unseren Naturforscher auf den Heimweg. In den Straßen herrscht ägyptische Finsternis, nur hier und da von einer trüb brennenben Oellampe unterbrochen. Unser Freund erreicht glücklich seine LÄohnung. Auf der Treppe brennt allerdings kein Petroleumlämpchen, — wo hätte man damals auch das Petrolerwr hernehmen sollen? Auch das Zimmer ist dunkel. Streichhölzer gibt es noch nicht; aber unser Freund ist ein kluger Mann, der Stahl und Stein und Zunder jederzeit bei sich führt. Er klopft sich allerdings ein paarnml tüchtig auf die Finger, indes schon hat der Zunder Feuer gefangen. Schon brennt das Talglicht, Stearinkerzen lannte man damals noch nicht. Die Photographie seiner Frau kann unser dllrturforscher nicht auf den Tisch stellen, denn die Photographie ist ja auch noch nicht erfunden." In dieser Weise entrollt A. W. v. Hofmänn weiter jein hübsches „B i l d a u s d e r d e u t- jchen Vergangenheit". Interessant ist auch die in diesem Vortrage errthaltene Bemerturrg, daß wir das Chloroform und das Ehl oral im gewissen Sinne
einemverunglücktenBallfestindenTuilerien verdanken. „Es war während des letzten Regierungsjahres Karls X. Als die zum Balle Gelaßenen erschienen, fanden sie die Sale mit erstickenden Dämpfen erfüllt, welche von den mll rußender Flamme brennenden Wachskerzen entsendet wurden .Dumas, der mll der Aufklärung dieses Zwischenfalles betraut wurde, zeigte, daß das Wachs der Kerzerr mit Chlor gebleicht worden war. Ms Liebig bald darauf die Ellrwllkung des Chlors auf das Alkohol studierte, entdeckte er das Chloroform und das Chloral, dessen physiologische Eigenschaften später von Liebreich aufgefunoen wurden." Aus dem Munde von Faraday und Hofmann hatte die Kaiserin Friedrich ihren ersten naturwissenschaftlichen Unterricht erhalten.
— Gerichtshumor. Ein im Helwingscheerx Verlag zu Sxmnober erschienenes Büchlein „Aus meiner Kuriosensammlung" von Geh. Justizrat Meyer in Breslau enthält eine Reihe wunderlicher Gerichtsakten. Da findet sich aus der ersten Zeit nad) der Annexion von Hannover an Preußen 1866 solgeirde Anzeige an die Kronanwaltjchaft zu Celle unter der Ueberschrift „Vorsätzliche Anklage und Staatsbeleidigung". Die Denunziation lautet unter Beseitigung der sinn störend en orthographischen Fehler: „Fünf Minuten vor 5 Uhr ging der Schuhmacher Bierbaum hier vor der Stadtkirche und der Apotheke zu, so rief er laut dreimal: Bismarck! Wie er wieder zurückkam, da hatte er ein großes Wort, sagte wieder, Bismarck würde aujgehenkt, und hannöverisch würden wir dock. Majestätsbeleidigung! Die Frau Grünhöfer Beplat hat es auch angehört. Ick), bitte dem Kriminalgericht um Bestrafung, er hat schon mehrmals gerufen: Hannöverisch werden wir doch! auf öffentlicher Straße. Ich kämpfe und mein Mut vergieße ich für meinen jetzigen König und für Gouverneur Bismarck und für den Preußischen Staats. Dorette Knöfeldt." Von dieser begeisterten Preußenverehrerin in Celle enthält die Sammlung noch> ein zweites kostbares Aktenstück. Hier sei nur noch ein merkwürdiger Steckbrief wiedergegeben, den das preußische Amtsgericht Elze am 5. Mai 1868 gegen den Kalkfabrllanten Moses Stern erlassen hat: „Ungefähre Kennzeichnung: Mter: an 46 Jahre etwa Statur: kräftig untersetzt und wohlgebildet. Grosze: mittlerer, angeblich unter 6 Fuß. Haar: schwarzbläulich. Augen: dunkel, cur- geblich braun. Nase: Adlernase, mehr römischer als griechischer Art und dick. Mund: ziemlich groß und mit starken Lippen und anscheinend guten Zähnen, angeblich. Gesichtsfarbe: bräunlich gelb und gesund. Gesichtsform: länglich oval. Sprache: deutsche —, kräftig, tief. Religion: jüdische, angeblich freie Richtung. Besondere Kennzeicken: Das
Aeußere desselben macht den Eindruck eines arabisc^n Häuptlings mit Ausnahme seiner Beleibthell, wonach er zur äußeren Erscheinung eines Pascha hinneigt."
— Von dem bereits von uns erwähnten großen Werke von Prof. Dr. Brauns in Gießen, „Das Mineralreich^, das zurzeit im Erscheinen begriffen ist, liegen, wie man uns mitteilt, bereits sämtliche 91 Tafeln fertig vor. Ein rasches Erscheinen ist daher sicher.
— In Frankfurt a M. halle Jan Moxck Oper „D i e Meeresbraut" bei der Uraufführung in deutscher Sprache großen Beifall, der mehr dem anwesenden Komponisten und der trefflichen Aufführung galt, als dem Werke, das neben vielen Vorzügen auch Schwächen hat, die einen dauernden Erfolg versagen müssen.
— Die Ko st en des fürstlichen Theater- und Konzertsaalbaues in Gera, der im vorigen Jahre eingeiveiht worden ist, betragen 1103 700,65 Mk., 153 760,65 Mark mehr als vorgesehen. Zur Bestreitung der Lauten standen zu Gebote 100 000 Mk. von Frau Geh. Kommerzienrat Ferber, 50 000 Mk. von dem Erbprinzen von Reuß j. L., 355 949,36 All. freiwillige Beiträge, 98333,34 Mark, Ertrag einer Lotterie, 29 477 Mk. Zinsen. Der Rest mit 470 000 ijt von dem Fürsten von Neuß j. L. gedeckt worden, der auch noch 30 000 All. für die Herstellung des Bauplatzes und dessen Umgebung bewilligte.
Sudermann quält im „Tag" sich mit dem Versuch ab, sein neues Stück „D e r S t u r m g e s e l l e S o k r a t e s" zu rechtfertigen, indem er sich beruft auf „Erinnerungsbilder an ehemalige Freihellsmänner", die in verräucherten Lokalen aus gerippcen $)eaelglä|ern Massen gelben Bieres herunter,püllen, mit den Kennerinnen scharmuziei> ten usw. Er habe sich als junger Bursche in die Kneipen geschlichen, in denen sie verkehrten, habe aus den Neben- räumen und von Nebentischen her )edes verpändliche Wort gierig in sich hineingesogen. — Das mag alles richtig sein, aber es berechtigt Herrn Sudermann nicht, aus solchen individuellen Wahrnehmungen aus dem denkbar engsten und trübsten Gesichtskreis, m den er zufällig geraten ist, Typen für den angeblichen Medergang der alten Achundvierztger zu schaffen, die mll der Wal)rheit in schneidendstem Widerspruch stehen. Wenn £>err Sudermann in Ostpreußen ernsthaften politischen Umgang gehabt hätte, so würde er wahrnehmen, daß die alten Achtundvierziger dort wie überall fast ausnahmslos bis zum Grabe ihren Gesinnungen und ihrer Richtung treu geblieben sind und überall wieder zu finden waren, wenn es galt, für den Liberalismus einzu.tr etew


