Ausgabe 
21.1.1903 Erstes Blatt
 
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zogen, über Gebirgsketten, Siedlungen, Ozeane, wir flattern um den Mond nnd zwischen Sternreihen hindurch, um schließlich ermattet die funkelnde Fläche eines ruhig fluten­den Wassers im Fluge mit den Zehen zu berühren und endlich zu unserem eigenen Erstaunen im Tänzerschritt oder in feierlich schweren Tritten über das regungslose Meer zu schreiten ... So macht uns der Traum zu Wasser­tänzern, wie er uns von Kindhett an zu Lustfliegern aus­bildet.

Was der Traum über die umflorten Sinne vermag, das gelingt in gleichem Maße dem Wink der Tichter, die über unsere wachen Sinne gebieten. So klingt in aber­tausend Liedern, Märchen, Gefangen seit Urzeiten die Sehn­sucht nach jener rätselhaften Jmgelkrast, die in die Lüfte trägt und über Menschenköpfe, Tücher und Kuppen hinweg gewaltige Entfernungen in einem winzigen Zeitteilchen durchmißt. Oder es ist die Sehnsucht nach einer abson­derlichen menschlichen Inn en kraft, die über die Wogen zu führen vermag und den Willen des Windes oder die Hilfe sonstiger Naturmächte geringschätzt. Es ist dasWenn ich ein Vöglein wär ",Wenn ich ein Falter wär'" usw. in seinen zahllosen Varianten und Tonlagen. Und es kann als gutes Beispiel schöner Selbstlosigkeit genommen werden, daß sie, die Tichter, die solches ersehnen, an uns, die wir die Genießenden sirrd, durch Zauberkraft diese Trans­formation vornehmen und unserer Seele Vogelschtvingen oder Falterflügel anschnallen, die uns über ben Erdball in seraphische Atmosphären tragen, wo es weder Körperschwere noch irdisches Gelvicht giebt. Was der Traum wirkt, wirken die Tichter. Traumkrast, dichterische Schöpferkraft: zwei Gestalten, die aus verwandten Klüften aufsteigen. Aber das ist vielleicht, wenn ich es so sage, ein fehlerhafter Zirkel, eine verdächttg schillerride Begriffsschiange, bte sich selber in ben Schwanz beißt. Tenn im Grunde genommen scheint Phantasie nichts anderes als Traum, aber ein Traum, der sich den Schlaf aus den Augen gerieben, bevor er in schöpferische Aktion trat.

Traumkraft, KünstUnkraft diesen beiden gestaltenden Elementen hat sich ein drittes zugeseltt, das an gestalten­der Macht und an laterrter Poesie, die hinter den Erschein­ungen schlummert, den beiden anderen überlegen ist. Tie Technik. Tie praktische, die in Laboratorien, Werkstätten, Jabrikshallen, geräuschvolle Mirakel schafft, für die man in den guten alten Zeiten, da die besten deutschen Märchen entstanden, mit den. yt -riebe gebüßt hätte. Tie Phan- tasre : . Lichter t sgleichen, das

mülten. -.V mit Lei .> -nttle. und der ttaulich schnur- renden .ch'.n,pulc iytu V nafl ic^on dem Küwmattara-

phen Platz gemacht unb man wird daS fruchtbare Staunen verloren haben, sowie es Herrn Ix aus Vpsllon in der Tat und tadellos gelungen ist, von London nach Vokohama, eine Havanna im Munde, mit der Geschwindig­keit einer Schwalbe zu fliegen, oder wie Herr Mpha aus Omega das Wunder vollbracht hat, ohne Krückstock und ohne Jähre, eine Gianaclis zwischen den Fingern, auf dem balkenlosen Wasser zu tanzen.

Herr Alpha aus Omega ist dem Wunder nahe. Er hat soeben ein broschiertes Buch herausgegeben unter dem Titel Das Problem des Gehens auf dem Wasser", bas jebermann offensteht, dem das Aufschneiden Freue macht. Wer biefe ernsten Worte für einen schlechten Witz nimmt, wirb sich gründlich bestraft sehen, wenn er bas Buch auf- geschnitten. Er wirb eine unerbittlich strenge Sachlichkeit, eine nicht eben nasse Wissenschaftlichkeit vorfinden, die man profund nennen muß, weil sie es wenigstens in theoretischer Hinsicht verschmäht, auf der Oberfläche zu tanzen. Tenn Herr Alpha aus Omega ist durchaus kein Windbeutel in der Art teuer technologischen Kuriosenschreiber, die ben ge­spalten Ohren ihrer Lorstadtgemeinde heute über flüssige Diamanten und morgen über pechschwarze Milch ober über Kunstbutter aus Seegras berichten. Er ist ordentlicher Uni­versitätsprofessor, ist Doktor der Medizin und Philosophie, ist als Verfasser einer psychiatrischen Diagnostik und eines Lehrbuches der psycyo -pathol-ogischen Untersuchungs­methoden sehr geschätzt, hat sich einen respektierten Namen gemacht und lebt in Gießen, wo es überhaupt nur seriöse Menschen gibt.

Profestor Sommer ist weit entfernt davon, seine Leser aufs Eis zu führen. Er will sie aufs Wasser führen. Er schneidet dasProblem, des Gehens auf dem Wasser" an unb legt in fachgemäßer Weise dar, daß solche Spazier­gänge auf der Oberfläche glatter Wasserstrecken möglich und nützlich wären. Ueber die Nützlichkeit ist wohl ntd# erst zu debattieren. Wenn ich zu Fuß über den Kanal La Manche lauft oder dieifyr habe, daß mich bq- Mittel­ländische Meer nicht für einen Hohlkopf aus Itotf mch Pappe aniui)en wird, wenn ich ihm zumute, mich ^rechisn Ganges von Küste zu Küste über die spiegelblanke Ftut marschieren zu lassen, so ist das entschieden höchst nützlich für mich, weil es mir die großartige Wglichkcil gM, den Tücken der Natur von einer neuen, vornehmen, bequemen Sette beizukommen, und weil es mir anderseits die billige Gelegenheit verschafft, ohne Dampsschiftbillet, ohne Ruderer-, Schwimmer- und Scglerqualen auf das gegenübvcliegende Trockene zu nn ich tteichsam zwischen zwei

Drücken bte iw meiner Linken urid lrego« lajse,

Erstes Blatt.

158. Jahrgang

Aas Geyen auf dem Wasser.

Adresse für Depeichvrr Anzetge, Gieße«. sternsprechanIchlußNr &L

Mittwoch 21. Januar 1903

je nicht, vrM der Reichs. kedr auMckt hat. Senn er ft sehen, zu einem w ne VeMlüssiuig vorlag.

IW Zatsetzung der kW

Aus Stadt uud Saud.

Gießen, 21. Januar 1903.

* * Das Großherzogliche Regierungblatt Nr. 4, ausgegeben am 19. Januar d. I., enthält: Bekanntmachung, die Besetzung der Subaltern- und Unterbeamtenstellen bei den Staatsbehörden mit Milrtäranwärtern betreffend Vom 10. Januar 1902. (Umfaßt bas Verzeichnis der ben Militär, anwättern vorbehaltenen Dienststellen, bas an die Stelle des

. . Unb Er drängte die Jünger, das Schiff zu be­steigen und an das jenseitige Ufer vorauszufahren, bis I ür die Massen entließe. Und als er die Massen entlassen hatte, stieg Er auf ben Berg, bei Seite zu beten. Ta es aber Abeno ward, stand Er allein das.lbst, das Schiss aber j var schon viele Stadium vom Laube ab unb wurde von ben ? Äellen hart bebrangi, denn ber Winb war widrig. Um die v ierte Nachtwache aber tarn Er zu ihnen, auf dem See wandelnd. Tie Jünger aber, da sie Ihn auf bem See 1 toanbelit sahen, touioen bestürzt uno jagtenES ist ein Üespenst" unb schrien vor Furcht. Alsbald aber redete |l| iw sie an: Seid getrost, Ich bin eS, fürchtet Euch nicht! Petrus aber cmttvortete Ihm unb sagte: Herr, wenn Tu t» bist, so laß mich zu Tir kommen auf bem Wasser! Er :'[ ober sagte: Koomme! Unb Pelms stieg aus dem Schisse md wandelte auf bem Wasser. .

Seit jenen biblischen Tagen hat basProblem des I] Gehens auf bem Wasser" vieic Köpfe erhitzt. Es hat die Cehnsucht vieler Nienschen beschäftigt und in ihren Träu­men em wichtiges Kapitel gebildet. Tas können wir nach-

ifdjte.

Leber die MM Jthj oalb toitt dasÄeri ubt haben: W fc m ytäulein v. Gralven n Shwester derselben leim ein LiebesverhäW em, ler AÄtt d» toeff* 11>. A-w-rt, trat MJ

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TrePost" und dieKr euzzeitun g" kommen auf bie gestrige Tebatte im Reichstage über bas Swinemün- ber Kaisertelegramm zurück. Erstgenanntes Blatt führt aus, mit vollem Recht habe ber Reichskanzler bem Abg. Schäbler gegenüber hervorgehoben, baß es sich bei jener Depesche nicht um einen Akt bentscher Reichspolittk hanbele, für ben er bie Verantwortung zu übernehmen haben werbe, sonoern um einen persönlichen Meinungsaustausch von Bunbesfürst zu Buiidesfürft. Indessen liege es zweifel­los im Interesse des monarchischen Prinzips, baß bem Parlament möglichst wenig Anlaß gegeben totrb, sich mit ber Person bes Herrschers zu befassen. Man könne auch nur wünschen, daß auch auf ben für freie persönliche Betäti­gung des Monarchen geeigneten Gebieten die äußerste Vor­sicht und Zurückhaltung geübt werde. Tieiitcutota." meint, man werde nicht leugnen können, daß der Reichs­kanzler in feiner Erwiderung einen hohen Grad von Geschick bekundet habe. Er habe alles getan, wa- zur Beseitigung bayerischer Empftnblichkeit als erforderlich betrautet werden müsse. Bedauerlich bleibe troyöcm, daß der Telegramm- wechsel veröffentlicht wuroe. Man würde jedoch gut tun, nicht weiter nach bem Urheber ber Veröffentlichung zu Äunb bie ganze Angelegenheit nunmehr als erledigt achten.

Im Anschluß an die Bemerkungen des Kanzlers über die Vorgänge in Venezuela ist folgende Meldung Reuter- aus Port of Spain vom 20. Januar von Interesse: Tie von Trinidad aus verbreitete Meldung, daß sich unter den bri - tischen Offizieren eine starke Stimmung gegen das Zusammengehen mit Deutschland zeige, ist unwahr. Es herrschen vielmehr die besten Beziehungen -wischen beiden Teilen.

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rung seien jedenfalls von der Volksstimmung unbeeinflußt, d. h. unverändert freundschaftlich geblieben . . . . Eine- fteilich ließ der Reichskanzler in seiner ausführlichen Rede unerwähnt, worüber später Mg. DaSbach (Ztr.) beweglich klagte: die Stellung der Regierung zur Diäten­frage. Dieses Schweigen gibt zu denken. Es sieht so au-, als solle die Berücksichtigung bes Reichstagswunsches auf Sicherung deS Wahlgeheimnisses für bie Nichterfüllung bes anberen nicht minder alten und bringlichen Wunsches auf Gewährung von Tagegeldern eine gewisse Entschädigung barstellen.

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,?«len würden P^eL andere Bundes nitf? ^age tn ernsthafte !aftIJ.e Depression bauert tenm^TUber9^en' Jten «Birhmgen von der n" ^es geschieht, wirb ff* SEe diese Hoffnung Steuern haben. In der bi^ * gearbeitet werden.

iählen, wir alle, denn mancher Traum, ben wir träumen, bringt uns auch heute noch bie nämliche Sehnsucht. Sie liest gerabezu in der Natur ber Träume. Es liegt in .. bei Natur der Träume, daß sie das Schwankende fest, das öefste schwankend machen. Tie gemeine Logik des Tages : ttsiihrt eine reizvolle Revision, die Prämisieu verschieden - ich, bie Syllogismen schlagen charmante Kapriolen, bas |i rwpfvarflüjsige wirb gußeisern, das Gußeiserne wird sei­lt Mioeich ober zerfällt iu abertausend Kcystallsplitter, das I Bukruierende besinnt sich in seinem Laus uns schimmert |i »löblich wie eine endlose Spiegelfläche iu farblosen Farben tt auf; über die man gemächlich gehen oder in einer schweren dI Aoosluische friedlich dahmrolreu tarnt. So tteibt die Älut- hitzie ber Traumphanlusle das Wasser zu einem Gefrier- I pumEi hinauf, ber ungefähr taufena Grad über dem Null- striih schwebt und eishart gesottenes Wasser schafft. Höl- pmies Eisen wird möglich unb gläsernes Holz wirb sehr natürlich, bie Luft aber verdickt sich zu einem gigaittischen :: fje:rberüclen, auf dem man retten kann, und das Wajser [\ Br.:b zuui Tanzboden. So hat das Wasser schließlich Ballen. || Ibesc es sind Ballen, die nichts Kompaktes an sich haben

inbo dennoch härter als Stahl scheinen, well es rn ben v'\ Lißbern der Tänzer roeixr Gewicht noch Schwerkraft giebt.

Litt diesesWeder noch" löst in unserer Lranmseele die | Mich sie psindung cuy. x~-ir fühlen uas leichter als Luf.

inbo Wa wir aleiten. wl. uo;i u.. i '.tönen Jaden ae-

Nr. 17

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Außer 6orauag4.

Dem Gießener AoHetger werden tm Wechsel mit dem Kesfischea Landwirt bie Gteßener 5«mültn» lUtttet viermal in der Woche betgelegt

EtottonflbrMcf u. 8er» bet 8 t fl b 114x* wers-Vacd- a.Sterw» bnufetei (Pietsch $rben>

t® Ausführungen, deren letzter Zweck nicht zu verkennen war.

Graf BÜlow verzichtete darauf, demHerausforderer^ sofort ent gegen zu tteten, sodaß nach einer sinanzpolttischen Richtigstellung seitens des bayerischen Reichsrats Frhrn. v. Stengeider StatSredner der Nation alliberalen, Abg. Dr. Sattler, -u Worte kam. Er erklärte, daß auch die Nationalliberalen für eine Aenüerung des NeichSwahlrechts nicht zu haben seien, und hiell Herrn Dr. Schädler gegen­über den Satz auftecht, dag gegenwärtig ZentrumTrumpf" sei. DaS fei ja auch erwiesen durch bie Möglichkeit der parlamentarischen Erörterung bes Swinemünber Kaisertele- grammes, welches nicht imReichsanz." gestauben habe. Parlamentarisch zulässig sei allenfalls bie Kritik an ber Veröfsentlichung bes Telegramms burch bas Wolffsche Bureau. Wenn Dr. Schäbler ein Uebriges getan habe, so bekunbe er bamit sein schlechtes Gewissen. (Heiterkeit..) Die Kritik Dr. Sattlers am Etat selbst war ruhig' unb sach­lich gehalten; als hervorragender Finanzkennec beschäftigte er sich eingehend mit ber Frage ber Reichsfinanzreform.

Graf Bülow konferierte mittlerwelle angelegentlich mit dem neben ihm sitzenben Staatssekretär Grafen Posa- bowSky; bann legte er sein Notizenmaterial zusammen und sah gedankenvoll, wie in Vorbereitung auf eine Rede, Über das Parkett hinweg. Der Schein trog nicht. Graf Bülow ergriff nach Dr. Sattler das Wort, um auf Voll- marS Rede zu entgegnen. Es war eine Wiberlegung, aus­gehend von ber Behauptung, daß es historisch und psycho- ogisch unbegründet sei, die Monarchie in Teutschland anti* ozialer Tendenzen zu verdächtigen. Nirgends sei so viel ür bie Arbeiter geschehen, als in Deutschlanb; bas habe besonders lebhaft der sozialistische französische Handels- Minister Millerand anerkannt. Mit Humor wies Graf Bülow alsdann die Andeutung v. Vollmars zurück, als nähere sich Deutschland dem Cäsarismus oder Msoluttsmus. Ihm feien weder deutsche Fürsten noch Regierungen bekannt, die derartigen TendenLen huldigten. Abfolutismus sei über­haupt kein deutsches Wort. (Heiterkeit.) Der Kaiser könne fthr wohl Widerspruch ertragen, und wolle keinen Reichskanzler, der nicht gelegentlich auch widerspreche. (Be­wegung.) Aber der Kanzler müsseAugenmaß" haben, bürfe nurum großen Gegenstanb sick regen". Die voll- komme n fte Ueberraschung bereitete Graf Bülow, als er in Bezug auf daS ReichSw ah lr echt bem Hause er­öffnete, baß allerbings beim Bunbesrat vom Reichskanzler ein Antrag auf 8lbän ber un g eingegangen sei, baß dieser Anttag aber die Sicherung des Wahlgeheim­nisses bezwecke und voraussichtlich bei den näch- ften Wahlen in Wir ksamkeit treten werde. (Leb­hafter Beifall.) Eindrucksvoll und stellenweise humorvoll waren auch die Darlegungen des Kanzlers über die Aus- laudspolitik, die Venezuela-Aktion und das Ver­hältnis Deutschland- zu England. Den Schrift­steller Rudyard Kipling nannte er einenwildgewordenen Poeten von großem Talent, der sich bis zu Verbalinjurien verstiegen habe." (Schmähgedicht auf Deutschland.) Die Beziehungen -rvischen der deutschen und englischen Regie-

$tt $tat im Aeichstag. n

Unser Berliner parlamentarischer Mitarbetter schreibt untern 20. Januar:

Für den Parlamentarier, zumal für den StatSredner, hat e» immer etwa- Mißliches, wenn er seinen sorgfältta au<gearbeiteten Vortrag vor halbleeren Bänken zu halten genötigt ist. Der Redner verfällt dann leicht in eine ge- wisse Resignation; er fühlt, baß seine Ausführungen kaum daS erhoffte Echo wecken werben So erging eS heute bem W. v. Wollmar (Soz.), der den Reigen der Redner eröffnete. Er spricht nicht oft im Reichstag, gehört auch nicht zu den hinretßenben Debattern, seine Redeweise hat eher etwaö Schwerfälliges. Mer was er sagt, ist wohl turchdacht und int Ausdruck sorglich erwogen. Die Zensur, bie er der Regierung erteilte, war alles andere als gut: in der aitslvärttgen Politik vermißt er feste Ziele. Die F in an Lwirt fchaft verurteilt er, doch ist ergerecht" genug, bie Schuld hieran teilweise den Mehrhettsparteien, besonbers Dem Zentrum, auszubürben, bas auch bei ben angcPünbigten Abstrichen am vorliegenden Etat der Regierung schweilich fürchterlich" werd«. Die Erklärung deSReichSkan-lers i-i Sachen des Swinemünber Kaisertelegramms but Herrn v. Vollmar nicht beftiedigt: sie hat ihn, wie er sich ausbrückte, um eine parlamentarische Enttäuschung be- reichert. Das Telegramm bedeute einen Eingriff in inner* bayerische Angelegenheiten. Wie würde eS in Preußen auf- gesaßt werden, wenn der bayerische Regent die Mtttel zum wiu des Mittellanbkanals zur Verfügung stellen würde? Tie Beröffenttichung deS Telegramms sei auf ausdrücklichen Befehl von Berlin aus, und zwar gegen ben Willen des Ällinzregenten, durch das Wolsssche Depeschenbureau erfolgt. GHört! Hört!" links.) Zu einem hoch dramatischen Zwischenfall kam eS, als Mg^ v. Vollmar dazu Über- ßi na, den Fall Krupp und dieKaiserredeninEssen unb Breslau zu erörtern. Sofort erklang bie Glocke deS Präsidenten Graf Bal le st rem, der in markanten Worten verkündete:Ich werde die Erörterung des Falles Kruvp, euaer Privatangelegenbeit, und der Reden, oie ich baran knüpften, wenn sie auch imReichsanz." ge- mben haben, unter keinen Umstänben zulassen!" lärmender Wider sprach bei den Sozialdemokraten, Di ißbilliguugsrufe der schärfsten Tendenz, immer neue Ver­suche v. Vollmars, die Kritik zu eröffnen, immer neues Ein- |d)reiten des Präsidenten, der schließlich zorngeröteten Ant­litzes dem Redner den Ordnungsruf anbroht. Mit bebenber ^immerepliziert Herr v. Volllnar:Ich stelle fest, daß der Reichstag ein geringeres Maß von Rebe- fieiheit besitzt, als jebe Volksversammlung, je be Zeitung." Tosender Beifall der äußersten Linken. Ls war eine peinliche Szene; die Herren am BunbeS- rarstisch, ber Reichskanzler an ber Spitze, unb bie Mit- glieber ber bürgerlichen Parteien blickten ernst vor sich hin. 'jUbg. v. Vollmar verstand es trotz alledem, das verbotene Gebiet zu streifen, indem er die Forderung nach einem Kanzler-Verantwortlich keitsgesetz begründete

GleßenerAMgerW

** General-AnzeigerS

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WW