Krankenlager im Mer von 78 Jahren in den Armen seiner ihn (treu pflegenden (Stettin, einer früheren Prima-Ballerina am Hoftheater, gestorben. Künzel galt als der hervorragendste Faust-Sänger seiner Zeit, der von Gounod außerordentlich geschaßt und gefeiert wurde. Als der Komponist einst zu einer Faust-Aufführung hierher gekommen war, überschüttete er Künzel mit Lob und sagte in der ihm zu Ehren veranstalteten Feier beim Minister v. Dallviak- Wer Faust verstehen will, muß ihn in Paris sehen, in Darmstadt aber hören.
Pfarrer Weidig.
Im „Offenbacher Abendblatt", Organ der Sozialdemokratie, wird meine neuliche Abwehr, betr. den Tod meines Qnkels, des Pfarrers Dr. Friedrich Ludwig Weidig, mit folgender Zurechtweisung wiedergegeben:
„Herr Rechtsanwalt Weidig ist, wie wir seit Jahren wissen, Jber die „chimärischen Ideen der l)eutigen Sozialdemokratie sehr schlecht unterrichtet. Wir wollen deshalb auch mit ihm über die „heutige Sozialdemokratie" nicht rechten. Aber über den Pfarrer Weidig ist der gleichnamige Rechtsanwalt auch nicht so unterrichtet, wie er es als.Neffe sein könnte. Wenn sich der Herr Rechtsanwalt einmal die Mühe machen wollte, das von Dr. Ed. David bei Ernst in München herausgegebene Buch: „Der Hessische Landbote" zu lesen, so wurde er finden, daß der Pfarrer Weidig in sehr enger Beziehung zu Büchner und dessen revolutionärer Flugschrift stand. Diese Flugschrift entspricht allerdings keineswegs den „chimärischen" Ideen der „heutigen Sozialdemokratie", aber sie läßt deutlich genug erkennen, daß der Butzbacher Pfarrer und Onkel des jetzigen Gießener Rechtsanwalts nicht der Zuckerwasserpolitiker, als der er ab und zu hingesteüt wird, gewesen ist."
Ter Anfang „wie wir seit Jahren wissen", erinnert ja fast an „der Santa Casa heilige Registers Das könnte mich eitel machen, wenn ich bei meinem Mer nicht schon zu dem Salomonischen Sah von der Eitelkeit in anderem Sinne 'mich bekennen würde.
In der Sache übersieht der Herr Glossist, daß meine freie Auslassung zunächst nur den Zweck hatte, die trügerische Legende von der Todesart meines Onkels zu bestreiten. Wie ich danach nicht den mindesten Anlaß hatte, mich über des letzteren politisches Glaubensbekenntnis zu verbreiten, so konnte dies auch nicht nirgend nötig erscheinen wegen der nebenher entstandenen Aufgabe einer irrigen Schlußfolgerung aus der Tatsache vorzubeugen, daß es sozialdemokratische Stadtverordnete'waren, die sich um das Andenken meines Onkels bemühten. Es genügte durchaus zu sagen, daß Pfarrer W. kein Mann der sozialdemokratischen Grundsätze gewesen sei. Danach wird aber auch der verwegenste Deuter nicht sagen dürfen, daß ich denselben als Zuckerwasserpolitiker hüre hinstellen und solcherweise Lächerlich habe entschuldigen und so entwürdigen wollen. Ich wüßte auch nicht es verdient zu haben, daß man mir 'eine so erbärmliche Feigheit zutrauen dürfte. Oder hielt man mich etwa für fähig, den „Demagogen" von damals dahin zu beurteilen, daß er die Hyäne Bundestag mit Zucker, anstatt mit der Peitsche habe zähmen wollen? Sollte ich wohl ignorieren, was auch der Blödeste sich sägt, daß, wer zu Zeiten des Großinquisitors Metternich es unternahm, mit allen Kräften für Boltsaufklärung zu wirken, und die Anklage wegen Bruchs der dem deutschen Volke feierlich gemachten Versprechungen zu erheben, ein Held und entschlossen gewesen sein mußte, nach dem „Bibelwort „sein Leben für seine Brüder hinzugeben"?
Mein Onkel war aber deshalb durchaus nicht ein Heiliger der Sozialdemokratie, die ja selbst das Tischtuch zwischen sich und der jenem mit am höchsten stehenden'Idee des Vaterlandes, zerschnitten hat!
Cs genügt nur das Eine zu sagen:
an dem Himmel seiner patriotisch en Seele strahlle die deutsche Kaiserkrone.
Otmar Weidig.
Vermischtes.
* Berlin, 20. Juli. Ein schwerer Straßenbahn- Zusammenstoß ereignete sich gestern abend in der Brunnenstraße. Bei einem die abschüssige Straße herab- fahrenden Wagen versagte die Bremse, sodaß er mit großer Gewalt einen die Linie kreuzenden anderen Straßenbahnwagen anrannte. Hierbei wurden 6 Personen zumeist leicht verletzt.
* Schwere Gewitter haben in diesen Tagen in verschiedenen Teilen Deutschlands und der Schweiz viel Unheil angerichtet. Wie äus K ö n i g st e i n i m T a u n u s gemeldet wird, schlug am Montag der Blitz um 3 Uhr in den Feld- bevgturm, ohne Schaden anzurichten. Am Sonntag schlug der Blitz in einen Personenzug zwischen Pfenningbach und Passau (Bayern) und verletzte einige Personen. Ein heftiger Sturm riß aus lder hölzernen Jnnbrücke einige Dielenbretter. Es^ verlautet, daß eine ans 4 Köpfen bestehende Familie, die die Brücke überschreiten wollte, durch diese Oeffnung gestürzt und ertrunken sei. Der mit dem Unwetter verbundene Hagelschlag richtete in Pässau, in Eggenfelden und in Vilshofen großen Schaden an. — Aus Luzern wird gemeldet: Der Verkehr zwischen And ermatt und Gösch en en vorgestern infolge niedergegangener Schuttmassen und heftiger Regengüsse unterbrochen. Der Regen dauert noch fort. Die Reuß, oie stark angeschwollen war, ist aber jetzt wieder gefallen. Die Gotthardsttaße zwischen Göschenen und Andermatt ist jetzt wieder ft ei. — Heber das Unwetter in Schlesien wird aus Steinau a. d. Oder gemeldet: Das Wasser fällt hier überall; die Dämme an den gefährlichen Stellen bei Tarxdorf, Dombsen und Przybor haben gehalten. In Steinau sind nachträglich einige Häuser eingestürzt. Die Dörfer Krehlau, Wischnitz und Kleinbauschwitz stehen unter Wasser. Die Stadt Auras ist teilweise wieder wasserfrei; in der zugehörigen Kolonie Raake reichte das Wasser gestern noch bis an die Dächer. Im ganzen stehen im Kreise Wohlan mindestens zehntausend bis zwölftausend Morgen Landes unter Wasser. Zahlreiche Familien sind obdachlos. In Przybor arbeitet ein Sttäflingskommando an der Erhaltung des Deiches. Im Bezirk der Wasserbauinspektion brachen der Neukers- dorfer, der Leuthener, der Költschbuscher, der Deutsch-Wartenberger und der Milziger Damm. In Neusalz trat der Höchstwasserstand Samstag Nachmittag ein. Alle Straßen im Oderviertel sind noch überschwemmt. Mehrere Fabriken stellten den Betrieb ganz oder teilweise ein. In Bogbernig steht eine Anzahl Häuser unter Wasser. Ein Pionierkommando ist hier tätig, ein anderes nach Pirnrtz beordert. Die Glatzer Neiße bringt frisches Hochwasser. Der Kronprinz überwies dem Schlesischen Bankverein tausend Mark für die Ueberschwemmten.
* Gräfin Montignoso. Ter „Fränk. Kurier" bringt einen längeren Artikel von „wohlunterrichteter toskanischer Seite", der im wesentlichen besagt: Gegen die Phantasiegebilde der Presse sei konstatiert: Bei König Georg von Sachsen werde nie eine mildere Auffassung der Affäre Platzgreifen, nie eine Versöhnung mit der Prinzessin Luise stattsinden; während der Regierungszeit öes Königs Georg werde ein Wiedersehen der Mutter mit ihren Kindern nie stattsinden. Die Verleihung des Titels einer Gr-äsirr vorr Päontignoso sei teilte königliche
Gnade; die Verleihung geschah, da die französischen Behörden Heimatspapiere verlangten, Prinzessin Luise aber nur Sachsen als gesetzliche Heimat besitzt, aus ihren Wunsch durch den König Georg kurzer Hand. Der sächsische Hof sand die Wahl des Namens einer Gräfin v. Montignoso, seitens der Prinzessin angemessen, da dieser nicht sofort auf die Zugehörigkeit der ehemaligen Kronprinzessin zum sächsischen und österreichischen Hof schließen lasse.
* Ein gefälliger König. Aus London, 19. Juli, wird geschrieben: Anläßlich des Unglücksfalles der Königin von Italien erzählt ein englisches Blatt eine sehr niedliche Geschichte, die zwei Engländern mit einer Begegnung mit dem italienischen Königspaar passiert sein soll. Die Verantwortung für die Wahrheit der Anekdote muß jedoch dem englischen Journal überlassen bleiben. Das italienische Königspaar hatte auch damals einen Unglückssall erlitten, der glücklicherweise leichterer Natur war, und nur den Motorwagen etwas arg mitnahm. Der König machte sich alsbald an die Ausbesserung des Schadens und bald sammelte sich eine stattliche Zuschauermenge an, darunter die Engländer, die sich in ihrer Muttersprache ganz ungeniert unterhielten, in der Meinung, daß sie niemand verstand. „Hübscher Wagen", sagte der eine. „Ja, und die Dame ist auch hübsch", erwiderte der andere. „Ich habe keinen Kognak mehr, ob der Herr uns vielleicht etwas geben kann. Ich werde einmal fragen, — vielleicht spricht er französisch." Der Sohn Albions kam aber gar nicht dazu, seine linguistischen Fähigkeiten zu verwerten, denn der Herr hielt ihm bereitwilligst seine Feldflasche hin und sagte in fließendem Engliscy: „Es ist mir ein Vergnügen, Ihnen aus der Verlegenheit helfen zu können". Tann, als er sich zur Abfahrt bereit machte, wandte er sich noch einmal an die beiden mit der Frage: „Kann ich noch etwas für Sie tun, — mein Königreich steht zu Ihrer Verfügung". Im nächsten Augenblick waren die Automobilisten außer Sehweite, während die Engländer sich erstaunt ansahen, und der eine weiter nichts hervorbringen konnte, als: „Alle Teufel, der König."
Universitäts-Nachrichten.
— Professor Tr. Richard Liebreich, Lehrer der Augen-. Heilkunde an der St Thomas’ Hospital Medical School in London, ein Königsberger und Schüler Graefe's, feiert arn 22. d. Mts. sein 50jähriges Doktorjubiläum. -— An der Universität Wien wurden Dr. E. Kohl als Privatdozent für Physik und Dr. E. Ritter v. E z y h l a r z als Privatdozent für mteme Medizin zugelaffen. — Der außerordentliche Professor an der Universitäl ui W i e n, Tr. R. Ritter v. Zeynek, wurde zum ordentlichen Professor der medizinischen Chemie an der deutschen Universüät in Prag ernannt. — Der frühere ordentl. Professor an der Technischen Hochschule in München, Ernst Fischer, ist im 64. Lebensjahre gestorben. — Der Dozent an der schwedischen Universität Lund, Axel O h l i n, ein um die Polarforschung verdienter Gelehrter, ist gestorben.
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