Ausgabe 
22.8.1903 Erstes Blatt
 
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Nr. 196

Chrfd>eittt tSgtt» außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Zamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck xu Ver­lag der Brüh l *sch«r Untvers.-Buch- u.Stebr- druckeret (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

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Erstes Matt.

ISS. Jahrgang

Samstag. August 1903

Siehener Anzeiger

** GenerÄ-ÄMiger

Amts-und Anzeigeblatt str den Ureis Gießen

dezngSpretSr monatuch75Ps^ viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Avhole- iu Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch diePost Mk.2. viertel- sährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen ür die Tagesnummer i>lS vormittags 10 Uhr.

^eilenpreiSr lokal 12 Pf^

auSwürlS 20 Pfg. Beraatwortilch für den polti. und allgem. Teil: P. Wtttko: Mr. Stadt und Vanö* und .GerichtSfaalE; August Götz; für den An­zeigenteil: HanS Beck.

Politische Tagesschau.

Deutschckvglische Beziehungen.

Neber die d eutsch^englischen Beziehungen, resp. übtzr die Beziehungen zwischen König Eduard VII. und Kaiser Wil­helm IL läßt sich! derTally Expreß" von seinem $arifcr Korrespondenten eine Drahtmeldung senden, die wir wieder- geben, weil sie eine symptomatische Bedeutung hat. Das Telegramm lautet:

Die Tatsache, daß der König eine Begegnung mit dem deutschen Kaiser meidet, wird iu hiesigen diplomatischen Kreisen lebhaft besprochen. Es heißt, daß Marienbad an Stelle von Homburg für den Kuraufenthalt des Königs nur deshalb gewählt wurde, weil der 'Monarch es vorzog, auf östreichischem anstatt auf deutschem Gebiet zu verweilen Man'findet es bemerkenswert, daß König Eduard, nachdem er den König von Portugal, den König von Italien und den Präsidenten der französischen Republik besucht, dem Kaiser sich fernhält, obwohl er ihm sert seiner Thronbesteigung noch, keinen offiziellen Besuch abgestattet hat. Es wird angedeutet, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und England gespannte sind und daß deshalb der König den deutschen Hof meidet. Das Fiasko bezüglich des Bagdad­bahn-Planes wird als Hauptursache der Reibung angegeben Die englische Regierung hatte sich bekanntlich halb und halb- verpflichtet, in Form einer Garantie den Plan zu unterstützen, aber die Opposition, die sich in England- dagegen erhob, zwang Lord Landsdowne zum Rückzug Hierüber war der Kaiser ungehalten, und es scheint, daß die deutsche Re­gierung dies auch zum Ausdruck brachte. Die Zurückhalt­ung der englischen Finanzmänner hatte ein gleiches Ver­halten der französischen Finanzwelt zur Folge, und dies war dem großen Plane, an dessen Ausführung Deutsch­land so viel gelegen ist, sehr hinderlich. Sicher ist ferner, daß die bemerkenswerten Avancen, die König Eduard Frank­reichs machte, und die Wiederannäherung zwischen. Frankreichs und England in Berlin mit Mißfallen betrachtet werden, da man fühlt, daß jede Art englisch-ftanzösischer Freund­schaft einen antideutschen Charakter tragen maß."

Diese letzte Behauptung wird, wohlgemerkt, nicht von deutscher Seite, sondern von dem Pariser Korrespon-z deuten eines englischen Blattes auf gestellt.

Forderung der inneren Kolonisation.

Wenn für die Reformen des Wohnungswesens in den Städten die Form des Erbbaurechts immer größere Bedeut­ung erlangt, so darf gleichKeitig als einem Mittel zur Förderung von kleinem Grundbesitz dem Erbpachtsystem eine Aufmerksamkeit zugewandt werden, die ihm lange versagt worden ist. Die 48 er Bewegung brachte uns Freiheiten, die neugestaltend, andere, die zerstöreird wirkten.' Zu den letzteren gehörte die Aushebung der Erbpacht. Das preu­ßische Landrecht enthielt einige Bestimmun^n, die diese alte, im deutschen Recht eingebürgerte Institution in einer für Grundherren und Erbpächter schützenden Weise regelten. Ter Bauer konnte durch Auszahlung einer mäßigen Kapi­talsumme Erbzinsner eines Landstückes werden, das gegen Erlegung eines jährlichen und keiner Steigerung unter­worfenen Zinses für alle Zeiten in seinem und seiner 9iachfolger Besitz blieb, bloß eingeschränkt durch einige Be­

dingungen, die die Zinszahlung sicherstellten und die Ent­wertung des Grnudstü s verhinderten. Der Bauer konnte auf solche Weise Landeigentümer werden, auch ohne große Kapitalien zu besitzen, und konnte an der durch die allge­meinen Kulturverhaltnisse bedingten Steigerung der Boden­rente teilnehmen. Werl durch -die Erbpacht ein Band zwischen Zinsherren und Zinsbauem hergestellt wurde, das wenn auch nur in loser Weise, doch ein gewisses Maß der Zusammengehörigkeit, ein Bewußtsein der Zugehörig­keit und Abhängigkeit des Zinsbauern vom Zins Herrn enthielt, nahmen die Freiheitsidealisten von 48 an einer Institution Anstoß, von der nicht geleugnet werden kann, daß aus ihr Schaden erwuchs,' bezüglich deren es aber auch un6e)tritten rst, sie habe vielen diutzen gestiftet. Ein Gesetz vom 2. März 1850 hob die betr. Artikel des Landl- rechts auf. Das in unseren deutschen Landleuten tief wurzelnde Streben, sich, und wenn es noch! so wenig ist, ein Stück eigen Land zu verschaffen, bildet eine der sichersten Bürgschaften für das schließliche Erreichen der für die För­derung der inneren Ällonisation bestimmenden Zielpunkte. Um so viel kleiner der Betrag bei der Erbpacht ist, mit dem sich jemand seßhaft machen kann, um so mehr Leute würden in der Lage sein, ihn zurückzulegen, und es könnte bei dem Erbpachtsystem leicht ein zahlreicher Kleingrund­besitzerstand entstehen, dessen Anwachsen wirtschaftlich und sozial von den segensreichsten Folgen fein müßte.

Aus S.lM und Aand.

Gießen, den 22. August 1903.

** Der Hessische Zweig der Südwestdeut­scheu Konferenz für inn ere Missi on wird sein Jahressest am 6. und 7. September in Darmstadt begehen. Der Festgottesdienst wird am Sonntag, ' den 6. September abends 6 Uhr in der Stadtkirche gehalten werden, wobei Stadtpfarrer M ü h lt a u ß e l' aus Karls­ruhe, ein bekannter trefflicher Prediger/ die Festpredigt übernommen hat. i Abends 8 Uhr ist ein Familien abend im Kaisersaal vorgesehen, bei dem Pfarrer Wahl aus Langen überStadt und Land in kulturhistorischer und sozialer Beziehung" reden wird. Am Montag, den 7. Sep­tember, versammelt sich dann zuerst der Landesausschuß mit seinen Agenten- und Synodalvertretern imGemeindehäus der Martinsgemeinde zu vertrauliche^ Beratung. Daran wiuo sich dann dw eigentliche Jahresversammlung an­schließen, auf der vor allem die Arbei t an der Ju­gend auf dem Lande zur Besprechung kommen wird. Ueber dieses wichtige und sehr schwierige Thema wird ein berufener Arbeüer auf diesem Gebiete, Herr Pfarrer Kopfermann ans Breckenheim den einleitende:: Vor­trag halten.

** Gewerbevereine. Morgen Sonntag findet in Homberg a. O. eine Ausschußsitzung der Gewerbevereine des Bezirksverbandes Gießen - Grünberg - Lich -Lollar- Londorf statt, mit welcher eine Besichtigung der dortigen SonntagS-Zeichenschule verbunden ist. Nach dem geschäft­lichen Teil des Tages soll eine Partie auf die prächtig ge­legene Amöneburg unternommen werden.

Butzbach, 21. Aug. Tierarzt Mörler hier wurde vom Großh. Kreisamt zum Fleischbeschauer für die hiesige

Stadt ernannt Als Stellvertreter wurde Georg Müller bestimmt. B. Ztg.

v Bad Nauheim, 22. Aug. Bis zum 22. August 1903 sind 21028 Kurgäste angekommen, wovon am genannen Tage noch 5849 anwesend waren. 264 329 Bäder wurden bis zum 20. August abgegeben.

)( Friedberg, 21. Aug. Die Stadtverordneten-Ber» sammlung hat die Erbauung eines Laboratoriums für die Gewerbe-Akademie beschlossen, und die er­forderlichen Mittel in Höhe von nahezu 4000 Mk. bewilligt.

-o- Mainz, 21. Aug. Vom 6. bis 8. September wird hier die 12. ordentliche Hauptversammlung des Verbandes deutscher Gewerbevereine ab geh alten. Im Anschluß daran findet am Sonntag, dem 6. September, im Saale des Ka­sinosHof zum Gutenberg" auch die Hauptversammlung des Gewerbevereins für das Großherzogtum Hessen statt. Auf der Tagesordnung dieser letzteren stehen u. a. folgende Punkte: Tätigkeitsbericht des Gewerbevereins für das Grohherzogtum Hessen 'und der Großh. Zentralstelle für die Gewerbe; Bestimmung des Ortes für die n ä ch st e Hauptversammlung in der Provinz Oberhessen; Pensionskasse für selbständige Gewerbetreibende, Bericht­erstatter Regierungsrat Dr. Dietz-Tarmstadt; Mitteilungen über den Stand des gewerblichen Unterrichtswesens in Hessen, Berichterstatter Gewerbeschul-Jnspektor Meyer- Darmstadt; Die Umwandlung der Sterbekasse für Mitglie­der des Landesgewerbevereins, Berichterstatter Handwerks­kammersekretär Engelbach-Darmstadt. Der Bericht über die Tätigkeit des Verbandes Deutscher Gewerbeverein, erstattet für die Zeit von Mitte September 1902 bis Ende August 1903, liegt bereits gedruckt vor. Ihm entnehmen wir, daß der Hessische Landesgewerbeverein um 7 neue Gewerbe­vereine und um mehr als 500 Mitglieder gewachsen ist. Tie Zahl der Handwerkerschulen und der Schüler an allen gewerblichen Unterrichtsanftalten hat sich vermehrt. Die Einrichtungen der Zentralstelle und die derselben unter­stehenden gewerblichen Unterrichtsaust,alten wurden be­sichtigt durch Fachmänner der Preußischen und Belgischen Regierung, sowie der Nieder-Lesterreichischen Handels- und Gewerbekammer und der Handwerkskammer zu Insterburg. Ten Versicherungsgelegenheiten des Landesgewerbevereins, wie Sterbekasse, Haftpflicht- uni) Unfall-Versicherung, wurde eine solche für Lebensversicherung angegliedert und den Mitgliedern der Beitritt zu dem^Hilfsverein für Geistes­kranke im Großherzogtum Hessen anempfohlen. Die von der Zentralstelle seit 5 Jahren eingerichteiten Meister- türfe wurden vermehrt und sanden wachsenden Zuspruch. Tie Gesellenprüfungen der Ortsgewerbevereine, die von denselben eingerichteten Vorbereitungskurse für Meister- und Gesellenprüfungen sind in stetem Wachstum begriffen. Tie Zentralstelle hat in ihrem Gewerbemuseum verschiedene größere Kunst- und kunstgewerbliche Ausstellungen ver­anstaltet, die Benutzung der dem ganzen Lande zugäng­lichen Bibliothek, Vorbilder- und Patentschriftensammlung zieht immer größere Kreise. Zum Gebrauche an den ein­heimischen Schulen sind neue Unterrichtsmittel veröffent­licht worden. Tie Borortschaft des Verbandes deutscher Gewerbevereine hat eine erhebliche Vermehrung desr beiten für die Leitung des Landesgewerbevereins zur Folge.

Keidelöerger Aestesklänge.

in.

Heid elb er g, 8. August. Lieber Freund!

Es war ein schpierer Entschluß, miet) heute wieder cm den Schreibtisch zu setzen, um einige Zeilen an Dich, los­zulassen; denn ich bin sehr ermüdet von dem FeshrümmeL Der erste Lpg ging also gut zu Ende. Der Margen des zweiten brach heran. Es hieß ftüh aufstehen, da ich kurz nach 8 Uhr bereits in voller Gala in' der Peters- kirche fein mußte, wo wir akademischen Sänger zur Weihe des Festgottesdienstes beitragen sollten. Von dem feier­lichen Zug der Professorenschaft aus der Aula in die Kirche Letam ich nichts zu sehen, ebensowenig von dem Empfang des Großherzogs am Portal; denn wir Sänger und Sänge­rinnen saßen auf der Orgelnnpore eingekeilt zwischen das Orchester, das uns noch oft die Ohren vollposaunen sollte. Die Feier verlies sehr weihevoll; die von uns vor­getragene Schubertsche Messe in es-dur machte tiefen Ein­druck, wie ich später erfuhr.

Was nach dem Festgottesdienst geschah, ging uns Stu- ^enten wiederum nichts an; nur unsere AusschußVertretung war zu dem Jnrbiß im Saalbau geladerr, und nur wenige konnten dem Festakt in der Aula beiwohnen. Uebrigens soll letzterer gar nicht so hervorragend iirteressant gewesen fein. Mancher war erbost, daß wir auch an dem großen Festmahl in der Stadthalle nicht teilnehmen konnten. Wer Platzmangel ist ein stichhaltiger Grund, und die meisten hatten auch gar keine Gelüste nach einem1 solchen offiziellen Schmaus. Erst abends kamen wir auf unsere Rechnung, und dieser Abend war auch nach allgemeiner Ansicht der Gipfelpunkt der Festlichkeiten.

Das erste große von der Stadt gegebene Schloßfest ifaiih abends im Schloßhof, im Band Haus und im Keller Leim großen Faß statt. Nur ein Teil der Studentenschaft war am Donnerstag abend oben; der größere Teil hat Karten zu dem am Samstag abend statt findend en zweiten Schloß fest erhalten. Ich hatte Glück und bekam eine Karte für Donnerstag. Also auf zum Schloß! Schon beim Eintritt durch den oberen Dorbogen strahlte uns märchenhaftes, farbiges Geflimmer entgegen.

Oeffne, o Sänger, die Augen und schone

Zaubervoll schimmernde Märchenpracht;

Sagenumwoben verklungene Zeiten

Steigen gespenstisch hervor aus der Nacht.

Aus den Ruinen spruben die Feuer, Mitzet der Lichter helbflackernder Scheim;

Geister der Vorzeit, ihr steiget heruiederl

Wolll ihr am Glanze des Festes euch freun?!

Du siehst, altes Haus, man bekommt hier poetische Anwandlungen. Anregung war jedenfalls in Fülle vor­handen. Ich kann nicht ost genug bedauern, daß Du nicht hier warst und den unvergleichlich schönen Abend mit uns erleben oder wenigstens für Dich allein genießen konntest; denn dritte waren bei uns oft sehr überflüssig; begreif­lich,! Also, man fühlte sich in ein Märchen von 1001 Nacht versetzt. Der Eindruck war überwältigend schön. Im Schloß- Hofe herumwandelnd hatten wir Muße, alles eingehend zu besichtigen und zu bewundern. Der L»pringbrunnen, auf Deutsch Fontäne, erstrahlte in verschiedenen, wechseln­den Farben, der herrliche Friedrichsbau und der malerische, ehrwürdige Otto-.Heinrichsbau wurde abwechselnd bengalische beleuchtet; die Beleuchtung war geradezu feenhaft; aus allen'Ecken und von allen Fenstern bis hinauf zum großen Turm blitzten tausende von Jlluminationskörpern. Dazu war Konzert im Schloßhof, im Band Haus und beim großen Faß. Nachdem wir uns geistig gesättigt hatten, dachten wir auch an unser leibliches Wohl und ließen uns im schön geschmückten Keller beim altehrwürdigen großen Faß nieder. Leider konnten wir aber nicht mit Perkeo um die Wette trinken, denn das hätte mrs ein kleines Vermögen gekostet, da man für jedes Glas Wein 50 Psg. zu ,cherappen" hatte. Die Stadt Heidelberg hat jedenfalls Besorgnis gehegt, die Trinkfähigkeit chrer cives academioi könne die Zahlungs- fähiMit des Stadtsäckels übersteigen. Daher wurden alle Erwartungen auf in Strömen fließenden Wein, der von der Stadt der Universitas titterarum gespendet werde, sowie auf sonstige kostenlose lukullische Genüsse auf das empfind­lichste getauscht. Manchen sah ich, derohne Geld bei Bier und Wein den Herrn der Erde gleichen" wollte und sich nun genötigt sah,mit gesenktem Blicke" hinunter in das Philisterhaus zurückzutehren, oder sich oben nach kapital- fräftigen Freunden umzusehen, um durch eine Anleihe feine pekuniäre Blöße zu deckeru

Die ©timmuug wurde von Stunde zu Sturtde ani­mierter; wir verlebteil wahrhaft^ glückllche Stunden. Auch unser verehrter Großherzog mit feiner hohen Gemahlin

und dem gesamten Hofstaat schien sich wohl zu fühlen, er blieb bis gegen Mitternacht und machte verschiedene Rund- gänge, sogar bis ht den Keller, überall jubelnd begrüßt. Ein bewunderungswürdiger Mann! Seine Liebenswürdig­keit und feine Ausdauer suchen ihresgleichen. Nach 1 Uhr machten wir uns dann auf den Heimweg. Nur schwer trennten wir uns von dem herrlichen Schauspiel, welches das Schloß, hier von dem allmählich verglimmenden Feuer flackernd beleuchtet, dort in gespenstiges Dunkel gehüllt, dem scheidenden Auge boü Unvergeßliche Erinnerung!

Damit war der zweite Festtag würdig beschlossen. Ge­statte, daß ich, Dir noch kurz über den Freitag, heute, einiges berichte.

Um 9 Uhr morgens sollte ich bereits in der Stadthalle zu der Generalprobe zum Huldigungsgesang erscheinen; dies tat ich, aber nicht, sondern ruhte mich etwas länger aus. Um 11 Uhr begann der Festakt in der Stadthalle. Eine glänzende Gesellschaft füllte den weiten Saal, die Tribünen waren von einem reichen Damenflor besetzt. Pünktlich 11 h. c. t- erschien der Hof, voran unsere beiden Oberpedelle mit goldenen LiktorenstMen in reicher Galauniform, dann der Oberhofmarschall, der Großherzog mit der Großherzogin, der Erbgroßherzög und die anderen Fürstlichkeiten mit Ge­folge. Die Feier wurde durch den Wolftamschen Huldig­ungschor mit großem Orchester eingeleitet. Das Werk ist großartig komponiert und hat, wie ich höre, den Groß- herzoglichen Herrschaften ausgezeichnet gefallen. Unser bewährter Musikdirektor hat die ihm gewordene Ehrung vollauf verdient. Die folgende Festrede soll sehr schön gewesen fein, wir haben auf der Sängertribüne wenig davon verstehen können und sind daher mit einigen Freunden heimlich ausgekniffen, um unten in der Restauration einen Ählen Tropfen Bier zu genehmigen. Gegen Schluß kamen wir wieder herein und hörten noch dasMeistersingervorspiel". Nach Beendigung der Feier hielt der Großherzog noch Cercle ab, was nod} eiroa eine Stunde in Anspruch, nahm. Wir aber wanderten zum Essen.

Der dtachmittag heute ist frei, und ich benutze chn. Dir dies alles mitzuteilen. Heute abend findet der große Festkonuners der Studentenschaft statt. Darüber morgen. Für diesmal lebe wohl und sei gegrüßt

von Deinem

Heinz.