Ausgabe 
17.11.1903 Erstes Blatt
 
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R B. Darmstadt, 16. Nov.

Ein Schatten tiefer Trauer hat sich wenige Wochen nach den glänzenden Festtagen an unferm Fürstenhofe über das Hessenland gesenkt. In den jüngst jo belebten Feststraßen, in denen die Fahnen und Guirlanden den vielen fürstlichen Gästen ein freudiges Willkommen zugewinkt hatten, weht heute das rot-weiße Banner halbmast als Zeichen bittern Herzeleids. Man traute seinen Ohren nicht, was da in früher Mittagsstunde wie ein Lauffeuer von Mund zu Munde ging: Prin- zefsin Elisabeth ist heute Vormittag um einhalbzehn Uhr sanft entschlafen. Das frische, blühende Fürstenkind, yun{er liebes Lieschen," wie man sie von Jung und Alt mit Stolz nennen Härte, plötzlich gestorben ach nein! unmöglich! so tonnte man überall Aus­rufe der Bestürzung und des Schreckens vernehmen. Doch ach, das von so Vielen für unfaßbar Gehaltene war Tatsache, bald kündeten die Extrablätter der Zeitungen es schwarz auf weiß. Wie hatten sich doch noch vor wenigen Tagen so freudig die Blicke aller Bewohner auf das liebliche Prinzeßchen gelenkt, wenn es an der Seite seiner hohen Verwandten durch die Straßen spazierte oder auf dem kleinen braunen Pony daherritt, nach allen Seiten mit echt kindlicher Herzlich­keit die ihm freudig gespendeten Grüße erwidernd. Wie beglückt sah man beide, den Großherzog und sein Töchterchen, in herzlicher Liebkosung auf den Photo­graphien in den Kunsthandlungen dargestellt, das fein- geschnittene Gesic^tche> vor Wonne strahlend in der zarten Obhut väterlicher Liebe. Und nun, nachdem es erst vor acht Tagen von Wolfsgarten in vollster Gesundheit und Jugendfreude mit dem Vater und den russischen Verwandten die Heimat verlassen, liegt es kalt und starr auf der stillen Bahre hingestreckt, wird es von dem zu Tode betrübten Vater als Leiche wieder zurückgeführt. Ein grausiges Schicksal fürwahr! Wie groß die Bestürzung und Trauer ist, die hier die weitesten Kreise ergriffen hat, das zeigt sich an den zahlreichen umflorten oder palmenumrankten Bildern der Dahingeschiedenen in den Schauläden, die von dichten Menschengruppen umdrängt sind. Mögen die Tränen aufrichtigen Belleids, die hier fließen, und die innige Teilnahme, die sich allenthalben im Lande und weit darüber hinaus an dem tieftragischen Ge­schick kundgibt, dem schwergeprüften Fürsten reichen Trost in seinem.bittern Schmerze bieten!

Als die erste Meldung von der plötzlichen Kata­strophe hier eintraf, glaubte man vielfach, daß irgend ein furchtbares Unglück, z. B. bei einer Automobil- oder Wagenfahrt, dem jungen Leben so jah ein Ende ge­setzt habe. Aber bald wurde vom Hofmarschallamt eint zwelle, schon vorher eingegangene Depesche be­kannt gegeben, die da lautete:Prinzessin Elisabeth ist gestern schwer erkrankt, der Zustand ist emst, die Prognose sehr zweifelhaft." Schon diese Meldung lieh erkennen, daß eine heimtückische Krankheck die Todesursache bildete und ein nach langem Harren heute Abend eingegangenes Telegramm beftatigt diese Annahme!

Der Tod der Prinzessin ist, wie darin versichert wird, inFolge von Brechdurchfall (Cholera nostras) in Verbindung mit Herz­schwäche nach 24 stündiger Krankheit ein getreten.

Die Trauerfeierlichkeiten werden, soweck bis jetzt bestimmt werden konnte, am Donnerstag oder Freitag in stiller, andächtiger Weise sich voll­ziehen. Der Zar hat heute nachmcktag die telegraph­ische Meldung hierher gelangen laßen:Wir kommen alle mit dem Großherzog nach Darmstadt." Die Ankunft hier soll am Mittwoch erfolgen. Auch Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, sowie ein anderer Hohenzollemprinz als Ver­treter des Kaisers und zahlreiche andere Fürstlichkeiten werden der verewigten Prmzesstn das letzte Geleite geben. Für den Trauerkondukt ist, wie wir hören, entjprechend der zarten Jugend

der Dahingeschiedenen die weiße Farbe bestimmt worden, also weiße Leichenwagen, weiß behängte Pferde mit Silberbeschlag rc.

Eine eigene Fügung des Himmels hat es ge- gewollt, daß das letzte Lied, welches Prinzessin Elisabeth beim Unterricht auf Schloß Wolfsgarten zu lernen hatte, vom Herbst handelte und vom Abschied der Vöglein und der Blumen, wobei es zum Schlüsse heißt: Äde, Ade, Ade! Nun hat auch die liebliche zarte Menschenblume, das süße, herzige, einzige Vöglein unseres großherzoglichen Hauses von uns Abschied genommen und uns allen ein leises, letztesAdel" zugerufen. Wir aber wollen hoffen, daß der furcht­bare Herbstesslurm, der dieses Blümlein Wunderhold mit rauer Faust dahingerafft hat, nun an unserem Fürstenhause gnädig vorübergehen und mildem, gol­denem Sonnenschein das Feld räumen werde!

Wie in der Landeshauptstadt, so hat aller Orten im ganzen Lande die Trauerbotschaft allgemeine Be­stürzung und innigstes Mitgefühl hervorgerufen. Auch hier in Gießen erschienen alsbald an den öffentlichen Gebäuden die äußeren Zeichen der Trauer, Fahnen im Halbmast. Oberbürgermeister Mecum sandte so­fort im Namen der städtischen Bürgerschaft ein Bei- leidstelegramm nach Skiernewice.

DerVorstand derAlicenschule schreibt uns: Tieferschüttert durch die Trauerkunde, welche unser ganzes Land durcheilt unO jedes fühlende Herz erregt und bewegt, glauben wir uns im Einverständnis mit Allen, die sich unserem Fürstenhause verbunden fühlen, wenn wir den für die nächsten Tage vorgesehenen Bazar nochmals verschieben. Gerade in der Zeit, in welcher unser schwer geprüfter Fürst an der Totenbahre seines einzigen, heiß geliebten Kindes trauert, halten wir es für unmöglich, eine Veranstaltung, wie die geplante, aufrecht zu erhalten."

UnS fällt ein Wort Friedrich Hebbels, des Dichters derMaria Magdalena", ein, das er in seinen Tagebüchern niederschrieb, als er die Kunde von dem Tode seines Kindes erhielt. Es heißt, aus dem Gedächtnis zitiert, etwa folgendermaßen:

Das ist im Leben das Entsetzliche, daß einem die Quelle höchsten Glückes zur Quelle bitterster Qual werden kamt!

* *

Wir gaben gestern nachmittag nachfolgende tele­graphische Meldung als Extrablatt in der Stadt heraus:

R. B. D a rm st adt, 16. Nov. (4*/, Uhr nachm.) Die Reichspost, die Mmtsterien und die übrigen öffentlichen Gebäude haben Halbmast geflaggt. Der früheren Großherzogin von Hessen ist. heute früh die plötzliche schwere Erkrankung der Prinzessin gemeldet worden. Sie sandte sofort eine Depesche an den Großherzog, daß sie an dasKrankenlager ihresKindes eilen wolle. Kurz darauf traf eine zweite Depesche ein, daß die Prin- zessin bereits gestorben sei, sodaß sich die Reise erübrige. Man spricht davon, daß heute abend eine Hoftrauer von 4 Wochen festgesetzt werde.

Ferner gingen folgende Sonder-Telegramme auf unserer Redaktion ein:

Darmstadt, 16. Nov. (6 Uhr 1 Min. nachm.) Die Rückkehr S. K. H. des Großherzogs erfolgt am Mittwoch in Begleitung des Zarenpaares. Die Bestimmungen über die Trauerseier harren der Genehmigung des Großherzogs.

sd. Darmstadt, 17. Nov. 9 Uhr vormittags. Die Leiche wird im russischen Hof­zuge, mit welchem auch der Großherzog, das Zarenpaar,Großfürst und'Großfürstin Sergius sowie das ganze russische G e - folge mithierherkommen, amDoners- t a g mittag hier eintreffen. Die Abreise in Skierniwice erfolgt am Mittwoch. Gestern abend ist Oberzeremonienm eisterFreiherr v. Riedesel auf Aller­höchsten Befehl nach Skierniwice abgereist.

sd. Darmstadt, 17. Nov. Degen des Ablebens Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Elisabeth ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer von heute bis einschließlich 27. Dez. lsd.. angeordnet

Nr. 270

Brlfteknt täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Keffischen Landwirt die Gießener Kamillen. Hättet viermal in der Woche beigelegt.

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außiodäfi 80 Pl^ «verdat »ortt.ch den vultl an6 allgem, Teil P Witiko tür .Stadl und ttanh* unb -Gerichtssaat* August Gütz, tüi den An- jetqentetl Han - Beck.

Erstes Blatt. 153. Jahrgang Dienstag 17. November 1803

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V (s? VI v jährlich ML. 2.20. durch

Eichener Anzeiger

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Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Ftrnipi'chanlchlutzNr.51. __________________ 6/ AK * __

worden. Die Damen erscheinen in schwarzen und seidenen Kleidern mit schwarz m Kopfputz und schwarzen Handschuhen und zwar bis 6. Dez. einschließlich, von da ab mit weitzem Kopfputz und weißen Handschuhen. Die Herren tragen zur Uniform einen Traunslor um dem linken Oberarm, außerdem bis 6. Dezember ernschtteßttch schwarze Handschuhe.

fc. Mainz, 17. Nov. Der Oberbü rgermeister Dr. Gaßner hat im Namen der Stadt Mainz an den Groß« Herzog und die geschiedene Großherzogin Beileids« telegramme gerichtet. Daraus traf vvm Groß. Herzog aus Skiernewice folgende Antwort ein: Herzlich danke ich der Stadt Mainz für ihre liebevolle Anteilnahme an meinem furchtbaren Heid.

Ernst Ludwig.

Ko bürg, 16. Nov. Sofort nach Eintreffen der ersten Unglücksbotschaft machte sich die Großherzogin reisefertig, um um 2 Uhr nach Skiernewice reisen zu können. Um 11 Uhr brachte em Telegramm die Todesnachricht. Die Großherzogin ist tief erjch üttert und fassungslos. Niemand erhält Zutritt zu ihr. Ihre Reise ist vorläufig ausgegeben. Die Herzogin-Witwe Marie ist gleichfalls aufs tiefste erschüttert. Die Bevölkerung bekundet die größte Teil­nahme. Die Fahnen auf dem Schlöffe sind auf Halb­mast gesetzt.

Koburg, 16. Nov. Heber den Tod der Prin­zessin Elisabeth von Hessen wird folgende offizielle Mitteilung veröffentlicht: Heute Vormittag 10% Uhr traf aus Skierniwice ein Telegramm der russischen Kaiserin bei der Großherzogin von Hessen ein, durch das diese an das Krankenbett ihrer seit gestern Abend schwer erkrankten Tochter gerufen wurde. Die Abreise sollte mittags %1 Uhr erfolgen. Da traf kurz vor 12 Uhr die Nachricht von dem Ableben der Prinzessin ein. Als Todesursache wird ganz plötzlich einge­tretener Brechdurchfall angegeben. Auch sollen die Krankheckserscheinungen sich erst gestern Abend gezeigt haben.

Koburg, 17. Nov. Hier ist anläßlich des Todes der Prinzessin Elisabeth eine dreiwöchige Hoftrauer angeordnet worden. Die Prinzessin sollte in einigen Tagen in Koburg eintreffen, um an der Feier des Geburtstages ihrer Mutter am 29. Nov. teilzunehmen. Zu diesem Tage war auch bereits seitens der Herzogin Marie eine Ballfestlichkeck geplant. Im Schlöffe herrscht die größte Aufregung.

w. Petersburg, 17. Nov. Der russische Regieruugsbo te schreibt anläßlich desTodes der Prinzessin Elisabeth von Hessen: Am 15. November erkrankte die Prinzeffin in Skiernewice unter akuten Krankheitserscheinungeu des Magens und Darmkanals. Gegen abend stieg die Temperatur, und es entwickelte sich eine Abnahme der Herztätigkeit, durch die ungeachtet der ergriffenen Maßnahmen ein unglücklicher Ausgang herbeigeführt wurde. Die Prinzeffin verschied am 16. November morgens halb 10 Uhr. Die Veröffentlichung des genauen Kraukheits- und Obduktionsprotokolles steht bevor.

Unter cholera nostras versteht man eine Er­krankung des Magendarmkanals, welche vorzugsweise Kinder in den ersten zwei Lebensjahren betrifft. Bei älteren Kindern und Erwachsenen kommt die Krankheit seltener vor. Man faßt die Krankheits­erscheinungen auch häufig unter dem Namen Brech, r u h r zusammen, oder spricht schlechtweg von einem schweren Brechdurchfall, der unter choleraähnlichen Er­scheinungen verläuft. Daher auch die Bezeichnung Kindercholera. Mit der echten, asiatischen Cholera hat die Erkrankung nichts zu tun; die für asiatische Cholera charakteristischen Bazillen find nicht vorhanden, doch finden sich andere, ähnliche Parasiten, die für diese Form des Brechdurchfalls bezeichnend sind. Im allge­meinen kommt die Krankheit vorzugsweise in den Sommermonaten zum Ausbruch.