Ausgabe 
21.11.1903 Zweites Blatt
 
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Wien, 20. Nov. Die mit großer Spannung erwartete Erklärung des Ministerpräsidenten v. Körber über die vor­gestrigen Ausführungen des Grafen Tisza im ungarischen Abgeordnetenhaus wurde heute tm Abgeordnetenhause ab­gegeben. Die Rede wurde mit lebhaftem Beifall aus­genommen. Versuche der Tschechen, sie durch Pfeifen und Lärmen zu stören, wurden energisch zurückgewiesen. Körber erklärte, er habe die ungarischen Gesetze so weit heranziehen müssen, als sie österreichische Rechte und die Armee betreffen. Die Ausgleichsgesetze bildeten ein unübersteigbares Hindernis gegen alle Bestrebungen, die österreichischen Rechte zu schmälern. Er werde die österreichischen Rechte gegenüber denjenigen Ungarns zu verteidigen wissen wie der Soldat seine Fahne. Körber bemerkte unter Anspielung auf die Worte Ti-zas: Dem Grafen Tisza würde die Priorität zufallen, wenn ein Angehöriger der einen Reichshälfte einen Angehörigen der anderen als Fremden bezeichnet. In dec Debatte erklärt Abg. Herold, so lange die Armee als Germ ani- sierungsmittel mißbraucht werde, so lange nicht allen Nationalitäten Oesterreichs Gerechtigkeit werde, so lange die Krone nicht mit ihren eigenen Völkern Frieden geschlossen habe, und so lange Körber an der Spitze der Regierung stehe, könne eine Blenderung in dein politischen und parla­mentarischen Verhältnis nicht eintreten. Zazvozka wird roegen des Ausdrucks: Streiche der Regierung nennt man in Böhmen .Gaunerstreiche", zur Ordnung gerufen.

Konstantinopel, 20. 9A>v. Es verlautet, Prinz Lut full ah, ein Sohn des verstorbenen Schwagers des Sultans Mahmud Pascha, der mit seinem Vater geflüch - tet war, und im Auslande jungtürkische Ziele verfolgte, sei dieser Tage verkleidet hier eingetroffen, verhaften und im Hause des Kammeryerrn Faik Bey interniert. In der Unter,uchung erklärte Lutfuücch, er sei behufs Regelung von Prii.atangelege-.lhei> en nach Konstantinopel g-Lmiaen.

Keer miD Sporte.

Metz, 20. Nov. Leutnant Bilje hat das Urteil ves Kriegsgerichts angenommen, und da d^r Ge­richtsherr keine Revision eingelegt hat, jo i|t dasselbe rechts­kräftig geworden. BUse wird seine Strafe im hiesigen Bezirtsgefangnis in Einzelhaft verbüßen. Der VerurteUte wird demnächst ein Gnadengesuch einreichen und darum bitten, die ausgesprochene Dienstentlassung in den so­genannten schlichten Abschied zu verwandeln, da ihn bei der Abfassung des Buches feine uneyrelchasten Motive ge­leitet hatten. Zur Inspizierung des Train-Ba­taillons Nr. 16 weilte der kommandierende General Stütz er aus Metz einige Tage in Ford ach. Man hält hier allgemein diese au^erordemUcbie Besichtigung für eine Vorläuferin zahlreicher Verabschiedungen und Versetzungen; ja, man spricht sogar davon, oaß das ganze Bataillon wieder nach Metz, wo es früher stand, verlegt werden soll.

Aus §tüi)i uni) £uiiü.

Gießen, 21. November 1903.

** Medizinische Gesellschaft in Gießen. Die nächste Sitzung sindet statt: Dienstag, den 24. Nov., abends 7'/2 Uhr pünktlich im Hörsaale der Unwersiläts- Augenklinik. Beifolgende Tagesordnung ist festgesetzt. 1. Herr Remcwald: Killian'sche Radicaloperation bei chronischen Stirn» Höhleneiterungen (Vorstellung eines Falles). 2. Herr Brüning: Ueber Knochenplonibierung. 3. Herr Vossius: Ueber eine traumatische Ringtrübung auf der Linsenvorderfläche. 4. Herr Best: Vorstellung eines Kindes mit Anoptphalmus.

** D i e Hessische Vereinig ung für Volks­kunde eröffnet ihre Wmterarbeit mit dem nächsten Montag abends Uhr im unteren Saal des Cafs Ebel statt­findenden Mitgliederabend. Prof. Tr. Wünsch wird über einen Odenwälder Zauberspiegel reden, Tr. Koch, der Archivar der Vereinigung, über die Anlage des neugeordneten Archivs, Prof. Dr. Strack über Oberhessische Volksrätsel. Für die späteren Vortragsabende haben Vorträge angekündigt Prof. Dr. Groos über die Anfänge der Kunst und die Theorie Darwins, Prof. Dr. Sticker über den Aussatz im Mittelalter, Pfarrer Schulte über die Totenkirche in Meiches, Dr. Ebel über mittelalterliche Zunftgebräuche.

"> D i e Gemäldeausstellung am Brand ist von morgen Sonntag an wieder geöffnet. Die Kollektion des Schlachtenmalers Faber du Jaur umfaßt 76 Ge­mälde und sind meist Motive aus dem orientalischen Reiter­leben, der Kriegsära Bonaparte und dem deutsch-französischen Kriege, den der Maler selbst als Offizier mitgemacht hat. Darunter befindet sich ein KollosalgemäldeAmbulanze bei einer Barrikade" und ein großes SchlachtengemäldeBazeilles. Diesen Schlachtenbildern reihen sich noch 28 Gemälde der Frau Prof. Bethe-Loewe an, 15 Gemälde von Tilka Götz, Florenz, 7 Werke dec Plastik und 15 Zeichnungen von Dr. Greiner-Berlin, sodaß die Ausstellung 139 Kunstwerke auf­zuweisen hat.

** Aus dem Bureau des Stadttheaters. In letzter Stunde sei nochmals auf die heutige vierte Volksv<rsteliungM a ri a Magdalene" von Habbel' hin- aewiesen. Tie Auffahrung des Totensonntags bringt zum lebten MaleUeber d e n W a s s e r n" von Grorg Engel. Tas Merk zeichnet sich in seiner hiesigen Darstellung betannilich durch eine ungern em jorgfuLige Einstudierung und Regie, sowie durch hervorragende Ernzellei.stungen, namentlich des Herrn Sundorjf und Linzen aus.

** Aug Junkermann läßt uns mitteilen, daß der angekündigte Reuterabend wegen des Ablebens der Prin- zesjm Elisabeth unterbleiben soll und daß er entweder im Dezember oder Februar k. Js. seinen Vortrag zu halten gedenke.

* * Silberne Hochzeit feiern am Dienstag Lehrer Lehr und Frau, geb. Reichert, zu Daubringen.

* * Gesangswettstreit in Gießen. Die Ver­sammlung des Ehrenausschusses findet nach den ausge­gebenen Einladungskarten nicht heute, Samstag, sondern Aconcag den 23. d. M. statt.

* * Die Firma A u g. M v n t a n u s N a ch s., Markt­platz 910, zeigt, wie man uns schreibt, in ihren Fenstern eine effektvolle Balldeöoration, die von vielen Schaulusti­gen belagert wird. Vlan sieht dort die schönsten Erzeug­nisse, welche die diesjährige Mode geschaffen hat. Die 'ganze Dekoration ist mit ausgesucht feinem Geschmack ar­rangiert.

(I) Klein-Linden, 20. Nov. Ein nächtlicher Ge­rn ü s e d i e b st a h l wurde tm Garten des Kaufmanns W. Lenz dieser Tage ausgeführt. Die Spur des Taters war

durch Gemüseblatter und eine Laternenscheibe erkenntlich. Bei dem Bremser B. wurde durch einen Gendarmen und den Bürgermeister Haussuchung abgehalten.

" Lich, 20. Nov. Ihre Durchlaucht die Fürstin Emma zu Solms-Hohensolms-Lich geborene Prinzessin zu Stolberg-Wernigerode ist am 19. November in Lich von einer gesunden Tochter glücklich entbunden worden.

Darmstadt, 20. Nov. Defonomierat Dettweiler hat der Regierung nmgeteilt, daß er sein seither innegehab­tes Amt als Sachverständiger für die K'ellertou- trole definitiv niederiege. Die Regierung hat be­reits SciMtre für die Ernennung eines Nachfolgers getan.

Nl a i n z, 20. Nov. Der Ausschuß des Landwirt- schastlichen Vereins für Rheinhessen hat in feiner heute abgehaltenen Generalversammlung den von der Re­gierung ausgearbeiteten Entwurf einer Schlachtvieh- Vers i ch e r u n g mit einigen sehr wesentlichen Ab­änderungen angenommen. Die Regierung, die besonders Wert darauf legte, daß auch die Hausschlachtungen unter das Gesetz fallen und daß dieselben auch dec Fleischbeschau unter­liegen, wird den Beschluß der Generalversammlung schwerlich gutgeheißen, welcher die Hausschlachtungen von allen B e l a ft u n g e n ausgeschlossen haben will. Auch mit dem Beschlüsse, daß aus der Staatskasse ein Zu­schuß von 25 pCt. zu den zu zahlenden Entschädigungen geleistet werden soll, wird sich die Regierung schwerlich ein­verstanden erklären.

tc. Wächtersbach, 20. Nov. Arbeiter aus Geln­hausen, die in der Schlierbacher Steingulfabrik arbeiten, wurden gestern, als sie sich in Begleitung von 2 Gendarmen zu Fust von Schlierbach nach Wächtersbach begaben, um nach Hause zu fahren, in dec Nähe von Hesseldorf aus einem Versteck heraus mit Steinen beworfen. Die Gen­darmen gaben nach der Richtung, aus der die Steine gekouiinen waren, Feuer, worauf die Attentäter Fersengeld gaben. In Hellstem kam es ebenfalls zu Streitigkeiten zwischen -Arbeitswilligen und Ausständigen, die aber durch das recht­zeitige Tazwischentreten der Gendarmerie im Keime erstickt wurden.

Frankfurt a. M, 20. Nov. Die Königin- Mutter derNiederlande traf nach demF. G-Anz." heute früh von München hier ein, frühstückte mit Gefolge im Salonwagen und setzte um 8,11 Uhr die Reise über Köln nach Holland fort. Tie Großherzogin von Hessen fuhr mit ihrer Schwester, der Kronprinzessin von jiumänien, gestern abend um 8,45 Uhc über Stajjel nach Coburg zurück. Als heute früh gegen halb 8 Uhr der Friedberger Lotalzug abgehen sollte, beschwerten ,ich Pajsagiere des 1. und 2. Kta,sewagens über mangel­hafte Beleuchtung. Ta Gas genug im Behälter war, auch die Hähne o,sen waren, mußte irgenbiuo Gas entweichen. Bei der Revision ist eüi Magenhe-izer mit seiner brennenden Laierne wohl dec Ausscrömungsvifnung zu nahe gekommen, denn pUiplcch brannte der ganze, unter dem Magen befindliche Gaste;, et. Nachdem die agiere ausgestiegen waren, wurde der Wagen vor die Halle gefahren und hier das Feuer alsback) ge.öjchl. Ter Zugführer Bell- von 0-rredbecg uno Mageumerster Helfrich von hier erlitten Brandwunden im Gesicht. Ter Magen ist selbstredend auch beschädigt Ter Zug erlitt eine turze Verspätung. In der Leuten Montag« acht stieg ein unbelannter Mann in ein Kupee und machite eine Drosch kensahrt. Als es ans Zähren ging, errmr.e der Fayrgcht, der etwas bezecht ,chien, lein Gew bei fick) zu haben. Der Kutscher machte inrzen Prozeß und zog d e in 2a ann d e n U e b e rz i e h e r aus. Kutscher und Fahrgast kennen emmioet nicht. Der Fahrgast hat nun aas oaljigcrb bei der Polizei deponiert und hofft dadurch wieder zu feinem Garderobestuck! gelangen zu können, das der KUr.cher einftwcilen als Faustpfand mitgenommen hat.

Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Als Einbrecher wurde in Frankfurt der Oberpostschaffner Manz ertappt und verhaftet. Er hatte sich in eine Wirtschaft eingcschlichen und Geld und Lebens­rnittel gestohlen. Em Schutzmaiin beobachtete ihn und nahm ihn fest. Im Gefängnis suchte sich der Mann zu erhängen, ivurde aber rechtzeitig abgeschnitten. _

Iie R<le.dtguug gegen Minister ZLuhstrat vor Gericht.

IL

Minister Ruhstr at als Zeuge bekundet: Er habe die Versetzung des Dr. Ries niafi vorgenommen, sondern jei nach den Vorschlägen des OberschuNollegiums verfahren. Er 'habe auch keinerlei Kenntnis gehabt, daß Dr. Ries der jpirilus rector des Oberlehrer-Vereins war, und auch nicht gewußt, daß Dr. Ries der Verfasser der Denkschrift war. Das Vorkommnis betresis seines Sohnes ist falsch dargestellt. Sein Sohn habe mit entern Knaben eine Prügelei gehabt. Dr. Ries, der Klajsen-Ordinarius, kam hinzu und sagte: Du verdientest hier eine Strafe; mit Rücksicht aus Deine bisherige gute Führung will ich aber von einer Bestrafung Abjiand nehmen. Die altern des geprügelten Knaben führ­ten jedoch Beschwerde bei dem Tirekwr. Dieser habe dann die Ausstellung eines- Strafzettels verfügt. Er habe nichts gegen Tr. Ries gehabt. Wäre dieser einmal bei ihm vor­stellig geworden, dann hätte er vielleicht seine Rückberufung wieder veranlaßt. Er habe mit Direktor Früstück, der, ebenso wie er, Reserve-Offizier sei, nach einem gewöhnlich alle vier Wochen ftattgciunOenen Liebesrnahl zumeist im Zivilkasino gespielt. Es sei auch mögliche daß ich mir von Direktor Frühstück einmal Geld-gAiehen habe, es sei ihm aber nicht erinnerlich, daß er zu Fr. geragt habe, ec werde sich dafür revanchieren. Es sei ausgeschlossen, daß er daran gedacht habe, er werde Frühstück, wenn er Minister werden sollte, befördern. Er habe zur Beförderung des Direktors ^ühstück in keiner Meise beigetragen. Als in Birkenfeld Direktor Back gestorben war, da wurde gebeten, einen Gym­nasialdirektor vorzuschlagen und Geh. Schulrat Menge habe den Oberlehrer Frühstück vorgeschlagen. Daß er einen Ober- landesgericchsrat im Kasino in sehr lauter WeiseOber­schaf vom Oberlandesgericht" genannt haben sollte, erklärt Zeuge für erfundenen Klatsch Die Beteiligung an eine Donnen- und Bakenschau in Bremerhaven sei die 1)armlo Annahme einer Einladung g wesen. Aus dem Schiss wurde unentgeltlich uickM verabfolgt.

Bert. R.--A. Dr. (Spreng er : Ist Ihnen bekannt, daß G e r i ch t S a s s c s f o r y e 11 w a r t h wegen S p i e 1 j ch u l- d e n na ch Ame r i k a auswandern mußte? Zeuge : Ich verweigere l/itcuber bic Antwort. Ich, behaupte, Dr. Ries hat aus R a uj, u cy t, Vier mann aus Skandals ucht gehanoelt. Vors. toti* rBeuchlis die Frage als unzulässig

zurück. Vert. R.-A. Dr. Sprenger beantragt einen GM richtsbeschluß. Er sei ein Gegner jeder Skandalsucht und h abe auch anfänglich die Verteidigung Bierrnanus ab gelehnt. Er habe sich aber schließlich entschlossen, die Verteidigung zu übernehmen, weil er zu der Ueberzeugung gekommen war, es sei gegen Biermann ein juristisches Unrecht be­gangen worden, indem man ihm jeden Wahrheits­beweis abgeschnitten habe. Der Gerichtshof be- chließt, die Frage des Verteidigers zuzulassen.

Minister Ruhst rat : Ich mag mit Assessor Hellwarth einige M al e gespielt haben, derselbe ist aber erst vor einiger Zeit ausgewandert. Ob dies Spielschulden halber geschehen ist, kann ich nicht sagen.

R.-A Dr. Sprenger: Ist dem Herrn Zeugen bekannt, daß der Referendar Dr. Dietrich sich, weil er seine Spielschulde n nicht bezahlen konnte, erschoff en hat? Zeuge: Ich erinnere mich, Referendar Dietrich einige Ata le gesehen zu haben, ob ich mit ihm gespielt habe, weiß ich nicht mehr; weiß auchnicht, weshalb sich Referendar Diet­rich erschossen hat. Bert.: Ist Ihnen erinn.^lich, daß ein aktiver Offizier im Zivilkasino soviel verloren hatte, daß er sich am folgenden Vüorgen e r s cho s s e n hat? Zeuge: Ich habe gehört, ein Offizier yabe sich wegen Spielschulden erschossen, ich weiß aber nicht, ob dies jestgestelltwurde. Es wurde auch behauptet, der Offizier sei am Herzschlag ge­storben. Ich habe bisweilen gewonnen, bisweilen ver­loren. Wer am ntelften verloren hat, kann ich iricht sagen. Bert.: Man weiß doch aber, wer mit vollen und wer mit leeren Taschen nach Hause geht, so blind braucht man doch nicht zu sein. Vors.: Herr Verteidiger, diesen Ton muß ich mir entschieden verbitten.

Vert.: Sie sollen ganz be-sonders zu hohen Ein­sätzen verleitet und wenn die Referendare Silbergeld emfetzten, so sollen Sie das verächtlich beiseite geworfen haben? Zeuge: Davon ist mir nichts bekannt. Bert.: Ist es richtig, daß Sie sich von Frühstück einmal Geld geliehen haben, weil Sie kein Geld mehr hatten, um für Ihre Familie Weih na ch.tsge schenke £U taufen? Zeuge: Auch das ist unwahr. Vert.: Ist Ihnen bekannt, daß der Regierungsrat Siebenbürgen, als er noch Referendar lvar, an einem Abend öOOO Mk. im Spiel verloren hat? Zeuge: Davon ist mir nichts bekannt.

Oldenburg, 20. Nov. Bei der heutigen Verhandlung zog der Minister, nachdem Ries eine Abbitte- Erklärung abgegeben hatte, die Klage in zwei Punkten zurück und hielt nur die Klage wegen des Jeu-Artikels des Gymnasiallehrers aufrecht.

Gerichlslaul.

b. Gießen, 20. Nov. S t r a f k a m m e r s i tz u n g. Ter Andrang des Publikums zu der heutigen Slraikanuner- sitzung, m der als erste Sache die Strafsache gegen zwei ehemalige Verlaukerinnen des hiesigen Awde- und Seidewarengeschafts von Karl Wilhelm 91 o w n d und eine hiesige Schneiderin wegen D i e b st a h 1 s bezw. Hehlerei zur Verhandlung stand, war beispiellos. Der Saal war derart übedüUt von Publikum, das sich vorzugsweise acis Altersgenosfinuen der beiden Verkäuser- innen rekrutierte, daß sich der Vorfitzeude der Slraitammer ver­anlaßt sah, die Türen des Sitzungssaals schließen zu laßeu. Kaum haue nun die Sitzung begönnert, als die Menge, die keinen Zutritt mehr gesimden hätte, durch das Beratuugszlmmer des Gerichishoss hiudurch in den Sitzungssaal emdrang, wobei uc e h r e r e D a m e n infolge des Schiebens und Drückens zu Falle kameu. Es be- dursle der mehrsacheu energischen Aufforderung des Vorsitzenden, bis ,ich die Alenge wieder aus dem Beratungszimmer emieriue; erst jetzt tonnte ungestört die Verhandlung ihren Fortgang nehmen. Es hatten sich die zwei ehemaligen Verkäuserumen deS erwähnten Geschäfts, die 1876 zu Marburg geborene Ehefrau des Tierarzies T. in "Asbach, ferner die 19 Jahre alte hier wohnhafte Olga ö. wegen l ort gesetzter, seit ca. 1'/, Jahren aus diesem Geschärt be­gangener B eruntreuunge n, sonne die Ehefrau des Tapeziers Georg V. zu Gießen wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßiger Hehlerei von einer Reihe der von der Angeklagte»l T. eniroenbeien Stoffe zu verantworleu. Tie Aiigetlagte T. »var sieben Jahre im Geschäft der Firma 9towack tätig, und schied aus diesem er|t an­läßlich ihrer tm September L I. erlolgten Verheiratung aus. <sie bezog anfangs cm Salair von 40 Mk., das im Lause der Jahre aus 110 All. pro Monat erhöht wurde. Sie war die Seele des ganzen Geschäfts und besaß das Vertrauen ihres Prinzipals, in dessen Abwesenheit sie auch die Kasse führte, in oollfiein Maße. Die an Jahren erheblich jüngere S. bekleidete seit 4 8/4 Jahren in demselben Geschäft die Stellung einer Verlause rin, und erhielt zum Schlüsse cm Salair von 50 All. pro Atonal. Beide haben oas in |ie gesetzte Vertrauen ihres Geschastsherrn auss s ch n v d e ft c m i b b r a u ch t. Seit ca. 1 % Jahren haben sie m voller Uebereinstimmuug mit einander nicht nur fortgesetzt Kleider- und Futterilosse sowie fertige K l e i d u n gs - t ü cf e, sondern auch bares Geld e n t w c u d e t. Tie Verun­treuungen des baren Geldes bewirkten sie in der Art, daß sie ent­weder vereinnahmte kleine Beträge gar nicht zur Kasse abfuhrleu, sonder« sie direkt m ihre Taschen fließen ließen, oder die Betrage zwar zur Kasse absührteu, aber die Ausstelli ng der zur Kontrolle dienenden Zettel, die glcichsalls in die Kasse kamen, untei-licBcn unö sich dann die nicht kontrollierten Betrage aus der Kasse wieder anetgneten. Die Geldbeträge wurden geteilt, die entwendeten etofie zu eigenen Zwecken verwendet. Jwolge einer anonpinen AstZenge, die kurz nach der Verheiratung der T. erfolgte, erhielt Herr Sion'ack von diesem saiibcrcn Treiben Kcniitnis; beide Angeklagte gaben aus Vorhalt ihre Verschlungen zu und bezifferten tu Gegenwart eines von Herrn Nowack ziigczogcnen Anwalts die Hohe ihrer Veruntreuungen, die T. aus 1200 Alk., die 0. aus 1000 All.; zur Sicherheit seiner Ansprüche ließ sich Nowack von dem Ehemann der T. eine Bürgschartsurkunde ausjteUen und von den Eltern der S. drei Versicherungspolicen verpfänden; von Erstattung einer Anzeige nahm er Abstand. Durch eine auswärts erscheinende Notiz, die eine Bestätigung der in Gießen umlauf enden Gerüchte enthielt, erhielt die Staatsanwaltschaft Keuntms von der ganzen Angelegciiheit und es fam nun doch zu einem Strafverfahren. IN der heutigen Haiiptverhandlung gestanden die Angeklagteu wie schon bei ihrer Verhaftung ihre Venehlungen u n u m w u n d cn ein, nur bemängelten sie die Höhe des Schadens, ivie er anläßlich der Schadensregulierung festgeftellt worden war. ~as Gericht nimmt heute, indem eS bezw. der entwendeten Stoffe mcht den Verkausspreis, sondern den Einkaufspreis ferner Wertsberech- nuna zu Grunde legt, unter Einziehung der veruntreute« Geldbeträge a«, daß sich der Gesa m 110 er t der v 0« der T. begangene« Entwendungen a u s 1400 9)( a r E belaufe, der der S. auf 900 Alk. beziehungsweise der rechtliche« Qualifikatio« cm fortgesetztes Diebsiahl-Delikt. Im Gegensatz zu dcu vorgenannten Angeklagte« bert reitet Die A«geklagte V. auch in der Hauptverhandlung lebhaft, sich. Der Hehlerei schuldig gemacht zu haben. ES wird aber festgeftellt, daß sie von der Tr., die bei ihr arbeiten ließ, 2223 mal ge­stohlene Stoffe im Werte von ca. 300 Alk. erhielt, die sie daun für sich und bei Arbeiten für ihre Kundschaft verwandte und daß^sie wußte, da es sich hierbei um auf unredliche Weise von der xr. erworbenes Gut handele. DaS Gericht nimmt auch bez. ihrer nur ein sortgesetztes Delikt an und verneint das Qualifikationsrnomenl der Gewcrbsmäßigkeit und der Gewohnhcitsrnäßigkeit und ver­urteilt sie wegen einfacher Hehlerei zu der bereits un gestrigen Blakt mitgctetUen Gefängnisstrafe. Der Landwirt Heinrich Er. hat gegen das ihii wegen BcrgctzcnH im Sinne deS § 183 ^t.-G.- Bs. verurteilende GrEemitirr? des SchöffengerichkS Ortenberg Be­rufung eingelegt. Die Strafkammer gibt der Berufung statt, da daS TatbestandSmoment der Ocffentlichkeit nicht gegeben ist, und spricht den Angeklagten von Strafe und Kosten frei. Der rield- schütz Marün Sch. von Grümngcn hat sich einer Beleidigung