Ausgabe 
18.7.1903 Fünftes Blatt
 
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Nr. 166

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Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gietzener Familien- dlütter viermal in der Woche beigelegt.

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Drittes Blatt.

153. Jahrgang

Samstag 18. Juli 1903

GietzenerAnzeiger

** General-Anzeiger "

Amtr-und Anzeigeblattflr den Kreis Gießen

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Die Leide« des jungen Tiffier.

, L6. Juli.

Es wäre höchst schrvankhast, wenn um eines Qnirr- taners willen ein Zwiespalt im Kabinett und sogar eine Ministerkrise ausbräche, diese Möglichkeit ist aber z. Z. sehr nahe gerückt. Der Junge, der im Begriff ist, zu so großer politischer Bedeutung zu gelangen, ist der kleine Tiffier, der 12jähr. Sohn des Kabinettsvorstandes des Marineministers Pelletan. Der kleine Tissier war bis vor wenigen Tagen Schüler einer der Unterklassen des Pariser Bufftm-Gynmastums. Seine Mitschüler, gleich ihm Knaben zwischen 10 und 12 Jahren, hatten herausgebracht, daß er der Sohn des Mannes sei, von dem die frommen Blätter, -wie dieCroix", die »Berits" und dieLibre Parole" so viel sprachen, der den bretonischen Matrosen ihr Christentum rauben wollte, der den großen Admiral Gervais mit Faust- Hieben und Fußtritten zum Marineministerium hinausge­worfen hatte und sie begannen ihn mit Schimpfreden und Quälereien aller Art zu verfolgen. Er beklagte sich bei seinem Vater, dieser aber erteilte ihm einen Verweis und verbot ihm, ihm mit Schulklatsch zu kommen. Der kleine Tissier ließ sich darauf die Angriffe der Kameraden eine Weile geduldig gefallen. Als dies die Quälgeister aber er­mutigte und sie ihm immer drohender zu Leibe gingen, da bekam er es endlich satt, der Prügelknabe der Klasse zu sein, And er langte sich in der Erholungspause einen seiner An­greifer und brachte mit ihm die Rechnung ins Reine.

Darauf hatte anscheinend der Direktor des Gymnasiums nur gewartet. So lange die Mitschüler den kleinen Tissier geneckt und geprügelt hatten, war er gegen die häufigen Klagen des Mißhandelten immer Laub geblieben. Erst als Lieser sich zur Wehr setzte, schritt er sofort mit äußerster Brutalität ein. Er warf den Knaben ungesäumt aus dem Gymnasium hinaus, berief augenblicklich die Disziplinarver- scimmlung ein, zu der nur eine kleine Minderheit der Lehrer rrschien, und ließ durch diese Versammlung die Ausschließ­ung des Schülers aus der Anstalt verfügen, ohne ihn selbst v^.rzuladen, ohne seinen Richtern Gelegenheit zu bieten, die R. rteidigung des Angeschuldigten zu hören. Damit nicht zufrieden, beeilte sich der Direktor, den Fall mit den ge­hässigsten Entstellungen und Randbemerkungen sämtlichen rationalistischen Blättern mitzuteilen, ganz wie es seiner Zeit Sandherr und Henry mit dem Dreyfus-Fall taten. Empört über diese Handlungsweise erhob Tissier beim Unterrichts­minister Klage, Chaumio aber glaubte seinen Beamten decken zu müssen und ließ es bei der Entscheidung des Gymnasial- örrektors bewenden.

Nun nahm aber Pelletan die Sache seines Kabinetts­vorstehers in die Hand, denn er faßte das Vorgehen gegen den kleinen Tissier mit Recht als eine feige und tückische Ruche der Klerikalen auf, die durch Herrn Tissier ihn selbst treffen sollte. Herr Pelletan fordert Genugtung, und Herr Chaumio scheint noch nicht geneigt, sie zu gewähren. Herr Combes wird von beiden Parteien angerufen und er wird es kaum vermeiden können, in die Angelegenheit einzugreifen. Eine Regierungskrise wegen eines kleinen Jungen ist ein Schwank, gewiß; aber dieser Schwank hat einen hochernsten Hintergrund. Er läßt erkennen, in welchen Gesinnungen das Pariser Bürgertum, dessen Söhne die Gymnasien be­völkern, seine Kinder erzieht und welcher Geist in den Realgymnasien herrscht, die angeblich einen erquicklichen

Gegensatz zu den jugendvergrstenden Ordensschulen bilden sokün.

Für den Kenner der Pariser Schulverhältniffe ist alles freilich nichts neues. Man weiß, daß der berüchtigte Ab­geordnete Spoeton und der Schriftführer des französischen Vaterlandsbundes Dauffet Lehrer an Parffer Staatsgymnasien waren, ehe sie in die Kampfpolitik eintraten. Man kann sich denken, wie ihr Unterricht beschaffen war und in welchein Sinne sie ihre Schüler zu beeinflussen suchten. An fast allen Gymnasien herrscht ein wütender Antisemitismus und Natio­nalismus, der sich in der Mißhandlung der protestantischen und jüdischen Schüler äußert, die Träger von Namen, die in den Parteikämpfen eine Rolle spielen und als die von Radi­kalen oder Sozialisten bekannt sind, werden in Verruf er­klärt, die Lehrer begünstigen dieses Treiben, und die Direktoren schreiten, wie in dem Falle Tfffier, nur dann ein, wenn ein Schüler, der um seines Vaters willen leidet, seinen Ver­folgern kräftig entgegentritt. Herr Combes glaubt wunder was getan zu haben, wenn er eine geistliche Schule schließt. Er täte vielleicht besser, die weltlichen Staatsschulen von ihren nationalistisch-klerikalen Direktoren und Lehrern zu säubern. (Voss. Ztg.)

Heer und Flotte.

Nach derRangliste des 18. Armeekorps" (Vertag von Löber & Co. in Frankfurt) zählt der Land- wehrbezirk Gießen 1. bei der Reserve: 2 Oberleut­nants und 21 Leutnants der Infanterie, einen Jägerleut­nant (Forstassefsor.Weber), 4 Leutnants der Kavallerie, einen Oberleutnant (Oekonom Clemm-Winnerod) und 5 Leutnants der Feldartillerie, einen Oberleutnant der Fußartillerie (Oberlehrer Dittmar), einen Train-Rittmeister (Gutsbesitzer Lutz-Elpenrod) und 4 Train-Leutnants; 2. bei der Landwehr 1. Aufgebots 3 Hauptleute, 4 Oberleutnants und 5 Leut­nants der Infanterie, einen Kavallerie-Leutnant (Fabrikant Wenzel-Lauterbach), einen Oberleutnant (Prof. Dr. Jung) und 2 Leutnants der Feldartillerie, einen Pionierleutnant (Chemiker Schwörer-Friedrichshütte), und einen Hauptmann von der Verkehrstruppe (Postdirektor Schott-Alsfeld) ; 3. bei der Landwehr 2. Aufgebots einen Garde-Oberleutnant (Pros. Dr. Biermann), einen Hauptmann der Infanterie (Kaufm. Aug. Gabriel), 5 Oberleutnants und 4 Leutnants der In­fanterie, einen Jägerleutnant (Forstassefsor Schwörer-Lich), einen Feldartillerie-Leutnant (Oberförster Ohl-Grebenhain), einen Fußartillerie-Leutnant (Dr. Scheibel-Schotten) und einen Hauptmann von der Berkehrstruppe (Reg.-Baumeister Baum); 4. beim Sanitätskorps einen Genwaloberarzt (Geh. Rat Prof. Dr. Gaffky), 4 Stabsärzte, 14 Oberärzte und 12 Assistenzärzte der Reserve, 2 Stabsärzte und 2 Oberärzte der Landwehr 1. Aufgebots und 2 Stabsärzte der Landwehr 2. Aufgebots, 3 Oberapotheker, einen Marine-Oberarzt (Dr. Keibel-Romrod) und 2 Marine-Oberasfistenzärzte.

Vermischtes.

* Anekdotisch es von Leo XIII. erzählt Hugues le Roux im PariserJournal": Als der Papst noch Kar­dinal Pecei hieß, wohnte er einmal einem Frühstück in einem römischen Patrizierhause bei, in welchem die Mit- glieter der weißen und der schwarzen Welt sich streifen, ohne sich mit einander zu vermischen. Zu den Gästen ge­hörte auch ein reichw Aristokrat, Graf L. . . Dieser Herr zog plötzlich eine prächtige Tabatiere aus der Tasche und zeigte sie seinen schönen Nachbarinnen. Die Damen kreisch- ren, als sie das schlüpfrige Bild auf dem Deckel der Dose sahen, laut auf. Alle Welt drängte sich nun heran, um

die Dose zu betrachten und von Hand zu Hand gehen zu lassen. W war eine Tabatiäre im Geschmack des 18. Jahrhunderts: auf dem Deckel ein üppiges nacktes Weib, das von Amoretten zu irgend welchen Todsünden verleitet wurde. Als die Dose in die Nähe des Kardinals Pecci gelangt war, gab Graf L. durch allerhand Zeichen und Gesten zu verstehen, daß er sie zurück haben wollte.Geben Sie die Dose her", sagte er halblaut, ,Has ist nichts für S. Eminenz." Natürlich sagte er das nur, um die Neugier des Kardinals zu erwecken und sich dann an dessen Ent­rüstung zu weiden. Der Kardinal hatte denn auch schon mit den Worten:Warum soll das nichts für mich sein?" die Dose in die Hand genommen und betrachtete das Frauenbildnis auf dem Deckel mit feinem Lächeln. Dann sagte er harmlos, ohne in seine Wortt auch nur eine Nuance von Ironie oder Bosheit zu legen:Hübsch, sehr hübsch . . . Wohl das Porträt der gnädigen Frau Gräfin?" Noch ein Wort des Papstes fei mitgetellt, ein Wort, das die Beziehungen des Vatikans zu der französischen Regierung sehr nett charakterisiert. Nisard, der französische Gesandte beim Vatikan, ist ein wenig taub und auch der Papst hört nicht mehr gut. Letzthin nun sagte Leo XIII. zu einem Diplomaten, der ihn nach dem Erfolge einer politischen Mission Nisards fragte: ,Lennen Sie die KomödieDie beiden Tauben"? Nisard und ich, wir führen sie auf. . . Er versteht nicht gut, was ich sage, und ich höre nicht, was er antwortet . . . Das erleichtert unser herzliches Ein­vernehmen außerordenllich!" Ein französischer Mvler hatte die Erlaubnis erhalten, den Papst abzumalen, eine Erlaubnis, die Leo XIII. regelmäßig gewährte. Das Bild siel sehr unähnlich aus. Als der Maler den Papst um eine Unterschrift bat, schrieb Leo XIII. die Worte aus der Auferstehungserzählung unter das Bild:Entsetzet Euch nicht! Ich bin es."

* Die Braut mit den neun Kindern. Die Köln. Volksztg." erzählt folgendes Geschichtchen: Erschien da dieser Tage in einer Gemeinde Niederbayerns ein Brautpaar auf dem Standesamte zum Aufgebot. Beide waren ledigen Standes, und doch trug das Familienstands­zeugnis den Vermerk:Dieselbe hat neun Kinder". Der Beamte, dem das sonderbar vorkam, fragte nach dem Namen dieser neun Geschöpfe, wogegen sich der Bräutigam mit dem energischen Ausruf verwahrte:'Was! nöt a mal eins hat se, 'vielweniger neun." Die Sache hatte sich so zugetragen: Der Bürgermeister der Braut hätte diese gefragt:Haben Sie Kinder?" und aufjdie Antwort:Nein" hin flugsNeun" geschrieben. Bevor das Aufgebot erfolgen könnte, mußten der Braut die neun Kindw wieder amtlich aberkannt werden.

* Aus derMünchener Jugend". Pariser Hoffnung.Also, Du hältst einen Krieg mit Deutschland nicht für aussichtslos?"Keineswegs, wir brauchen nur zu warten, bis die deutschen Soldaten sich vor lauter An­zeichen nicht mehr rühren können!" Bericht eines Gen d arm en . . . Ich forderte den Betreffenden auf, mir zu folgen, worauf mir derselbe erwiderte:Steigen Sie mir den Buckel nauf." Nachdem dies geschehen, schritt ich sofort zur Verhaftung. Kindermund.' Dem elftährigen Kurl ist ein Buch über Ludwig XIV. in die Hände gefallen, das nicht für Kinder geschrieben wurde. Er hat auch nur so viel davon verstanden, daß damals ein recht unordent­liches Leben an der Tagesordnung war. Kurze Zeit darauf werden Ballkleider für Idste Schwester im Hause gemacht. Karl kommt von der Schule und tritt in das mit allerlei Stoffen bunt angefüllte Zimmer.Na", ruft er entrüstet, was ist denn das hier für eine Maitressenwirtschaft!"

(Hessen) zrv. Darmstadt u. Heidelbg. Hotel z. Krone. Pens. ^lUUvllUj v. ML. 3.50 ab. Prospekt». Führer gratis. G. Diefenbach.

Aus Ileichenyall und Aerchtesgade«.

(Nachdruck verboten.)

Auf der Gebirgsbahn. Die Sage von Berchtesgaden. Teures Pflaster. Gebirgstrachteu. Der KomödiewBazillus. l^ristliche^und heidnische Bergfeuer.

In Berlin quält man sich nrit kostspieligen Versuchen, elektrische Eilzüge zu schaffen, die 150 Kilometer in der Stunt)e durchrasen; hier unten im letzten Zipfel des deutschen Reiches will man nichts nrit solchem Teuselswerk M tun haben; die gemütliche Klingelbahn, die von Reichen- hall nach Berchtesgaden führt, nimmt sich Zeit, wie der Eießener Omnibus. Das Mebertalbähnchen ist der reine Lxpreßzug dagegen. Aber das ist ein wahres Glück; denn bte köstlichen Bergtäler, die sich bei jeder neuen Schienen­biegung dem entzückten Auge daobieten, würden keinen Eindruck machen, wenn sie im Fluge an uns vorüberzögen. freilich, wenn die Wolken um die Gipfel schweben und mit ihren grauen Schleiern über die Wälder hinkriechen, oackt einem die Verzweiflung mrd man hätte nicht übel 3uft, auszusteigen und ein bischen schieben zu Helfern Wer endlich ist auch die letzte Station überwunden rmd der terrassenartig an einer Berglehne aufgebäute Mürkt- iletfen liegt vor Die berühmten Watzmannhörner darüber sieht man zwar an so regengrauen Tagen nicht; Un so freudiger ist man dafür nachher überrascht, wenn die Sonne ein Einsehen hat und das Wolkengelichter ver­reibt. Da ragen die schneebedeckten Zinken leuchtend auf unb geben dem köstlichen Bilde, das sich uns vom Sovlweg aas darbietet, erst den richtigen, stimrnungsvollen Abschluß, töditcsgaben kann in diesem Jechre ein FubKäum feiern, tif sind just 100 Jahre her, daß es Bayern einverleibt iturbe. Bis dahin hatte es unter dein Knrmmstabe eines lfürfteten Propstes gestanden; doch die 100 Jahre haben jidjt hingcrcicht, das Land allzusehr zu verweltlichen, wie nich die letzten Reichstagswahlen wieder gezeigt haben.

Schwarz ist in diesem Zipfelchen Bayerns Drumpf ge- Mieten.

Der sommerliche Fremdenverkehr hat jedoch die Auf­hellung der Köpfe hier unten nach anderer Seite recht lebhaft beeinflußt. Verdienen wird hier groß geschrieben, beinah schon so groß wie in Reichenhall. Seit unsere Kaiserin vor vier Jahren in Berchtesgaden dasGrand Stotel" bewohnt hat, sind die Preise recht hübsch in die Höhe gegmlgen, sodaß mmr im Bayerlande! hier sogar 20 bis 25 Pfennig für ein schlecht gefülltes halbes Liter Mer bezahlen muß. Die 30000 Mark Miete, die der Wirt des Grand Hotel damals eingesackt hat, sind eben ein mächtiger Ansporn jur manchen lieben Nachbarn gewesen. Aber das ist hrer wie auch anderswo, und wenn man für sein Geld wenigstens altes gut erhält, kann man zufrieden sein. Freilich haperts daran hier und dort, auch in Reichenhall. In die Apothekenersten Ranges", wo man für sein trockenes Couvert 34 Mark bezahlen muß, habe ich mich allerdings nicht hineingewagt; denn so üppige Torheiten gestattet mir der nichtswürdige Regu­lator meines Reiselebens, der Geldsack nicht.

Von den Gebirgstrachten, die wir auf unfern winter­lichen Alpenfesten in den Großstädten so zahlreich und mannigfaltig erblicken und die natürlich alleecht" sind, (Bezugsquelle: Maskenverlechinstitut von Müller oder Schulze in der nächsten Straße!) ist in Berchtesgaden wie Reichenhall nur noch wenig zu erblicken. Städtische Kleid­ung hat überall den roten, geblümten Rock und das schmucke Sammetmieder verdrängt. Wohl hat jedes Mädel im Schranke daheim noch sein Bauernkostüm; aber es trägt's nur bei besonderen Veranlassungen, und werm man von denen, die einem iun jetzige Zeit darin begegnen, zur Probe irgend eine Auskunft verlangt, so bekommt man sie meist im Berliner Dialekt. Die Salontyrolerei steht in üppigster Blüte. Weiter hinein natürlich, wo nur Maler und vereinzelte Touristen hingelangen, ist noch manches

liebe unverfälschte Nest zu finden, und manche wirklich waschechte^^ Alpnerin. Hand in Hand mit der falschen Scharn über die alle Tracht hat die ungesunde Sucht,' es den Schlierseeern und Oberammergaunern und wie sie alle heißen, gleich zu tun, ihren Mnzug gehalten. Bauern­theater und kein Ende. Natürlich nicht zum eigenen Ver­gnügen, sondern für Geld vor den Fremden. Und natür­lich werden unter diesen die Dummen zunächst noch lange nicht alle. Das Geschäft geht, und Jünglinge, die alles andere öher jüib, als Bauernbuben, Mädel, die längst verlernt haben, dem Freinden ihr treuherzigesGrüß Gott" zu bieten, spreizen sich auf den Brettern rurd geben Bauernkomödien und ernten Beifall. Dieselbe afiektterte Großstadt dann, die im Winter gähnend in ihrer Loge ge­sessen hat, klatscht hier entzückt in die Hände, wenn ein Frijeurgehilse oder Gastwirtssohn in Kniehosen und Berg­schuhen auf den Brettern umherspringt, plump und un­geschlacht, oder geziert jedenfalls ohne die geringste Ahnung von dem, was edel und natürlich ist. Was die wirklichen Bauernbuben in und um Reichenhall noch be­sorgen, sind die Bergfeuer in der Johannisnacht und'mehr noch zu St. Peter und Paul. In den letzten Jahren ist nämlich eine merkliche Verschiebung dieser prächtigen Ver­anstaltungen eingetreten. Die Peter- und Paulfeuer sind zahlreicher geworden, die Johannisfeuer haben älbgenom­men. Natürlich ist es der Klerus, der hier hinter den Kulissen arbellet. Johannis liegt gar zu nahe am Sonnen­wend tag. Das gibt unselige heidnische Anklänge. Also fort mit den Johannisfeuern und laßt sie für Peter und Paul lodern. Am Peter und Paultage in diesem Jahre brannten um Reichenhall herum denn auch etwa 20 Berg­feuer, dreimal soviel als am Johannistage. Auf dem Hochstausen brannten allein sieben, die den Berg wie mit einem Dradem krönten. Es war ein entzückendes Bild. s)hir heller wird es von diesen Feuern kaum in den ober- bayerischen Köpfen! A. R.