Ausgabe 
19.1.1903 Drittes Blatt
 
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153, Jahrg

Montag, 19, Januar 1903

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'schen Universilätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.

w Abg vr. Sattler (nat.-lrb.): Es ist falsch, daß der geringere Zoll für Futtergerste nur den Großgrundbesitzern zu Gute kommt Im Gcgentheil, in NorDwest-Deutschland sind gerade die Bauern auf den Bezug von Futtergerste angewiesen, und es liegt deshalb m deren Interesse, daß der Zoll nicht zu hoch ist. Das ist auch der Grund dafür, daß diejenigen, die von vornherein über die Vorschläge der verbündeten Regierungen nicht hinauszugelien entschlossen waren, in der Nichtfestsehung eines Zolls auf Futtergerste eine entsprechende Kompensation für die Heraufsetzung des Mindestzolls für die Malz, qerftc erblicken konnten. Die Erklärung des Staatssekretärs war durchaus genügend, die ganze Frage wird doch erst praktisch beim Abschluß der Handelsverträge. Ich habe deshalb keinen Grund, mich weiter an der Debatte zu bethciligen.

Reichskanzler gestellte Frage implicite an den Bundesrath gerich-

zusortiren. Außerdem bleibt mit Roggen gemischte Malzgerste doch immer Malzgerste. Und dann, meine Herren von der Rechten, wollen Sie sich vielleicht der Gefahr aussetzen, daß Roggen in der Gerste eingeführt wird, um nicht den 5 Mk.-Zoll für Roggen zu zahlen? Herr Heim rühmt sich in seinem Wahlkreis, daß er es ist, der die Negierung in die Sackgasse getrieben hat. So leicht ist die Unterscheidung denn doch nicht, wie cs Herr Professor Braun­gart in München hinstcllt, der meint, jeder Zollbeamte könne die Unterscheidung in 10 bis 12 Tagen lernen. Wie das möglich ist, ist mir ein Räthscl. Ich bebaute nur, daß Herr Professor Lraun- gart nicht so oft vervielfäln'gt werden kann, wie sein Mittel. (Hei- ierfeit.) Man muß doch auch auf das Braugewerbe Rücksicht neh­men. Ein Gewerbe, das der Landwirthschaft alljährlich für 18 bis 19 Millionen Mark Gerste abkauft, das dem Staate 90100 Millionen Mk. Steuern im Jahre einbringt, hat ein Anrecht darauf, daß es nicht als Versuchsobjekt in Zollsachen benutzt wird. Tie Hast, mit der der Zolltarif hier durchgepeitscht wurde, hat man damit zu entschuldigen versucht, daß man sagte, die Würde des Parlaments würde darunter leiden, wenn der Zolltarif nicht schnell zu Stande käme. Ich sage, die Würde des Parlaments habe viel mehr darunter gelitten, wie der Zolltarif zu Stande gebracht wurde. (Sehr richtig! links.) Tic Regierungen haben sich aber nicht nur vor dem deutschen Volke, sondern vor der ganzen Welt blamirt, dadurch, daß sie im Gegensatz zu ihren ftühcren Erllärungen nun doch der Aufnahme der PositionMalzgerste" in den Tarif zustimmten. Wie soll man einem Reichskanzler, der in dieser Art vorgeht, in Zukunft noch Glauben schenken! Ich werde auf den Tisch des Hauses eine Anzahl von Proben Brau- unb Futtergerste legen und fordere die Herren Landwirthe auf, zu versuchen, ob sie den Unterschied herausfinden. (Heiterkeit und Beifall links.- Redner legt auf den Tisch neun Papierbeutel mit 'Gerstenproben nieder, die von zahlreichen Abgeordneten sofort eifrig geprüft werden.)

Staatssekretär Freiherr von Thielmann: Ter Vorredner hat am Schluß seiner Rede den Reichskanzler persönlich apostrophirt. "Darauf werde ich nicht eingehen, denn es steht mit der Interpellation -in feinem Zusammenhang. Ich werde mich streng an den Wortlaut 2er Interpellation halten. Es wäre richtiger gewesen, dieselbe an 2cn Bundesrath zu richten, denn dem Bundesrath liegt doch die 'Ausführung des Zolltarifs ob, aber ich nehme an, daß die dem

Abg. Wurm lSoz.): Die Antwort des Herrn Schatzsekretärs bestand lediglich aus leeren Ausflüchten und beweist, daß die Re­gierung selbst noch nicht weiß, wie sie ihr eigenes Gesetz aufzufassen hat. Es scheint fast so, als wäre der deutsche Bauer gründlich hinter» iliau geführt worden. (Sehr wahr!) Der kleine Bauer, der seine guttergerftq kaufen muß, hat die Kosten IhrerBaucrii-

«rschemt tSgNch mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Zamilienblötter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal

Parlamentarische Berhandliinaen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

240. Sitzung vom 17. Januar.

1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.

Am Bundesra'thstisch Frhr. v. Thielmannu A m b£ .?a£e§?rbnÄ '^ht Zunächst die Interpellation No, icke (freif. Vg.j und Gen.:

Welche Maßnahmen gedenkt der Reichskanzler zu treffen, um festzustellen, was unter dem im § 1 des Zolltarif-Geseves enthaltenen BegriffMalzgerste" zu verstehen ist?

Auf die Frage des Präsidenten, ob und wann der Reichskanzler die Interpellation beantworten werde, erwidert

Schatzsekretär Frhr. v. Thielmann: Ich bin bereit, die Inter­pellation heute zu beantworten.

Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort

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. d^'ästdcnt Graf Ballcsttcm: Sie dürfen einen Beschluß des Reichstags nicht einen Rcchrsbruch nennen. Das ist nicht gängig.

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Abg. Roesicke (freif. Vgg.): Im Gegensatz zum Vorredner muß ich hervorheben, daß mich die Erklärung des Staatssekretärs keine», Wegs befriebigt hat. Im Gegentheil, mich hat es sehr gcwunbert das; der Staatssekretär es noch nicht für nothwenbig befunden Hai sich mit der Frage der Unterscheidung von Brau- und Futtergerste zu beschäfttgen. Ebenso verstehe ich es nicht, wie er mich fragen konnte, warum ich annehme, daß die Gerste disferenziell behandelt werden soll. Ich mußte dazu auf Grund der Erklärung des Reichs­kanzlers kommen. Wenn man die jetzt wegeskamotiren will, bann i|t es allerdings nicht schwer, aus schwarz weiß zu machen. Wür­den die Agrarier sich Wohl zufrieden geben, wenn sie bei einer land- wirthschaftlichen Interpellation eine solche Antwort erhielten wie diese, mit der sich heute das große Braugewerbe zufrieden geben oll? Aus der Antwort des Staatssekretärs entnehme ich nur, daß die Regierungen gar nichts wissen, daß sie keine Ahnung haben, wie die beiden Gerstensorten unterschieden werden sollen. Der Staatssekretär hat den Reichskanzler geradezu bloßgestellt. Aller­dings beruht das Kriterium der Malzgcrstc auf einem hohen Maße von Keimfähigkeit. Die Steuerbeamten werden aber niemals in der Lage sein, die sehr schwierigen Untersuchungen anzustellen, ob dieses Maß von Keimfähigkeit vorhanden ist, oder nicht. Wir sind leider so wett gekommen, daß jetzt Gesetze gemacht werden, deren Inhalt und Sinn von den Gesetzgebern selbst nicht verstanden wirb und die nur geeignet sind, das Parlament und die Regierung vor der Welt zu blamiren. (Beifall links.)

Abg. Nistler (kons.): Sie von der Linken, die Sie uns fort- wahrend Brodwucher vorwerfen, sind es gewesen, die uns kleine Bauern durch Ihre Politik gezwungen haben, unsere gute Brau­gerste zu verfüttern. Unsere Brauereien können auch ohne auS- andiiche Gerste auskommen. Ich verkehre jeden Tag in dem hie- igcn Restaurant der Brauerei Weihenstcphcm (Heiterkeit), welche ein sehr gutes Bier liefert, und ich kann Ihnen einen Bericht dieser Brauere, zeigen, woraus hervorgeht, daß diese große bairische Staatsbrauerei nur bairische Gerste, bairischen Hopfen und bai­risches Malz verwendet.

' m der Interpellation die Unterstellung enthalten, daß

Malzgerste und andere Gerste bei dem Abschluß von Hande lsver- tragen emem verschiedenen Zollsatz unterworfen werden soll. Wo­her schöpft der Herr Interpellant diese Annahme? (Lack)cn links.) Weder im Zolltarif noch im Zolltarifgesetz steht etwas davon, daß Malzgerste und andere Gerste, beispielsweise Futtergcrstc, vcr- ! Mieden verzollt werden sollen. (Große Bewegung links. Zuruf: Bauernfängerei l Unruhe rechts. Präsident Graf Ballestrem rügt Den Zuruf.) Wir denken auch gar nicht daran, irgend einer

' auswärtigen Macht etwa einen niedrigeren Zollsatz für Futtergcrstc auf dem Prasentirteller entgegenzubringen. Tie Regierung hat vis jetzt Mit keiner fremden Macht Handelsverttagsvcrhandlungcn : begonnen, und ebensowenig ist eine auswärtige Macht bisher mit bestimmten Anforderungen auf Tarifherabsetzungen an uns hcran- getreten. Die Regierung wird also ruhig abwartcn, ob bei den spateren Verttagsverhandlungen solche Wünsche an sie herantreten, Md wenn dies der Fall ist, bann wirb sie cs sich sehr überlegen, Lage ist, solchen Wünschen nachzukommen. (Beifall rechts.) Der Vorrebner meint, der Zoll auf Futtergerste solle 2 Mk betragen Davon weiß ich nichts: das steht nicht in dem Tarif.

Das ist ja der jetzige Zollsatz für Gerste.) Es han­delt sich wohl hier nur um den speziellen Wunsch des Interpellanten. Wenn bei einem Zollsatz von 2 Mk. geschrotete oder gedörrte Gerste eingeführt wird, dann soll ja nach ocr Annahme der Herren von der Linken ein Vortheil gegenüber dem höheren Zollsatz für Malz­gerste überhaupt nicht mehr herauskommen, weil die' Kosten für Da§ Schroten u--d Darren zu hoch sind. Wenn das der Fall ist, dann ist es um so weniger norhwenbig, daß der Bundcsrath schon' M die tfrage ber Unterscheidung von Malzgerste und anderer Gerste behandelt. Also auf die Frage, welche Maßnahmen zu diesem Zwecke getroffen werden sollen, brauche ich jetzt noch nicht einzugehen. Solche Maßnahmen werden gegenwärtig noch von keiner Seite gefordert, und wenn sie gefordert werden sollten, dann wird sich die Regierung völlig freie Hand Vorbehalten, wie sie dieselben in Kraft setzt. Daß eine Unterscheidung zwischen den beiden Gerstensorten möglich ist, hat nicht nur der Professor Vraun- gart zugegeben, sondern es haben auch andere Sachverständige an­erkannt, daß es für die Zollverwaltung ein leichtes sein werde, eiM Unterscheidungsmittel zu gewinnen. Die Regierung hat also noch vollkommen freie Hand. (Lachen links.) £b wir einer etwai­gen öoröerung nach einer verschiedenartigen zollteckmischen Behcmd- lung der einzelnen Gerstensortcn nachgeben würden und welches Unterscheidungsmittel wir bann wählen würden, das kann ich heute noch nicht sagen; das weiß ich selbst noch nicht; jedenfalls ?ber giebt cd außer dem Schroten und Darren auch noch andere Mittel. Wir haben also ein weites Feld noch vor uns, sehen aber keinen Grund, schon jetzt eine solche Unterscheidung zu treffen. (Lachen links.)

Auf Antrag des Abg. Dr. Barth (freif. Vgg.) findet eine Besprechung der Interpellation statt.

Abg. Udo Graf zu Stolberg-Wernigerode (kons.): Die Ant- Staatssekretärs hat auch mich mit hoher Freude erfüllt Die Differcnzirung der Gerste ist nach dem Tarif zwar möglich, aber Nicht erforderlich. Das wird eben von den kommenden Handelsverträgen abhängen. Der Herr Interpellant ist aber im grrthum, tocim er glaubt, mit dem AusdruckMalzgerste" sei den Antragstellern em Jrrthum unterlaufen. Im Gegentheil. Wäre es bet dem AusdruckBraugerste" geblieben, so hätten wir dem Tarif nicht zustimmen können, da der AusdruckMalzgerste" viel weiter geht, als der AusdruckBraugerste". Im Uebrigen ist es Sache der verbündeten Regierungen, nachdem sie dem Gesetz zrige- sttmmt haben, auch die Kriterien für die Unterschcibring zu finben, wenn diese nothwendig werden sollte.

Abg. vr. Müller-Meiningen (freif. Vp.): Die Antwort des Schatzsekretars hat uns so enttäuscht, wie noch nie eine Antwort vom Regierungstisch. Die Interpellation war ganz richtig an den Reichs­kanzler gerichtet, da er der einzige verantwortliche Rcichsbeamre ist, an den wir uns zu halten haben. Jetzt redet der Regierungs­vertreter auf einmal so. Ja, was und wem soll man überhaupt noch glauben? Wenn Sie eine Unterscheidung nicht machen wollten, so war die ganze Aktion nichts weiter als ein Manöver, um die zögernden Herren vom Rheinland und aus Baiern zur Zustimmung zum Zolltarif zu bewegen. Es hat offenbar hier der Zweck das Mittel geheiligt: Die Bauern werden es fein, die die Zeche der ganzenTiffcrenzirung" zu zahlen haben. Der Zweck der Inter­pellation ist übrigens keineswegs erledigt. Wir wollen eine authentische Interpretation des Reichsgesetzes haben, bas einen uns unbekannten Ausdruck enthält. Tas geht nicht, daß die Regie­rung erklärt, wir müssen freie Hand haben. Nicht in der Zukunft soll man wissen, was man unter Malzgerste zu verstehen har. In der Gegenwart wollen wir das wissen, dazu hat Handel, Industrie und die ganze Bevölkerung ein wohlbegründetcs Recht. Glaubi der Herr Schatzsekretär, mit allgemeinen Redensarten über die Verlegenheit Hinwegkommen zu können, in die er durch das technische Problem versetzt ist, eine Unterscheidung zwischen Brau- und Futter­gerste herbeiführen zu müssen? Man lese blos die technischen Blätter von den letzten 6 Wochen! Was da Alles an Vorschlägen gemacht wird! Nicht weniger als 14 verschiedene Haupivorschläge sind gemacht worden, ungerechnet die Varietäten derselben! Aber bei jedem Vorschlag ist sofort der Nachweis der Undurchführbarkeit oder Schädlichkeit auf dem Fuße gefolgt.

(Das Haus hat sich inzwischen völlig geleert. Von der Rechten und dem Gentrum sind insgesammt nur 7 Abgeordnete zurückge­blieben! Auch die Bänke der Linken sind ziemlich leer.) Redner verbreitet sich über einzelne dieser Disferenzirungsmethodcn und behandelt sodann in ironischer Weise die Haltung des bairischen Bauernbundes und des Abg. Dr. Heim, den er zu seinem Bedauern nicht im Hause sieht. Der Zolltarif ist jetzt da, aber Niemand freut sich seiner. Auch bei der Mehrheit hat sich ein starker moralischer Katzenjammer eingestellt. Die Regierung hat ihre volle Unfähig­keit gezeigt, Klarheir zu schaffen. Das genügt uns. Damit ist der Zweck der Interpellation erreicht. (Sehr richtig!)

Abg. Jäger (Gtr.): Wir sind mit dem AusdruckMalzgerste­ganz zufrieden. Wir waren dagegen, ihn durchBraugerste" zu ersetzen, da letzterer Begriff ein engerer ist. Unsere hochwcrthige Gerstenkultur muß gegen die minderwcrthige Konkurrenz des Aus­landes genügend geschützt werden. Daß das Braugewerbe durch den Zoll geschädigt wird, glaube ich nicht. (Einige Abgeordnete, vor Allem 5er Abg. Gamp, kosten inzwischen mit sachverständiger Miene weiter von den Gerstenproben. Abg. Gamp geht mit triumphirenden Gebärden auf Den Abg. Gothein zu und zeigt ihm einige Gerstenkörner auf Der flachen Hand, an denen er anscheinend eine Entdeckung gemacht zu haben glaubt.)

Jbg. Dr. Barth (freif. Vgg.): Die Aeußcrungen des Schah- sekrctars waren m hohem Maße kompromitttrend für den Reichs- kauzler, und sobald der Reichskanzler sich hier im Reichstage wie­der blicken lassen wird, werden wir ihn auf Grund dieser Aeuße- rungen mit dem Schatzsckretär fonfrontiren. (Heiterkeit.) Es steht )a Alles, was der Schatzsckretär heute sagte, in diametralem Gegen­satz zu dem, was uns der Reichskanzler mitgetheilt hat. Zwischen den beiden Herren scheint nicht der richtige Rapport zu Stande 9cn 3 fein. Wenn der erste Beamte des Reiches es aus- drucklich erklärt, daß er den größten Werth darauf lege, daß eine fefte Unterscheidung zwischen Malz- und Futtergerste gewonnen daß er nur in dieser Voraussetzung über dcn ur­sprünglichen, von der Regierung zugestandenen Zollsatz hinansgehe, dann ist es eine Schande, wenn es hier Leute giebt, die so thun, bcr Reichskanzler gar keinen Glauben an dcn Ernst seiner l oJuniiL keanfpnidit. Gewundert habe ich mich über Die Rede Deg Abg. Sattler. Die national-liberale Partei kann doch nach ihrer ganzen Stellungnahme zum Zolltarif gar nicht durch die Erklärung des sraatssekrerärs zufricbengeslellt sein, wenn sie auch Den Rechts- brueg Des Antrags KarDorff mitgemacht hat.

Abg. Dr. Barth (fortfahrend): Ich stütze mich für meine Be­merkung auf einen unserer bekanntesten Staatsrechtslehrer, der sicherlich auch in diesem Hause eine besondere Autorität besitzt, auf SabanD. Laband hat den Antrag KarDorff als zweifellos geschäfts- ordnungswiDrig bezeichnet. (Zuruf rechts: Tas versteht der nicht.)!

Präsident Graf Ballestrem: Der Staatsrechtslehrer Laband untersteht nicht meiner Disziplin, wohl aber Die Mitglieder dieses Hauses, und Denen kann ich es nicht erlauben, Daß sie einen Reichs- tagsbeschluß als Rechisbruch bezeichnen.

Abo. Dr. Bartl, (fortfahrend): Die die, daß ein unlösbarer Widerspruch bcitebi Erklärung des Schatzsekretärs und der Erklär vom 13. Dezemver. Wir werden es uns Reichskanzler deswegen zu geignetcr Zei fall links.)

Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.): Wir s,. -sgegang« ^n der

Annahme, daß cine Unterscheidung zwischen >- und Futtergerste

nwgl.ch sei, wir und auch beute noch dieser Meinung, und die ge- wmimie heutige Verhandlung hat nichts ergeben, das uns in dieser Meinung wankend machen könnte. (Lachen links.)

Abg. Rösicke (freif. 93g.): Im Zolltarifgesetz ist auf Antrag Herold u. Gen. für Malzgerste ein Mindestzoll von 4 Mark festgesetzt. Die Antragsteller haben es in der berühmten oder be­rüchtigten Sitzung vom 13. Dezember nicht für nöthig gehalten, zu begründen, was sie unter Malzgerste verstehen. Ter Reichs­kanzler hat zu erkennen gegeben, daß die verbündeten Regierungen dieser Zollerhöhung zustimmen würden, er hat es aber nicht Der Mühe für Werth gehalten. Den Widerspruch zwischen feiner frühe­ren Erklärung, wonach die verbündeten Regierungen über die vor­geschlagenen Zölle nicht hinausgehen, und seine zustimmende Hal­tung zu 4 Mk. Zoll für Malzgerste zu klären. Er stellte nur die Malzgerste als werthvollere Waare der Futtergerste gegenüber. Wie sollen diese beiden Sorten von Gerste unterschieden werden? Die Antwort darauf ist mir der Reichskanzler und die Herren von den Mehrheitsparteien, auf deren Initiative der Antrag zurückzu- führcn ist, schuldig geblieben. Tas Braugewerbe hat ein Inter­esse daran, zu erfahren, welche Art von Gerste mit einem Mindest- Zoll von 4 Mk. belegt ist. Um das zu erfahren, habe ich f. Z. einen offenen Brief an den Reichskanzler gerichtet, auf den er gleichfalls nicht geantwortet hat. So bleibt nur der Weg der Interpellation übrig. Der Zoll auf Gerste soll Den Zweck haben. Die für Brauereien verwendete Gerste höher zu besteuern, als die für landwirthschastliche Dinge. Tas ergiebt sich klar aus dem Gang der Debatte. Nun ist aber die Unterscheidung zwischen Brau- unD Futtergerste nicht nur schwierig, sondern fast unmöglich. Da jede Gerste vermalzt werden kann. Der Futtergerste die Malz- gerste gegenüberzustellen, ist geradezu widersinnig. Der Reichs- kanzler war sich des Unterschiedes selbst nicht bewußt, er meinte: Kümmert Euch um gar nichts, wir werden die Sache schon machen! Tic Regierung ist nicht berechtigt, irgend eine Gerste unter 4 Mk. zu verzollen, denn sie kann nicht wissen, ob sie nicht zu Brauzwecken verwendet wird. Nachdem die Regierung bereits einen Zoll von 3 Mk. in den Motiven zum Zolltarifgcsetz als Den höchst zulässigen bezeichnet hat, so hätte sie Dem 4 Mk.-Zoll nun und nimmer zu- Jtimmen Dürfen. Der Reichskanzler hat ausdrücklich anerkannt, daß diejenige Gerste zur höheren Verzollung kommt, welche als Malzgerste verwendet werden kann. Es kommt also nicht da­rauf an, ob Gerste als Malz- oder Futtergerste angeboten wird, zumal die Futtergerste oft viel besser keimt, als Braugerste. Von Rechtswegen müßte für die Verzollung die Gerste unterschieden werden in solche, welche keimt, und solck)e, welche nicht keimt. Das ist aber ganz unmöglich, und so bleibt nur übrig, daß der Zweck Der Verwendung als Merkmal Der Verzollung festgehalten toirD. Dem widerspricht aber Der Sprachgebrauch Des Zolltarifs. Derselbe untcrscheiDet z. B. Bau- unD Nutzholz, aber Damit ist doch nicht gesagt, daß Bauholz nur solches Holz ist, das wirklich zum Bau verwendet wird, sondern solches, welches dazu verwendet werden k a n n. Genau so muß also auch bei der Gerste diejenige mit 4 SJlf. verzollt werden, die zum Brauen verwendet werden kann. Die einzige Möglichkeit, die Gerste gerecht zu verzollen, ist dadurch gegeben, daß man ihr Die Keimfähigkeit nimmt. Das geht ent­weder durch Erhitzen auf der Darre, das wäre aber viel zu kost­spielig, auch wurde die Gerste dadurch an Gewicht verlieren. Das andere Mittel, ihr Die Keimfähigkeit zu nehmen, ist Das Schroten. Aber auch das kostet viel Geld und setzt noch dazu Die Gerste dem Verderben aus. Geschrotete Gerste ist im Uebrigen gar keine Gerste mehr, ebensowenig wie Weizenmehl Weizen ist. Schon aus diesem Grunde ist der Vorschlag nicht acceptabel. Widersinnig ist Der Vorschlag^ Den angeblich Die bairische Negierung gemacht haben soll, als Futtergerste solche zu betrachten. Die mit Roggen vermischt ist, denn es giebt Mittel, beide ©etreibearten wieder auseinander- '

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger, Amtr- und Anzejgeblatt für den Kreis Sichen.

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vöhnt aäjlbatev Glient, welche Ml^bto.bitNitarünbliaiiu tdtrnm, fmbtn in SlMaptile Unltt ßuschMNtz llusbilbung Vttunbl Mnatyne, Näheres bei Herrn Henn. Biuu, Mechaniker hierieibsl, 427 I PhrlilW nWG m. Ein- bCHl ilhg Mgen-Zeugins n Ci'iern für hiesiges Zigarren- abnt-Wlt gesucht.

Meres unter Sir. 686 bei r (fypebitwn b. Bi.

freundlichkett" zu tragen. Er ist vom Großgrundbesitzer wieder bMlnal gründlich hineingclcgt worden. Redner versucht Dann ans- ttchrlich nachzuweisen, daß eine Differenzirung der Gerste in der Dhat technisch und praktisch absolut unausführbar sei.

Abg. Gamp (Rp.): Von einer Schädigung Der Interessen deS Bauernstandes durch den Gerstenzoll kann keine Rcde sein. Gerade der kleine Bauer, nicht aber der Großgrundbesitzer, hat doch Den ;)off verlangt. Der Bauer erzeugt 8090 Prozent Der Futter- mittel selbst, nur ausnahmsweise kauft er aus Dem Ausland Gerste hlnzu. Wie gerade Der Kollege Roesicke dazu kommt, eine Klärung des Unterschiedes zwischen den verschiedenen Gcrstcnarten zu ver­langen, verstehe ich nicht, die Brmiindustrie hat doch auf alle Fälle Den Zoll zu zahlen. Was brauchen wir uns heute schon Den Kopf des BunDesraths zu zerbrechen? Warten wir doch ab, bis Die Sache praktisch wird. (Lachen links.) Uns befriedigen ja die Aeußerungen der Regierung nicht immer, aber Die heutige Rede des Staaissekretärs hat uns vollauf befriedigt. (Erneutes Lachen links.) Der Zolltarif kennt nur Malzgerste. Das ist solche Gerste, welche eine solche Keimkraft besitzt, daß das aus hier hcr- geftettte Malz für Brauzwccke verwendet werden kann. (Gelächter

' Was lachen Sic Denn? (Rufe links: Uebcr Ihre Desi- . Wenn Sie Den stenographischen Bericht lesen, werDen Sie fliiden, daß Das Lachen Durch Das falsche Vcrständniß Jhrerseils hervorgerufcu ist. Von Den Proben, die Herr Roesicke auf Den Tisch des Hauses nieDcrgclcgt hat, scheinen nur sehr wenige Braugcrfie zu fein. Jedenfalls ist keine Dabei, die Herr Roesicke in seiner Brauerei benutzen würde. Ich kann im Uebrigen den Herren Inter, pellanten nur banken, denn sie haben durch ihre Interpellation eine uns zufriedenstellende Erklärung Der Regierung extrahirt.