Ausgabe 
17.12.1903 Drittes Blatt
 
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zeitlichen landwirtschaftlichen" KuAurveränderungen in den Grundbüchern und Steilerkatastern w'rd nachdem Aus schuß an trag erledigt, di' Vorstellung der Vfandmeister um Bewilligung eines fixen Gehaltes und Zuführung der Beitreibungsgebühren zur Staatslasse wird abgelehnt.

Ter vom Mg. Tr Heidenrei ch u d dem Gemeinde Vorstand zu Vöckelsbach ein-ereichte Antrag auf Errichtung einer Haltestelle an der Nebenbahn MörlenbachWahlen wird nach dem Ausschußantrag abgelehnt, ebenso die Vor ftellung des Earl Töring in ?ranifurt wegen ^ensionö- entziehung. Nachdem noch d'e Vorstellung des G'meinde Vorstands^ zu Bürgel auf Beseitigung des .H>-chwasser< schlauch es zwischen Vürgel und Ssfenbach ans Ulrichs Antrag von der Tages rdnung obgesetzt ist, j. 'ießt Vize Präsident Reinhart die Sitzung mit dem Wunsch aus fröhliche Festtage. Nächste Stt-uug unbestimmt.

Keer und ).orte.

Zu den angeblichen Greueltaten der Hessen txxx letzten Kriege, über die General v. Kretschmann in den von seiner Tochter, der Sozialdemokratin Lilch Braun, herausgegebenen Feldzugsbriefen berichtet, schreibt jetzt der preußische Forstmeister Leisterer derTägl. Ndsch.":Da über den Vorwurf der Plünderung durch hessische Truppen in Sens am 13. November 1870, den angeblich General v. Kretschmann oder Lilly Braun erhebt, amtlich noch kein Widerspruch erfolgt ist, teile ich mit, daß die 3. Kompagnie des 9. Iägerbataillons, m dem ich Leutnant war, mit einer Schwadron Ulanen und Dragoner sowie zwei Kanonen auf dem Vormarsch des 9. Korps von Metz nach Fontainebleau an diesem Tage meines Wissens als vorderste Avant­garde, also als erste deutsche Truppe dort war. D i e Plünderung i st erlogen. Requiriert habe ich Hand­schuhe für die Jäger und nach Waffen Haussuchung gehalten, da Franktireurs dort sein sollten." Ein neuer Beweis, wie pietätlos es von der Tochter war, die privaten Aufzeichnungen ihres Vaters zu veröffentlichen.________________________________

Ms Htilöl imi) £nnh.

Gießen, 17. Dezember 1903.

** Verzollung von Postsendungen. Das Großh. Hauptsteueramt wird, wie man uns mitteilt, auch am ersten Weihnachtsfeiertag zwischen 10 und 12 Uhr die Verrollung von Postsendungen vornehmen.

** ließet d i e kurische Nehrung und ihre Dünen svrach dieser Tage in der Gesellschaft für Erd- uno Völkerkunde Prof. Dr. W. Sievers; Strandseen, welche durch breite Pforten mit der See in Verbindung stehen, heißen Haffe. Ihr Boden ist fast eben, ihre Tiefe beträgt 5 bis 7 Meter. Nehrungen find Dünenketten, welche Strandseen vom Mee.e trennen. Tie Nehrung ist eine Ablagerung des Windes. Die Kurische Nehrung besteht eigentlich aus zwei Nehrungen mit der Grenze bei Nossitten, und Verschmälerung an beiden Wur­zeln, Verbreiterung am Zusammentreffen. Tie Kurische Nehrung ist ein Produkt der Abrasion des Meeresgrundes. Diese liefert den Sand. Ter Wind führt den Sand land­einwärts. Tie Kurische Nehrung ist 96 Km. lang und Vs bis 31/2 Kur. breit. Wo Sand zugeweht wird, häuft er sich zu einer Düne an. Wo der Wind abflaut, fällt der Sand nieder. Irgend welche Hindernisse sind dem Niederfallen förderlich, sie sind aber nickt notwendig. Der Wind rollt Die gröbsten Körner einher, kleinere hebt er empor, um sie wieder fallen zu lassen. Tie leichten, staubarli^en, in der Luft schwebend gehaltenen Teile werden viele 100 Km. weit weg-geführt. Tie beiden ersteren Arten bilden die Dünen. Tie Windseite heißt Luvseite, die entgegengesetzte Leeseite. Es entsteht eine Böschung, an der die Körner im Windschutz niedersallen. T'vclenheit begünstigt die Dünen- bildung, Regen verringert sie. Tie V 0 rd ü n e folgt dem Strand auf der ganzen Länge. Hier ist die Luvseite steiler, wenn sie v n Stürmm unte.keh t .der von.Ho fl Leu unter­waschen wird. Sie ist ein einfacher Rücken. Ist der Strand breit, so können sich mehrere Vordünen bilden, von denen die dem Meere nächste die jüngste ist. Der Wind zerstört die oberen Teile der Vordüne wieder und zerschneidet sie in Taselstücke. Die härteren Sandschichten bleiben stehen, es entstehen Windrisse oder Windkehlen. Tie Platte ist oft künstlich ausgefirstet, und die Wanderbahn der Düne, über

die sie im Wirbel sortschritt, gräbt die Windmulde tiefer, jo kommt sie dem Grundwasserspiegel nahe, ließ 'r diesem liegt feuch'er Saud. Diesen vermag der Wind nicht weg- zusühren. Liegt nun eine solche Mndmulde am Fuße einer Düne, so fließt das Grundtoasser unterirdisch von der Düne weg und macht den nassen Sand zum Triebsand. Dieser ist gleich einer Flüssigkeit und folgt den hvdrostatischen Gesetzen. Steigt der Grundwasserspiegel noch weiter, so entstehen Tünenseen. Aus der Kurischen Nehrung ist Trieb sand in einem Streifen von 8 bis 25 Meter Breite am stuß der hoben Düne zu finden. Die .H a u p t d ü n e. Am Beginn der hoben Töne liegen kleine 1 bis 3 Meter hohe Dünenketten, sogenannte untere Stusendünen, die leicht zu Kupsten ausgeblasen werden. Ihnen folgen ,die oberen Stufendünen, aus Flugsand bestehende Randwälle. Sie bi den sich d "ch Lustlvi bet, rauchende Dünen. Ihnen folgt die Hobe Wanderdüne, schneeweiß, blendend, meilenlang, ein riesiger Grabhügel über Ortschaften, Häu­sern, Baumstümpfen i>r.b menschlichen G deinen. Wo viel Sand ist, scheidet e'n scharfer stfi'ad die Lnv- und Lee- ;eite, an andern Stellen ist der Rücken breiter und durch Windmi lden zerschni'ten. Die höchste Wanderdüne ist der Petschberg bei Pillkapven, C2 5 Meter. Der südliche daraus folgende 'Wan. 'erbiinc hat 60 Meter, der Ango-Kalns ßet Nidden 57 bis 58 Meter Aus Sylt sind die Dunen 48 Meier, auf Heia 25, in den Niederlanden 35, in den Landes 45 bis 50, in der Sahara bis zu 300 Meter hoch. Tie Luvseite bat eine Neigung von bis 14 Grad, die Leeseite 28 bis 33 Grad, gelegentlich bis zu 41 Grad (Stur' düneV Hier ist der Sand ett^s feucht und befestigt. Tie Lee­seite wird da, wo die Düire sich cv^m Hind' u's näu rt, z. B. einem Waldsaum, durch eine Kante durchbrochen, die eine Windmulde bildet T ü n e n z i r ku s ist e'ne Ver­tiefung in der Düne. E i n z eldünen sind Reste zer­störter Tünenketten, en!stehen aber auch bei häufigem Wechsel des Windes selbstän! ig. Ueberwiegt aber eine Wind ­richtung, so wandert die Tüne an ihren niedrigen Sielten schneller als an den hohen und schiebt ih"e Seiten flügel- artig vor. Es bilden sich dann an der Leeseite kraterartige Vertiefungen wie der Runde Derg bei Nossitten und der Schwarze Berg daselbst, ZiriuS o-men, also kouvere Cinzel- dünen oder Siegeldünen, Barchane Aufpressungen. Tnrch den T"uck der Stu"zdüne wird weicher Boden hervor- gepreßt, z. B. Torf und der weiche, tonige Mergel am Boden des Hasfs bis zu 3 oder 5 Meter (Drummsack), Meertorf, Meermarsch, T rf.norre und versunkene Wälder. Verschwindet die Tüne, so bleibt ein Haufen Sand zurück. Für die Ausforstung sind folgende Methoden zu unter- jcheiden: Stehende Bo d e n b e d e cku n g, Z u Pf hle von Fichtenh lz, Tielen'äune, lotrecht gesteü'te Er.eupfähle oder Sturmzäune, Rohr, Binsen, oder Strohzäune und Flechtzäune. Tann aber bi rchlässige Wände, Strauche,äune und Fangzäune. Alle diese sind meist 1 Vs bis 3 Meter hoch. Jetzt ist das Besteck üblich, es ist billiger, niedriger, nur 0,3 Meter hoch, aus Reisern, z. B. auch aus Heidekraut. Liegende Do d e n be d e cku n g wird durch Kiefern­gesträuch, Seetang und Häcksel, Heidekraut hergestellt, ist häufig nur handboch und mit Sand beschwert, bildet lange, regelmäßige Wälle. Lebende Bodenbedeckung: Weiden, Sandgras (Amenophila arenaria, A. baltiea und Elymus arenariusf, auch Sandgrassaat. Tiefe werden in runden oder auch flachen Büscheln gepfianzt oder auch in langen Reihen oder in Form von Netzen und Rosten, immer von September bis Mai. Außerdem werden besonders Vor- dünen gebaut, um den Sand von vornherein festzuhalten, alles immer auf der Leeseite .Häufig ist auch die Ver­bindung verschiedener dieser Methoden. Zur Erläuterung der Aufforstung zeigte Herr Prof. Sievers eine Anzahl von Bildern der in Bewaldung befindlichen Wanderdünen der Kurischen Nehrung, gab dann noch eine Reihe von Ansichten der Ortschaften, Häuser und Bewohner und schloß mit der Vorführung dreier Bilder aus der Rominter Heide in Littauen, nämlich von Iagdbude, von dem Jagdschloß und der norwegischen Hubertuskapelle des Kaisers.

* Erste Gießener Weihnachts-Sparkasse. Den Mitgliedern wird am Samstag abend in der Wirtschaft Graef an der Ebelstraße ihre Einlagen, welche sie das Jahr über für den Weihnachtsbedars gemacht haben, ausgezahlt. Während im Vorjahre 1800 Mk. zur Auszahlung gelangten, werden in diesem Jahre 2850 Mk. ausgezahlt. Die Mitglieder der Kasse sind meistens kleine Beamte und Arbeiter, welche in geringen Wochenbeiträgen das Jahr hindurch ein Sümmchen

zurücklegen, mit dem sie zum Ehrisife^r ihren Angehörigen eine Freude machen.

** Besitzweckise l. Heinrich Einhäuser hat sein An^ wesen Liebigstraße 70 an Friedrich Urban für 29300 Mk verkauft.

Größere Anzeigen für die nächste Aamstaq-Kusgiöe bitten wir spätestens am Freitag vormittag in unserer Geschäftsstelle abzugeben. Später eingehenden Aufträgen können wir bei dem großen Anzeigenandrang für die Samstag- Ausgabe nicht die Sorgfalt in der technischen Ausführung zuwenden, welche für die Wirkung der Anzeigen unbedingt erforderlich ist.

Verlag des Gießener Anzeiger.

§ Gedern. 17. Dez. Die hiesige israelitische Ge­meinde, welche finanziell gut gestellt ist, läßt gegenwärtig einen wertvollen Thoraschrank anfertigen und künstlerisch ausschmücken. Rael) der Fertigstellung findet eine entsprechende Einweihung statt. Das .Holzgestell arbeiten zwei hiesige Schreiner, während zwei Italiener die Mosaikböden ange- fertiat haben. Tie Bildhauerarbeiten stellen zwei Meister aus Schotten her. Der Schrank ist für 13 Thorarollen bestimmt.

Hainbach, 16. Dezbr. Hier wurde jüngst ein Gesangverein durch den hiesigen Lehrer gegründet. Da­mit wurde einem lange gehegten Wunsche der Gemeinde Er­füllung verschafft. Auch in der Nachbaraemeinde Elpenrod ist der eine Reihe von Jahren stillgewesene Gesangverein neu erstanden.

§ Aus dem Vogelsberg, 16. Dez Der Abschlag der Fleischpreise in Frankfurt a. M. hat einen Rück­gang der seitherigen Preise für fette Schweine im Ge­folge gehabt, der den Hausschlachtungen von Nichtzüchtern sehr zu statten kommt. Der seitherige Preis betrug für fette Schweine 38 bis 39 Pfg. für das Pfund Lebendgewicht, jetzt ist dieser Preis auf 36 Pfg. herabaegangen. Das macht für das Durchschnittsgewicht von 100 Kg. einen Preisunterschied von 8 Mk. pro Schwein aus. Von einem entsprechenden Abschlagen der Wurst- und Fleischpreise hört man dagegen bei uns auf dem Lande leider nichts, es wird aber sehnlichst erwartet.

lüü. rn'li r llrbrriirtit örr o'otirsfallr in örr r»tnbt

49. Woche. Vom 29. November bis 5. Dezember 1903. Einwohnerzahl: angenommen zu 26 900 link!. 1600 Mann Militär.) Sterblichkeitsziffer: 19,32,

nach Abzug von 6 Ortsfremden: 7,73 7 n.

Kinder

Es starben an: Zusammen:

Erwachsene:

im

vom

1. Lebensiahr:

2.15. Jahr

Tuberkulose der

Lungen

1(1)

1 (1)

Schiagfluß

1

1

-

(fleßiruleibcn

1

1

Lungenentzündung

2

1

1(1)

Lungenermetterung

1 (1)

1(1)

Darmverschlingung

KD

KD

-

Lebensschmäche

1

1

Selbslnwrd

KD

1 (1)

-

Bruchleiden

1 (1)

1 (1)

Summa:

10 (5)

8 (5)

2(1)

Anm.: Die in Klammern gesetzren Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankhert auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen.

" Schiffsnachrichten.

Bremen, 12. T ez. (Per lrunsaltanlöchen Telegraph.) Der Dovvelfchranben-PostdampferChemnitz", Ka.mtän I. Iantzen, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 2 Uhr nach- mitkags wohlbehalten in Newyork angekommen.

Kie Kamüientafcl

am Weihnachtsfeiertag wird zu einer besonders festlichen und genußreichen, wenn man sie durch eine ober mehrere Flaschen Kupferberg Gold verschönt. Deshalb ist Kupferberg Gold das sinnreichste und praktischste Weihnachts g eschen k.

Tode seine Biographin. In Straßburg begegnete er dann Goethe und ward ihm der eindruckvollste, tiefgründige Führer zu seiner erhabenen Künstlerschaft. Straßburg ward damals der Geburtsort der neuen deutschen Lyrik: Goethe war der Vater, Herder der Pate.

In Bückeburg ward Herder dann Hofprediger und Kon- sistorialrat, und in jene Zeit fallen mehrfache Berufungen. In Gießen wurde er als Superintendent und Dozent begehrt, in Göckingen als ß rofessvr und Un versitätsprediger; in Halberstadt, Eutin 2c. 2c. in anderen Stellungen. Wohin er aber auch blickte, allenthalben sah er sichdurch Be­fürchtungen umlagert". Als er dann schließlich auf Goethes Veranlassung am Hose des genialen Karl August zu Weimar unter die edelsten Geister Deutschlands a ufge- nommen wurde, da gelang es ihm auch nicht recht, dort heimisch zu werden.Sind nidjt", so schrieb er einmal an einen Freund,alle Revolutionen in meinem Leben schnelle Fortstöße gewesen, wo ich nie an den Ort ge­kommen bin, wo ich wollte?" Trotz höchster Ehren und Auszeichnungen ist er,unendlich einsam", verfallen mit aller Welt, am 18. Dezember 1803 in Weimar gestorben in feinemwindigten Palatium hinter der Kirche".

Im besten Sinne aber hat er das Wort wahr gemacht, das diesen Gedenkartikel einleitet. In der ersten, in unserer Großväter Studienzeit von He^ne und den Brüdern Müller besorgten Ausgabe seiner gesammelten Werke*) finde ich im 3. Teile der bändereichen AbteilungZur schönen Lite­ratur -in Gedicht unter der Aufschr'ftDer Nachruhm".

Nicht allen gönnte die Natur Das allgepriesene Glück, Zu bilden auf des Schöpfers Spur Ein ew'ges Meisterstück, Das, ein vollkommenes seiner Art, Ter Nachwelt stetes Muster ward.

) Zum 100. Todestage legte Professor Tr. Theodor Matthias eine für uns Heutige praktischere Aus vahl seiner Werke an seinem Grabe nieder. (5 Bde. Bibliographisches Institut in Leip'ig). Ein schönes .Herderp-rträt stell e zum heutigen Tage der Photograph K. Sck'wier in Weimar her, das in Quart'sormat 2 Mk. kostet und bei Herrn. Böhlau Nachf. in Weimar erschien eine kleine Herder-Bro­schüre von Pastor Adalbert Wiegand.

Wahrlich,nicht allen", nicht einmal ihm selber ist dieses allgepriesene Glück" zuteil geworden. Als Dichter war er selten ganz originell, und als Philosoph war er Eklektiker, wenn er auch das Fremde mit eigenem Geiste an- und aus- saßte und verarbeitete. Aber allzeit dünkte es ihn, im Gegensatz zu den meisten unserer heutigen Poeten und Künstler, menschlich schöner, hinter seinem eigenen Wirken als Person völlig zu verschwinden. Er strebt danach mit begeisterten Stolze, Verdienste zu erringen, um des Besten seiner Mitmenschen willen, selber aber wollte er unsichtbar bleiben. Eine andere Strophe des Gedichts lautet:

Wenn dann auch in der Zeiten Bau Mich bald ihr Schutt begräbt. Und meine Kraft auf Gottes Au In andern Blumen lebt, Und mein Gedanke mit zum Geist Vollendender Gedanken fleußt.

Eine solche Art desNachruhms" ist ihm in reichstem Maße zuteil geworden. Mit grö'ter Pietät wird Herders Name noch heute genannt, tote wenige aber lesen seine an Gedanken und Anregungen mannigfachster Art überreichen Schriften! Und doch, wie unendlich vieles, was Heroer zum erstenmale gedacht und ausgesprochen hat, ist heute Allgemeingut der deutschen Bildung, ist uns Heutigen etwas tiefwurzlich Feststehendes, ohne daß weitaus die meisten von uns wissen, daß wir es Herder zu verdanken haßen. Tie ßahnßrechende und vorkämpfende Geistesart und Geistesarbeit dieses genialen Ostpreußen trug viele der dauerhaftesten Bausteine herbei zum gewaltigen Dom unseres heutigen Kulturwissens. In seinen Werken quillt eine Fülle von Lebensweisheit, die in uns hinübergeflossen ist, ohne daß wir den Vater Herder dahinter vermuten. In s.inen g schich'sp^'l s p'ifchen und asth'tifchen, s/rach- wissenschastlichen und theologischen Schriften gab uns Herder den Schlüssel, der uns die Eigenart von Völkern und Individualitäten, von Sprache und Dichtung, von Religion und Sitte in fast aller Herren Länder erschloß. Seine Briefe zur Beförderung der Humanität und seine Ideen zur Geschichte der Menschheit zeigten ein sicheres Menschheits-Ideal, schufen den Untergrund zu der deutschen klassischen Dichtung um die Wende des 18. und 19. Jahr- lntnderts, gaben uns eine gewijfe liberale Hauptübeizeugung

und eine unerschütterliche Erkenntnis von den menschlichen Pflichten. Das Geheimste und Edelste seines Innern in einem bleibenden, weit nachwirkenden Kunstwerke zusammenzu­fassen, war ihm nicht vergönnt, dafür aber umfaßte sein überragender Genius das fiemdartigste und alles, was er bearbeitet hat und das ist erstaunlich Viel zeugt von gründlichem Sonderstudium. Jean Paul sagte von ihm, daß hellenische Lebensfrische mit indischer Lebens- Würde in ihm vereint waren, und übersah dabei noch das tief Christliche, das Herder in sich trug. Ein Freund alle­gorischer Darstellung, gehören seine Legenden und Alle­gorien noch heute in ihrer Art zu dem Höckstteu deutscher Poesie. Dos schone Fremde vor allem in der Volksdichtung zog er hervor, wo er es fand. Er übersetzte eine große Anzahl römischer, hebräischer und morgenländischer Dicht­ungen. Er vermittelte uns in seinemCid" eine ganze Epoche spanischer Poesie und Denkart, in seinen berühmten Stimmen der Völker" eine heute noch unvergleichliche Liedersammlung aus dem Herzen der Völker der Welt. Und daß er auch als Pädagoge ein Pfadfinder und Meister war, lehrt uns aufs neue dia unlängst erschienene schöne MonographieLuise Großherzogin von Sachsen- Weimar und ihre Beziehungen zu den Zeit­genossen" (von Eleonore von Bojanowski)*) Dieser hohen Frau von reichem Gemüt und reichem Wissen, einer Darmstädter Prinzessin, hat Herder als Seel­sorger, Freund und Ratgeber in der Erziehung ihrer Kinder lange sehr nahe gestanden, und er hat viel Gutes von ihr erfahren. Erst seine Stellung zur französischen Revolution, die er als eine Befreiungstat menschlicher Vernunft feierte, lockerte das schöne Verhältnis zu seiner Fürsttn.

Noch heute sollte uns Herder ein Vorbild sein in seinem großen Wissensdrang, seinem unzerstörbaren Optimismus, seinem Glauben an die Vollendung der Menschheit, in seiner edlen Humanität. Und möge in den Herzen recht vieler unserer Zeitgenossen Einkehr halten seines Wahlspruchs weise Folge:

Licht Liebe Leben!

*) Verlag von I G. Cotta Nachf. in Stuttgart.