Ausgabe 
19.12.1903 Erstes Blatt
 
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Abbildungen der Wohnhäuser, die die Stabwerwult- iuia für Unbemittelte errichtet hat.

Paris, 1& De^. Der bekannte soz. AbL Jaurös ist über die fortgesetzten Anzüglichkeiten Bebels gegen den sozialisttschen Minister Millerand sehr aufgebracht. In seinerPetit Republl" schreibt er: Die deutschen Sozialisten würden vielleicht gut tun, sich verlegenen und spitzfindigen Wortgezänkes über eine Beteiligung der Sozialisten an der Regierung zu enthalten. Die Frage ist nicht, ob Bebel ein Millerand sein möchte oder G-raf Bülow imstande wäre, ein Millerand AU sein, sondern allein die, ob die deutschen Sozia­listen fähig sind, eine Regierungsvorlage zu ischasfen, in der eqte derartige Frage überhaupt ausge- worjen werden könnte.

Tie Siberts" will aus bester Quelle erfahren haben, .daß die Wiedereinstellung Dreyfus' in die Ar- i-nree im Kabinett des Kriegs Minister ernsthaft erwogen !werde. Tas Artillerieregiment, in das er eingereiht werden -solle, sei bereits bezeichnet und zu diesem Zwecke eine Ver­änderung in den Osfiziersstellen vvrgenvmmen worden. Dreyfus werde sofort nach dem Spruch des Kassation-Hoses Aum Kommandanten ernannt und am darauf fol­genden Tage in die Liste der Oberstleutnants aus­genommen werdeu (??)

Die Kammer nahm trotz Einwendungen des Mi- Listerpräsidenteu die Dringlichkeit des Antrages Mirman -(Sozialist) auf Abschaffung aller Ordensaus- ^eichnungen an.

Rom, 18. Dez. Die hier verbreiteten Gerüchte, daß in dem Parke der Villa Borghese ein Attentat auf Iben König ausgeübt worden sei, sind völlig erfunden.

Konstantinopel, 18. Dez. Die Pforte beschwerte ^tch daß ein montenegrinischer Offizier auf das Blockhaus Lei Maikowatz geschossen habe. Die monte­negrinische Regierung, die behauptet, daß das Feuer er­widert worden sei, versprach, den Schuldigen festzustellen und zu bestrafen.

Petersburg, 18. Dez. Jin Gegensatz zu den bis- .herigen, pessimistisch lautenden Meldungen über die Spann­ung zwischen Rußland und Japan war heute nachmittag das Gerücht verbreitet, daß in Petersburg auf direkte Veranlassung des Zaren neue Beratungen über eine friedliche Beilegung des Streitfalles mit Japan 'beginnen sollen.

New York, 18. Dez. Eine aus Soeul hier einge­gangene Depesche besagt: Die Haltung der Russen deutet darauf hin, oaß Rußland entschlossen sei, Japan daran zu verhindern, einen Stützpunkt in Korea zu er- langen. Die Russen zeigen sich auch unangenehm berührt von dem tätigen Vorgehen der Vereinigten Staaten hm- sichtlich der Oeffnung von Widschu und erklären, daß die Vereinigten Staaten die Geschäfte Japans besorgeu

Washington, 18. Dez. Das Repräsentantenhaus nahm heute den Gesetzentwurf über den Schutz der aus­ländischen für die Weltausstellung in Saint Louis be­stimmten Ausstellungsgegenstände literarischer und künstlerischer Art an.

Der Senat ratifizierte den Handelsvertrag ^wrschen Amerika und China.

Schiedsgericht für Aröeiterversicheruug.

Gegen den die Rente von 80 Proz. auf 662/3 Prvz. herabsetzenden Bescheid der Sektion 6 der Süddeutschen Eisen- und Stahl-Berufsgenossenschaft zu Mainz hatte der Johann Jost Zimmermann zu Erdhausen Beruf­ung verfolgt, die jedoch vom Gericht als unbegründet ver­worfen wurde.

Wegen einer int Jahre 1893 durch einen Unfall herbei­geführten Augenverletzung erhiell der Steinbruchs­arbeiter Wilhelm Steitz, jetzt Förster zu Winnen, eine Rente von 10 Prvz., deren Einstellung von der Sektion der Steinbruchsberufsgenossenjchast zu Hagen beantragt wurde. Das Gericht gab dem Antrag nach Einholung eines Gutachtens durch die Marburger Augenllinik statt.

Die Hess.-Nass. Baugewerks-Berussgenossenschaft, Sek­tion 6 zu Gießen hatte die dem Steinmetz Peter Klein, früher zu Gießen, zurzeit in der Strafanstall Kassel-Wehl­heiden wegen der Folgen eines im Jahre 1901 erlittenen Unfalles gewährte oOprozentige Rente auf 20 Prvz. herab­gesetzt. Der Berufung mußte das Gericht nach den auge- shellten Erhebungen den Erfolg versagen.

Tie Sektion 1 der vorgenannten Berufsgenossenschaft hatte mit Bescheid vom 14. November 1902 den von dem Zimmermeister Johannes Friedrich Löffler zu Geln­haar wegen eines am 20. Juni 1902 vorgekommenen Be­triebsunfalles gellend gemachten Entschädigungsanspruch deshalb abgelehnt, well erwerbsstörenden Unsallfolgen nach Ablauf der ersten 13 Wochen nach Eintritt des Unfalles nicht mehr vorhanden gewesen feien. Das Gericht kam nach Anhör­ung von ärzllichen Sachverständigen und nach eidlicher Ver­nehmung von Zeugen zu gleicher Ansicht und wies die Berufung als unbegründet zurück. Durch Erhebungen ergab sich auch, daß die Angaben des Klägers nicht zu­treffend sind.

.Gemäß §§ 88, 90 des Gewerbeunfallversicherungs-Ge- ^setzes hatte die Tabaksberussgenoftenschaft zu Bremen An- ttag auf Aushebung der dem Friedrich L i p p e r t zu Gießen wegen der Folgen eines am 6. Februar 1894 erlittenen Unfalles bewilligten Rente von 10 Proz. gestellt. Das Ge­richt erachtete den Anttag für begründet und ordnete die Einstellung der Rente vom 1. Oktober 1903 ab an.

August Mayer zu Büdingen bezog wegen einer , Fingerverletzung von der Fleischereiberufsgenossenschaft zu Mainz zuletzt eine Rente von 10 roz., Pderen Zahlung die Genossenschaft mit Bescheid vom 19. Juni 1903 einstellte. Das Gericht konnte die Einstellung der Rente nicht für gerechtfertigt erachten und verurteilte die Berufsgenossen­schaft zur Wellergewährung der lOprozentigen Rente.

Hermann Kern zu Bad Nauheim erhielt für die /durch einen im Jahre 1894 vorgekommenen Unfall ver­ursachte Erwerbsbeschränkung zuletzt eine Rente von 15 Proz. ,'Die Tieftauberussgenofsenschaft zu Wllmersdorf bei Berlin beantragte gemäß §§ 88, 90 des G. U. B. G. Einstellung stellung der Rente, welchem Antrag das Gericht stattgeben mußte, da in dem Zustand des Kern eine solche Besserung eingetreten ist, daß er durch die Folgen des Unfalles im 'Wirtschaafttichen Leben nicht mehr erwerbsbeeinttächligt ist.

Der Laglöhner Louis Guth zu Södel erlitt am 2. Oktober 1902 infolge eines Betriebsunfalles einen Bruch der rechten Kniescheibe, welche Verletzung eine längere Be­handlung in der chirurgischen Universitätsklinik zu Gießen nötig machte. Sodann wurde Guth nochmals 3 Monate in dem Krankenhause vorn roten Kreuz in Kassel behandelt. Für die Folgen des Uns.llles gewährte die Sekttvn 12 der Ziegeleiberufsgenossen, ' ;t eine Rente von 50 Proz. Ter hiergegen eingelegten Berufung wurde vom Gericht der Erfolg versagt, da nach dem von Großh. Direktion der

chirurgischen Universitätsklinik zu Gießen abgegebenen Gut­achten, das mit den der übrigen ärztlichen Sachverstän­digen übereinstmmll, eine höhere Erwerbsbeschränkung nicht vorliegt. w ,

Tie Papiermücherbierufsgenossenschaft, Sekttvn 4, hatte die dem Papierschneider Heinrich Eberhardt zu Ober- Schmitten bewilligt gewesene Rente von 20 Proz. auf 10 Proz. herabgesetzt. Tie hiergegen eingelegte Berufung wurde als unbegründet verworfen. Ebenso erging es der von der Emma Truheich zu Ober-Schmllten gegen den die lOOprozentige Rente aus 20 Proz. herabsetzenden Entscheid der vorgenannten Sektion verfolgten Berufung.

Aus Studt unü KauÄ.

Gießen, den 19. Dezember 1903.

Promenadenkonzert findet morgen Sonntag um 1/212 Uhr in der Südanlage mit folgendem Programm statt: 1. Ouvertüre Hans Sachs von Lortzing. 2. Touristen- Quadrille von Krauße. 3. Paraphrase über das Lied: Ein Vöglein sang im Lindenbaum von Eberle. 4. Erinnerung an Tannhäuser, Fantasie von Hamm. Unsere Regiments­musik konzertiert morgen nachmittag 4 Uhr im neuen Saalbau und am Abend von 8 Uhr ab im Cafö Leib. Wir verweisen auf die äußerst interessanten Programme.

** A u s dem Bureau des Stadttheaters. Von der internationalen Na ch tasy l -Tournöe wird mitge­teilt, daß in den Hoftheatern zu Mannheim, Darmstadt, Karlsruhe alle Vorstellungen ausverkauft waren. Gegen- roärtig absolviert die Truppe ein auf zehn Abende berechnetes Gastspiel in München. Im neuen Jahre wird die Truppe eine große Tournöe durch Holland, England und Rußland antreten, von wo glänzende Anerbietungen vorliegen. Die Vorstellung findet hier am 23. Dezember und zwar außer Abonnement statt. Nochmals sei auf das Weihnachts­abonnement hingewiesen, das darin besteht, daß einhalb Abonnnementsblocks zum Preise von 22 Mark für 10 Logen, 16 Mark für 10 Sperrsitze, 11 Mark für 10 erste Parquets und 8 Mark für 10 zweite Parquets aufgelegt werden. Da diese halben Abonnements in besonderem gefälligen Umschlag hergestellt wurden, so eignen sie sich auch Weihnachtsgeschenk.

** Beim Wasserwerk Queckbvrn wird im nächf- sten Sommer das Maschinenhaus vergrößert und eine dritte Maschine aufgesteltt, auch Raum für eine vierte Ma­schine geschaffen. Ob ein weiterer Brunnen angelegt wird, oder wie sonst das noch vorhandene Wasser abgefangen werden soll, ist noch nicht bestimmt, wird vielmehr von den im nächsten Sommer anzustellenden Pumpversuchen ab häng en.

** Im Restaurant Aquarium findet seit 8 Tagen ein Preisschießen statt, bei dem wertvolle Preise zum Ausschießen kommen. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich ist, findet Dienstag Abend die Preisverteilung statt; Freunde des Schießsports seien noch besonders hierauf aufmerksam gemacht.

)( Krankenversicherungsgesetz. Laut bundesrät- licher Anweisung werden die neuen Bestimmungen des Kranken­versicherungsgesetzes mit dem neuen Jahre derart in Wirk­samkeck treten, daß in Fällen, bei denen die Dauer der Unter­stützung nach den bisher geltenden Vorschriften noch nicht beendet ist, von diesem Zeckpunkt ab die neuen Bestimmungen Anwendung finden, sofern sie für den Unterstützungsberech­tigten günstiger sind. So wird z. B. allen Wöchnerinnen, die nach dem 4. Dezember 1903 entbunden sind, bereits die sechswöchentliche Unterstützung. Wegen Einführung der freien Aerztewahl bei den Ortskrankenkassen bestehen zurzeit in über 200 Orten Konflikte zwischen den Kaffen und Aerzten, obwohl schon eine Anzahl zugunsten der letzteren erledigt ist. Zum 25. Januar wird nach einem noch zu be­stimmenden Otte Mitteldeutschlands ein Allgemeiner Krankenkassentag einberufen, der zu vorstehender Frage Stellung nehmen soll. Sämtliche Otts-, Betriebs-, Jnnungs- und freien Hilfskaffen werden vom Zentralvorstand deutscher Ortskrankenkaffen zur Beteiligung eingeladen.

)( Wetzlar, 18. Dez. Der kürzlich von hier flüchtig gegangene Kaufmann Jacob hat sich dem hiesigen Gericht wieder gestellt.

Kleine Mitteilungeir aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Offenbacher Personenzug, der um 3 Uhr 55 Min. von Dieburg abgeht, erlitt am 17. d. M. kurz vor der Einfahrt in die Station Dieburg einen Unfall, der glücklicherweise noch gut ablief. Bei dem Passieren der scharfen Kurve sprang ein Wagen aus den Schienen, ohne aber den Tamm hinabzustürzen. Der Zug, erlitt eine 3/4 stündige Verspätung. InHanau verhaftete die Polizei einen 76 Jahre alten Fabrikarbeiter namens Alt unter der Beschludigung, ein Sittlichtettsverbrechen an einem Schulmädchen begangen zu haben. Ter 11 Jahre alte Sohn des Geslügelhändr-ers Renins von Viernheim, der bei seiner Großmutter in Freudenheim lebt, half ein leeres Pfuhlsaß ablaben. Es kam ins Stollen und erdrückte den Knaben. Infolge Zerreißens der Leber trat der Tod auf der Stelle em. In Worms ist, nachdem in einer Klasse der höheren Mädchenschule wiederholt Fälle von Scharlach-Erirankungen vorgekommen sind, eine Klasse zur Vornahme der Desinsettion des Klassenzimmers auf einige Tage geschlossen worden. Infolge einer Gas­explosion im Amtsgerichtsgebäude zu Fulda wurden em Gefängniswärter und dessen Stellvertreter schwer, ein Gefangener leicht verletzt.

Vermischtes.

Bunzlau, 18. Dez. Häßliche rohe Szenen spielten sich dieser Tage in einem Gasthause zu Ottendorf hiesigen Kreises ab. Dort wurde ein öffentlich religiöser Vortrag gehalten. Als der Redner sein Thema teilweise er­ledigt hatte, brach plötzlich eine Horde betrunkener Männer in das Lokal ein und gebärdete sich hier im wahrsten Sinne des Wortes wie Wilde. Der Vortragende wurde mit den gemeinsten Redensarten unterbrochen und beleidigt, mit Schnaps begossen und in ein Stück Leinwand eingewickelt. Die Bibel und Gebetbücher flogen auf der Diele umher, jeder der Rowdies, unter denen kaum der Schule entwachsene Bengel, suchte den andern an Unflätigkeiten zu überbieten. Die an­ständigen Gäste standen ebenso wie der Wirt dem Hexensab- bath machtlos gegenüber; erst nachdem sich die Bande aus­getobt, räumte sie schimpfend und fluchend das Feld.

* R e i ch e n b e r g, 18. Tez. Hier wurde der Kretscham­besitzer Wessig aus Bärensdorf bei Fried land verhaftet, als er bei einem Bankinstitute eine Partie pommerscher

Hypothekenbankaktien, die in der Berliner Zentralstelle als gestohlen vermertt waren, verkaufen wollte. Der Ver­haftete gestand ein, daß er die Papiere von einem entlassenen Zuchthäusler erworben habe, der im Jahre 1899 einem schlesischen Gutsbesitzer 50 000 Mark Wertpapiere gestohlen habe. Bisher wurden drei Ver­haftungen vorgenommen.

* Jena, 18. Dez. Wie in einer von privater Seite einberufenen Versammlung festgestellt wurde, hat der zweite Bürgermeister eine Massenbestrafung wegen unge­nügender oder unterlassener Reinigung der Straßen (Fahrbahn) erlassen. Eine bedauerliche Tatsache wurde zu Tage gefördert, als es sich herausstellte, daß die neugewählten Stadtväter bereits vor Antritt ihres Ehren­amtes mit den gemeinsten anonymen Briefen und Karten beglückt werden. Der Vorsitzende bezeichnete die anonymen Schreiben so, wie es sich gehört, auch die charakteristischen Bezeichnungen für die Helden wurden einstimnng akzeptiert. Dergleichen feige Roheiten waren in Jena, in dem doch so viel die ehrlichen Waffen gegeneinander getragen werden, nicht üblich; auch einen Kulturfortschritt wird nieniand darin erblicken.

* Kopenhagen, 18. Dez. An Bord des auf der hiesigen Marinewerft zur Reparatur liegenden dänischen Panzerschiffes ,^Jver Hvitseldt" brach heute nachmittag Feuer aus, durch das eine Anzahl Kajüteuräumlichteiten zerstört und das Oberdeck start beschädigt wurden. ' 91ach zwei Stunden war der Brand bewältigt.

* Paris, 18. Dez. Wie hiesige Blätter aus Algier berichten, haben die dortigen Gerichtsbehörden gegen die Schwestern des Waisenhauses von St. Vmeent von Paul eine Untersuchung eingeleitet wegen der den Schüle­rinnen des Waisenhauses zu Teil gewordenen schlechten Behandlung.

* Eine Stammtafel des Kaisers. Prof. Ad. M. Hildebrandt hat eine anderthalb Meter hohe Stammtafel gemalt, welche die Abstammung des Kaisers von der heiligen Hed­wig, Herzogin von Schlesien, zur Anschauung bringt. Die wappengezierte Malerei wurde im Auftrage des Kirchen- vorstandes zu Trebnitz in Schlesien hergestellt und von diesem aus Anlaß des 700jährigen Jubiläums der dortigen Kloster­kirche dem Kaiser überreicht.

* Ein ungetreuer Gemeindebeamter war der Stadtsekretär Kretzmeyer in Celle, der in voriger Woche Selbstmord beging. Aus den verschiedenen, ihm an­vertrauten Kassen hat er nach und nach so weck bis jetzt ermittelt ist etwa 8000 Mark für sich entnommen. Die Oberaufsicht über diese Kassen hat der Oberbürgermeister. Dieser bekannte in der letzten Sitzung der städtischen Kollegien, daß er dem Kretzmeyer vollstes Vertrauen geschenkt und infolge­dessen seit Jahren die Kassen und Bücher nicht revidiert habe. Den Schaden hat er denn auch persön­lich zu tragen; wenn er auch mit 5000 Mark gegen Unter­schlagung versichert war, so muß er den Rest doch aus seiner Tasche decken. Auch der städtische Polizeisekretär Koch hat derartige Pf li chtwidrigkeiten begangen, daß er vorläufig vom Amte suspendiert ist und wahrscheinlich entlassen werden wird.

Gerichts saal.

b. Gießen, 18. Dez. Echt patriarchalische Zu» st än d e scheinen, rote" die heutige Hauptverhandlung dartut, in de m Hastlokal desGroßh. Amts gerichtszuLau dach zu herrsch en, resp. geherrscht zu haben. Die in Strai- und Unter» juchungshaN dort internierten Häitlinge erfreuten sich sämtlich mehr oder roenlger einer ziemlich großen Beroegungsirelhelt; es roar ihnen ost möglich, ungehindert durch das ganze Hastlokal zum Hof zu gehen. Des Atorge'ns, nachdem ihre Zellen ausgeschlossen roaren, lag es ihnen zunächst ob, diese zu reinigen und in Ordnung zu bringen; über lästige Aussicht konnten sie sich hierbei gerade nicht beklagen. War diese Arbeit verrichtet, so holten sich die Gesangenen ihren Atorgenkaffee ans der Küche in ihre Zellen, die auch jetzt nicht verschlossen rourben. Hieraus wurde die angewiesene Tages­arbeit verrichtet. Zu Atittag sah man sich bann am Mittagsnjch des Gesangenwärters, mit befielt Familie man gemeinsam das Atittagessen emnahm, wieder. Auch mit dem Verschließen des Hoftores nahm man es nicht so genau. Es waren zwei Hostor- schlüssel vorhanden; den einen trug der Gefangenausseher bei sich, der andere hing in der Küche, doch nicht so hoch, als daß die Kinder des Gesangenaussehers ihn nicht herablangen könnten. Nach Aus­sage der Kmder pflegte man das Hostor, wenn gerade keine Hast- Itnge interniert waren, überhaupt nicht abzuschließen. Aber daß dies auch manchmal der Fall war, wenn das Hastlokal Gälte hatte, lehrte die eines Tages uorgenommene Revision der Staatsanwalt­schaft, die das Hoftor nicht verschlossen fand. Auckx beobachteten manchmal Häftlinge, daß der Hofthorschlüssel im Schloße steckte oder unter dem Hoftor lag. Alle diese Zustände wußte lich^nun der wegen Beleidigung vom Schöffengericht Laubach zu einem <^ahr verurteilte Agent Schreiber zu dtutzen zu machen. Wenige Tage vorher erst emgeliefett, erwachte in ihm eines Sonntag morgens der Drang nach Freiheit; er vergewisserte sich zunächst, was ihm durch einen Blick aus dem Gangsensierchen möglich roar, daß der Hoftorschlüssel steckte, und empfahl sich dann nach eingenommenem Aiorgenkasfee auf Tanzösisch. Kurze Zeit hierauf rief der Gefangen­wärter den Gefangenen es waren damals außer dem Ent­wichenen nur noch zwei Gefangene interniert sie sollten sich §unt Wäscheempsang nach dem Boden begeben. Der eine der beiden folgte sofort und begab sich nach dem Boden, wo auch kurze Zeit daraus der andere Hästling, der vorher mit Reinigen von Schuhen in der Waschküche beschäftigt roar, sich emsand. Stach einiger Zeit wurde man auf das Ausbleiben des Entroichenen auimertfam und der Gefangenwärter und der eine Gefangene begaben sich auf die Suche doch der Schrecken war groß von dem Entwichenen fand sich keine Spur mehr. Wegen dieses Vorfalles^hatte sich heute der Gefangenauffeher D., der schon elf Jahre diese Stelle bekleidete, unter der Anklage, die E n k w e i ch n u n g eines Gefangenen durch Fahrlässigkeit befördert, resp. erleichtert zu haben, vor der Strafkammer zu verantworten. Tie Beweis­aufnahme ergab, daß an dem staglichen Sonnlagmorgen die Ehe­frau des Angeklagten D. ihrem Töchterchen den Auftrag gab, Reis zu holen; sie händigte den in der Küche befindlichen Schlüssel dem Kinde aus, um das Tor aufzuschließen. Der Schlüssel blieb auch bis zu der nach etroa 10 Minuten erfolgten Rückkunft des Mädchens im Tor stecken und der Häftling, benutzte diese Gelegenheit, um zu entfliehen. Wie von der Großh. Staatsanwaltschaft ausgeführt wurde, hat der Angeklagte die elenientarsten Grundsätze über Straf­vollzug und Untersuchungshaft außer Acht gelassen und trotz wieder­holter Ausschreiben sich der^ größten Sorglosigkeit hmgegeben; in Antrag gebracht wurden 150 All. Geldstrafe. Tas Gericht hält gleichfalls das Verhalten für grob fahrlässig, und betont, daß der Angeklagte insbesondere sowohl gegen tue Vorschrift, wonach die Zellen stets verschlossen gehalten werden sollen - abgesehen beim Reinigen, das übrigens nur bei Aufsicht geschehen sollte als auch gegen die Vorschrist über die sorgfältige Aufbewahrung der Schlüffek verstoßen habe. Als Geiangenauiseher hafte er auch für die von seiner Ehefrau und Kindern begangenen Nachlässigkeiten am Schließen des Tores; auch hatte er sich sagen müssen, daß bei diesen Zuständen eine pastenlziehung der Gefangenen kein Ding der Unmöglichkeit sei. Das Urteil lautete auf 60 Mark Gekd- strafe und Kosteil des Verfahrens.